Passwort vergessen
  • 26.09.2017

Sturzerkennung in stationären Einrichtungen

Schnelle und sichere Hilfe

Das Fraunhofer IPA in Stuttgart hat ein System entwickelt, das Stürze auch dann erkennt, wenn der Patient bewusstlos ist oder den Alarmknopf nicht mehr selbst betätigen kann. 

Stürze von älteren und körperlich eingeschränkten Personen sind für Pflegepersonal in Einrichtungen eine große Herausforderung. Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) ermittelte 2013, dass etwa 30 Prozent der Personen ab dem 65. Lebensjahr mindestens einmal innerhalb von zwei Jahren stürzen. Vor allem in stationären gerontopsychiatrischen Einrichtungen liegt laut einer Studie die Sturzrate bei über 50 pro 1.000 Belegtagen (Mahoney 98). Die meisten Stürze älterer Patienten ereignen sich dabei im Patientenzimmer während des Gangs zur Toilette oder Nasszelle oder beim Wechsel vom Bett in den Rollstuhl beziehungsweise an den Rollator. Stürze direkt aus dem Bett sind eher selten. Dies ist meist auf die zugrundeliegende Vorerkrankung zurückzuführen, welche zur stationären Aufnahme in eine spezialisierte gerontopsychiatrische Einrichtung geführt hat. 

Stürze sind nicht gänzlich vermeidbar

Die Einrichtungen leisten viel zur Sturzprophylaxe und zur schnellen Hilfestellung bei trotz allem nicht ganz vermeidbaren Sturzereignissen. Dennoch kann es Situationen geben, in denen das installierte Alarmierungssystem, etwa über Notknöpfe, nicht genutzt werden kann – sei es, weil es durch eine unglückliche Sturzposition nicht erreichbar oder eine Bewusstlosigkeit eingetreten ist. Hier stoßen aktiv zu bedienende Alarmierungssysteme an ihre Grenzen. Eine ständige Videoüberwachung aller Patienten durch Personal ist, bis auf Ausnahmefälle, keine ethisch vertretbare oder sinnvolle Möglichkeit, wenn Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte der Patienten gewahrt werden sollen.

Das Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) entwickelte aus diesen Gründen mit Partnern aus der Industrie das optische Sturzerkennungssystem „safe@home“. Bislang wurde das System ausschließlich in privaten Wohnumgebungen erprobt. Für die Anforderungen stationärer Einrichtungen wurde es jetzt zu „safe@care“ weiterentwickelt. Hierfür kooperierte das Fraunhofer IPA mit geriatrischen und neurologischen Einrichtungen, die überwiegend ältere oder von Erkrankungen des Bewegungsapparats, wie Morbus Parkinson, betroffene Patienten versorgen. 

Privatsphäre bleibt gewahrt

Das eigentliche System besteht aus einer Sensorbox, in welcher zwei Kameras ein räumliches Bild der zu überprüfenden Umgebung aufnehmen. Das Besondere an dieser Lösung sind die Wahrung der Privatsphäre und des Datenschutzes der Patienten. Denn die durch die Kameras aufgenommenen Bilder werden fortlaufend in der Sensorbox selbst ausgewertet und anschließend verworfen. Es gibt keine Bilddaten, die über Telekommunikationsleitungen verschickt oder auf dem Gerät gespeichert werden. Jede Sensorbox ist im Fall eines Sturzes mit einer zentralen Alarmeinheit verbunden und kann ein Alarmsignal absetzen. Die Alarmeinheit erhält lediglich das Signal „Sturz erkannt“ von den Boxen und leitet daraufhin die gewünschte Alarmierungskette ein. Diese kann unterschiedlichste Arten der Übermittlung beinhalten von E-Mail, über Textnachrichten an schnurlose Telefone bis hin zur Aktivierung des Personenrufs. 

Die zentrale Alarmeinheit überwacht außerdem ständig und vollautomatisch die Funktionsfähigkeit der Sensorboxen. Falls erforderlich ist sogar eine Fernwartung des Systems möglich. Das System ist modular erweiterbar. An eine Alarmeinheit können ohne Probleme 20 und mehr Sensorboxen gleichzeitig angeschlossen werden. Die Kommunikation zwischen den Sensorboxen und der Alarmeinheit wird dabei über handelsübliche Netzwerkkabel umgesetzt. Über diese beziehen die Sensorboxen auch ihren Strom. Die in der Einrichtung vorhandene IT-Infrastruktur kann problemlos mitgenutzt werden. Damit entfallen aufwändige Um- oder Aufrüstaktionen. 

Noch nicht am Markt

Das System „safe@care“ befindet sich derzeit in der Erprobungsphase. Teilweise konnten Erfahrungen aus dem häuslichen und ambulanten Anwendungsbereich von „safe@home“ übernommen werden. Viele Funktionen mussten jedoch den Erfordernissen und Abläufen eines stationären Betriebs angepasst werden. Ebenfalls mussten neue Anbindungen an bereits bestehende Notfallalarmierungs- und Kommunikationssysteme umgesetzt werden, die im stationären Betrieb vor allem in Kliniken oft speziellen Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit unterliegen. 

Künftig kann das Sturzerkennungssystem „safe@care“ einen wertvollen Beitrag zur Patientensicherheit im stationären Umfeld leisten. Die schnellstmögliche Sturzerkennung und sofortige Alarmierung von Fachpersonal kann Folgeschäden vermindern und im Zusammenspiel mit der vorgelagerten Sturzprophylaxe eine signifikante Verbesserung für sturzgefährdete Patienten darstellen. Zusätzlich ermöglicht das System, schneller auf Stürze reagieren zu können – besonders auch in Fällen von Bewusstlosigkeit oder einer Sturzlage, in der ein Alarmierungsknopf nicht betätigt werden kann. Ziel ist, die Technologie bald flächendeckend in Einrichtungen anbieten zu können. 

Literatur:
Mahoney 98: Mahoney JE. Immobility and falls. Clin Geriatr Med 1998; 14:699-726

Autor

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN