• 27.08.2026
  • Praxis
Kolumne

Reichweite ist keine Lobby

Vanessa Schulte (36) ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und erfolgreiche Influencerin – besonders auf Instagram, wo ihr rund 55.000 Menschen folgen. In dieser Kolumne kommentiert sie abwechselnd mit Julia Förster und Joshua Mmegwa.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2026

Seite 88

Pflegeinfluencerin Vanessa Schulte fragt, warum viele Pflegende Missstände zwar beklagen, sich aber nicht dort organisieren, wo berufspolitische Veränderungen tatsächlich erkämpft werden.

Als ich mit 27 Jahren in die Pflege ging, wusste ich, dass die Bedingungen schlecht sind. Trotzdem waren Lernen und Arbeiten unter diesen Bedingungen erschreckender, als ich es mir ausgemalt hatte. Also tat ich, was für mich die logische Konsequenz war: Ich trat dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe, der Gewerkschaft Verdi und der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft bei, damit sich langfristig etwas an diesen Rahmenbedingungen ändert.

Doch schnell lernte ich, dass diese logische Konsequenz für viele Kolleginnen und Kollegen keine war. Auch sie waren unzufrieden und regten sich im Stationszimmer auf. Organisiert wurde sich trotzdem nicht. Dann kam Corona. Plötzlich war da dieses Gefühl: Wir schaffen das. Gemeinsam! Ich war überzeugt, dass diese Krise die Wende für die professionelle Pflege sein würde. Damit lag ich bekanntermaßen falsch. Das Zusammengehörigkeitsgefühl verzog sich wie der Nebel über den Feldern auf meinem Weg zum Frühdienst. Zurück blieben mehr Gründe, sich im Stationszimmer zu beschweren.

Nun setzt das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz dieser Frustration die Krone auf. Doch wieder entsteht daraus kein gemeinsamer Widerstand. Wieder bin ich wütend. Nur mit einem feinen Unterschied: Dieses Mal bin ich vor allem auf meine eigene Berufsgruppe wütend. Gab es nicht längst genügend Gründe, sich politisch zu organisieren, Verbänden beizutreten oder Abgeordneten aus dem eigenen Wahlkreis zu schreiben? Für viele scheint die logische Konsequenz stattdessen zu sein, Influencern zu schreiben. Jeden Tag berichten mir Kolleginnen und Kollegen, wo Personal fehlt, welche Station geschlossen werden soll und was ich veröffentlichen müsse, damit sich etwas ändert. Doch berufspolitische Stärke entsteht nicht dadurch, dass Influencer Beiträge veröffentlichen. Sie entsteht, wenn sich eine ganze Berufsgruppe organisiert und für sich selbst spricht. Wenn ich darauf hinweise, gelte ich schnell als unkollegial. Außerdem heißt es dann, ich würde die Probleme der Pflege nicht verstehen. Welch Ironie.

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