• 26.05.2026
  • Szene
Kolumne

Keine Schwester

Rollenbilder in der Pflege: Warum Vanessa Schulte die Bezeichnung "Schwester" kritisch sieht und welche Bedeutung Sprache für Professionalität für sie hat.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2026

Seite 88

Rollenbilder in der Pflege: Warum Vanessa Schulte die Bezeichnung "Schwester" kritisch sieht und welche Bedeutung Sprache für Professionalität für sie hat.
 

Ich lasse mich nicht als Schwester bezeichnen und würde mich auch niemals selbst so nennen. Doch kann man seine erste Kolumne in einer Fachzeitschrift, die Die Schwester | Der Pfleger heißt, damit beginnen, dass man genau diese Begriffe ablehnt?

Ich habe von 2018 bis 2021 meine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht – das ist meine Berufsbezeichnung. Ich bin also auch faktisch keine Krankenschwester.

Mit dem Begriff Schwester verbinde ich ein altes, traditionelles Bild der Pflege. Ein Beruf, der nicht als professionell, sondern als helfende Tätigkeit galt, den vor allem Frauen ausüben, weil ihnen das Helfen ja im Blut läge. Ein Beruf im Schatten der Medizin, in dem Dienen, Gehorsam und Hierarchie deutlich erwünschter waren als Expertise und Mitdenken. Man war eben „nur“ eine Schwester.

Die Pflege hat sich enorm weiterentwickelt, doch die Schwester ist genauso wenig verschwunden wie das „nur“. Immer noch höre ich von Kolleg:innen, dass sie ihre eigene Tätigkeit als trivial verstehen und den mächtigen, allwissenden Ärzt:innen unterordnen. Ich sehe Kolleg:innen, die sich krank zur Arbeit schleppen, sich aufopfern. Die möglichst als nett und unkompliziert wahrgenommen werden wollen. Die ihre Wünsche und Forderungen nur im Stationszimmer äußern, statt sich berufspolitisch zu organisieren. Und ich sehe auch, dass Führungsposten, vor allem jenseits des mittleren Managements, oft den wenigen Männern in diesem Beruf überlassen werden.

Also zurück zu meiner Eingangsfrage: Ja. Gerade hier. Denn „Schwester“ ist nicht nur ein Wort. Es ist ein Symbol für viele Probleme im Pflegeberuf und blockiert uns in der Weiterentwicklung. Daher müssen wir uns von dieser Bezeichnung lösen und uns als Pflegefachpersonen bezeichnen. Und im nächsten Schritt den Worten Taten folgen lassen. Nur so können wir uns zu einer Profession entwickeln, die selbstbewusst und stolz ihr eigenes Berufs- und Pflegeverständnis vertritt.

 

Vanessa Schulte (36) ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und erfolgreiche Influencerin – besonders auf Instagram, wo ihr rund 55.000 Menschen folgen. In dieser Kolumne kommentiert sie abwechselnd mit Influencer-Kollegin Julia Förster.

 

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