Sprachgesteuerte Dokumentation, KI-generierte Pflegeplanungen und intelligente Assistenzsysteme: Die KI-Einsatzmöglichkeiten in der Pflege wachsen rasant. Der Pflegeexperte und KI-Spezialist Christian Kolb erklärt, welche Anwendungen heute bereits relevant sind, warum belastbare Belege für ihren Nutzen oft noch fehlen und welche entscheidende Frage die Branche jetzt beantworten muss.
Herr Kolb, welche KI-Anwendung hat aktuell das größte Potenzial für die Pflegepraxis?
Aus meiner Sicht ist das derzeit die sprachgestützte Pflegedokumentation. Erste Auswertungen zeigen, dass sich der Dokumentationsaufwand deutlich reduzieren lässt. Das ist ein Bereich, in dem schon heute ein konkreter Nutzen erkennbar wird. Die entscheidende Frage ist aber, wie hoch die Qualität der erzeugten Dokumentation tatsächlich ist und wie zuverlässig die Systeme im Alltag arbeiten.
Wo sehen Sie die Pflege beim Thema KI insgesamt: noch in der Experimentierphase oder bereits im breiten Praxiseinsatz?
Wir befinden uns nach meiner Einschätzung noch in einer Experimentierphase. Es gibt viele interessante Projekte und erste Produkte, aber gerade in Deutschland fehlen häufig unabhängige empirische Daten zum tatsächlichen Nutzen. Die Entwicklung wird derzeit stark von Unternehmen vorangetrieben. Das ist grundsätzlich positiv, ersetzt aber keine belastbare Forschung.
Welche Anwendungen könnten als Nächstes den Alltag von Pflegefachpersonen verändern?
Der nächste Schritt dürften KI-Systeme sein, die Pflegeplanungen erstellen oder fachliche Vorschläge für die Versorgung machen. Solche Lösungen werden bereits vorgestellt. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wer die Qualität dieser Vorschläge überprüft und wie sichergestellt wird, dass pflegefachliche Entscheidungen weiterhin kritisch reflektiert werden.
Welche Entwicklung bereitet Ihnen dabei die größten Sorgen?
Mich beschäftigt die Frage, was mit der Zeit passiert, die durch KI eingespart wird. Im Idealfall entsteht mehr Raum für Beziehungspflege und direkte Zuwendung. Es könnte aber auch passieren, dass Einrichtungen die frei werdenden Kapazitäten nutzen, um noch mehr Menschen mit derselben Personaldecke zu versorgen. Dann wäre viel von dem eigentlichen Potenzial verloren.
Sind Sie mit Blick auf die Zukunft eher optimistisch oder skeptisch?
Beides. KI hat aus meiner Sicht das Potenzial, viele Prozesse in der Pflege zu verbessern. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Pflege mehr ist als effiziente Informationsverarbeitung. Die zentrale Herausforderung wird sein, technologische Möglichkeiten mit menschlicher Zuwendung und professioneller Pflege zu verbinden.