Akademisierung, Spezialisierung und Advanced Practice Nursing verändern die Pflege grundlegend. Auf Krankenhauswebsites spiegeln sich diese Entwicklungen jedoch kaum wider, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.
Pflege ist die größte Berufsgruppe im Krankenhaus und übernimmt zentrale Aufgaben in Versorgung, Beobachtung, Koordination und Patientenedukation. Gleichzeitig verändern Akademisierung, evidenzbasierte Versorgung, Spezialisierung und erweiterte Rollenprofile wie Advanced Practice Nursing (APN) das Berufsbild grundlegend. Vor diesem Hintergrund gewinnt die öffentliche Darstellung von Pflege an Bedeutung. Krankenhauswebsites dienen nicht nur der Information, sondern auch der Arbeitgeberpositionierung, Personalgewinnung und professionsbezogenen Kommunikation. Sie prägen, welche Berufsgruppen sichtbar sind und welche Kompetenzen ihnen zugeschrieben werden.
Eine Forschungsgruppe der Hochschule Neubrandenburg hat untersucht, wie Pflege auf Krankenhauswebsites dargestellt wird und welche Hinweise sich auf Professionalisierung, Rollenverständnis und organisationale Verankerung erkennen lassen. Im Rahmen einer qualitativen Websiteanalyse wurden die Internetauftritte von 16 Krankenhäusern unterschiedlicher Größe, Versorgungsstufe und Trägerschaft untersucht. Um organisationsbezogene Bewertungen zu vermeiden, wurden alle Einrichtungen pseudonymisiert. Grundlage war ein deduktiv entwickeltes Kriterienraster. Analysiert wurden unter anderem: Sichtbarkeit von Pflege auf der Website, eigene Pflegerubriken, spezialisierte Pflegekompetenzen, Hinweise auf Akademisierung und APN, Darstellung von Pflegeleitung und Pflegeentwicklung, pflegerische Leitbilder, Forschung und Kontaktangebote.
Die Bewertung erfolgte anhand der Kategorien „nicht vorhanden“, „ansatzweise vorhanden“ und „klar sichtbar vorhanden“. Gegenstand der Untersuchung war ausschließlich die öffentliche Außendarstellung, nicht die tatsächliche Versorgungsqualität.
Geringe Sichtbarkeit auf Websites
Die Sichtbarkeit von Pflege auf den analysierten Krankenhauswebsites ist insgesamt gering. Nur ein Teil der Einrichtungen präsentierte Pflege bereits auf der Startseite oder als eigenständigen Bereich. Häufig war sie in Rubriken wie „Medizin und Pflege“ oder „Ihr Aufenthalt“ eingebettet. In etwa einem Drittel der Kliniken war Pflege auf der Startseite überhaupt nicht sichtbar.
Rund die Hälfte der Kliniken verfügte über eine eigene Pflegerubrik. Inhaltlich wurde Pflege jedoch meist als Unterstützung medizinischer Behandlung beschrieben. Aspekte wie pflegerische Diagnostik, evidenzbasierte Interventionen oder koordinierende Aufgaben wurden deutlich seltener dargestellt.
Pflegerische Spezialisierungen wie Wundmanagement, Kontinenzberatung, Breast Care Nursing oder Demenz wurden zwar vereinzelt vorgestellt, jedoch meist ohne Einbettung in strukturierte Karriere- oder Kompetenzmodelle. Pflegeexpertise erscheint dadurch häufig als Einzelangebot und weniger als Ergebnis strategischer Personal- und Kompetenzentwicklung.
Besonders auffällig ist die geringe Sichtbarkeit akademischer Pflegeentwicklung. Hinweise auf hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen, pflegewissenschaftliche Aktivitäten oder evidenzbasierte Pflegeentwicklung fanden sich nur selten.
Auch erweiterte Rollenprofile wie APN oder Clinical Nurse Specialists waren auf nahezu keiner Website erkennbar. Damit bleibt ein zentraler Bereich aktueller Professionalisierungsentwicklungen im öffentlichen Auftritt weitgehend unsichtbar.
Die Darstellung von Pflegeleitungen fällt sehr unterschiedlich aus. Einige Kliniken machen Pflegedirektor:innen sichtbar, andere verzichten vollständig darauf.
Auch Aussagen zu strategischer Pflegeentwicklung, Qualitätsmanagement oder Innovation waren insgesamt selten. Pflegeleitbilder wurden nur vereinzelt ausführlicher beschrieben.
Pflege oft organisatorisch nachgeordnet
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen der Bedeutung professioneller Pflege im Krankenhaus und ihrer digitalen Repräsentation. Obwohl Pflege die größte Berufsgruppe im Krankenhaus darstellt und zentrale Aufgaben in Versorgung, Koordination und Patientensicherheit übernimmt, erscheint sie auf vielen Websites organisatorisch nachgeordnet oder auf unterstützende Tätigkeiten reduziert.
Warum ist diese Feststellung relevant? Krankenhauswebsites sind mehr als Informationsplattformen. Sie spiegeln auch organisatorische Prioritäten wider und beeinflussen die öffentliche Wahrnehmung von Berufsgruppen. Die geringe Sichtbarkeit von Pflege kann daher als Ausdruck traditioneller Hierarchien verstanden werden, in denen medizinische Professionen weiterhin dominieren.
Besonders bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen pflegepolitischer Entwicklung und öffentlicher Kommunikation. Akademisierung, Spezialisierung und neue Rollenprofile verändern die Pflege seit Jahren nachhaltig. Auf vielen Websites werden diese Entwicklungen jedoch kaum sichtbar. Dadurch entsteht ein Bild von Pflege, das eher traditionelle als moderne professionelle Rollen widerspiegelt.
Dies hat auch Auswirkungen auf die Personalgewinnung. Gerade akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen achten bei der Arbeitgeberwahl auf Entwicklungsmöglichkeiten, Spezialisierungen und Forschungsperspektiven. Kliniken, die solche Aspekte nicht sichtbar machen, verschenken Potenzial im Wettbewerb um Fachkräfte. Die nahezu vollständige Unsichtbarkeit von APN-Rollen verdeutlicht zudem, dass gesundheitspolitische Entwicklungen kommunikativ bislang nur unzureichend abgebildet werden.
Krankenhauswebsites sollten künftig stärker als Instrument professioneller Positionierung genutzt werden. Eine zeitgemäße Außendarstellung sollte nicht nur pflegerische Tätigkeiten, sondern auch Expertise, evidenzbasierte Versorgung, Karrierewege, Forschung und erweiterte Rollenprofile sichtbar machen. Digitale Sichtbarkeit wird damit selbst zu einem wichtigen Bestandteil professioneller Anerkennung und Attraktivität von Pflege.
Hinweis: Das Autorenteam arbeitet weiter an dem Thema und dankt der AG Klinische Pflege an der Hochschule Neubrandenburg für die Recherche: Stefanie Standtke, Andrea Fuentes, Toni Reibnitz, Carolin Priepke, Linda Rudolph, Hanna Hilgenhof.