Das Lehren und Lernen mit digitalen Technologien nimmt auch in der Pflegebildung Fahrt auf. Die Autorinnen beschreiben am Beispiel des Studiengangs „Lehramt Pflege für berufsbildende Schulen“ an der Universität Koblenz die Einsatzmöglichkeiten virtueller Realität in der Ausbildung künftiger Lehrpersonen.
Um Anwendungen wie Virtual Reality (VR) in ihre künftige Lehrpraxis zu integrieren, brauchen Lehrpersonen umfassende Kenntnisse über diese Technologien [1].
Die Universität Koblenz engagiert sich mit dem fachbereichsübergreifenden Projekt „DiKo²Lab: Digitale Kompetenzen in der Koblenzer Lehrerbildung ausbauen“ in der Implementierung von Strukturen zur Förderung digitalisierungsbezogener Kompetenzen in der Lehrkräftebildung. Dank des Sondervermögens zur nachhaltigen Bewältigung der Coronapandemie partizipierte auch das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Koblenz durch die Anschaffung einer VR-Anwendung zum Trainieren von Notfallsituationen.
Diese Investition in die Zukunft soll Studierende im Studiengang „Lehramt Pflege für berufsbildende Schulen“ motivieren, die gesammelten Erfahrungen in ihre künftige Lehrpraxis zu integrieren. Zum Einsatz kommt eine VR-Anwendung zur Simulation von Notfallszenarien. Die Studierenden bekommen die Möglichkeit, einerseits Szenarien zu konzipieren und diese aus der Rolle der Trainerin oder des Trainers zu moderieren oder andererseits die Rolle der Lernenden einzunehmen, um die Methode zu erleben. Die VR-Anwendung ist geeignet, im Sinne des Ausbildungsziels im Pflegeberufegesetz „Einleitung lebenserhaltender Sofortmaßnahmen bis zum Eintreffen der Ärztin oder des Arztes und Durchführung von Maßnahmen in Krisen- und Katastrophensituationen“ situations- und kompetenzorientierte Simulationstrainingseinheiten zu konzipieren.
Gemäß der curricularen Einheit des Rahmenlehrplans „In Akutsituationen sicher handeln“ sind die konkreten Kompetenzen zur Bewältigung akuter Notfallsituationen bereits in den ersten beiden Ausbildungsdritteln anzubahnen. Im dritten Ausbildungsdrittel sind diese zur Erhöhung der Handlungs- und Patientensicherheit erneut aufzugreifen und gegebenenfalls um komplexere Notfallsituationen zu ergänzen. Das fallorientierte simulative Lernen sowie das Lernen in einem Skills Lab mit Phantomen könnte im Bereich des arbeitsorientierten Lernens, am Lernort Schule, durch VR-Anwendungen ergänzt werden [2]. Die Studierenden bereiten die Notfallsituation als virtuellen Lerngegenstand didaktisch auf, erproben und evaluieren sie.
Der Einsatz von VR fällt in die Kategorie des simulativen Lernens. Es ist folglich bei der Entwicklung der Szenarien auf fachdidaktischen Bezug im Sinne der Falldidaktik zu achten. Geeignet sind zum Beispiel die konstitutiven Elemente einer Pflegesituation nach Gertrud Hundenborn [3]. Dies bedeutet, dass das Notfallgeschehen niemals nur isoliert zu betrachten ist, sondern auch eine didaktische Aufbereitung der Interaktionsstrukturen und des Pflegesettings erfolgen muss, um diese in konkrete Handlungsoptionen im simulierten Notfall einzubinden. Das subjektive Erleben und Verarbeiten der Notfallsituation seitens der Betroffenen und deren Bezugspersonen lässt sich mithilfe von Storytelling im Rahmen der Moderation unterfüttern [4]. Neben der Entwicklung des Szenarios wird eine hohe fachliche Expertise von den Lehrpersonen erwartet, die den Verlauf der Szene durch Steuerung der virtuell zu versorgenden Person bestimmen. Neben den fachdidaktischen und pflegefachlichen Dimensionen rückt die digitale Kompetenz durch dieses Lernangebot in den Fokus.
VR-Anwendungen eröffnen Potenziale, die Ausbildung künftiger Pflegefachpersonen zu verändern. Um diese Potenziale gewinnbringend zu nutzen, muss sich die Berufsgruppe mit den Expertisen der Pflegewissenschaft, der Pflegefachdidaktik und der Pflegepraxis aktiv an der Entwicklung der Technologie beteiligen und mit den Unternehmen zusammenarbeiten, die die Technologie entwickeln [5].
Die im Studiengang Lehramt Pflege eingesetzte VR-Anwendung bietet die Option, bis zu vier Personen als Team in der Notfallsituation agieren zu lassen. Die digitale Technik, die dabei zum Einsatz kommt, wird sich weiterentwickeln. Die Studierenden erlangen einen ersten Einblick in diese Möglichkeiten und bekommen somit Anschluss an künftige Entwicklungen. Es ist zu erwarten, dass im Pflege- und Gesundheitsbereich zum Beispiel die jährlichen Pflichtfortbildungen künftig digital über Bildungsserver erfolgen. Die Studierenden sind potenzielle Gestalterinnen und Gestalter derartiger Fortbildungen. Ziel ist es, die dazu erforderlichen digitalen Kompetenzen bereits im Studium anzubahnen.
Kritisch diskutiert wird beim Einsatz von VR in der Pflegebildung der fehlende Beziehungskontakt und die fehlende authentische Begegnung mit den zu pflegenden Menschen. Es ist fraglich, ob sich mit VR diese Lernerfahrung tatsächlich sicherstellen lässt. Daher sollte auf die Begleitung erfahrener Tutorinnen und Tutoren in der praktischen Ausbildung nicht verzichtet werden [6]. VR ist eine Ergänzung des Methodenspektrums, sie kann jedoch das Lernen in der Praxis nicht ersetzen. Im Sinne des Notfalltrainings bietet sie eine sehr gute Möglichkeit, spielerisch und angstfrei in Notfallsituationen einzutauchen und diese virtuell zu bewältigen. Die Vor- und Nachteile des virtuellen Lehrens und Lernens lassen sich so im Studium selbst erfahren und reflektieren.
[1] Aebersold M et al. Interactive anatomy-augmented virtual simulation training. Clinical simulation in nursing 2018; 15: 34–41
[2] Dehnbostel P. Lernen im Prozess der Arbeit. Münster: Waxmann; 2007
[3] Hundenborn G. Fallorientierte Didaktik in der Pflege: Grundlagen und Beispiele für Ausbildung und Prüfung. München/Jena: Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH; 2007
[4] Lerner D, Mohr S. Lehren und lernen mit virtuellen Patienten? Pflegezeitschrift 2021; 74 (3): 46–48
[5] King D, Tee S, Falconer L et al. Virtual health education: Scaling practice to transform student learning. Nurse Education Today 2018; 71: 7–9
[6] Dean S et al. Nursing education, virtual reality and empathy? Nursing Open 2020; 7 (6): 2056–2059