• 25.05.2022
  • Management
Präsentismus in der Pflege

Krank zur Arbeit

Viele Beschäftigte in der Pflege gehen zur Arbeit, obwohl sie krank sind. Dieser Präsentismus birgt erhebliche Risiken.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2022

Seite 50

Viele Beschäftigte in der Pflege gehen zur Arbeit, obwohl sie krank sind. Doch dieser Präsentismus birgt erhebliche Risiken – sowohl für die Erkrankten selbst als auch für die Pflegebedürftigen und die Einrichtungen.

Wenn Beschäftigte krankheitsbedingt ausfallen, steht das Unternehmen häufig vor Problemen: Kolleginnen müssen kurzfristig einspringen, Arbeit bleibt liegen.

Der Krankenstand unter gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland pendelt seit vielen Jahren um einen Wert von etwa 4 Prozent [1]. Die Schlussfolgerung, ein relativ niedriger Krankenstand spiegele eine gesunde Belegschaft wider, greift aber zu kurz. Denn neben dem krankheitsbedingten Fehlen am Arbeitsplatz, das als Absentismus bezeichnet wird, gibt es auch den umgekehrten Fall: den sogenannten Präsentismus [2]. Gemeint ist damit „das Phänomen, dass Mitarbeiter zur Arbeit kommen, obwohl sie gesundheitliche Einschränkungen physischer oder psychischer Art erleben, die berechtigten Anlass bieten, der Arbeit fernzubleiben“ [3].

Der Anteil der Beschäftigten, die krank gearbeitet haben, war laut „DGB-Index Gute Arbeit“ zwischen 2012 und 2019 mit etwa zwei Dritteln der Befragten auf hohem Niveau stabil. 2020, im ersten Coronajahr, sank er auf 59 Prozent. Die Autoren vermuten, dass der Appell, bei Krankheitssymptomen Kontakte zu vermeiden, hier einen wesentlichen Einfluss hatte.

In der Befragung zum „DGB-Index Gute Arbeit“ des Jahres 2021 gaben sogar nur noch 48 Prozent der Beschäftigten an, in den vorangegangenen zwölf Monaten mindestens einmal gearbeitet zu haben, obwohl sie „sich richtig krank gefühlt“ haben. Deutlich mehr Frauen als Männer (53 versus 43 Prozent) arbeiteten trotz Krankheit, ältere Beschäftigte von 55 bis unter 65 Jahren mehr als jüngere (25 bis unter 35), nämlich im Durchschnitt an 17,1 bzw. 9,3 Tagen [4].

Beschäftigte in der Pflege unter Druck

Bereits seit Jahren belegen überdurchschnittlich hohe krankheitsbedingte Fehlzeiten die starke Arbeitsbelastung in der beruflichen Pflege. Eine Auswertung der Arbeitsunfähigkeitsdaten von AOK-Versicherten ergab: Im zweiten Pandemiejahr 2021 fielen Beschäftigte in der Pflege im Schnitt 26,2 Tage krankheitsbedingt aus – das waren rund 33 Prozent mehr als der Durchschnitt aller AOK-Mitglieder [5]. Insbesondere Einrichtungen der stationären Langzeitpflege sind mit auffallend hohen Krankenständen ihres Pflegepersonals konfrontiert [5].

Diverse Studien belegen, dass gleichzeitig auch das Phänomen des Präsentismus im Gesundheitswesen sehr ausgeprägt ist [3]. Während der Coronapandemie haben auch viele Führungspersonen krank ihren Dienst versehen, so das Ergebnis einer bundesweiten Befragung im Juni 2021 unter 500 Leitungskräften aus Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern im Auftrag des AOK-Bundesverbandes (Abb. 1). Dabei gaben mehr als ein Drittel der befragten Leitungskräfte (36 Prozent) an, in den vergangenen zwölf Monaten krank zur Arbeit gegangen zu sein. Fast jeder vierte Befragte (23 Prozent) hatte dafür sogar den ausdrücklichen Rat des behandelnden Arztes in den Wind geschlagen [

Pflichtbewusstsein und Arbeitsbelastung

In manchen Berufsguppen führt die Angst vor negativen Konsequenzen bis hin zum Arbeitsplatzverlust dazu, krank zur Arbeit zu erscheinen. Außerdem arbeiten offenbar Beschäftigte mit einer hohen Arbeitsbelastung und -verdichtung häufiger krank als solche mit einer geringeren Arbeitsintensität [4]. Es ist anzunehmen, dass dies in hohem Maße auch auf das Pflegepersonal zutrifft, besonders während der Coronapandemie [7].

Viele der für die AOK-Studie befragten Leitungskräfte in der Pflege gehen wohl dem Unternehmen und ihren Kolleginnen und Kollegen zuliebe krank zur Arbeit: So gaben 44 Prozent der Befragten Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl oder die eigene Vorbildfunktion als Gründe für dieses Verhalten an. Weitere Gründe für Präsentismus sind demnach der Personalmangel (23 Prozent) und die hohe Arbeitsbelastung (16 Prozent) in der Pflege (Abb. 2) [6, 3].

Negative Konsequenzen

Obwohl oftmals gut gemeint, birgt Präsentismus eine ganze Reihe von Risiken. Für Unternehmen sind damit erhebliche finanzielle Nachteile verbunden. Nach Ansicht vieler Autorinnen liegen die volkswirtschaftlichen Kosten durch Produktionsausfälle, die aufgrund von Präsentismus entstehen, deutlich höher als die durch krankheitsbedingte Abwesenheit verursachten [3, 9]. Letztere beliefen sich nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin im Jahr 2020 auf insgesamt etwa 87 Milliarden Euro, von denen etwa 33,83 auf den Wirtschaftszweig „öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ entfielen [10].

Präsentismus geht zudem mit erheblichen gesundheitlichen Gefahren einher. Wer krank zur Arbeit erscheint, stellt unter Umständen ein Ansteckungsrisiko für die restliche Belegschaft, aber auch für Pflegebedürftige dar. Auch das Fehler- und Unfallrisiko steigt, was gerade in der medizinischen und pflegerischen Versorgung erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen kann [6, 11].

Nicht zuletzt kann auch die eigene Gesundheit Schaden nehmen, wenn Erkrankte sich nicht angemessen erholen. Zwischen dem Verhalten, trotz einer Erkrankung arbeiten zu gehen, und einem späteren krankheitsbedingten Fehlen besteht ein Zusammenhang: Präsentismus kann zu Langzeit-Arbeitsunfähigkeiten führen, so das Ergebnis einer Analyse von Steinke und Badura [9]. Hansen und Anderson stellten in einer 2009 erschienenen Studie fest: Die Wahrscheinlichkeit, später länger als zwei Monate krankheitsbedingt auszufallen, ist bei Personen, die öfter als sechsmal im Jahr krank zur Arbeit erscheinen, um 74 Prozent höher als bei solchen, die nicht oder nur einmal im Jahr krank arbeiten [12]. Manche Autoren bezeichnen Präsentismus daher als eine „Form der Selbstgefährdung“, die eine gesundheitliche Abwärtsspirale in Gang setzen kann [13].

Initiative „Pflege.Kräfte.Stärken.“

Mit der auf mehrere Jahre angelegten Initiative „Pflege.Kräfte.Stärken.“ unterstützt die AOK ambulante und stationäre Einrichtungen der Langzeitpflege sowie Krankenhäuser dabei, individuelle Lösungen für gesunde Arbeitsgestaltung zu finden. Ziel ist es, die gesamte Organisation und die Ressourcen der Beschäftigten zu stärken, damit professionell Pflegende gern und lange ihren Beruf ausüben können.

Weitere Informationen: bit.ly/3FtT6MU

Präsentismus vorbeugen

Angesichts der negativen Folgen von Präsentismus sind Unternehmen gut beraten, sich des Themas anzunehmen. Verstärkt wird diese Notwendigkeit durch die demografische Entwicklung, die zu einer Alterung der Belegschaften führt. Schon 2019 stellte die Altersgruppe der 50- bis unter 60-Jährigen den größten Anteil des Pflegepersonals in Langzeitpflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten (28 Prozent); mehr als jede zehnte Beschäftigte in der Pflege und Betreuung (11 Prozent) war 60 Jahre und älter [14].

Ob Beschäftigte krank zur Arbeit gehen oder nicht, hängt den Autoren des „DGB-Indexes Gute Arbeit“ zufolge stärker von betrieblichen und weniger von individuellen Faktoren ab. Eine gute Arbeitsorganisation sowie eine wertschätzende, auf Vertrauen basierende Unternehmenskultur, in der die Gesundheit der Beschäftigten einen hohen Stellenwert hat, wirken Präsentismus entgegen [11].

Zur Vorbeugung von Präsentismus tragen auch eine wirksame betriebliche Gesundheitsförderung sowie Angebote, die die persönliche Entwicklung stärken, bei. Die AOK hat deshalb die Initiative „Pflege.Kräfte.Stärken.“ auf den Weg gebracht, um Beschäftigte in der Pflege in ihrem beruflichen Alltag gezielt zu unterstützen (Textkasten: Initiative „Pflege.Kräfte.Stärken.“). Sie soll mit einer Vielzahl von digitalen und hybriden Angeboten dazu beitragen, die Pflegearbeit gesundheitsgerechter zu gestalten. Dazu gehören auch die Beratung von Unternehmen zur Schaffung gesunder Arbeitsbedingungen und Angebote zur Stärkung der Gesundheitsressourcen der Beschäftigten.

[1] IGES Institut. Krankenstand im zweiten Corona-Jahr: noch mal weniger Erkältungen. Im Internet: www.iges.com/kunden/gesundheit/forschungsergebnisse/2022/arbeits unfaehigkeit-2021/index_ger.html; Zugriff: 29.04.2022

[2] Dietrich AS, Hiesinger K. Krank zur Arbeit? Präsentismus ist in Deutschland weit verbreitet. Im Internet: www.iab-forum.de/krank-zur-arbeit-praesentismus-ist-in-deutschland-weit-verbreitet; Zugriff: 29.04.2022

[3] Lohaus D, Habermann W. Präsentismus. Krank zur Arbeit. Berlin, Heidelberg: Springer; 2018

[4] DGB-Index Gute Arbeit. Arbeiten trotz Krankheit: Welche Rolle spielen die Arbeitsbedingungen?. DGB-Index Gute Arbeit Kompakt 01/2022. Berlin; 2022. Im Internet: index- gute-arbeit.dgb.de/ co 4f9f3772–948f-11ec-b9c9–001a4a160123; Zugriff: 29.04.2022

[5] AOK-Bundesverband. Unveröffentlichte eigene Berechnungen; 2022

[6] AOK-Bundesverband. Arbeiten trotz Krankheit ist in der Pflege weit verbreitet. Pressemitteilung vom 12.10.2021. Im Internet: www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/pressemitteilungen/archiv/pm_211012_praesentismus_ pflege.pdf; Zugriff: 29.04.2022

[7] Hamburg HAW. Neue Pflegestudie. Pflegekräfte am Limit. Pressemitteilung vom 14.01.2021. Im Internet: www.haw-hamburg.de/detail/news/news/show/pflegekraefte-am-limit; Zugriff: 29.04.2022

[8] Hower K, Winter W. Pandemiebedingte Herausforderungen in der Pflege – Ansätze für die Betriebliche Gesundheitsförderung. In: Badura B, Ducki A, Schröder H, Meyer M (Hrsg.). Fehlzeitenreport 2021. Betriebliche Prävention – Lehren aus der Pandemie. Berlin, Heidelberg: Springer; 2021: 379–396

[9] Steinke M, Badura B. Präsentismus. Ein Review zum Stand der Forschung. 1. Aufl. Dortmund/Berlin/Dresden: baua – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin; 2011

[10] baua – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2020. Im Internet: www.baua.de/DE/Themen/Arbeitswelt-und-Arbeitsschutz-im-Wandel/Arbeitsweltbericht erstattung/Kosten-der-AU/Kosten-der-Arbeitsunfaehigkeit_ node.html; Zugriff: 29.04.2022

[11] Initiative Gesundheit und Arbeit – iga (Hrsg.). Präsentismus. Verlust von Gesundheit und Produktivität. Iga-Fakten 6, 2. Überarbeitete Aufl. Dresden: Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG); 2019

[12] Hansen CD, Andersen JH. Sick at work – a risk factor for longer absence at a later date? J Epidemiol Community Health 2009; 63 (5): 397–402. doi: 10.1136/jech.2008.078238

[13] Steidelmüller C. Präsentismus als Selbstgefährdung. Gesundheitliche und leistungsbezogene Auswirkungen des Verhaltens, krank zu arbeiten. Wiesbaden: Springer; 2020

[14] Destatis. Altenpflegekräfte arbeiten sehr häufig in Teilzeit. Pressemitteilung vom 8. Dezember 2021. Im Internet: www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/12/PD21_N068_2313.html;jsessionid=F8ABCE9E364F999CDD5BED651EE35915.live732; Zugriff: 29.04.2022

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