• 27.04.2022
  • Forschung
Forschungsprojekt

Community Health Nursing in der Stadt

In einem Forschungsprojekt der HAW Hamburg wird Community Health Nursing erstmals im städtischen Raum erprobt und evaluiert.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2022

Seite 50

In einem Forschungsprojekt der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wird Community Health Nursing erstmals im städtischen Raum erprobt und evaluiert.

Das aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt „Community Health Nursing in der Stadt (CoSta)“ ist im Oktober 2020 gestartet und läuft über drei Jahre. Das Forschungsteam des Departments Pflege und Management der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg untersucht die Wirksamkeit der neuen pflegerischen Versorgungsform anhand bestimmter Kriterien (z. B. Lebensqualität) im Vergleich zu einer Kontrollgruppe.

Im Projekt übernehmen zwei akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen die Versorgung chronisch kranker Patientinnen und Patienten in einem Hamburger Stadtteilgesundheitszentrum, der Poliklinik Veddel. Etwa 5.000 Menschen leben im eng bebauten Wohnquartier Veddel, das von Bahngleisen, einer Autobahn sowie einem Hafen- und Industriegebiet umgeben ist. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind vergleichsweise jung, viele sind auf staat-liche Transferleistungen angewiesen und der Stadtteil zeichnet sich durch eine hohe kulturelle Diversität aus [2].

Die Veddel zählt zu den Gebieten mit der geringsten Lebenserwartung in Hamburg. Chronische Krankheiten sind im Vergleich zu anderen Hamburger Stadtteilen überdurchschnittlich häufig vertreten, während es an medizinischen und therapeutischen Versorgungsangeboten mangelt. Die hier lebenden Menschen suchen das Gesundheitssystem vergleichsweise spät auf [1].

Dies ist die Ausgangslage des Projekts. Das wissenschaftliche Team hat das neue Angebot für chronisch kranke Erwachsene auf Grundlage einer Bedarfsanalyse zur Gesundheitsversorgung im Quartier entwickelt. Das pflegerische Konzept orientiert sich am Ansatz für Community Health Nurses (CHN) der Agnes-Karll-Gesellschaft im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und der Robert Bosch Stiftung sowie am aktuellen Gutachten zu den rechtlichen Voraussetzungen für dieses in Deutschland neue pflege- rische Handlungsfeld [3, 4].

Präventive Hausbesuche, Pflegesprechstunden, Schulungen

Die im Projekt tätigen Pflegefachpersonen agieren im sonst interdisziplinär aufgestellten Gesundheitszentrum eigenverantwortlich. Sie führen präventive Hausbesuche, Pflegesprechstunden und Schulungen durch. Im Vordergrund stehen die Koordination und Steuerung der Versorgungsverläufe sowie die gesundheitsorientierte Beratung im Sinne von CHN.

Die Pflegefachpersonen planen die Versorgung anhand von gemeinsamen wöchent- lichen Fallbesprechungen. Die offene Pflegesprechstunde ermöglicht den Patientinnen und Patienten, sich zu festen Sprechzeiten zu gesundheits- und pflegerelevanten Fragen beraten zu lassen. Zusätzlich gibt es wöchentliche themenzentrierte Sprechstunden, in denen die Betroffenen speziell zu Diabetes, Atemwegs-, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schmerz beraten und individuell angeleitet werden.

Die Pflegefachpersonen nehmen auch Anamnesen und körperliche Untersuchungen vor. In den Sprechstunden erfassen sie die individuellen komplexen Problemlagen auf Augenhöhe mit den Patientinnen und Patienten. Deren Versorgung ist immer an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtet. In den Hausbesuchen erweitern die Pflegenden ihren Blick um relevante gesundheitsbezogene Faktoren im häuslichen Umfeld und stellen Versorgungskontinuität her. Dies ermöglicht eine ausführlichere Sozial- und Pflegeanamnese, indem Alltagsroutinen und Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen können, einbezogen und Veränderungen im Gesundheitszustand frühzeitig erfasst werden. Über das aufsuchende Angebot werden Personen erreicht, die an die Häuslichkeit gebunden oder isoliert sind.

Schulungsangebote organisieren die Pflegefachpersonen zu krankheitsrelevanten und gesundheitsfördernden Themen. Sie erfolgen direkt oder als zertifizierte Schulungen in nahe gelegen fachärztlichen Praxen. Peer-to-Peer-Schulungen sollen künftig auch angeboten werden.

Zusammenfassend handelt es sich bei CoSta um einen integrierten Ansatz, der sich an der Lebenswelt der Menschen orientiert. Neben der pflegerischen Versorgung werden Aufgaben der Prävention und Gesundheits-förderung umgesetzt.

[1] Erhart M, Hering R, Schulz M, Graf von Stillfried D. Morbiditätsatlas Hamburg. Gutachten zum kleinräumigen Versorgungsbedarf in Hamburg. Im Internet: www.hamburg.de/contentblob/4133362/35bef19f920952a5b4bb09 838 9834170/data/morbiditaetsatlas.pdf; Zugriff: 28.04.2021

[2] Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein. Hamburger Stadtteil-Profile Be-richtsjahr 2019. Im Internet: www.statistik-nord.de/fileadmin/Dokumente/NORD. regional/Stadtteil-Profile_HH-BJ-2019.pdf; Zugriff: 26.10.2021

[3] Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe. Community Health Nursing in Deutschland. Im Internet: www.dbfk.de/ media/docs/Bundesverband/CHN-Veroeffentlichung/chn_kurzbroschuere_2019–07.pdf, Zugriff: 26.10.2021

[4] Burgi M, Igl G. Rechtliche Voraussetzungen und Möglichkeiten der Etablierung von Community Health Nursing (CHN) in Deutschland. Baden-Baden: Nomos Verlag; 2021

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