• 22.02.2022
  • Praxis
Ländervergleich

Wundversorgung in Europa

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2022

Seite 34

Die Wundversorgung ist in den europäischen Ländern unterschiedlich organisiert. So unterscheiden sich beispielsweise die Versorgungsschwerpunkte, die Strategien zum Theorie-Praxis-Transfer und die Weiterbildung des ärztlichen und pflegerischen Personals. Ein Überblick.

Sowohl auf der europäischen als auch auf der Länderebene haben sich zahlreiche, meist interprofessionell ausgerichtete Organisationen gegründet, die die Förderung einer qualitativ hochwertigen Wundversorgung zum Ziel haben.

Europäische Ebene

Die European Wound Management Association (EWMA) ist die europäische Dachorganisation in der Wundversorgung. Ihr Ziel ist es, gemeinsam mit den nationalen Verbänden und Organisationen das Wissen, die Evidenz, Möglichkeiten zur Weiterbildung und den Wissenstransfer zu verbessern. Neben den nationalen Verbänden können auch Einzelpersonen Mitglieder der EWMA werden. Aktuell bearbeitet die EWMA Projekte wie Telemedizin, Schmerzen durch die Wundversorgung, Lebensqualität von Wundpatientinnen und -patienten sowie Hautersatzverfahren. Der Jahreskongress der EWMA bietet die Möglichkeit des Wissenstransfers und des kollegialen Austauschs. Die EWMA gibt regelmäßig neue Leitlinien zu aktuellen Themen in der Wundversorgung heraus. Mehr Infos unter www.ewma.org.

European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP) wurde 1996 in London gegründet. Ziel der Organisation ist die Unterstützung der europäischen Länder bei der Prophylaxe und Therapie von Dekubitus. Durch verstärkte Forschung und Aufklärung der Öffentlichkeit soll politisch eine angemessene, patientenzentrierte und ökonomische Versorgung von Menschen mit Dekubitus erreicht werden. EPUAP gibt Leitlinien zur Prophylaxe und Therapie von Dekubitus heraus und aktualisiert diese regelmäßig. Übersetzungen der Leitlinien in die verschiedenen Sprachen erleichtern dem ärztlichen und pflegerischen Personal die Umsetzung. Neben einem Jahreskongress bietet EPUAP zahlreiche Seminare auf hohem fachlichen Niveau. Mit den Partnerorganisationen wird der jährlich im November stattfindende Anti-Dekubitus-Tag veranstaltet – eine Tagung, die auf das Problem Dekubitus aufmerksam machen soll. Mehr Infos unter www.epuap.org.

Wund D-A-CH ist seit 2012 die Dachorganisation aller deutschsprachigen Vereine und Gruppen, die im Bereich des Wundmanagements strategisch und operativ tätig sind. Gegründet wurde die Organisation von der Initiative Chronische Wunden e. V., der Österreichischen Gesellschaft für Wundbehandlung und der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung. Wund D-A-CH hat sich zum Ziel gesetzt, die Wundbehandlung in einer zeitgemäßen Form und auf dem Stand aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse in den deutschsprachigen Ländern und Regionen Europas zu fördern. Wichtige Überzeugungen von Wund D-A-CH sind dabei, dass Wundbehandlung interdisziplinär und interprofessionell und mit einer evidenzbasierten Grundlage stattfinden soll sowie dass die Aktivitäten des Verbandes letztlich den Patientinnen und Patienten zugutekommen sollen.

Eckpfeiler der Arbeit von Wund D-A-CH sind die Förderung von Fort- und Weiterbildung der Wundbehandelnden sowie die Sicherstellung der Verfügbarkeit von Expertise und Standards für den deutschen Sprachraum. Die wichtigste Aktivität von Wund D-A-CH besteht in der Organisation eines Dreiländerkongresses, der alle drei bis vier Jahre rund um den Bodensee stattfindet. Dieser Kongress wird jeweils durch die Vertreter der verschiedenen Mitgliedervereinigungen organisiert. Mehr Infos unter www.wund-dach.org.

Nationale Ebene

Deutschland. In Deutschland haben sich mehrere Fachgesellschaften und Organisationen in der Wundversorgung gegründet, die u. a. an Leitlinien beteiligt sind, fachliche Stellungnahmen herausgeben, das medizinische und pflegerische Personal weiterqualifizieren, Gesetzgebungsverfahren begleiten, die Interprofessionalität und Vernetzung unterstützen sowie den Theorie-Praxis-Transfer fördern. Die Fachzeitschrift „Wundmanagement“ ist das offizielle Mitteilungsorgan mehrerer deutschsprachiger Fachgesellschaften und Organisationen in der Wundversorgung.

Die Initiative Chronische Wunden e. V. (ICW) wurde 1995 gegründet mit dem Ziel, praxisnah und flächendeckend eine optimale Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden zu erreichen. Ein Schwerpunkt der Arbeit der ICW liegt in der Qualifikation des medizinischen und pflegerischen Fachpersonals in der Wundversorgung, etwa im Rahmen der Weiterbildungen zum Wundexperten ICW, zum Fachtherapeuten Wunde ICW und zum Pflegetherapeuten ICW. Als anerkannte Fachgesellschaft ist die ICW in den Beratungsgremien an der Erstellung nationaler Versorgungsrichtlinien und Gesetze beteiligt. Mehr Infos unter www.icwunden.de.

Die Deutsche Gesellschaft für Wundheilung (DGfW) verfolgt das Ziel des Wissenstransfers von der Forschung in die Praxis, um die Behandlung von Menschen mit chronischen Wunden zu verbessern. Als anerkannte Fachgesellschaft fördert sie die Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Wundversorgung. Auch die Qualifikation des medizinischen und pflegerischen Fachpersonals zählt zu den Aufgaben der DGfW. Angeboten werden etwa die Qualifikationen zum Wundassistenten bzw. zur Wundassistentin DGfW und zum Wundtherapeuten bzw. zur Wundtherapeutin DGfW. Weitere Infos unter www.dgfw.de.

Österreich. Die Österreichische Gesellschaft für Wundbehandlung (Austrian Wound Association, AWA) ist ein in der Wundversorgung tätiger gemeinnütziger Verein, der 1998 gegründet wurde. Die Mitglieder kommen überwiegend aus dem pflegerischen und ärztlichen Bereich sowie sonstigen wundinteressierten Berufsgruppen. Ziele der AWA sind, Wundbehandlerinnen bzw. -behandler zu vernetzen und eine Plattform anzubieten, die informiert, wissenschaftliches Arbeiten unterstützt und praktisches Wissen weitergibt.

Die AWA veranstaltet jährlich den sog. Tag der Wunde. Durch verschiedene Aktivitäten soll auf die Situation der Menschen mit chronischen Wunden aufmerksam gemacht werden. Die Herausgabe von kompakten wissenschaftlichen Beiträgen für Fachpersonal und Betroffene stellt ein weiteres Tätigkeitsfeld dar. Die Wissensvermittlung und der fachliche Austausch erfolgen nicht nur auf der Jahrestagung der AWA, sondern auch bei zahlreichen regionalen Kongressen. Mehr Infos unter www.a-w-a.at.

In Österreich gibt es eine Vielzahl verschiedener Weiterbildungsangebote in der Wundversorgung. Beispielsweise bietet die Akademie Kammerlander einen Kurs mit fünf Modulen zur Erlangung der Bezeichnung „Zertifizierter Wundmanager“, der aus über 180 Stunden Präsenzunterricht und zusätzliche Stunden des selbstorganisierten Lernens besteht.

Zahlreiche Hochschulen bieten Studiengänge im Bereich Wundmanagement an. Verschiedene Anbieter bieten den Kurs „Wundexperte ICW“ auch in Österreich an. Ärztliches und pflegerisches Personal kann eigene Wundordinationen gründen, die auf die Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden spezialisiert sind.

Neben der Tätigkeit in der Klinik sowie in der stationären und ambulanten Langzeitpflege können weitergebildete Pflegefachpersonen in Österreich eine Praxis zur Wundversorgung einrichten. Um tätig zu werden, benötigen sie eine Überweisung des Arztes. Der Patient muss zunächst seine Kosten selbst tragen und kann einen Teil davon auf Antrag von den Kassen erstattet bekommen.

Schweiz. Die Schweizerische Gesellschaft für Wundbehandlung (SAfW) fördert die Erforschung, Entwicklung und Verbreitung von Verfahren zur Wundversorgung. Dabei sollen insbesondere die Aufklärung und Beratung der Fachkreise und der breiten Öffentlichkeit über die Möglichkeiten aktiver und präventiver Maßnahmen im Rahmen der Wundbehandlung gefördert werden. Mehr Infos unter www.safw.ch.

Die Qualifikation von Pflegefachpersonen in der Wundversorgung erfolgt in mehreren Stufen. So bietet die SAfW zunächst ein Wundbehandlungsseminar, das sich an Pflegefachpersonen, Podologinnen und Podologen, Arzthelferinnen und Arzthelfer sowie andere medizinische Fachberufe richtet. Diplomierte Pflegefachpersonen mit mindestens dreijähriger Erfahrung können die Ausbildung zum diplomierten Wundexperten/SAfW erwerben. Diese spezialisierten Pflegefachpersonen sind meist in Spitälern, aber auch in Heimen, freiberuflich oder in der ambulanten Pflege, der sog. Spitex, tätig. Gemeinsam mit der Careum Hochschule Gesundheit in Zürich bietet die SAfW einen Studiengang zu Erlangung des Abschlusses „MAS FH in Wound Care“ an.

In der Schweiz benötigen Pflegefachpersonen in der Wundversorgung immer eine ärztliche Verordnung. In Zukunft werden Pflegefachpersonen definierte Tätigkeiten ohne Verordnung durch einen Arzt/eine Ärztin durchführen bzw. direkt mit den Krankenkassen abrechnen können: Möglich macht es die vom Bundesverband der Schweizer Pflegefachpersonen (SBK) initiierte Pflegeinitiative, die von den Schweizerinnen und Schweizern in einer Volksabstimmung angenommen wurde. Um in der Wundbehandlung freiberuflich tätig zu sein, benötigt man kantonspezifisch eine Konkordatnummer. Um mit den Krankenkassen abrechnen zu können, benötigt man auch hier eine ärztliche Verordnung, einen Rahmenvertrag mit dem SBK und man muss eine regelmäßige Fortbildung nachweisen.

Die MiGeL (Mittel- und Gegenständeliste) ist in Revision. Hier ist SAfW stark involviert bei der Antragsstellung und im Prozess zur Genehmigung zur Neuaufnahme von Wundauflagen, sodass diese von den Krankenkassen übernommen werden, ab Oktober 2022.

Niederlande. Die fachärztliche Versorgung findet in den Niederlanden in den Krankenhäusern statt. Facharztpraxen wie in Deutschland gibt es nicht. Daher ist die Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden auch sehr auf die Klinik fixiert. Hier arbeiten in der Regel weitergebildete Fachkräfte in der Wundversorgung.

Die Organisation V&VN Wondexpertise hat sich zum Ziel gesetzt, die Qualität der Wundversorgung in den Krankenhäusern und den Gesundheitseinrichtungen der Niederlande zu verbessern. Sie fördert den Wissenstransfer und den Informationsaustausch aller an der Wundversorgung beteiligten Berufsgruppen. V&VN Wondexpertise gründete sich 2007 aus einem bestehenden Dekubitusnetzwerk. Aktuell wird eine neue Richtlinie zur Wundversorgung erarbeitet und die Richtlinie zur Versorgung von Menschen mit Dekubitus wird überarbeitet. Mehr Infos unter www.venvn.nl.

Belgien. Belgien gehört im Bereich der pflegerischen Wundbehandlung zweifellos zu den führenden Nationen in Europa. Zahlreiche internationale Standards wie etwa die Deku- bituskategorisierung und die Klassifikation der Inkontinenzassoziieren Dermatitis (IAD) haben ihren Ursprung in der Universität Gent (Region Flandern). Drei Organisationen, je nach Sprachregion, fördern die Qualität, Qualifizierung und Forschung in der Wundversorgung in Belgien.

Die Belgian Federation of Wound Care (Befewo) ist die Dachorganisation der belgischen Verbände in der Wundversorgung. Sie fördert den Austausch, bietet Schulungen und eine spezielle Homepage für Mitglieder an. Mehr Infos unter www.befewo.org.

In der Association Francophone des Infirmières en Stomathérapie, Cicatrisation et Plaies Belgique (Afiscep) sind die Pflegefachpersonen in der Stomatherapie und Wundversorgung des französischsprachigen Teils Belgiens organisiert. In verschiedenen Orten finden regelmäßig sog. runde Tische („Tables Rondes“) statt, um sich im Bereich der Stomatherapie und Wundversorgung auszutauschen. Afiscep bietet eine modulare Ausbildung für Pflegefachpersonen an, um sich im Bereich der Stomatherapie und Wundversorgung zu spezialisieren. Mehr Infos unter www.afiscep.be.

Die niederländisch sprechenden Pflegefachpersonen in Belgien sind in der 1995 gegründeten CNC-Wondzorg organisiert. Sie verfügt über 450 Mitglieder. Die Verbandszeitung erscheint jährlich. Pflegeforschung wird besonders gefördert. Mehr Infos unter www.wondzorg.net.

Die Ausbildung belgischer Pflegefachpersonen erfolgt akademisch, wobei regionale Unterschiede bestehen. Bereits im Studium besteht die Möglichkeit der Spezialisierung. Angeboten wird u. a. „Certificat interuniversitaire en soins de plaies et cicatrisation“, ein ein Module umfassendes Studium mit dem Schwerpunkt Wundversorgung.

Frankreich. In Frankreich gibt es rund 2,5 Millionen Menschen mit einer Wunde. 35 Prozent heilen verzögert ab oder erfordern eine komplexe Wundversorgung. Patientinnen und Patienten haben die Möglichkeit, sich auf einer Landkarte, den nächstgelegenen Wundspezialisten zu suchen.

Seit 1995 fördert die Société Francaise et Francophone des Plaies et Cicatrisaion (SSFPCC) die multidisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit aller an der Wundversorgung Beteiligten. Mehr Infos unter www.sffpc.org.

Französische Pflegefachpersonen haben die Möglichkeit, sich über ein Zusatzstudium in der Wundversorgung zu qualifizieren.

Dänemark. In Dänemark gibt es keine Krankenversicherung wie in Deutschland. Die Gesundheitskosten werden vom Staat getragen; Patientinnen und Patienten können jederzeit eine Ambulanz in einer Klinik aufsuchen. Hier haben sie zunächst Kontakt zu einer erfahrenen sog. District Nurse, die über den weiteren Behandlungsweg entscheidet.

Die Ausbildung von Pflegefachpersonen in Dänemark erfolgt über ein Bachelorstudium. Im Bereich der Wundversorgung werden ergänzende Studiengänge angeboten. In Dänemark liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Beratung und Schulung von Patientinnen und Patienten.

Die Dänische Gesellschaft für Wundheilung (Dansk Selskab for Sårheling, DSFS) zählt rund 1.000 Mitglieder und gestaltet die Wundversorgung im dänischen Gesundheitswesen aktiv mit. Sie gibt eine Fachzeitschrift heraus und veranstaltet Thementage zur Wundversorgung. Die DSFS setzt sich aktiv für eine Zusammenarbeit der an der Wundtherapie beteiligten Berufsgruppen ein. Mehr Infos unter www.saar.dk.

Großbritannien. In Großbritannien können sich Pflegefachpersonen modular an Universitäten fortbilden und unterschiedliche Qualifikationen als Fachpersonen in der Wundversorgung erwerben, z. B. zur Tissue Viability Nurse (TVN) – eine spezielle Weiterbildung zur Wundversorgung im stationären und ambulanten Setting.

In Großbritannien wirken verschiedene Organisationen und Fachgesellschaften aktiv an der Förderung und Weiterentwicklung der Wundversorgung mit. Hierzu zählt die Gesellschaft für Wundheilung (Tissue Viability Society, TVS), die Fachpersonen vernetzt, Kongresse durchführt und Publikationen herausgibt. Mehr Infos unter www.tvs.org.uk.

Fazit

Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte auf nationaler Ebene ist in den vergangenen Jahren die Tendenz zu erkennen, Qualifikationen in der Wundversorgung zu vereinheitlichen. Die EWMA bemüht sich in dieser Hinsicht. Den europäischen Ländern ist gemein, dass die Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden als multiprofessionelle Aufgabe betrachtet wird und unterschiedliche Berufsgruppen an der Behandlung beteiligt sind. Vernetzung auf europäischer Ebene ist sinnvoll, um neue Ansätze zu diskutieren, Gemeinsamkeiten zu entdecken und ein neues Verständnis zu entwickeln.

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