• 25.05.2021
  • Praxis
Gibt es Mittel und Wege aus dem befürchteten Pflexit?

"Es braucht einen Plan B"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2021

Seite 9

„Wir haben nicht zu wenige Pflegende, wir haben zu wenige Pflegende, die bereit sind, unter den gegenwärtigen Bedingungen zu arbeiten“, sagt Franz Wagner. Im Interview erklären der scheidende Präsident des Deutschen Pflegerats (DPR) und DPR-Vizepräsidentin Christine Vogler, welche beruflichen und gesellschaftlichen Veränderungen notwendig sind, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen.

Verschiedene Studien, unter anderem des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), zeigen: Ein Drittel aller Pflegenden will den Job aufgeben, fast 50 Prozent wollen ihren Stellenanteil reduzieren. Droht uns nach der Corona-Welle die große Kündigungswelle?

Wagner: Mir erscheint das plausibel, denn wir hatten ja schon vor der Pandemie eine hohe Belastung in der Pflege insgesamt. Wir wissen aus verschiedenen Befragungen, dass zwischen 15 und 30 Prozent der Pflegenden ernsthaft überlegen, den Beruf aufzugeben. Und wegen des etwas höheren Durchschnittsalters erreichen in den nächsten zehn Jahren eine halbe Million Pflegende das Rentenalter. Sofern sie erst mit Erreichen des Rentenalters in Rente gehen – und nicht schon vorher. Über die vielen Monate der Pandemie hat sich die Belastung wahnsinnig zugespitzt. Im Zuge des Rückgangs der Corona-Fälle im Sommer 2020 war in den Einrichtungen nicht wirklich eine Entlastung zu spüren. Die Pflegeheime waren immer noch weitgehend abgeriegelt und die Kliniken hatten mit dem Rückgang der COVID-19-Patientinnen und -Patienten sofort wieder die elektiven Eingriffe aufgenommen. Die Pflegenden selbst hatten also nicht die Chance, einmal durchzuatmen. Anschließend kamen ja sofort die zweite und die dritte Welle – und die Arbeit geht im Akkord weiter.

Mehr als zwei Drittel der in Pflegeberufen tätigen Personen fühlen sich überlastet. Welche Rolle spielt Corona für diese große Überlastung?

Vogler: Ich denke, die Pandemie hat deutlich gezeigt, dass das System Pflege oder die Gesundheitsversorgung überhaupt keine Ressourcen mehr hat. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns als Berufsgruppe nicht mehr in unsere Arbeitsbereiche aufspalten lassen dürfen. Denn wenn wir zu wenige Kolleginnen und Kollegen in den ambulanten Bereichen haben, können die Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken die Patientinnen und Patienten nicht nach Hause entlassen. Wenn uns die Heimplätze fehlen, können wir die Angehörigen nicht entlasten, weil sie keine ambulanten Pflegedienste einschalten können. Die Ungerechtigkeit in diesem System Gesundheit gegenüber den Pflegenden, was etwa Selbstverwaltungsstrukturen angeht, wird immer deutlicher.

Wagner: Außer warmen Worten und Applaus hat sich am Arbeitsalltag der Pflegenden nicht wirklich was getan. Begründet wird das unter anderem damit, dass kein Fachpersonal auf dem Markt vorhanden sei oder zu viele Stellen zu teuer seien. Das sind zwar durchaus Argumente, aber wir sind gefangen in einem Klein-Klein. Man schaut immer nur nach Symptomen und an manchen Stellen wird auf klaffende Wunden einfach ein Pflaster geklebt. Daher mache ich mir ernsthafte Sorgen, wie wir nach der Pandemie die Pflegefachpersonen bei der Stange halten können. Während der Pandemie wollen sie ihre Patientinnen und Patienten nicht im Stich lassen, aber sie können schlicht nicht mehr. Berufsausstieg oder Stundenreduzierung ist also quasi eine Selbstrettung.

Was kann die Pflege aus sich heraus leisten, um den Beruf attraktiver zu machen?

Vogler: Wir Pflegenden stecken im System fest. Uns gelingt es auch nur ganz wenig, über dieses System hinaus zu denken. Die Leitungs- und Führungspersonen sind gefangen zwischen wirtschaftlichen Forderungen und der Sicherstellung klinischer Versorgung. Damit sie die Kolleginnen und Kollegen ziel­orientiert leiten und führen können, braucht es neue Systeme. So sind die hierarchischen Denkstrukturen im Gesundheitswesen hoch problematisch. Wir brauchen alle Formen von Wertschätzung, neue Belohnsysteme, neue Lohnsysteme generell. Wir müssen als pflegerische Profession auch erkennen, dass wir vielfältig sind, an vielen Stellen arbeiten und dass keiner mehr oder weniger wert ist. Wir müssen lernen, uns in der eigenen Profession wertzuschätzen.

Herr Wagner, von Ihnen stammt eine Aussage, nach der wir in Deutschland nicht zu wenige Pflegende haben. Sondern vielmehr das Problem, dass sie zu früh aus dem Beruf ausscheiden, etwa weil sie eine Familie gründen wollen oder aus Gründen der Work-Life-Balance in Teilzeit wechseln …

Wagner: Wir haben nicht zu wenige Pflegende, wir haben zu wenige Pflegende, die bereit sind, unter den gegenwärtigen Bedingungen zu arbeiten. Eine Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen und des Socium der Universität Bremen, in der Teilzeitbeschäftigte und aus dem Pflegeberuf ausgestiegene Personen befragt wurden, kam zu dem für Deutschland hochgerechneten Ergebnis, dass allein unter den Teilzeitbeschäftigten ein Potenzial steckt, um gut 110.000 Stellen besetzen zu können, wenn sie ihren Stellenanteil erhöhten. Dazu brauchen wir allerdings bessere Stellenpläne, bessere Rahmenbedingungen für die Arbeit und bessere Führung. Das Potenzial ist vorhanden. Und da sind diejenigen noch gar nicht mit eingerechnet, die aus dem Beruf ganz ausgestiegen sind. Allerdings ist unklar, wie viele Ehemalige in den Beruf zurückgeholt werden könnten, da es keine Angaben gibt, wie viele Personen irgendwann mal nach absolvierter Ausbildung den Beruf verlassen haben.

2018 ergab die #PflegeComeBack Studie, dass etwa jede zweite Person sich eine Rückkehr vorstellen kann. Halten Sie das für realistisch?

Wagner: Die Studie war bedingt repräsentativ, da die Kohorte sehr klein war. Allerdings halte ich diesen Wert subjektiv für plausibel, denn den Eindruck habe ich auch, wenn ich mit Ehemaligen rede.

Haben also neben den Teilzeitpflegenden die Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger das größte Potenzial, um die Fachkräftelücke zu schließen?

Wagner: Auf jeden Fall. Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer bilden vor allem die einzige Gruppe, die sich kurzfristig gewinnen ließe. Denn der große Vorteil besteht darin, dass sie bereits ausgebildet sind und gegebenenfalls eine Auffrischung des Praxiswissens benötigen.

Brauchen wir also im Prinzip kein Fachpersonal aus dem Ausland?

Wagner: Die Verfahren für die Anerkennung von Personal aus dem Ausland sind kompliziert. Wir bewegen uns zudem in einem weltweiten Wettbewerb, denn auf der ganzen Welt gibt es Personalmangel. Und da ist Deutschland als Zielland jenseits der Wahrnehmung, denn in der Pflege haben wir nicht viel zu bieten. Da kann man ausländischem Fachpersonal nur raten, lieber nach Norwegen zu gehen. Dort ist die Belastung für die Pflegenden geringer und sie erhalten eine deutlich bessere Bezahlung.

Vogler: Mich würde interessieren, was deutschlandweit für die Akquise von ausländischen Pflegenden ausgegeben wird, um sie zu holen, zu schulen und hier zu halten. Das ist ja finanziell hoch aufwendig. Wenn man diese Gelder hierzulande in bessere Arbeitsbedingungen investieren würde, dann hätten wir vielleicht auch bessere Argumente, um die Aussteigerinnen und Aussteiger zurückzugewinnen.

Inwieweit sehen Sie Krankenhäuser und andere Pflegeeinrichtungen in der Pflicht und in der Lage, selbst die Probleme anzugehen? Wie ließen sich die Arbeitsbedingungen der dort tätigen Pflegenden tatsächlich verbessern?

Vogler: In der von Herrn Wagner zitierten Bremer Studie haben die Befragten an zweiter Stelle genannt, dass sie mehr Zeit für qualitativ hochwertige Pflege haben möchten. Da stellt sich Frage, ob die Einrichtungen überhaupt die Wünsche ihrer Mitarbeitenden kennen. Denn warum entscheiden sich so viele Pflegende für einen Job in der Leiharbeit? Weil sie ihre Dienstpläne gestalten können, weil sie gegebenenfalls entscheiden können, wie viel Dienst sie leisten wollen, weil offensichtlich ein hoher Verantwortungsdruck entfällt, weil sie nicht mehr in einem Team gebunden sind. Da müssen wir ansetzen und Schichtsysteme schaffen, die eine größtmögliche freie Gestaltung erlauben. Wenn ich weiß, dass die Arbeitszufriedenheit mit der Teamzufriedenheit zusammenhängt, dann sorge ich für verläss­liche Dienstpläne oder investiere Geld in Supervision oder in Teamtage, also zum Beispiel Ausflüge im Team. Oder ich baue als Einrichtungsträger ein Fitnesscenter für die Belegschaft. Wir müssen kreativ werden, um die Pflegenden in ihren Bedürfnissen zu unterstützen. Wenn eine Einrichtung weiß, dass Mitarbeitende eine feste Tarifstruktur schätzen, dann sollte sich die Einrichtung darum kümmern. Erschütternd finde ich, dass manche Pflegende heute immer noch ihre Weiterbildungen selbst bezahlen, obwohl diese gesetzlich zum Betreiben von Intensivstationen oder anderen Bereichen vorgeschrieben sind. Außerdem gibt es viele Pflegende, die sich über das Maß hinaus für Dinge, für ein Projekt, für eine Idee engagieren. Warum kommen so viele Einrichtungen nicht auf die Idee, diesen Personen eine Zulage zu gewähren? Und natürlich braucht es auch kreative neue Führungsarbeit für die Zukunft. Ich glaube, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie das Führungspersonal noch sehr viel mehr an Potenzial ausschöpfen können, um ihre Kolleginnen und Kollegen zu binden.

Laut Bundesagentur für Arbeit haben Krankenhäuser die Zahl der Pflegenden von Oktober 2019 bis Oktober 2020 um 18.500 aufgestockt. Ein kleiner Erfolg im Kampf gegen den Fachkräftemangel?

Vogler: Die Zahlen werden so dargestellt, als sei damit fast schon der Pflegenotstand behoben. Das ist ein Irrsinn. Schon vor der Pandemie haben uns 50.000 bis 80.000 Pflegende im System gefehlt. Diese 18.500 resultieren insbesondere aus der Aufforderung, das Personal in den Einrichtungen zu unterstützen. So haben sich viele Ehemalige bereit erklärt wiedereinzusteigen. Allerdings müssen jetzt auch Arbeitsprozesse und -bedingungen endlich verändert, verbessert und Visionen für die Pflegeversorgung in Deutschland entwickelt werden. Andernfalls werden diese 18.500 ganz schnell wieder aus dem Job aussteigen.

Wagner: Zu bedenken ist auch, dass es sich nicht um 18.500 Stellen, sondern um Personen handelt. Wir wissen nicht, ob diese Aufstockung netto mehr Stellen sind. Die Berufekennziffer beinhaltet auch Hilfspersonen. Es ist also gar nicht bekannt, wie viele von den 18.500 auch tatsächlich Pflegefachpersonen sind. Ebenso fehlt eine Differenzierung nach Teilzeit und Vollzeit. 35 Stunden oder fünf Stunden – das ist alles Teilzeit. Es ist ja beispielsweise durchaus denkbar sein, dass Personen, die bereits Teilzeit gearbeitet hatten, ihre Stunden noch einmal reduziert haben. Dann könnte das umgerechnet auf Vollzeitstellen bedeuten, dass die Zahl der Stellen sogar abgenommen hat. Mehr Personen bedeutet nicht automatisch auch mehr Pflegezeit.

Bis Ende der Legislaturperiode wollte die Bundesregierung die Berufsbedingungen für die Pflegenden deutlich verbessern. Welche Punkte sind dringend anzugehen?

Vogler: Unzufrieden sind die Kolleginnen und Kollegen tatsächlich mit den Arbeitsbedingungen: Quantität und Qualität der Arbeit sind nicht in Ordnung. Das Gehalt ist immer noch Thema. Auch die Organisation der Häuser und die Struktur beziehungsweise die Leitungen der Einrichtungen werden kritisiert. Wir brauchen also mehr Personal, angemessenen Lohn, eine starke Selbstverwaltung, politisches Mitspracherecht und vernünftige Bildungswege in der Pflege. Jeder einzelne aufgezählte Punkt ist eine so große Aufgabe, sich für die Zukunft gut aufzustellen, dass wir aufhören müssen, in Legislaturen zu denken. Pflege muss gesamtgesellschaftlich getragen werden. Das funktioniert nicht einfach so und kann auch nicht parteipolitisch auf den Weg gebracht werden.

Wie sollte eine Pflege- und/oder Krankenhausreform aussehen, damit wir uns eine Gesundheitsversorgung leisten können?

Vogler: Unser Sozialversicherungssystem bedarf einer grundlegenden Veränderung. Die Sozialgesetzbücher SGB V und SGB XI sind nicht mehr zeitgemäß. Pflegerische Versorgung ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der über steuerfinanzierte Systeme laufen muss und gemessen werden muss an der Zielformulierung, welche pflegerische Qualität wir in Deutschland haben wollen. Dann ist zu definieren, was es kostet, um dieses Ziel zu erreichen. Und dann muss auch klar sein, dass genau dieses Geld in der Pflege, in der pflegerischen Versorgung und bei der Pflegeprogression ankommt. So etwas benötigt viel Kompetenz derer, die das anfassen, und richtig viel Mut seitens der Politik.

Wagner: Und parallel dazu müssen wir über die Versorgungsstrukturen reden. Wir können uns die Trennung der Sektoren nicht mehr leisten. Angefangen bei den Fehlanreizen, die das DRG-System setzt, bis hin zu den Schnittstellen zwischen den Versorgungsstrukturen. Auf der einen Seite haben wir regional eine Überversorgung mit Fachärzten, andernorts herrscht gleichzeitig Unterversorgung. All das muss auf den Prüfstand. Wir müssen anders in Primärversorgung investieren und wir müssen auch andere Berufe zulassen. Das ärztliche Monopol ist auf Dauer nicht tragfähig. Zudem müssen wir mehr in Gesundheitsförderung, -prävention und -kompetenz investieren. Wir haben das Riesenproblem, dass sozial benachteiligte Menschen auch in der Gesundheitsversorgung benachteiligt sind: Diese Menschen werden häufiger und früher krank, sie sterben früher – nur weil sie schlechte Bildung haben, einen schlecht bezahlten Beruf, einen schlechten sozialen Status. Das ist im höchsten Grade ungerecht.

Eine umfassende Pflegereform unter anderem mit höheren Gehältern für Pflegepersonal sei teuer, mahnen die Wirtschaftsflügel der politischen Parteien und befürchten Mehr­kosten in Milliardenhöhe. Ist Pflege eine Kostenfrage?

Wagner: Pflege wird überwiegend von Frauen geleistet. Diese Arbeit wird rein unter Kosten betrachtet. Ich finde, man muss das als Inves­titionen betrachten. Wenn wir in Pflegepersonal investieren, dann könnten – bei richtiger Personalplanung – Patientinnen und Patienten schneller gesund werden, bekämen weniger Komplikationen, würden deutlich später pflegebedürftig, könnten länger zu Hause leben – und generell länger leben. Wenn ich das alles zusammenrechne, dann erhalte ich eine Dividende in Lebenszeit und Lebensqualität. Mehr Stellen in der Pflege bedeuten auch mehr Steuern, mehr Sozialabgaben.

Der Tarifvertrag in der Langzeitpflege ist – eigentlich – gescheitert. Nun überbieten sich die politischen Akteure gerade gegenseitig, um Tariflöhne durchzusetzen. Ist ein Tarif­vertrag realistisch und müsste er gekoppelt sein mit dem unter anderem von DBfK und Bundespflegekammer geforderten Einstiegsgehalt von 4.000 Euro für professionell Pflegende?

Wagner: Alle politischen Vorhaben, wie etwa die Konzertierte Aktion Pflege, sind letztlich Notnägel. Die Löhne und Gehälter in Deutschland sind zwischen den Sektoren ganz unterschiedlich ausgeprägt. Und wir haben das Problem, dass gerade in der Langzeitpflege auch private Träger zu finden sind, die nicht tarifgebunden sind. Sofern sie doch einen Tarifvertrag haben, ist der oft schlechter als der für den öffentlichen Dienst oder die Vergütungsregeln der Kirchen. Die Pflegenden selbst sollten sich auf die Hinterbeine stellen und fragen, was denn ihre Arbeit wert ist und was sie dafür haben wollen. Wir haben jetzt die Forderung mit den 4.000 Euro Einstiegsgrundgehalt. Das Institut Arbeit und Qualität an der Universität Duisburg-Essen hat die Belastungen und Anforderungen verschiedener Berufe verglichen und mit einem Punktesystem bewertet. Hier liegt die Pflege auf einer Ebene mit dem Ingenieursberuf. Also müssten die Löhne fairerweise die gleichen sein, die Ingenieurinnen und Ingenieure erhalten. Aber in dieser Berufsgruppe gibt es einen Frauenanteil von etwa 20 Prozent und in der Pflege umgekehrt einen Männeranteil unter 20 Prozent. Das ist der entscheidende Unterschied. Und auch da zeigt sich wieder die volkswirtschaftliche Betrachtung: Die Gehälter sind einfach nicht fair, aber auch nicht attraktiv genug für das, was Pflegende leisten müssen.

Kommen wir noch auf die Akademisierung zu sprechen. Als Bedarf an hochschulisch qualifizierten Pflegenden hat der Wissenschaftsrat eine Zielmarke von bis zu 20 Prozent definiert. Frau Vogler, Sie haben jüngst kritisiert, dass aktuell kaum die Hälfte der vorhandenen Studienplätze für die hochschulische Ausbildung von Pflegefach­personen belegt sind. Warum ist das so?

Vogler: In der Akademisierung geht es ja letztlich um die Bildungswege in der Pflege in Deutschland. Mit dem Pflegeberufegesetz haben wir einen ersten guten Aufschlag, das System anzugehen. Aber nach anderthalb Jahren zeigen sich die handwerklichen Fehler – besonders deutlich in der Akademisierung. Die Möglichkeit, grundständig Pflege in Deutschland zu studieren, ist mit nur zwei Paragrafen ins Pflegeberufegesetz geschrieben. Die anderen 65 Paragrafen beschäftigen sich mit der Ausbildung und ihrer Organisation. Eine besondere Bedeutung hatte die Akademisierung im Gesetzgebungsverfahren also nicht. Und jetzt haben wir genau die Situation, die wir befürchtet haben: Die akademische Pflegeausbildung ist an keiner Stelle refinanziert – weder für die Hochschulen noch für die Vergütung, die die Studierenden brauchen, weil sie eben 2.500 Praxisstunden absolvieren müssen. Und eben nicht wie andere normale Studierende mit Jobs nebenbei etwas verdienen können. Das alles führt dazu, dass diejenigen, die Interesse daran haben, in die Pflege zu gehen, sich gut überlegen, ob sie studieren und somit drei Jahre in eine schwere finanzielle Schieflage kommen. Oder ob sie lieber eine Ausbildung absolvieren und eine Ausbildungsvergütung erhalten – 1.100 Euro, wenn sie tariflich gebunden sind –, um hinterher die Option zu haben, vielleicht doch noch etwas anderes zu studieren. Wir verpassen also gerade wieder eine wichtige Chance für qualitative Versorgung, die Chance, die grundständige akademische Pflege als Praxispflegewissenschaft aufzustellen. Wir brauchen die studierenden Pflegenden in Deutschland. Umso besser die Pflegenden qualifiziert sind, umso niedriger ist die Mortalitätsrate und umso besser die Genesungsrate – das wissen wir alles schon seit vielen Jahren. Das Gesetz bedarf daher einer ganz schnellen Nachregulierung.

Also liegt es nicht am mangelnden Interesse der Pflegenden, sondern an Fehlern im System?

Vogler: Warum sollte es sich um mangelndes Interesse handeln? Personen, die in die Pflege gehen, sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Ein großes Problem ist, dass laut Gesetzgeber die Abschlüsse gleich zu behandeln sind. Es ist unfair, die Qualifikationsniveaus nicht voneinander abzugrenzen. Es geht nicht darum, eine Hierarchie im Bildungssystem zu fördern, sondern darum, Pflegenden erworbene Kompetenzen auf verschiedenen Stufen zuzubilligen. Das hat mit Zugangs- und Entwicklungsmöglichkeiten zu tun. Ein anderes Problem ist die Deprofessionalisierung: Es steigert nicht das Ansehen des Berufs, wenn kolportiert wird, dass Pflege jede und jeder kann und ein Stu­dium schon gar nicht nötig ist. Die Frage begegnet uns ja immer noch. Ich werde immer noch gefragt, ob man Pflege wirklich studieren muss.

Wagner: Die Aussage ist oft, wer soll denn dann noch pflegen, wenn die alle studieren. Und das beschreibt ja dieses fundamentale Missverständnis, was Pflege ist – auch im gesellschaftlichen Bild.

Glauben Sie, dass Schließungen, Zusammen­legungen und/oder Umwidmungen von Krankenhäusern ein Mittel sein könnten, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Wagner: Vom Grundsatz her schon. Im internationalen Vergleich haben wir bezogen auf die Bevölkerung gar nicht so wenige Pflegefachpersonen. Allerdings müssen wir im internationalen Vergleich sehr viele Krankenhausbetten bedienen. In Deutschland gibt es nur ein Schwarz-Weiß-Denken: Entweder Krankenhaus auf – und dann muss da aber auch alles rein – oder Krankenhaus zu. Wir müssen einen differenzierten Dialog führen mit den Bürgerinnen und Bürgern, die Sorge haben, plötzlich mehr Kilometer zum nächsten Krankenhaus fahren zu müssen. Das betrifft ja hauptsächlich ländliche Regionen, weniger die Großstädte. Diesen Menschen müssen wir aufzeigen, dass zwar das Krankenhaus schließt, dafür aber ein Gesundheitszentrum entsteht – mit Belegärztinnen und -ärzten oder Medizinern im Angestelltenverhältnis, da sich junge Ärztinnen und Ärzte oftmals nicht an eine Landpraxis binden wollen. In solchen Zentren würden auch Pflegende beschäftigt. Das Gesundheitszentrum könnte sogar unter pflege­rischer Leitung stehen. Und auch ein paar Betten vorhalten, um Fälle zu beobachten, die nicht hochgradig akut sind, aber mehr als ambulanter Versorgung bedürfen. Wenn man den Bürgerinnen und Bürgern so ein Angebot machte, wäre deren Bereitschaft gewiss viel größer. Aber solche Dialoge werden nicht geführt.

Herr Wagner, im Juni endet mit der Neuwahl des Präsidiums ihre Amtszeit als Präsident im Deutschen Pflegerat. Wo sehen Sie die Zukunft der Pflege?

Wagner: Ich glaube schon, dass wir es aufgrund der ganzen Herausforderungen, unter anderem der Pandemie, doch noch schaffen, politisch etwas zu wenden – mit der nächsten Bundesregierung. Das können die Verbände aber nicht allein, da muss auch die Berufsgruppe mitgehen. So haben wir zuletzt bei der Befragung in Schleswig-Holstein gesehen, dass die Berufsgruppe offensichtlich mehrheitlich weiß, was sie nicht will. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sie auch mehrheitlich weiß, was sie eigentlich will. Gegen etwas zu sein ist ja immer ganz einfach. Aber es braucht auch einen Plan B. Der Deutsche Pflegerat, der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe und die Pflegekammern haben daher weiterhin den Auftrag, die Pflege voranzubringen. Dazu gehört unter anderem die Professionalisierung der Pflege, also mehr Pflegende mit hochschulischer Qualifikation. Das müssen wir pushen.

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