• 19.05.2021
  • Praxis
Auswirkungen der Pandemie auf das Pflegepersonal

Erst Corona-, dann Kündigungswelle?

Jede dritte Pflegeperson überlegt offenbar, den Beruf zu verlassen. Welche Strategien schützen vor dem Massenexodus?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2021

Seite 4

Nach Abklingen der Pandemie droht der Massenexodus in der Pflegebranche. Jede dritte Pflegeperson überlegt offenbar, den Beruf zu verlassen. Welche Strategien schützen vor der drohenden Katastrophe?

Zahlreiche Studien haben die Pflegebranche und ihre Entwicklung in den vergangenen Monaten unter die Lupe genommen. Die Zahlen sind in höchstem Maße beunruhigend, bedrohlich, katastrophal. Da die Umfragen und Analysen aber immer nur einen Ausschnitt der gesamten Berufsgruppen erfassen, lassen sich die Ergebnisse für deutschlandweite Angaben nur hochrechnen. Sie sind somit nur Schätzungen. Das schränkt den Wert dieser Befunde leider ein und damit offenbar auch die Dringlichkeit, von politischer Seite fundamental tätig zu werden.

„Fehlende Zahlen sind eine Gefahr für die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Wir können überhaupt nicht einschätzen, was uns wirklich in zehn Jahren erwartet“, sagt die Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR), Christine Vogler. Denn: In den nächsten 15 Jahren geht etwa ein Drittel der Pflegenden in Rente. „Da rollt eine Katastrophe auf uns zu“, so Vogler: „Wir wissen schon jetzt, dass wir in 15 Jahren in den strukturschwachen Gebieten kaum noch pflegerische Versorgung sichern können. Weil dafür das Personal fehlt.“

Mehr ist nicht genug

Der künftige Mehrbedarf an Pflegepersonal wird heute bundesweit auf ca. 130.000 Vollkräfte in der Langzeitpflege und 100.000 Vollkräfte in der Krankenpflege geschätzt. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sieht die aktuelle Entwicklung der Beschäftigtenzahlen indes positiv. Die Krankenhäuser hätten in den vergangenen 10 Jahren jährlich mehr Pflegepersonal eingestellt. So konstatiert das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) in der von der DKG beauftragten Studie „Situation und Entwicklung der Pflege bis 2030“ von 2019, dass die Zahl der Pflegenden im Krankenhaus, in der stationären und ambulanten Pflege seit 2009 um insgesamt knapp 12.000 Vollkräfte pro Jahr gestiegen sei. Von Oktober 2019 bis Oktober 2020 hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) sogar insgesamt 43.300 mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in der Gesundheits- und Krankenpflege (18.500) sowie Altenpflege (24.800) gezählt.

Dagegen stellen die Arbeitnehmerkammer Bremen und das Socium der Universität Bremen in ihrer im Januar 2021 vorgestellten Studie „Ich pflege wieder, wenn …“ fest, „der Fachkräftemangel [ist] heute auch so groß, weil Pflegepersonal lange Zeit, vor allem im Krankenhausbereich, als Kostenfaktor gesehen und kontinuierlich abgebaut wurde – während die Fallzahlen anstiegen. Von 1994 bis 2007 wurde in den Krankenhäusern bundesweit Pflegepersonal so stark abgebaut, dass selbst nach 10-jährigem Aufwuchs die Zahl an Pflegekräften ihr Ausgangsniveau von Anfang der 1990er-Jahre noch nicht wieder erreicht hat.“

Hinzukommt: Der Pflegeberuf gilt als einer mit begrenzter Tätigkeitsdauer. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) verlassen innerhalb der ersten fünf Jahre nach ihrer Ausbildung 23 % der Gesundheits- und Krankenpflegenden sowie 24 % der Altenpflegenden einer Ausbildungskohorte ihren Beruf.

Wiedereinstiegskriterien und Handlungsempfehlungen

  • Die wichtigsten Wiedereinstiegskriterien für ehemalige Pflegende sind:
  • Wertschätzung durch Vorgesetzte
  • Zeit für qualitativ hochwertige Pflege
  • Bedarfsorientierte Personalbemessung
  • Sensibilität von Vorgesetzten für Belastungen in der Pflege
  • Tarifbindung
  • Mehr Zeit für menschliche Zuwendung
  • Garantie, an freien Tagen nicht arbeiten zu müssen
  • Betriebliche Interessenvertretung
  • Höheres Grundgehalt
  • Höhere Zulagen für besondere Tätigkeiten

Handlungsempfehlungen, um die Arbeitsbedingungen derart zu verbessern, dass Pflegende gerne wieder (mehr) pflegen, sind:

  1. Höhere Bezahlung
  2. Bedarfsorientierte Personalbemessung
  3. Wertschätzung und sensible Kommunikationskultu
  4.  Kollektive Interessenvertretung
  5. Verlässliche Arbeitszeiten
  6. Kollegiale Beratung und psychische Unterstützun
  7.  Fachliche Aufstiegsmöglichkeiten und betriebliche Personalentwicklung

Ein Drittel will aussteigen

„Auf die Frage, wie oft die Befragten in den letzten zwölf Monaten daran gedacht haben, ihren Arbeitgeber zu wechseln oder den Pflegeberuf aufzugeben, gab rund ein Drittel an, dass sie diese Gedanken häufig hatten“, schreibt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in der Auswertung seiner Umfrage Ende 2020 „zur konkreten Situation beruflich Pflegender in der Praxis im zweiten Corona-Lockdown“. 31,3 % überlegten demnach den Arbeitgeber zu wechseln, 32,1 % dachten sogar oft daran, den Pflegeberuf aufzugeben. Damit bestätigt der Verband die bereits ein Jahr zuvor ermittelten Zahlen: In einer Online-Befragung von Dezember 2018 bis Januar 2019 hatten 35,2 % der Pflegenden darüber nachgedacht, den Beruf aufzugeben und rund 40 % erwogen, den Arbeitgeber zu wechseln. Allerdings zeigt die vermeintlich positive Entwicklung geringerer Fluktuationsgefahr auch, dass sich die Pflegenden während der Pandemie ihren Patientinnen und Patienten verpflichtet fühlen.

Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, in deren Auftrag das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) im Herbst 2020 rund 2.660 Pflegefachpersonen nach der Einschätzung ihrer beruflichen Situation befragt hat, bestätigt die Untersuchungsergebnisse der aktuellen DBfK-Befragung. Demnach denken 30 % der Pflegenden „öfter“ und gar 42 % „zumindest manchmal“ daran, komplett aus dem Beruf auszusteigen.

Auch die „Online-Befragung Belastungserleben während der dritten Coronawelle“ der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) im April dieses Jahres ergibt, dass mehr als 30 % der nichtärztlichen Mitarbeitenden auf den Intensivstationen, in den Notaufnahmen und im Rettungsdienst ihren Beruf in den nächsten 12 Monaten verlassen wollen.

Etwas weniger dramatisch lesen sich die Zahlen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. Diese hat von Oktober 2020 bis Januar 2021 Pflegende in Deutschland nach den Belastungen während der Corona-Pandemie befragt. 17 % der Befragten gaben an, keine Motivation mehr zu haben, in ihrem Beruf weiterzuarbeiten.

Zum Tag der Pflege veröffentlichte die Pflegekammer Schleswig-Holstein die gemeinsam mit der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen (HWG LU) erstellte Studie „Berufsverbleib und Wiedereinstieg von Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein“. Dazu erklärte Kammerpräsidentin Patricia Drube: „Der Pflege geht die Luft aus. Unsere Studie macht deutlich, dass viele beruflich Pflegende am Ende ihrer Kraft sind und über einen Berufsausstieg nachdenken.“

Dass es sich dabei um kein nationales Phänomen handelt, macht der „Policy Brief: The Global Nursing shortage and Nurse Retention“ des International Council of Nurses (ICN), des Weltbunds der Pflegefachpersonen, deutlich. Demnach wollen in nahezu jedem fünften Land Pflegende wegen der Belastung infolge der Corona-Pandemie aus dem Beruf ausscheiden – Tendenz steigend.

Große Unzufriedenheit

Gründe für diese negative Einstellung sind v. a. das Ausbleiben einer nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die Frustration über schlechte Bezahlung und hohe Arbeitsbelastung sowie fehlende Wertschätzung der Vorgesetzten. Laut DGIIN-Studie fühlen sich 96 % der Pflegenden von der Politik im Stich gelassen. Viele Pflegende sind verärgert, so die HAW-Untersuchung, „dass ihre Hilferufe nicht gehört wurden“.

Die Pflegekammer Niedersachsen publizierte im Januar dieses Jahres den in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) erstellten „Bericht zur Lage der Pflegefachberufe in Niedersachsen“. Demnach sind 60,3 % der befragten Pflegenden unzufrieden mit ihrem Job, 58,4 % schätzen die persönlichen Zukunftsaussichten negativ ein.

So fühlen sich aktuell mindestens drei Viertel aller Pflegenden stark bis sehr stark belastet (78 % – Studie Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, 84% – HAW) bzw. überlastet 72 % (DGIIN). Unter anderem deshalb wollen 46 % der nichtärztlichen Mitarbeitenden (DGIIN) bzw. 71 % der Pflege-Vollzeitbeschäftigten (Landespflegekammer Rheinland-Pfalz) ihre Arbeitszeit reduzieren. Andere ziehen Zeit­arbeit vor: Laut Pflegekammer Niedersachsen/dip überlegen 17 % der Pflegenden diesen Schritt, weil sie sich u. a. nach einer besseren Vergütung (54,5 %) und flexibleren Arbeitszeiten (50,9 %) sehnen.

Die Pflegekammer Schleswig-Holstein konstatiert in ihrem Studienbericht: „Als ein Mittel zur Lösung der Personalprobleme in der Pflege diskutiert man allenthalben die Erhöhung des Beschäftigungsumfanges von Teilzeitbeschäftigten. 51 % der Befragten arbeiten in Vollzeit, 49 % in Teilzeit. Einer Erhöhung ihrer Arbeitszeit stehen die teilnehmenden Teilzeitbeschäftigten unter den aktuellen Arbeitsbedingungen mehrheitlich ablehnend gegenüber.“

Laut Krankenhaus Barometer 2018 des DKI, zitiert in der Studie „Situation und Entwicklung der Pflege bis 2030“, arbeiten 56 % der examinierten in Teilzeit beschäftigten Pflegenden im Krankenhaus 25 Stunden und mehr. „Über ein vertraglich vereinbartes Stundenkontingent zwischen 15 und 25 Stunden verfügten 32 % der Teilzeitzeitbeschäftigen. Nur ein geringer Teil der examinierten Pflegekräfte (13 %) hatte 2017 eine regelhafte Wochenarbeitszeit von weniger als 15 Stunden wöchentlich.“

Hoffen auf Wiedereinsteiger

Eine andere Lösung im Kampf gegen den Fachpersonalmangel bieten Rückkehrerinnen bzw. Rückkehrer in den Beruf. Die #PflegeComeBack-Studie von Hartmann aus November 2018 – also vor der Pandemie – kam zu dem Schluss, dass sich 48 % der ehemaligen Pflegenden vorstellen können, in den Beruf zurückzukehren. 7 von 10 würden sogar in der gleichen Position einsteigen wollen.

Die Bremer Studie „Ich pflege wieder, wenn …“ stellt fest: 87,5 % der ehemaligen Pflegenden und 72 % der in Teilzeit Beschäftigten schließen einen Wiedereinstieg bzw. eine Stundenerhöhung zumindest nicht völlig aus. 58,9 % bzw. 52,4 % halten dies mindestens für möglich, 17 % bzw. 19,5 % davon sogar für sehr wahrscheinlich.

Die Autorinnen und Autoren der Bremer Studie haben Wiedereinstiegskriterien und Handlungsempfehlungen definiert, um Pflegende zu einer Rückkehr bzw. zu einer Auf­stockung ihrer bisherigen Arbeitszeit zu bewegen (Textkasten: Wiedereinstiegskriterien und Handlungsempfehlungen).

Arbeitsbedingungen verbessern

Viele der Pflegenden, die mit dem Gedanken spielen, innerhalb der nächsten zwölf Monate den Beruf aufzugeben oder den Arbeitgeber zu wechseln, werden diese Entscheidung immer wieder abwägen und letztlich von den Entwicklungen in der Pflege abhängig machen. Sie alle im Job zu halten, ist dringend geboten und nur mit einer Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufs zu erreichen. Insbesondere deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen steigern nicht nur die Chancen, ehemalige Pflegende in den Beruf zurückzuholen, sondern bilden ggf. auch für die Teilzeitbeschäftigten einen Anreiz, ihre Stundenzahl anzuheben und erhöhen nicht zuletzt die Bereitschaft der Beschäftigten, in ihrem Beruf zu bleiben.

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