• 29.03.2021
  • Praxis
Reanimationstraining

Für den Ernstfall vorbereitet sein

Am Herz- und Diabeteszentrum NRW hat sich eine monatliche Schulungsreihe für Notfallsituationen bewährt.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2021

Seite 10

Notfallsituationen können im Klinikalltag jederzeit auftreten. Eine sorgfältige Personalschulung ist daher wichtig – am besten regelmäßig, da sich die Fertigkeiten bereits einige Monate nach dem Training wieder reduzieren. Am Herz- und Diabeteszentrum NRW hat sich eine monatliche Schulungsreihe bewährt.

Seit Langem ist durch die Wissenschaft bekannt, dass eine frühzeitige und qualitativ hochwertige professionelle Reanimation und Defibrillation das Outcome der Betroffenen deutlich verbessern [1]. Verzögerungen der Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) dagegen verschlechtern die Überlebensraten der Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten).

Daher ist es wichtig, das Klinikpersonal in regelmäßigen Abständen zur fachgerechten Durchführung der HLW zu schulen. Ein niedrig dosiertes Wiederholungstraining ist nach Ansicht des Deutschen Rats für Wiederbelebung (German Resuscitation Council, GRC) eine hierfür erfolgreiche Strategie [1]. Für Ausbildungsstätten bedeutet dies, ein entsprechendes Fortbildungsangebot zu entwickeln und das erforderliche Equipment vorzuhalten.

Grundlage für klinikinterne Reanimationstrainings sollten die aktuellen Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC) darstellen. Dieses Dokument enthält wissenschaftliche Stellungnahmen und Behandlungsempfehlungen, die im Fünf-Jahres-Turnus publiziert werden [1]. Die Leitlinien 2021 wurden Ende März auf einem virtuellen Kongress des ERC präsentiert und sind seitdem europaweit gültig.

Basic Life Support sollte gesamtes Klinikpersonal beherrschen

Die Handlungsempfehlungen des ERC enthalten ein ganzes Bündel aus Leitlinien, die auf unterschiedliche Notfallsituationen und Berufsgruppen zugeschnitten sind. Die beiden wichtigsten Dokumente der ERC-Leit-linien sind das Basic Life Support (BLS) und Advanced Life Support (ALS).

Das BLS bildet als Schulungsmaßnahme eine solide Grundlage, die für die Anwendung erweiterter Maßnahmen, dem ALS, benötigt wird. Der ALS-Algorithmus ist auf nahezu alle Kreislaufstillstände anwendbar, die aufgrund verschiedenster Ursachen ausgelöst wurden [1].

Das BLS bezeichnet die Basismaßnahmen im Rahmen einer HLW, die von allen pflegerischen und ärztlichen Mitarbeitenden einer Klinik beherrscht werden müssen. Dies sind im Wesentlichen:

  • das Erkennen einer Notfall- oder Peri- Arrest-Situation (dies sind alle Situationen, die zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand führen können wie maligne Rhythmusstörungen, Atemwegsverlegungen etc.)
  • das Ansprechen und Anfassen (Rütteln) der betroffenen Person zur Bewusstseinskontrolle
  • die Kontrolle der Atmung und des Pulses
  • die sofortige Einleitung einer HLW (möglichst unter Zuhilfenahme eines Defibrillators)
  • das Freimachen der Atemwege
  • die Unterstützung der Atmung ohne Hilfsmittel

Zu den Basismaßnahmen gehört auch die Alarmierung der Rettungskräfte bzw. zusätz-lichen Pflegepersonals. Denn: Erfolgt keine Alarmierung, kommt auch keine Verstärkung!

Einfache Techniken zur Vermeidung von Erstickungsanfällen zählen ebenfalls zu den Basismaßnahmen.

Die Basismaßnahmen beziehen sich nicht nur auf die HLW, sondern schließen die frühestmögliche elektrische Defibrillation mit ein. Eine Defibrillation in den ersten fünf Minuten nach Kreislaufstillstand kann die Überlebensrate um 50 bis 70 Prozent steigern [1].

Um einen Kreislaufstillstand festzustellen, hat sich das Tasten eines Karotispulses oder anderer Pulse sowohl für Laien als auch für professionell Helfende als eher ungenau erwiesen. Um so früh wie möglich mit der HLW zu beginnen, ist das Erkennen einer Schnapp- atmung bzw. Apnoe oder einer Bewusstlosigkeit bedeutsamer [1].

Thoraxkompressionen erfolgen bei erwachsenen Menschen in einem Zyklus von 30:2 – das heißt, nach 30-mal Drücken folgt 2-mal Beatmen. Die Thoraxkompressionen sollten ausreichend tief sein (5–6 cm) sowie eine ausreichende Frequenz (100–120 Schläge pro Minute) aufweisen.

Es ist wichtig zu wissen wo, wie und wie schnell die Thoraxkompressionen auszuführen sind [1]. Die Technik wird in entsprechenden Seminaren trainiert.

Das dort erworbene Wissen bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte. Die Medikamentengabe und das erweiterte Atemwegsmanagement stehen daher an sekundärer Stelle.

Erweiterte Maßnahmen

Wo die Basismaßnahmen enden, fangen die erweiterten Maßnahmen an [2]. Anders als das BLS, das vom gesamten pflegerischen und medizinischen Personal beherrscht werden muss, wird das ALS von speziell geschultem Fachpersonal durchgeführt. Außerhalb der Klinik sind dies Rettungsdienstpersonal bzw. notärztlicher Dienst, im klinischen Bereich häufig das pflegerische und ärztliche Personal der Intensivstationen und Anästhesie.

Anders als beim BLS kommen beim ALS auch Medikamente, ein erweitertes Atemwegsmanagement, die Kapnografie und die Verwendung eines Defibrillators zur umfassenden EKG-Rhythmus-Analyse zum Einsatz. Diese erweiterten Maßnahmen dürfen aber die eigentliche Thoraxkompression nicht beeinträchtigen oder verzögern [1].

Die ALS-Anwendung orientiert sich an verschiedenen Algorithmen, die sich auf unterschiedliche Notfallsituationen beziehen. Falls z. B. Elektrolytstörungen wie Hyper- oder Hypokaliämie die Ursache des Kreislaufstillstands sind, müssen sie als reversible Ursachen umgehend therapiert werden. Im Fall eines anaphylaktischen Schocks, der zu einem Kreislaufstillstand führt, steht neben der hochqualitativen HLW auch die Sicherung des Atemwegs und eine schnelle Adrenalingabe im Vordergrund [3]. Zudem muss die auslösende Noxe (Medikament, Blutprodukt etc.) gestoppt werden.

Die reversiblen Ursachen werden frühestmöglich therapiert, um die Auslöser des Kreislaufstillstands zu beheben. Überdies wird eine Interpretation beobachteter Herzrhythmen im EKG vorausgesetzt und situativ entschieden, ob diese defibrilliert werden müssen [1].

Ausbildung zum „ALS Provider“

An mehreren Standorten in Deutschland und europaweit werden sogenannte „ALS Provider“ ausgebildet. Das Angebot richtet sich an den ärztlichen Dienst, Pflegefachpersonen sowie Notfallsanitäterinnen und -sanitäter.

Die Ausbildung umfasst ein zweitägiges intensives Reanimationstraining in der Theorie und Praxis. Dabei werden Behandlungsstrategien, das Atemwegsmanagement, die EKG-Interpretation, manuelle Defibrillation, der Umgang mit technischem Equipment und Teamleitungsfähigkeiten wie z. B. professionelle Kommunikation eingeübt. Auch spezielle Notfallsituationen wie Reanimation bei Trauma, Anaphylaxie, Asthma und Intoxikationen werden trainiert.

Die Seminare enden mit einer Leistungskontrolle in Form eines schriftlichen Tests sowie mit einer praktischen Prüfung durch ausgebildete ALS Provider. Die Absolventinnen und Absolventen erhalten ein Zertifikat, das eine Gültigkeit von fünf Jahren hat und danach wieder aufgefrischt werden muss [4].

Mitarbeitende regelmäßig schulen

Im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, ein Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum in Bad Oeynhausen, werden Pflegefachpersonen und der ärztliche Dienst interprofessionell nach den Leitlinien der ERC regelmäßig in BLS/ALS geschult.

Herfür wurde eine Reanimationsarbeitsgruppe gebildet. Die darin vertretenen Personen bestehen aus Pflegefachpersonen und dem ärztlichen Dienst, die gleichzeitig ausgebildete ALS Provider sind oder sich in der Ausbildung befinden. Ausgebildete ALS Provider müssen sich regelmäßig rezertifizieren lassen, um stets auf dem aktuellen Stand des Wissens zu bleiben. Die ALS Provider sind für die innerbetriebliche Durchführungen der BLS-/ALS-Schulungen verantwortlich.

Das Schulungsangebot umfasst u. a. einen Theorieteil von 90 Minuten, in dem die Teilnehmenden auf den bevorstehenden Praxis-unterricht vorbereitet werden. Darüber hinaus werden sie mit den aktuellen BLS-/ALS-Leitlinien vertraut gemacht.

Im Praxisteil üben die Teilnehmenden in kleinen Gruppen Reanimationssituationen in Form von Fallbeispielen, die praxisnah an einem Simulationstrainer durchgeführt werden. Neben der leitlinienkonformen Durchführung der HLW wird großer Wert auf die Kommunikation im Team gelegt und diese trainiert.

Im Anschluss an jedes Fallbeispiel findet ein sogenanntes Debriefing statt. In diesem besteht die Möglichkeit, den Ablauf der Übung zu besprechen, konstruktiv Feedback zu geben, Fragen der Teilnehmenden zu beantworten sowie auf Ängste und Unsicherheiten einzugehen.

Für die BLS-/ALS-Trainings steht ein Skills Lab zur Verfügung. In diesem Trainingsraum befinden sich ein Intensivbettplatz mit Beatmungsgerät, Perfusoren, Notfall- wagen inklusive Defibrillator und Monitoranlage sowie ein klassischer Bettplatz. Ziel ist es, den Teilnehmenden eine realistische Umgebung sowie praxisnahe Fallbeispiele bieten zu können.

Die BLS-/ALS-Schulungen werden im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen monatlich angeboten. Das pflegerische und ärztliche Personal ist verpflichtet, jährlich an einer Fortbildung teilzunehmen. Ein ähnliches Vorgehen wird auch in anderen Einrichtungen umgesetzt [5].

Zum Schulungsende erhalten die Teilnehmenden ein entsprechendes Zertifikat durch die Abteilung für Fort- und Weiterbildung.

 

[1] Dirks B. Reanimation 2015 – Leitlinien kompakt. Ulm: Selbstverlag; 2015

[2] Klein HH. New guidelines on resuscitation in adults: What has changed?. Herzschrittmacherther Elektrophysiol 2016; 27( 1): 2–5. doi:10.1007/s00399–015–0412–4

[3] Janssens U, Michels G. Adrenaline in patients with out-of-hospital cardiac arrest: PARAMEDIC2 trial]. Med Klin Intensivmed Notfmed 2019; 114 (1): 63–67. doi:10.1007/s00063–018–0478-y

[4] GRC. GRC Akademie; 2021. www.grc-org.de/kurse; Zugriff: 25.02.2021

[5] Dieterich F, Kanstinger A, Erdmann M et al. Implementa- tion of regularly performed resuscitation training at a hyperbaric treatment center. Anaesthesist 2016; 65 (3): 203–211. doi:10.1007/s00101–016–0138–7

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