• 21.12.2020
  • Praxis
Digitalisierung in der Pflege

Mit Masterplan in die Zukunft

Ein Bündnis aus 6 Verbänden aus dem Gesundheits- und Sozialsystem will einen nationalen Strategieplan zur Digitalisierung in der Pflege.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 1/2021

Seite 46

Die Digitalisierung ist für die Pflege ein Gewinn – darüber sind sich Akteure über Wissenschaft, Politik und Wirtschaft hinweg einig. Unklar ist hingegen, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Ein Bündnis aus sechs Verbänden aus dem Gesundheits- und Sozialwesen hat dazu vier konkrete Handlungsfelder identifiziert. Ihre zentrale Forderung: ein nationaler Strategieplan zur Digitalisierung in der Pflege.

Digitale Lösungen versprechen nicht nur, Pflegepersonal von bürokratischen Tätigkeiten zu entlasten, sondern erhöhen auch die Qualität sowie die Sicherheit der Versorgung in allen Settings und eröffnen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen neue Chancen der Teil­habe. Vieles davon ist allerdings noch mehr Wunschdenken als Realität, und verglichen mit anderen Bereichen steht die Digitalisierung im Pflegesektor noch am Anfang. Was nicht verwunderlich ist, angesichts der Tatsache, dass die Pflege überall ausgebremst wird: etwa durch offene Fragen bei der Wahl der geeigneten technischen Standards oder schlicht wegen fehlender Mittel für die notwendigen Investitionen in Infrastruktur und innovative Lösungen. Wenig hilfreich ist auch der derzeitige rechtliche Rahmen, der größtenteils vor Jahrzehnten festgelegt wurde und längst nicht mehr den Ansprüchen einer stärker digitalisierten Welt gerecht wird.

Bündnis „Digitalisierung in der Pflege“

Um die Digitalisierung in der Pflege in Deutschland voranzubringen, haben sechs Verbände im Frühjahr 2020 das Bündnis „Digitalisierung in der Pflege“ geschlossen und ihre Empfehlungen für eine digitale Pflege in einem Anfang August 2020 veröffentlichten Grundsatzpapier zusammengefasst.

Das Bündnis setzt sich zusammen aus dem Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) und dem Verband der diakonischen Dienstgeber Deutschlands (VdDD) als Initiatoren sowie dem Deutschen Pflegerat (DPR), dem Deutschen Evangelischen Verband für Altenarbeit und Pflege (DEVAP), dem Fachverband Informationstechnologie in Sozialwirtschaft und Sozialverwaltung (Finsoz) und dem Verband für Digitalisierung der Sozialwirtschaft (vediso).

Die Weichen müssen jetzt gestellt werden

Sicherlich: Mit dem einmaligen „Umlegen eines Schalters“ von analog auf digital lassen sich diese Hindernisse gewiss nicht auf einen Schlag überwinden. Doch es ist wichtig, zeitnah die strategischen Grundlagen zu legen, schließlich handelt es sich bei der Digitalisierung um einen langfristigen Prozess. Sowohl Investi­tionen in die IT-Infrastruktur als auch die Umstellung von Pflege- und Verwaltungsprozessen brauchen Vorbereitung und Zeit. Nicht zuletzt müssen die Pflegenden von morgen schon während ihrer Ausbildung heute auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet werden.

Um diese vielfältigen Hindernisse zu überwinden, führt kein Weg an einem nationalen Strategieplan für die Digitalisierung der Pflege vorbei. Ein solcher Plan könnte auch aufzeigen, wie eine digitale Grundversorgung aus­sehen und auf welchen technischen Standards diese aufbauen soll. Ebenso berücksichtigen sollte der Plan zentrale Themen wie Interoperabilität und Vernetzung sowie die Nutzung von Daten für mehr Qualität und Sicherheit.

Technikgestützte Dekubitusprophylaxe

Kann moderne Informationstechnik einen Beitrag zur Dekubitusprophylaxe leisten? Zur Klärung dieser Frage testete das Pflegepraxiszentrum Freiburg das Sensoriksystem „Mobility Monitor“ auf zwei Intensivstationen des Universitätsklinikums Freiburg. Lesen Sie als Abonnentin bzw. Abonnent den Fachartikel "Pflege-IT im Praxistest" in voller Länge. 

Ausgangspunkt des Strategieplans wäre eine strukturierte und flächendeckende Erhebung des digitalen Reifegrads in der Pflege, ähnlich wie dies nun im Krankenhausbereich mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) vorgesehen ist. Im Hinblick auf den bestmöglichen Mehrwert sollte dabei ein besonderer Fokus auf dem Nutzen digitaler Lösungen für alle an der Pflege Beteiligten liegen: vom Pflegepersonal über Pflegeeinrichtungen bis hin zu den Pflegebedürftigen selbst und deren Angehörigen.

Gebündelte Kompetenz und Expertise. Mit der Entwicklung und Umsetzung eines solchen Strategieplans sollte ein neu geschaffenes Kompetenzzentrum betraut werden, das am Bundesgesundheitsministerium angesiedelt werden könnte – ähnlich wie das health innovation hub (hih). Eine solche Institution könnte darüber hinaus die Digitalisierung konzeptionell und koordinierend ideal unterstützen und die Einbindung aller beteiligten Gruppen sicherstellen.

Für fachlich intensivere Aufgaben wie die Ausarbeitung von Empfehlungen, Leitlinien und Standards bietet sich die Gründung eines ergänzenden Expertengremiums an. Dieses sollte so zusammengestellt werden, dass darin die Expertise von Pflegebedürftigen, Pflegepersonal und -einrichtungen sowie IT-Unternehmen gleichermaßen abgebildet wird.

Entscheidend hierbei ist, nicht einfach technische Vorgaben bzw. Standards aus anderen Versorgungsbereichen auf die Pflege zu übertragen. Vielmehr müssen alle direkt an der pflegerischen Versorgung beteiligten Akteure eng zusammenarbeiten, um interoperable, aber auch pflegefachlich sinnvolle, innovative und praktikable Lösungen zu entwickeln.

Infrastruktur und Innovationen als Grundlage. Voraussetzung für die Mehrheit aller Digitalisierungsvorhaben ist eine entsprechende Infrastruktur. Es ist kein Geheimnis, dass gerade Deutschland in diesem Zusammenhang international nicht gerade Spitzenreiter ist. Deshalb braucht es eine entschlossene Offensive: etwa beim Breitbandausbau oder der technischen Ausstattung in Pflegeeinrichtungen. Da digitale Versorgung auch immer mobil gedacht werden muss, ist darüber hinaus auch eine leistungsstarke, flächendeckend verfügbare mobile Infrastruktur – mindestens im 4G-Standard – unbedingt erforderlich.

Neben den technischen Grundlagen sind auch Innovationen durch entsprechende Anreize zu fördern. Idealerweise mithilfe eines zentralen Fonds. Die Pflege in ihrer gesamten Breite der Versorgung könnte damit deutlich einfacher und unbürokratischer als bisher neue Mittel für die Einführung digitaler Technologien beantragen. Gerade für umfangreichere Projekte könnten sich dabei mehrere Einrichtungen zusammenschließen. Die Möglichkeiten der Nutzung durch Einsatz künstlicher Intelligenz dürfen in dieser Entwicklung nicht fehlen. Finanzieren ließe sich ein solcher Fonds über Beitragseinnahmen der Pflegeversicherung.

Ein besonderer Schwerpunkt einer solchen Förderung sollte auf Projekten liegen, die große Mehrwerte versprechen. Dazu gehören allen voran die Telemedizin und -pflege sowie Smart-Home-Care-Lösungen. Gerade für die Pflege im häuslichen Umfeld und insbesondere im ländlichen Raum bieten Letztere große Potenziale.

Finanzielle Ressourcen bereitstellen. Nicht nur in der Pflege scheitern viele Digitalisierungsbemühungen oft an fehlenden Mitteln. Wenn die Digitalisierung in der Pflege Fahrt aufnehmen soll, ist es deshalb unerlässlich, die gesetzlichen Regelungen zur Refinanzierung der Pflegeeinrichtungen zu überarbeiten und zu ergänzen. Es gilt, dabei nicht nur Investitionen in neue Endgeräte zu berücksichtigen, sondern auch die aus der Digitalisierung resultierenden Betriebskosten – etwa durch Lizenzen oder die Systemwartung. Zu berücksichtigen sind zusätzlich die personellen Ressourcen, etwa der Auf- oder Ausbau von IT-Abteilungen. Veraltete Kostenrichtwerte der Förder­behörden bzw. Kostenträger sind in diesem Zusammenhang anzupassen.

Digitale Skills und Teilhabe. Für jede noch so innovative Technologie gilt: Über Erfolg und Misserfolg entscheidet am Ende die Nutzerin oder der Nutzer. Deshalb dürfen deren Bedürfnisse bei allen Digitalisierungsbemühungen nicht aus dem Auge gelassen werden. Im Sinne einer bestmöglichen Akzeptanz digitaler Neuerungen sind alle Beteiligten konsequent und durchgehend mit einzubinden. Dabei könnten auch neue Berufsbilder zum Einsatz kommen, etwa in Form von „Pflege-Digital-Begleiterinnen und -Begleitern“, die als Vermittler zwischen Pflegenden und IT auftreten.

Voraussetzung für mehr Teilhabe am Digitalisierungsprozess sind darüber hinaus entsprechende technische Kompetenzen, auch und gerade von Pflegenden. Gemeint sind damit nicht etwa ausgefeilte Programmierkenntnisse, sondern vielmehr ein Grundverständnis für den Umgang mit IT und die Möglichkeiten und Chancen, die der Einsatz entsprechender Lösungen bietet. Damit dies gelingt, ist der Aufbau digitaler Kompetenzen deutlich stärker als bisher in die pflegerischen Ausbildungs-Curricula zu integrieren und im späteren Berufs­leben über Fort- und Weiterbildungen aktuell zu halten und auszubauen. Die Möglichkeiten einer Aus-, Fort- bzw. Weiterbildung mithilfe digitaler Methoden sollten bei all diesen Maßnahmen konsequent mitgedacht werden.

Richtschnur erforderlich

Es gibt also einen Weg aus dem „digitalen Dilemma“, in dem die Pflege derzeit noch steckt. Wichtig ist, dass die Politik die notwendigen Schritte für die Pflege der Zukunft schon jetzt geht: Möglichst zeitnah sollte deshalb eine interdisziplinär entwickelte Digitalisierungsstrategie stehen. Diese könnte allen Beteiligten als Richtschnur und Fixpunkt auf dem Weg zur digitalen Pflege dienen.

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