• 28.09.2020
  • Management
Ausländische Pflegepersonen aktiv integrieren

Interkulturelle Kompetenzen

Ergebnisse einer Umfrage unter Altenpflegeeinrichtungen, wie erfolgreich die Integration ausländischer Pflegender ist.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2020

Seite 60

Eine gelingende soziale und arbeitskulturelle Integration ausländischer Pflegender ist entscheidend dafür, dass sie Einrichtungen langfristig erhalten bleiben und ihre interkulturellen Potenziale entfalten können. Ergebnisse einer Umfrage unter Altenpflegeeinrichtungen.

Als Reaktion auf den Fachkräftemangel in der Pflege [1] werben Pflegeeinrichtungen vermehrt Arbeitskräfte aus dem Ausland oder Zugewanderte an. Allein zwischen 2012 und 2017 versechsfachte sich die Zahl an Pflegefachpersonen mit ausländischer Staatsangehörigkeit [2, 3]. Pflegeeinrichtungen sind inzwischen Orte, an denen Menschen mit unterschied­lichen kulturellen Prägungen eng zusammenarbeiten. Das von dem europäischen Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds sowie dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat geförderte Projekt „Leuchttürme der Pflege. Interkulturell ausrichten. Personal binden. Integration fördern.“ unterstützt 20 stationäre Altenpflegeeinrichtungen in der Integra­tion ausländischer Pflegender. In diesem Rahmen hat die IMAP GmbH – Institut für interkulturelle Management- und Politikberatung – quantitative Daten erhoben zu den Herausforderungen und Potenzialen der Integration von Pflegenden aus dem Ausland, an der 140 Personen – Führungspersonal und Mitarbeitende – teilnahmen.

Nahezu 50 % der Befragten gaben an, dass in ihrer Einrichtung mehr als die Hälfte der Pflegenden über eine Migrationsgeschichte oder -erfahrung verfügt. Die Pflegenden stammen aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Genauso verschieden sind auch die Akquisewege: 57,3 % der Befragten gewinnen Fachpersonal aus dem EU-Ausland, 48,2 % aus Drittstaaten. Etwa 35 % nennen Aktivitäten zur Ausbildung von Pflegenden aus dem EU-Ausland oder Drittstaaten, seltener Ausbildungsaktivitäten für Geflüchtete (30 %). Für die Pflegeeinrichtungen wird es somit zu einer Daueraufgabe, Interkulturalität anzuerkennen und proaktiv zu gestalten. Dabei sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung: eine ganzheitliche Integration sowie die sensible Gestaltung der Teamebene.

Ganzheitliche Integration fördern

Ausländische Pflegende sind im Berufsalltag mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Gravierendste Einschränkung sind mangelnde Sprachkenntnisse, die 33 % der Befragten als sehr starke und weitere 59,8 % als eher starke bis starke Herausforderung für die ausländischen Pflegenden bewerten. Auch die hohe Arbeitsbelastung und eine mangelnde Kenntnis der Werte und kulturellen Prägungen der Bewohnerinnen und Bewohner werden von etwa 75 % als eher starke bis sehr starke Herausforderung eingeordnet. Zudem nennen 60 % der Befragten kulturell bedingte Differenzen im Pflege- und Arbeitsverständnis. Als Beispiele führen sie u. a. verschiedene Auffassungen von Grundpflege, das Kommunika­tionsverhalten oder Unterschiede im Zeitmanagement an. Weniger Bedeutung messen die Befragten Vorurteilen aufseiten der Bewohnerinnen und Bewohner (50,1 %), einer geringen interkulturellen Sensibilität der Kolleginnen und Kollegen (36,6 %) sowie mangelnder interkultureller Kompetenz der Führungspersonen (31,2 %) bei. All diese Faktoren können Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben und folglich deren Bindung an die Einrichtung senken. Dies könnte eine Ursache für das erhöhte Fluktuationsverhalten im Pflegebereich sein (Abb. 1) [4]. Für den Aspekt der Mitarbeiterbindung schätzen mehr als 70 % der Befragten das Fehlen des bekannten sozialen und kulturellen Umfelds als eine eher starke bis sehr starke Herausforderung ein. Auch die Anpassung an eine neue Kultur und Lebensweise sowie eine mangelnde Integration der Pflegenden in Freizeit und Privatleben bewerten über 60 % entsprechend. Über den beruflichen Kontext hinaus gehören zu einer langfristig erfolgreichen Integration: Spracherwerb, soziale Begleitung, Angebote im Privatleben sowie eine Stärkung der interkulturellen Kompetenz.

Interkulturelle Kompetenzen nutzbar machen

Ausländische Pflegende bereichern ihre Teams mit spezifischen Kompetenzen: Mehr als 95 % der Befragten gaben an, dass die Arbeit der Pflegenden aus dem Ausland eher stark bis sehr stark durch eine gute Brücke zu Bewohnerinnen und Bewohnern derselben Herkunftsländer gekennzeichnet ist. Die Befragten schreiben ihnen insgesamt einen sehr respektvollen Umgang mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern (92 %), eine hohe Motivation und Einsatzbereitschaft (90 %) sowie eine ausgeprägte interkulturelle Kompetenz (66 %) zu.

Auf der Teamebene benennen die Befragten sowohl Potenziale als auch Herausforderungen: Die Kenntnis mehrerer Sprachen und eine erhöhte interkulturelle Sensibilität bewerten sie klar als Vorteile. Auch kulturelle Differenzen sowie Unterschiede in der beruflichen Sozialisation sieht eine Mehrheit der Befragten als gewinnbringend an.

Allerdings erkennen 90 % der Befragten eine eher starke bis sehr starke Herausforderung in mangelnden Deutschkenntnissen. Als weitere Herausforderungen gelten das Pflege- und das Berufsverständnis, die Kommunikation mit Angehörigen bzw. innerhalb des Teams sowie die Arbeitsorganisation (Abb. 2).

Langfristige Mitarbeiterbindung gewährleisten

Für eine gelingende soziale und arbeitskulturelle Integration ausländischer Pflegekräfte braucht es eine proaktive Gestaltung insbesondere während der ersten Monate. Diese Phase kann auch mit Frustra­tionserlebnissen auf der Teamebene verbunden sein. Überwiegen diese, ist eine erfolgreiche Integration schwieriger möglich. Es ist daher wichtig, für eine gelingende Integration nicht nur individuell bei den neuen Pflegenden, sondern auch und insbesondere auf der (Gesamt-)Teamebene anzusetzen. Gemeinsam lässt sich eine erfolgreiche und langfristige Zusammenarbeit aufbauen.

[1] Kraft S. Welche Auswirkungen hat der Fachkräftemangel? Pflegezeitschrift 2019; 72 (6): 58–59

[2] Pütz R et al. Betriebliche Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland – Innenansichten zu Herausforderungen globalisierter Arbeitsmärkte. Reihe Study der Hans-Böckler-Stiftung; 2019. Im Internet: www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_416.pdf; Zugriff: 28.05.2020

[3] Rada A. Pflegekräftemigration aus den neuen EU-Mitgliedstaaten nach Deutschland. Entwicklungslinien, Zukunftsperspektive und verantwortliche Faktoren. Beobachtungsstelle für gesellschaftspolitische Entwicklungen in Europa: Frankfurt; 2016. Im Internet: www.beobachtungsstelle-gesellschaftspolitik.de/f/8c5df6b57c.pdf; Zugriff: 28.05.2020

[4] Buchinger S. Personalmarketing in der stationären Altenhilfe. Fachkräfte gewinnen und halten. Stuttgart: Kohlhammer; 2012

Autoren

Weitere Artikel dieser Ausgabe

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN