• 30.04.2020
  • Praxis
Aufgaben der Forensic Nurse im Institut für Notfallmedizin des USZ

Spuren der Gewalt erkennen

Die Aufgaben der "Forensic Nurse" am Universitätsspital Zürich sind vielfältig, ihr Spezialwissen gefragt. 

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2020

Seite 36

Mikrospuren sichern, Hautbefunde dokumentieren, Verletzungsmuster identifizieren, DNA-Abstriche sicherstellen − dies gehört zu den anspruchsvollen Aufgaben der „Forensic Nurse“ im Institut für Notfallmedizin des Universitätsspitals Zürich. Ihr Spezialwissen ist im klinischen Bereich gefragt, da die Zahl der Gewaltdelikte steigt. 

Bei einer 75-jährigen Notfallpatientin besteht der Verdacht auf Schenkelhalsfraktur nach einem Sturz auf der Straße. Die Patientin gibt starke Schmerzen im linken Oberschenkel und im Lendenwirbelbereich an. Am linken Unterarm fällt eine blutende Bisswunde auf. Nach Aussagen des Rettungsdienstes war die Frau mit zwei unbekannten Männern konfrontiert, die ihr die Handtasche entrissen. Als sie sich wehren wollte, biss einer der Männer in ihren Unterarm. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte. Die Täter flüchteten mit der Handtasche.

Für die Forensic Nurse im Institut für Notfallmedizin des Universitätsspitals Zürich (USZ) stellen sich in dieser Situation folgende Aufgaben:

  • Sie geht beruhigend auf die sehr besorgte Patientin ein und erklärt ihr das Vorgehen.
  • Um Spurensicherung zu gewährleisten, hat ein DNA-Abstrich für die Forensic Nurse höchste Priorität. Bevor sie die Bisswunde desinfiziert und versorgt, gilt es, die DNA- Asservierung (asservieren = aufbewahren) sicherzustellen. Hierfür sind Mundschutz und Handschuhe erforderlich, um Kontamination mit Fremdmaterial zu vermeiden. Die Asservierung geschieht durch Abrollen des Watteträgers mit sanftem Druck an der Stelle mit mutmaßlicher Fremd-DNA. Die Forensic Nurse wählt die Fläche in der Mitte des Zahnabdrucks, wo am meisten Fremdmaterial zu erwarten ist. Sie legt den „DNA-Spurenträger“ in einen Spezialbehälter. Mit dem Vermerk „Vorsicht! DNA-Spurenträger“ leitet sie das Material an die Kollegen der Rechtsmedizin zur Auswertung weiter. Es ist unbedingt zu beachten, dass rechtlich relevantes Material nicht in den Besitz der Patientinnen und Patienten gelangen darf. Dadurch wäre es nicht mehr gerichtstauglich.
  • Anschließend erstellt die Forensic Nurse eine detaillierte Fotodokumentation der Bisswunde. Um die Größenverhältnisse auf dem Foto sichtbar zu machen, verwendet sie einen Winkelmaßstab. Sie erfasst u. a. die Lokalisation und die Form der Wunde.
  • Danach führt die Forensic Nurse eine „Postexpositionelle Prophylaxe“ für HIV durch, ebenso eine Hepatitis-B-Prophylaxe mit Booster-Impfung und HBV-Immun­globulinen.
  • Nach einem Telefonat mit der Polizeidienststelle informiert die Forensic Nurse die Patientin, dass polizeiliche Ermittlungen begonnen haben. Der Rettungsdienst hatte dies vor Ort in die Wege geleitet.

Zwei Wochen später kann die Patientin nach Hause zurückkehren. Laut polizeilichen Informationen gibt es bereits mehrere Tatverdächtige. Eine Strafanzeige gegen unbekannte Täterschaft ist eingeleitet.

UNKLARE HAUTVERFÄRBUNGEN

Bei einem 61-jährigen Patienten mit Verdacht auf Alkoholintoxikation und Commotio cerebri fiel beim Bodycheck eine klaffende Wunde am Hinterkopf auf. Zusätzlich zeigten sich striemenartige Verletzungen am Rücken. Der Patient war kaum ansprechbar und nicht orientiert. Die Blutalkoholbestimmung ergab 2,5 Promille. Als der Patient nach zehn Stunden wieder ansprechbar war, erinnerte er sich an einen Sturz. Dies erklärte die Kopfverletzung. Der Patient berichtete zudem, dass die striemenartigen Hautverfärbungen von einer „Gua-Sha-Massage“ am Vortag stammten. Bei dieser Methode der Traditionellen Chinesischen Medizin reibt der Therapeut mit einem Schaber über bestimmte Hautpartien. Dies soll die Durchblutung der Haut fördern, um Schmerzen in Muskelpartien zu lindern. Je nach Intensität kann diese Technik zu Hautverfärbungen führen. Somit ist es wichtig, den Verdacht auf Gewalt stets kritisch zu prüfen.

Beweise auf der Notfallstation sichern

Die Arbeit der Forensic Nurse geschieht an der Schnittstelle zwischen Notfallpflege, medizinischer Versorgung und Rechtssystem [1]. Ihre Fachexpertise ist gefragt, wenn Patientinnen oder Patienten Gewalt erlitten haben oder Opfer eines Verbrechens geworden sind. Zentrale Leitfragen ihrer Arbeit lauten:

  • Was ist für die rechtlichen Ermittlungen entscheidend?
  • Welches Beweismaterial benötigt das Gericht?

Eine Wunde sofort zu versorgen, ohne sie vorab zu dokumentieren und Spuren zu sichern, wäre ein großer Verlust für die Beweissicherung. Die Forensic Nurse gewährleistet, dass im klinischen Bereich wichtiges Beweismaterial erhalten bleibt. Sie arbeitet Hand in Hand mit dem ärztlichen Behandlungsteam und den Behörden der Strafverfolgung. Diese Zusammenarbeit dient dem Schutz der Opfer in einer äußerst verletzlichen Situation [2].

Der Notfallbereich ist oft die erste Anlaufstelle für Personen, die Gewalt erlitten haben. Die Zahl gewaltbetroffener Menschen auf Notfallstationen steigt [3]. Gewalt in der Partnerschaft, der Familie und im öffentlichen Raum ist ein weit verbreitetes Problem. Nicht immer erwähnen Betroffene von sich aus, was geschehen ist. Es besteht eine hohe Hemmschwelle, über das Erlebte zu sprechen – besonders bei häuslicher Gewalt. Umso wichtiger ist es, dass Fachpersonen im Notfallbereich für das Thema Gewalt sensibilisiert sind [1].

Die Forensic Nurse verfügt über Spezialwissen, um Verletzungsmuster zu erkennen und bei Verdacht das Thema Gewalt anzusprechen. Dabei ist es wichtig, Betroffenen Empathie und Verständnis entgegenzubringen. Gewalt ist ein traumatisierendes Erlebnis. Umso wichtiger sind Behutsamkeit, Respekt und Taktgefühl. Die Art und Weise, wie klinische Fachpersonen mit dem Thema Gewalt umgehen, hat großen Einfluss auf den Bewältigungsprozess der Betroffenen. Es gilt, ein professionelles Hilfsnetzwerk bereitzustellen, um Betroffene „aufzufangen“. Dies wirkt gewaltbedingten Folgen entgegen, beispielsweise einer Posttraumatischen Belastungsstörung [2].

Forensische Fachkompetenz ist gefragt

Im Alltag der Forensic Nurse ist es wichtig, den Ursachen einer Verletzung sorgfältig nachzugehen. Was auf den ersten Blick wie Gewalteinwirkung aussieht, kann auch andere Gründe haben (Textkasten „Unklare Hautverfärbungen“).

Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich bietet seit 2016 die klinische Weiterbildung „CAS Forensic Nursing“ (Certificate of Advanced Studies) an. Die Teilnehmenden eignen sich vertiefte Kenntnisse für die klinisch-rechtsmedizinische Untersuchung von Personen nach tätlichen Auseinandersetzungen und Straftaten an. Seit 2017 unterstützt eine Forensic Nurse das Notfallteam des USZ. Sie übernimmt u. a. folgende Aufgaben:

  • Verletzungsursachen differenzieren (unfallbedingt, deliktisch entstanden, selbst zugefügt)
  • typische gewaltbedingte Verletzungsformen erkennen (z. B. Abdruck eines Schlaginstruments, Zahnabdruck bei Menschenbissverletzungen)
  • Symptome und Risikokonstellationen, die auf Gewalt hinweisen, erfassen und korrekt einordnen
  • forensische Beweise und Spuren sichern und eine gerichtsverwertbare Dokumentation erstellen
  • eine koordinatorische Funktion zwischen ärztlichem Dienst, Labor, Sozialdienst, Rechtsmedizin, Polizei und Opferberatung übernehmen
  • gewaltbetroffene Notfallpatientinnen und -patienten kompetent beraten und weitere Schritte aufzeigen, u. a. durch Informationen über weiterbetreuende Kompetenzzentren
  • „Standard Operating Procedures“ erarbeiten und implementieren; dabei handelt es sich um schriftlich dokumentierte Vereinbarungen über das Vorgehen in definierten Situationen – in Absprache mit dem ärztlichen Dienst und der Rechtsmedizin
  • regelmäßig das gesamte Behandlungsteam schulen, beraten und besonders anspruchsvolle Situationen mit den Beteiligten reflektieren

Hohe Anforderungen

Stichverletzungen, Schusswunden und Würgemale – Forensic Nurses sind häufig mit schockierenden Gewaltfolgen konfrontiert. Um den hohen Anforderungen dieser Rolle entsprechen zu können, sind spezifische Voraussetzungen erforderlich, z. B.:

  • hohe psychische Belastbarkeit
  • ausgeprägtes Einfühlungsvermögen
  • Interesse an klinisch-forensisches Fragestellungen
  • zuverlässiges, genaues Arbeiten
  • Fähigkeit zu interprofessioneller und interdisziplinärer Zusammenarbeit

Im Institut für Notfallmedizin des USZ hat sich die Funktion der Forensic Nurse bewährt. Ihre Tätigkeit kommt allen Beteiligten zugute – den gewaltbetroffenen Patientinnen und Patienten, dem Notfallteam und den Rechtsmedizinerinnen und -medizinern. Menschen, die Gewalt erlitten haben, schätzen die Forensic Nurse als Fürsprecherin in einer Ausnahmesituation. Sie kann wesentlich dazu beitragen, dass Gewaltopfer zu ihrem Recht kommen und fachkompetente Unterstützung erhalten.

[1] Rahmqvist J, Benzein E, Erlingsson C. Challenges of caring for victims of violence and their family members in the emergency department. International Emergency Nursing (2018). www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1755599X1830123X; Zugriff: 14.10.2019

[2] Pasqualeone G. The relationship between the forensic nurse in the emergency department and law enforcement officials. Critical Care Nursing 2015; 38 (1): 36–48

[3] Hahn S, Hantikainen V, Needham I et al. Patient and visitor violence against health care staff in Switzerland, contributing factors, interventions and consequences: A cross sectional survey. Journal of Advanced Nursing 2012; 68: 2685–2699

Autoren

Weitere Artikel dieser Ausgabe

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN