• 03.06.2025
  • PflegenIntensiv
Wie Pflegende die Frührehabilitation fördern können

Pflege macht den Unterschied

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2025

Seite 30

Interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit fördert die physische, kognitive und psychosoziale Genesung von Patienten. Eine individuelle Pflege mit Empathie, Humor und Sinnesansprache verbessert langfristige Outcomes. Denn Pflege sieht den ganzen Menschen. Kreatives und engagiertes Pflegepersonal macht in der Frührehabilitation den Unterschied.

Die Frührehabilitation beginnt bereits auf der Intensivstation und ist ein wesentlicher Bestandteil der modernen intensivmedizinischen Versorgung [1]. Diese können und sollten alle Mitglieder des interprofessionellen Teams – einschließlich Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzten, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Ergotherapeutinnen und -therapeuten, Logopädinnen und Logopäden, Psychologinnen und Psychologen sowie Sozialarbeiterinnen und -arbeitern – umsetzen [2].

Maßnahmen der Frührehabilitation umfassen physische, kognitive und psychosoziale Aspekte, um die unerwünschten Folgen des Post-Intensive-Care Syndroms (PICS) zu vermeiden [3]. Dazu gehören unter anderem

  • Frühmobilisierung: frühzeitige Mobilisation innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme, Alltagstraining (ADL-Training), Atemtherapie zur Unterstützung der Lungenfunktion und Maßnahmen zur Verbes­serung von Kraft, Kondition und Koordination.
  • Kognitive Rehabilitation: Erhalt der Kognition, zum Beispiel puzzeln, Vermeidung oder Redu­zierung von Delir durch Kommunikation, Fami­­lien­integration und kognitive Stimulation, zum Beispiel mittels einfacher Aufgaben oder Erinnerungs­übungen.
  • Psychosoziale Rehabilitation: Stressreduktion, empathische Gespräche mit den Patientinnen und Patienten, emotionale Unterstützung mithilfe von Musik, Intensivtagebüchern, Lieblingsgegenständen oder Interaktion mit Angehörigen.

 

Individuelle Therapie. Auch Patientinnen und Patienten mit vorbestehenden Einschränkungen profitieren von der Früh­rehabilitation. Der Schlüssel liegt in der individuellen Anpassung der Maßnahmen an ihre Fähigkeiten, Ziele und Toleranzgrenzen [4]. Während eine Person bereits in den Stand gebracht werden kann, ist für eine andere eine passive Mobilisation oder eine angeleitete Atemtechnik zielführend.

Die Frührehabilitation kann mittels spezieller Therapie- und Pflegeeinheiten erfolgen. Beispielsweise sind strukturierte, 30-minütige Therapiebehandlungen seitens speziell ausgebildeten Personals wie Physio- oder Ergotherapeutinnen und -therapeuten ein bewährter Ansatz. Die Sektion Pflege der Deutschen Gesellschaft für Internis­tische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und die Sektion Intensivmedizinische Frührehabilitation (früher bekannt als Netzwerk Frühmobilisierung) der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) haben dafür praxisnahe Leitfäden, Algorithmen und ein umfassendes Curriculum entwickelt [2].

Die Kraft der kleinen Dinge. Ein weitverbreitetes Missverständnis ist, dass Frührehabilitation erst dann als erfolgreich gilt, wenn Patientinnen und Patienten eigenständig gehen können – am besten noch mit Beatmung oder mit extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO). Dabei sind es oft die kleinen, unscheinbaren Maßnahmen, die bereits eine große Wirkung haben. Gerade unter den aktuellen Herausforderungen – Zeitdruck, knappe Personalressourcen, hohe Arbeitsbelastung – sind vollständige Rehabilitationsprogramme nicht immer realisierbar [5]. Doch das bedeutet nicht, dass Rehabilitation ausfallen muss.

Selbst gesteckte und realistische Ziele können motivierend helfen. Beispielsweise ist nach zwei Wochen strikter Bettruhe das selbstständige Sitzen an der Bettkante schon ein großer Erfolg.

Im klinischen Alltag gibt es viele kleine Interventionen, die eine rehabilitative Wirkung haben und gleichzeitig die Patientinnen und Patienten emotional stärken. Die britische Intensivpflege-Expertin Kate Tantam hat diesen Gedanken mit ihrer #RehabLegends-Kampagne hervorgehoben [6]. Ihr Ziel: die Kreativität und das Engagement der Pflegefachpersonen sichtbar machen und wertschätzen [7]. In ihrem Statement sagt sie:

"All die kleinen Dinge, die wir jeden Tag tun – jemandem zu helfen, ein Eis zu essen, eine equeme Position zum Schlafen zu finden, den Angehörigen eine Tasse Tee zu geben, wenn sie traurig sind –, das macht einen Unterschied."

Diese kleinen Gesten können dabei helfen, Patientinnen und Patienten ein Stück Normalität zurückzugeben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, mehr als nur „ein Fall“ zu sein – sie sind Menschen mit Bedürfnissen, Emotionen und individuellen Herausforderungen.

Jede noch so kleine Geste der Unterstützung hat eine große Bedeutung – für die Patientinnen und Patienten, ihre Familien und das gesamte interprofessionelle Team. Die Bereitschaft, sich auf die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten einzulassen, schafft Vertrauen, zeigt Engagement und fördert kreative Lösungen im Pflegealltag.

Es sind diese alltäglichen Handlungen, die nicht nur zur Genesung beitragen, sondern auch eine Kultur der Menschlichkeit und Fürsorge prägen [8]. Gleichzeitig unterstützen sie die Professionalisierung der Pflege, indem sie zeigen, wie wertvoll die individuelle und einfühlsame Begleitung ist.

Die Autorin und die Autoren sind stolz auf all die vielen Helden des Alltags, die mit ihren Ideen, ihrem Engagement und ihrer Empathie tagtäglich einen Unterschied machen. Sie alle sind echte #RehabLegends!

Ideen sammeln und voneinander lernen. Im Rahmen des 10. GFO-Intensivpflegetags am 31. Januar 2025 in Hennef wurde genau dieser Aspekt in einem interaktiven Vortrag aufgegriffen. Mit über 230 Teilnehmenden von mehr als 60 verschiedenen Intensivsta­tionen aus unterschied­lichen Regionen und Versorgungs- stufen wurden Ideen gesammelt, die in der Praxis umsetzbar sind und einen Unterschied machen können. 33 Personen haben mittels einer Online-Kommentarfunktion konkrete Vorschläge eingebracht – ein Zeichen dafür, dass die Bedeutung der kleinen Dinge im Pflegealltag erkannt und geschätzt wird! Die Autoren haben die Vorschläge kategorisiert (Tab. 1, 2, 3) und zusätzlich ein One-Minute-Wonder (Abb.) entwickelt [9].

Diese Beispiele zeigen: Frührehabilitation auf der Intensivstation ist mehr als nur ein standardisiertes Therapieprogramm. Sie lebt von kreativen, personenzentrierten Ansätzen, die auch unter herausfordernden Bedingungen möglich sind – sei es durch ein freundliches Gespräch, eine unterstützende Handbewegung, ein bisschen Humor oder eine kleine Geste der Menschlichkeit [10]. Es sind viele kleine Dinge, mit denen beruflich Pflegende einen Unterschied ausmachen können.

Haltung und Engagement sind bedeutsam

Frührehabilitation lebt von individuellen, kreativen und interprofessionellen Ansätzen. Kleine, gezielte Maßnahmen können eine große Wirkung entfalten und die Genesung positiv beeinflussen.

Viele vermeintlich unscheinbare Handlungen geben Patientinnen und Patienten Orientierung, Sicherheit und ein Stück Normalität sowie Alltag zurück. Sie zeigen, dass Pflege nicht nur eine Technik oder Methode ist, sondern eine Haltung, die den ganzen Menschen mit seinen Bedürfnissen wahrnimmt.

Es sind nicht nur große Konzepte oder umfassende Therapieprogramme, die den Unterschied machen – es sind vor allem die Menschen, die mit ihrem Engagement, ihrer Empathie und ihrer Kreativität die Pflege und Therapie gestalten. Beruflich Pflegende sollten diese Ideen weiter­tragen, voneinander lernen und die interprofessionelle Zusammenarbeit stärken.

Die Autoren danken allen Teilnehmenden des 10. GFO-Intensivpflegetags, die durch ihre aktive Mitwirkung und wertvollen Beiträge zur Entstehung dieser Übersichtsarbeit beigetragen haben.


[1] Hermes C, Nydahl P, Grunow JJ, Schaller SJ. Positioning therapy for intensive care patients. Dtsch Med Wochenschr 2024; 149: 1028–1033

[2] Eggers D, Hermes C, Krüger L, Nydahl P et al. Interprofessional curriculum for early mobilization : Developed by the nursing section of the DGIIN in close cooperation with the German early mobilization network. Med Klin Intensivmed Notfmed 2023; 118: 487–491

[3] Renner C, Jeitziner M-M, Albert M et al. Guideline on multimodal rehabilitation for patients with post-intensive care syndrome. Critical Care 2023; 27: 301

[4] Eggmann S, Nydahl P, Gosselink R, Bissett B. We need to talk about adverse events during physical rehabilitation in critical care trials. EClinicalMedicine 2024; 68: 102439

[5] Hermes C, Nydahl P, Blobner M et al. Assessment of mobilization capacity in 10 different ICU scenarios by different professions. PLoS One 2020; 15: e0239853

[6] Kate Tantam. University Hospitals Plymouth NHS Trust. #RehabLegends. Im Internet: www.plymouthhospitals.nhs.uk/rehab-resources

[7] Nydahl P. „Viele kleine Dinge machen den Unterschied“. Interview mit Kate Tantam. PflegenIntensiv 2021; 18 (3): 62–64

[8] Dayton K, Lindroth H, Engel HJ et al. Creating a Culture of an Awake and Walking Intensive Care Unit: In-Hospital Strategies to Mitigate Post-Intensive Care Syndrome. Crit Care Clin 2025; 41: 121–140

[9] Krüger L, Mannebach T, Nydahl P et al. Learning in one minute: survey of the One Minute Wonder Network. Med Klin Intensivmed Notfmed 2022; 117: 159–167

[10] Prehm M. Pflege deinen Humor: Eine praktische Anleitung für Pflegepersonal. Berlin: Springer; 2018

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