• 12.02.2024
  • PflegenIntensiv
Klare Absage an jede Form der Gewalt

Schutz im Kiez

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2024

Seite 56

Notrufknöpfe, Panic Rooms und Selbstverteidigungskurse: Das DGD Krankenhaus Sachsenhausen hat auf gewalttätige Übergriffe in der Frankfurter Notaufnahme reagiert und ein umfassendes Gewaltschutzkonzept entwickelt.

In Notaufnahmen kommt es täglich zu Gewalt gegenüber dem Krankenhauspersonal. Laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) haben neun von zehn Kliniken bereits Erfahrung mit Gewalt gegen ihre Beschäftigten in den Notaufnahmen gemacht. Erst in der Silvesternacht haben drei Männer das Personal des Berliner Sana Klinikums Lichtenberg brutal attackiert und verletzt. Der Vorfall sorgte für Aufsehen. Beschimpfungen und Beleidigungen sind dabei zumeist an der Tagesordnung, Angehörige machen – häufig aufgrund von Frustration, Angst und Überforderung – ihrem Unmut Luft. Ein Beispiel dafür, dass es nicht immer bei verbalen Attacken gegen die Beschäftigten bleibt, zeigt ein Blick in die Notaufnahme des DGD Krankenhauses Sachsenhausen (Kasten), in der es vor rund drei Jahren zu einer ganz ähnlichen Eskalation kam wie in Berlin.

DGD Stiftung und Krankenhaus Sachsenhausen

Die DGD Stiftung mit ihrer Holding in Marburg ist ein Verbund diakonischer Gesundheitseinrichtungen. Dazu zählen Krankenhäuser, Rehakliniken, Medizinische Versorgungszentren (MVZ), Senioreneinrichtungen sowie zwei Pflegeschulen. Insgesamt arbeiten mehr als 3.900 Menschen für die Organisation. Die DGD Stiftung ist Mitglied im Diakonischen Werk Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck. Sie gehört zur Diakonie Deutschland und zum Gnadauer Gemeinschaftsverband. „DGD“ steht für Deutscher Gemeinschafts-Diakonieverband. Das Krankenhaus Sachsenhausen ist ein diakonisches Akutkrankenhaus, das jährlich rund 40.000 stationäre und ambulante Fälle versorgt.

Bei der Leitung des DGD Krankenhauses Sachsenhausen genießt das Thema Sicherheit eine hohe Priorität. Daher gründete Geschäftsführerin Abir Giacaman eine multiprofessionelle Taskforce. Im ersten Schritt wurde nach dem geschilderten Vorfall ein Sicherheitsdienst engagiert. Der war zunächst nur an den Wochenenden freitags bis sonntags von 22 bis 6 Uhr im Einsatz – mittlerweile wurden die Zeiten auf die übrigen Tage ausgeweitet, dann ist die Secu­rity von 22 bis 2 Uhr vor Ort. Ergänzt wird der Sicherheitsdienst durch einen Springerdienst zu den anderen Zeiten, wodurch bei einem Zwischenfall schnell der permanente Sicherheitsdienst eines benachbarten Hauses ge­rufen werden kann, der binnen weniger Minuten vor Ort ist.

Strauß an Schutzmechanismen

In den Behandlungsräumen und an weiteren Orten wie etwa der Rezeption wurden Notrufknöpfe fest installiert, die eine direkte Anbindung an die Polizei haben. Zudem gibt es zusätzlich tragbare Notrufknöpfe. Diese alarmieren einen festen Personenkreis, der auch von innerhalb der Klinik sofort zur Hilfe eilen kann.

Es gibt außerdem zwei Räume, die als „Panic Room“ dienen: Diese haben elektronisch gesicherte Schlösser, die mittels Karte von außen geöffnet werden können – und sich in weniger als zwei Sekunden selbst verschließen lassen. Die Mitarbeiter können sich also in dem Raum in Sicherheit bringen, die Tür lässt sich von außen nicht durch Unbefugte öffnen. Es wurde – dort, wo es zulässig ist – eine hochauflösende Videoüberwachung installiert. Oder auch auf den ersten Blick unscheinbare Dinge eingeführt – wie der Verzicht auf Glasflaschen, weil die schnell zur scharfkantigen Waffe werden. Zudem gibt es ein verpflichtendes Deeskalationstraining für Notaufnahme, Rezeption und alle Bereitschaftsdienstärzte sowie freiwillige Selbstverteidigungskurse. Jüngst fand zudem ein Termin mit einem polizeilichen Berater in Sachen baulicher Sicherheit statt, um zu sehen, welche weiteren Verbesserungen möglich sind. All diese Schutzmechanismen senden sowohl an die Patienten als auch an die Mitarbeitenden ein deut­liches Signal: Sie können sich so sicher wie möglich fühlen.

Sich so sicher wie möglich fühlen können – das ist auch die Botschaft, die der Träger des DGD Krankenhauses Sachsen­hausen, die DGD Stiftung mit Sitz in Marburg, mit einem umfassenden Gewaltschutzkonzept vermittelt.

Das gesetzliche Ziel ist klar vorgegeben: Der Gemeinsame Bundesausschuss hat in einer geänderten Richtlinie für das Qualitätsmanagement (QM) festgelegt, dass unter anderem Kliniken oder Medizinische Versorgungszentren ebenso wie Psychotherapeuten, niedergelassene Ärzte oder auch Zahnärzte zum Gewaltschutz verpflichtet sind. Konkret heißt das, sie müssen im QM Konzepte entwickeln, um möglichem Missbrauch oder Gewalt vorzubeugen, alle Formen davon zu erkennen, darauf zu reagieren und jeweils zu verhindern. Das Ziel: Vulnerable Patientengruppen, wie beispielsweise Kinder, Hilfsbedürftige oder ältere Personen sollen besser geschützt werden. In der DGD Stiftung entstand ein umfassendes Konzept, das diese gesetzlichen Anforderungen übertrifft: Es schließt auch alle anderen Menschen wie Patientinnen und Patienten, Be­sucherinnen und Besucher sowie Mitarbeitende ein.

Umfassende Basis für die Sicherheit

Zunächst ging es darum, die unterschiedlichen Formen von Gewalt zu definieren. Außerdem wurde analysiert, welche Präventionsmaßnahmen es in den einzelnen Einrichtungen des Verbunds bereits gibt. Und das nicht nur konzeptionell, sondern auch technisch, baulich oder personell. In der Konsequenz erfolgte eine Risikoanalyse dort, wo Verbesserungen möglich sind. Kein leichtes Unterfangen, denn der Verbund ist mit seinen Einrichtungen sehr heterogen aufgestellt: Somatische Häuser und Fachkliniken der Psychiatrie und Psychosomatik gibt es ebenso wie eine Lungenfachklinik, Rehaeinrichtungen, Seniorenheime oder Häuser mit besonderen Wohnformen.

Das Rahmenkonzept Gewaltschutz der DGD Stiftung vermittelt eine deutliche Botschaft: Es wurde an allen Standorten des Verbunds verpflichtend eingeführt – vor dem Hintergrund, dass sich in den Häusern alle – von den Mitarbeitenden über Patienten bis hin zu Angehörigen und Besuchern – sicher fühlen sollen.

Schon vor der nun verbundweiten Einführung gab es in mehreren Einrichtungen der DGD Stiftung bereits ähnliche Konzepte in unterschiedlichen Ausprägungen, immer abgestimmt auf das jeweilige Haus. Doch gab es keinen einheitlichen Rahmen. Das hat sich nun geändert. Das Konzept legt fest, dass jedem Fall, der auch nur als Verdacht gelten kann und gemeldet wird, garantiert nachgegangen wird. Darüber hinaus muss jede Einrichtung für sich weiterhin die individuellen Risiken analysieren und entsprechend handeln.

Ausprägungen und Stufen von Gewalt

Damit das Konzept seine Stärken ausspielen kann, werden die Mitarbeitenden zunächst dafür sensibilisiert, zu erkennen, wo Gewalt bereits anfängt. Daher zeigt das Rahmenkonzept detailliert und anhand zahlreicher Beispiele auf, welche Ausprägungen von Gewalt es gibt. Diese reichen von der physischen oder psychischen Form über sexuelle Gewalt oder sexuelle Belästigung bis hin zur Vernachlässigung.

Dass Schlagen oder Treten physische Gewalt darstellen, bedarf in der Regel keiner Erklärung. Doch was ist beispielsweise mit dem inkorrekten Verab­reichen von Medikamenten – beispielsweise von Seda­tiva? Oder der unsachgemäßen Fixierung eines Patienten? Beides kann im Stress geschehen – und beides ist eine Form der physischen Gewalt.

Den Mitarbeitenden werden auch die Stufen von Gewalt aufgezeigt. Diese reichen von der Grenzverletzung und Übergriffen bis hin zu strafrechtlich relevanten Handlungen. Szenarien mit unterschiedlichen Tätern und Opfern sensibilisieren nicht nur dafür, wo und in welcher Form Gewalt auftreten kann, sondern geben auch Beispiele dafür, wie drohende Gewalt erkannt werden kann. So gibt es beispielsweise die „STAMP“-Zeichen. Die Abkürzung setzt sich zusammen aus „Staring and eye contact“ (Anstarren des Gegenübers), „Tone and volume of voice“ (eindring­liche, laute Stimme) und „Anxiety“ (Furcht und Sorge des Gegenübers). Zu den Anzeichen gehören auch „Mumbling“ (Gemurmel) sowie das „Pacing“ (unruhiges Auf- und Abgehen). Dies können Indikatoren für ein Risiko sein, das vom Patienten ausgeht. Zudem werden in dem Gewaltschutzkonzept verschiedene Präventionsstufen ebenso thematisiert wie die Auf­klärung von Taten oder die Rehabilitation von zu Unrecht Verdächtigten.

Verhaltenskodex als Kernstück

Ein Kern des umfangreichen Konzepts, dessen Erstellung ein gutes Vierteljahr in Anspruch nahm, ist der verbundweit gültige Verhaltenskodex, dem sich die Mitarbeitenden verpflichten. Das Rahmenkonzept Gewaltschutz der DGD Stiftung wurde zudem in eine Dienstanweisung gegossen, an die sich alle Mitarbeitenden zu halten haben. Eingebunden in die Erstellung des Konzepts waren neben Qualitäts- und Risikomanagement der Zentrale Dienst Personal und Soziales ebenso wie die Leitungen der einzelnen Häuser.

Der neue Rahmen gießt das christliche Selbstverständnis des Verbunds in eine fest definierte, verbindliche Form, in der die detaillierte Begriffsbestimmung den Beschäftigten mehr Sicherheit im Handeln gibt – das dient gleichermaßen dem Schutz von Patienten, Besuchern und Mitarbeitenden.

Ein Vorfall mitten auf der Frankfurter Partymeile

Das Krankenhaus liegt direkt am „Party-Kiez“ Frankfurts im Stadtteil Sachsenhausen, nur einen Steinwurf vom Main entfernt. Zudem verfügt die Mainmetropole über eine „offene Drückerszene“ – daher haben die Mitarbeitenden in der Notaufnahme es sehr häufig mit multiintoxikierten Patienten zu tun: Alkohol und Drogen in verschiedenen Ausprägungen und häufig alles zusammen – dieser Mix fördert Aggressionen und lässt Hemmschwellen sinken. In der Notaufnahme des Krankenhauses hat ein Vorfall viel ins Rollen gebracht, der sich vor gut drei Jahren ereignete. Ein Patient mit einer drogeninduzierten Schizophrenie wurde behandelt. Zunächst war er ruhig – doch dann eskalierte er regelrecht, wurde massiv aggressiv und hat innerhalb kürzester Zeit vier Mitarbeitende handlungsunfähig gemacht. Er ist aufgesprungen, hat eine Internistin durch eine Tür geschlagen. Ein Pfleger rannte gemeinsam mit einem Arzt zur Hilfe, eine weitere Kollegin hat andere Patienten in Sicherheit gebracht. Der Arzt musste mehrere Faustschläge ins Gesicht einstecken, der Patient war nicht zu bändigen. Er riss einen an einer Kette befestigten Stempel aus der Wand und verwendete diesen wie einen Morgenstern, schlug damit um sich und traf jeden, der ihm zu nahekam. Das Team löste einen Notruf zur Polizei aus, die setzte einen Funkspruch ab – und zum Glück waren Spezialkräfte ganz in der Nähe des Krankenhauses. Die Polizisten stürmten innerhalb kurzer Zeit mit sechs Kräften die Notaufnahme und trieben den Angreifer unter dem Einsatz von Schlagstöcken sowie Pfefferspray in die Ecke. Der war offenbar durch Amphetamine so stark aufgeputscht, dass er weiter um sich schlug. Die Polizisten konnten ihn nur mit einem Taser außer Gefecht setzen.

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