• 10.08.2023
  • PflegenIntensiv
Projekt MIA

Integration leicht gemacht

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2023

Seite 26

2022 eröffnete das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein am Campus Kiel eine Konzeptstation für eine spezialisierte Ausbildung ausländischer Pflegekräfte. Auf dieser in eine Intensivstation integrierte Sektion begleitet und unterstützt erfahrenes Pflegepersonal die neuen Mitarbeitenden auf dem Weg zur staatlichen Anerkennung ihrer Qualifikation.

Seit 2010 fördert das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, die Integration ausländischen Pflegepersonals. Im Laufe der Zeit konnten wir viele Erfahrungen sammeln, um den Integrationsprozess systematisch zu standardisieren. Final ist unter anderem das „MIA-Konzept“ (Mentoring – Integration – Advertising) ein Resultat dieses Lernprozesses. Seit 2016 setzen wir eine zertifizierte Anerkennung der beruflichen Qualifikation unserer ausländischen Kolleginnen und Kollegen um.

An diesem Konzept sind die UKSH Akademie, die hausinternen Praxisanleiterinnen und -anleiter sowie Teamleitungen und Pflegefachpersonen der Stationen, die Pflegedirektion und das Pflegemanagement beteiligt.

2020 nahm am Campus Kiel die Konzeptstation für eine spezialisierte Ausbildung ausländischer Pflegekräfte auf einer dermatologischen Normalstation ihre Arbeit auf. Ziel dieser Einheit ist es, die neuen Kollegen eng mit Mentorinnen und Mentoren sowie Praxisanleitern zusammenarbeiten zu lassen und somit einen systematischen und effektiven Lernprozess zu begleiten. Die Betreuung der neuen Kollegen aus den verschiedensten Ländern ist auf dieser Station stets gut strukturiert, fürsorglich und hat einen positiven Effekt auf deren Ausbildung und Anerkennung.

Effektive Betreuung

Nach sieben Jahren Entwicklung des Konzepts und Projekts „Pflege International“ am Campus Kiel haben wir uns dazu entschieden, neben der Konzept­station auf der Dermatologie zusätzlich eine Konzeptstation als separate Sektion auf einer Intensivstation zu eröffnen. So sollen neue Kollegen, die mehr Aufmerksamkeit im Laufe ihrer Anerkennung bedürfen – sei es fachlich oder sprachlich –, eine effektivere und gezieltere Betreuung erfahren.

Doch auch Kollegen mit bereits intensivmedizinischen Erfahrungen finden sich in der MIA-Einheit wieder, um sie effektiv auf der neuen Sektion auszubilden und je nach Interessenlage und Kompetenzen für die Intensivstation oder die Intermediate Care (IMC) vorzubereiten. Auch hier gilt es, ihre staatliche Berufsanerkennung zu begleiten.

Die Konzeptstation für die Intensivstationen ist seit 1. September 2022 an eine bestehende Intensivstation angebunden und verfügt über vier Behandlungsbetten auf der kardiologischen und internistischen Intensivstation. Die MIA-Einheit ist also als geschlossener Bereich mit eigener Stationszentrale in die Intensivstation integriert. Erfahrene Pflegefachpersonen der Station betreuen auf dieser Sektion vorerst sechs neue Kollegen, die in den ersten drei Monaten noch nicht mit dem offiziellen Anerkennungskurs begonnen haben.

Einarbeitungskonzept. Eine Sektionsleitung kontrolliert die Behandlung der Patientinnen und Patienten, um zu vermeiden, dass sich neue Kollegen vom Lernumfang überfordert fühlen. Gemeinsam mit den sta­tionsinternen Mentoren erarbeiten die Sektionsleitungen anhand eines standardisierten Einarbeitungskonzepts einen individuellen Plan.

Kommunikationstraining. Für die weiteren sechs Monate nutzen wir auf der Station das vorgegebene Anerkennungsprogramm von „Lingoda“. Daran adaptieren wir unter anderem unsere einmal wöchentlichen und von einem Deutschlehrer unterstützten Lerneinheiten, Kurse. Je nach Einarbeitungsstand begleitet dieser sprachlich die praktische Arbeit am Patientenbett. Gemeinsam mit der stellvertretenden Sektionsleiterin, einer Pflegepädagogin, erarbeitet er Themen, die die Kursteilnehmenden noch am selben Tag abarbeiten müssen. Ausflüge zu medizinischen Ausstellungen sowie alltägliche Abläufe, zum Beispiel der Einkauf auf dem Wochenmarkt, begleitet der Deutschlehrer ebenfalls. Die internationalen Kollegen dürfen sich im Verlauf des Kurses auch Themen wünschen, die sie für die mündliche und praktische Prüfung vertiefen möchten. Unter den neuen Kollegen und der Sektionsleitung werden diese Themen dann ausgearbeitet und bestmöglich in den Lernplan integriert und im Anschluss in einem Ordner abgelegt, auf den die neuen Kollegen jederzeit zurückgreifen können. Die Resonanz auf die beschriebene Vorgehensweise ist seitens unserer ausländischen Pflegekräfte sehr positiv, und auch den Lern­effekt schätzen nicht nur wir als Sektionsleitung, sondern auch Kollegen der Station als positiv ein.

Geräteführerschein. Im Rahmen von Kurzfortbildungen zieht die Stationsleitung regelmäßig Atem- und Physiotherapeuten hinzu, und Medizinproduktebeauftragte gemäß Medizinproduktegesetz (MPG) gewährleisten anhand von Einweisungen den sicheren Umgang mit den Geräten. Jeder Kollege erhält am ersten Arbeitstag einen Geräteführerschein, den er dauerhaft auf Station mitführen soll. An den Einweisungstagen bescheinigen die Einweisenden oder die zuständige Firma mittels Unterschrift den sicheren Umgang mit den Geräten, sodass die neuen Kollegen gemäß MPG künftig mit den Geräten im Stationsdienst arbeiten dürfen.

Hospitation. Am Ende der staatlichen Anerkennung dürfen sich die Kollegen dann via Hospitation auf anderen Intensivstationen oder in Funktionsbereichen, zum Beispiel das Herzkatheterlabor oder die Notaufnahme, umschauen und bei Interesse dorthin wechseln. Die Kollegen können selbstverständlich auch in unserem Bereich übernommen werden und erhalten dann eine gezielte zweimonatige Einarbeitungszeit in die kardiologische, internistische Intensivpflege. Wünschen sie eine Weiterbildung oder ein Studium, bahnen wir ihnen individuell den weiteren Weg und schaffen somit eine positive Bleibekultur.

Ansprechpartner. Kollegen mit erfolgreich absolvierter Anerkennung haben die Möglichkeit, ihre persön­lichen und fachlichen Erfahrungen in die Einarbeitung der neu ankommenden internationalen Kollegen einfließen zu lassen. Sobald die anerkannten Kollegen ihre Erfahrungen auf der künftigen Station gesammelt haben, teilen die Sta­tionsleitungen ihnen neue internationale Kollegen zu, um deren bevorstehende Anerkennung zu begleiten. Gerade in den ersten Monaten vor der Anerkennung ist es vorteilhaft, für neue Kollegen eine Ansprechpartnerin oder einen -partner aus dem eigenen Land an der Seite zu haben, um even­­tuell entstehende Fragen schnellstmöglich zu klären.

Teamwork

Die Arbeit auf der Intensivstation erfordert pflegerisches Interesse, Pflichtbewusstsein, ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und vor allem Teamfähigkeit. Darüber hinaus versuchen wir als MIA-Team, die neuen Kollegen an das hohe Arbeitsaufkommen, das breit gefächerte medizinische Wissen und die komplexen Tagesabläufe auf einer Intensivstation zu gewöhnen. Struktur, schnelles und spontanes Handeln sowie Flexibilität werden besonders zum Ende der Anerkennung trainiert, um die anschließende Arbeit auf der Intensivstation zu erleichtern.

All dies versuchen wir den neuen Kollegen vom ersten Tag an mit auf den Weg zu geben, um die bestmögliche Betreuung der Patienten zu gewährleisten. Die neuen Kollegen müssen eigenständig entscheiden, in welchem Bereich sie nach der Anerkennung arbeiten wollen. Diese Entscheidung können die Kollegen aus dem MIA-Team ihnen nicht abnehmen. Wichtig ist, dass sie sich auf der Station wohlfühlen, das Team unterstützen und sich in das deutsche Krankenhaussystem integrieren. Nur so kann eine lang­fristige und positive Karriere für die internationalen Pflegekräfte funktionieren. Auch Angebote für Fort- und Weiterbildung am UKSH müssen beworben werden, um die Bleibekultur weiter zu stärken.

Erfahrungsbericht

„Die ersten Tage auf einer Station in einem anderen Land können schwierig sein. Die Sprachbarrieren, die neuen Geräte, die neue Kultur und alles auf einmal. Dies sind die wesentlichen Herausforderungen internationaler Pflegekräfte am Beginn. Deshalb ist das Projekt MIA etwas ganz Besonderes. Ich bin seit zwei Monaten ein Teil dieses Projekts. Ich habe schon viel gelernt. Die Pflegekräfte hier sind immer freundlich. Hier kann ich mithilfe meiner Kollegen mehrere Geräte, zum Beispiel für Beatmung, Dialyse, kennenlernen. Ich habe auch Deutschunterricht, der mir weiterhin hilft. Ich glaube, dass ich meine Fähigkeiten verbessert habe, und mithilfe des Projekts kann ich bestimmt meine Anerkennung schaffen und ein guter Mitarbeiter werden.“

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