Ein achtsamer Umgang mit sich selbst und unter Kollegen gilt als Schutzschild vor Stress und als Selbstoptimierungsmethode. Die Autorin hat auf einer interdisziplinären Intensivstation des Universitätsklinikums Düsseldorf das Pilotprojekt „Mind.Full.On“ initiiert, ein Achtsamkeitstraining, um die Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu steigern.
Als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts gilt Stress [1]. Der Umgang mit Stress und den auslösenden Stressoren ist ein Lernprozess. Dabei gibt es kurz- und langfristige Lösungen im Umgang mit stressrelevanten Belastungen. Zu den kurzfristigen Lösungen können z. B. Pausen und Entspannungstechniken zählen, zu den langfristigen Lösungen die Ursachenbeseitigung durch Stressbewältigung [2]. Solche Mechanismen finden sich in der Verhaltensprävention der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) wieder. Es sind „Maßnahmen, die auf das Verhalten von Menschen ausgerichtet sind“ [3].
Achtsamkeit ist eine Möglichkeit der Stressbewältigung. Sie wird verstanden als „die absichtsvolle und nicht wertende Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt“ [4] sowie als der Zustand „bewusst im gegenwärtigen Augenblick zu sein, ohne zu urteilen“ [5]. Achtsamkeit bietet das Potenzial, „Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Menschen gleichermaßen zu erhöhen“ [6].
Während der Fachweiterbildung für Intensiv- und Anästhesiepflege hat sich die Verfasserin im Zuge ihrer Facharbeit „Die Bedeutung von Achtsamkeit als Instrument zur Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit im stationären Intensivbereich“ ausführlich mit den Themenfeldern Stress, Stressbewältigungsmechanismen, Achtsamkeit, Mitarbeitendenzufriedenheit und Verhaltensprävention im Rahmen der BGF beschäftigt.
Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Minimierung der Gesundheitsrisiken sollten dabei eine hohe Priorität für ein Unternehmen haben. Denn nur zufriedene und ausgeglichene Beschäftigte arbeiten langfristig qualitativ gut und können dadurch eine leistungsstarke und widerstandsfähige Ressource darstellen.
Achtsamkeit kann ein Instrument zur Steigerung der Mitarbeitendenzufriedenheit im stationären Intensivbereich sein. Die Erkenntnisse ihrer Facharbeit bewegten die Verfasserin dazu, das Pilotprojekt „Die Implementierung eines achtwöchigen Achtsamkeitskurses auf einer neurochirurgischen Intensivstation“ im Sinne der Facharbeit zu initiieren.
Erste Befragung – eine Umfeldanalyse
Eine Mitarbeitendenbefragung bereits im November und Dezember 2019 über einen Zeitraum von drei Wochen ermittelte im Rahmen einer Umfeldanalyse Informationen zu „Arbeitszufriedenheit“, „körperlicher und mentaler Ausgeglichenheit“, sowie „Widerstandsfähigkeit“ speziell für die interdisziplinäre Intensivstation.
Das Arbeitsumfeld der überwiegend neurochirurgischen Intensivstation umfasst 16 Betten. Die Personaldecke besteht aus 73 Mitarbeitern – 59 pflegerische, 14 ärztliche Mitarbeitende. 49 von ihnen (67 %) nahmen an der Befragung teil:
- Die Befragung ergab ein ausgeglichenes Verhältnis zur Meditationsvorerfahrung der Teilnehmenden zwischen „schon ausprobiert“ und „noch nie“.
- Über 50 % der Befragten wünschen sich mehr Auszeiten im Alltag.
- Die Wertschätzung allgemein betrachten die Befragten eher als neutral. (Merke: Ein positiver Aspekt der Wertschätzung ist die Möglichkeit, betriebliche Gesundheitsförderung im Rahmen der Verhaltensprävention während der Arbeitszeit ausführen zu können!)
- Die Widerstandsfähigkeit bewerten 35 % der Befragten als gut, 33 % schätzen sich selbst nur als mittelmäßig belastbar ein. (Merke: Geplante Trainings können die Widerstandsfähigkeit steigern!)
- Über 65 % der Beschäftigten fühlen sich mittelmäßig bis gestresst in ihrem Alltag. (Merke: Mindestens 65 % können nun an der Stressbewältigung arbeiten!)
- Die Konzentrationsfähigkeit liegt mit 35 % ebenfalls nur im Mittelfeld der Befragung. (Merke: Die Konzentrationsfähigkeit ist für die Patientensicherheit unverzichtbar, durchweg zu steigern und auf konstant hohem Niveau zu halten!)
Informationsveranstaltung. Dem ursprünglich achtwöchig geplanten Achtsamkeitskurs (coronabedingt wurden die acht Wochen auf zweimal vier Wochen umgestellt und bisher sind erst einmal vier Wochen absolviert) ging eine Informationsveranstaltung für die Mitarbeitenden voraus. In dieser griff die eigens engagierte externe Trainerin die Themen Stress, Zufriedenheit, Achtsamkeit, neurowissenschaftliche Hintergründe, Mentaltrainings und emotionale Intelligenz auf.
Kick-off. Die Auftaktveranstaltung und die Termine der nachfolgenden vier Wochen wurden per E-Mail, als Flyer und mündlich bei der Dienstübergabe angekündigt. Die Kick-off-Veranstaltung am 6. Februar 2020 haben letzlich 22 Mitarbeitende besucht. Dabei war die mündliche Resonanz zum Vortrag und zur Thematik durchweg positiv.
Training. Das erste Mind.Full.On-Training am 7. Februar 2020 besuchten innerhalb von zwei Stunden insgesamt acht Mitarbeitende. Montags, mittwochs und freitags war die Trainerin für zwei Stunden vor Ort. Jede Viertelstunde begann ein Kurs. Die Methoden der Kurse waren an einem Tag gleich konzipiert, jedoch unterschied sich jeder Tag voneinander. Beispielhaft leitete die Trainerin montags ein Zwölf- Minuten-Body-Scan, mittwochs Übungen zur Fokussierung und freitags eine klassische Meditation an. So bot sich für die Mitglieder des ärztlichen und pflegerischen Teams die Chance, innerhalb ihrer Arbeitszeit kurze alltagstaugliche Meditations- und Entspannungsübungen ohne Anmeldung und Vorerfahrung kennenzulernen.
Durchschnittlich besuchten sechs bis 16 Personen das Training – in den ersten zwei Wochen ausschließlich aus dem pflegerischen Team. Da das Angebot jedoch für das gesamte Team konzipiert war, erfolgte eine Rücksprache mit dem ärztlichen Leiter mit der Bitte um Weiterleitung und Information an die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, da es vor Implementierung auch ärztlicherseits explizit gewünscht und unterstützt wurde.
Feedback. In den ersten vier Wochen wurde um stetiges Feedback gebeten, um die Trainingszeiten individuell, auch schon vor Ende der ersten vier Wochen, anpassen zu können. Dies stellte eine sog. Feedbackbox auf der Intensivstation sicher. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv (siehe Zitate rechts oben).
"Realistische Übungen, die im Arbeitsleben angewendet werden können."
"Sollte in Zukunft regelmäßig angeboten werden."
"Coach sehr empathisch und kompetent."
"Praxisorientiert, hilfreich, mitreißend."
"Ich fand das Training sehr gut und gelungen. Ich habe mich hingesetzt und konnte für ein paar Minuten richtig abschalten. Anschließend hab‘ ich mich frischer und entspannter gefühlt."
"Die Entspannungsübungen sind sehr wohltuend und lassen mich für eine kurze Zeit dem Alltagstrubel entfliehen."
Zweite Befragung – Resonanz des Angebots
An einer weiteren Umfrage nach den ersten vier Wochen des Mind.Full.On-Trainings nahmen zwar nur noch 36 von 73 Mitarbeitern (49 %) teil. Deren Ergebnisse (95 % positive Resonanz) zeigten jedoch, wie positiv die Tendenz der Mitarbeiterzufriedenheit, Widerstands- und Konzentrationsfähigkeit und das bewusste Wahrnehmen von Pausen im Alltag erlebt wurde und wie die langfristigen Auswirkungen sein können. So findet sich eine Argumentationsbasis für die Notwendigkeit, die Bedeutung und das Angebot weiterer Stressbewältigungsmechanismen im Rahmen der BGF.
Die coronabedingt noch ausstehenden vier Wochen sind für Februar 2022 geplant. Durch das Feedback der Mitarbeiter ist bereits eine Veränderung geplant. So wird der Kurs von drei Tagen auf zwei Tage pro Woche umgestellt und somit um zwei Wochen auf insgesamt sechs Wochen verlängert. Für die Kollegen des Spätdienstes werden Zeitintervalle vormittags und nachmittags vorgesehen.
Die anfänglich niedrige Zahl der Trainingsteilnehmer entspricht den Erwartungen der Trainerin, da die Etablierung der Maßnahme etwas Zeit in Anspruch nehmen wird. Generell stellt sich die Frage, ob und wie sich eine Fortsetzung der Maßnahme über den Projektzeitraum hinaus etablieren lässt. Des Weiteren bleibt abzuwarten, ob die Mitarbeitenden die wertschätzende Geste des Arbeitgebers, während der Arbeitszeit ein BGF-Angebot vorzuhalten, auch als solche ansehen und wahrnehmen. Ziel sollte es sein, dass diese Trainings künftig als selbstverständlich gelten.
Der Pflegedienst ist geprägt von vielen Wegen, hoher Geräuschkulisse, unterschiedlichster Alarme, Telefonate, professioneller Umgang mit Angehörigen, interprofessioneller Teamarbeit und vielem mehr. In diesem hektischen Alltag sollten sich Pflegende kurze, kaum bemerkbare Pausen gönnen: zwei bis drei Atemzüge innehalten und tief in den Bauch atmen. Diese kurzen Augenblicke können mit Routine und Übung die Chance geben, den Fokus zu verändern.
Mind.Full.On verbessert Betriebsklima
Abschließend ist es elementar wichtig und in der aktuellen Situation im Gesundheitswesen brisanter denn je, BGF in Form von Verhaltensprävention zu betreiben. Das Mind.Full.On-Training kann eine Möglichkeit sein. Dieses soll nicht als Wundermittel gelten, sondern kann lediglich ein gut zu integrierender Ansatz sein. Bei fortführender Implementierung und individueller Konzeptanpassung kann Mind.Full.On-Training eine tiefgreifende und durchaus positive Veränderung für das Unternehmen, das Team, jeden Einzelnen und daraus folgend auch ein Qualitätsmerkmal für die Patientenversorgung darstellen.
[1] Weltgesundheitsorganisation. GESUNDHEIT21 – das Rahmenkonzept „Gesundheit für alle“ für die Europäische Region der WHO (1999). Im Internet: www.euro.who.int/de/publications/abstracts/ health21-the-health-for-all-policy-framework-for-the-who-european-region; Zugriff: 17.11.2021
[2] Willig W et al. Geistes- und Sozialwissenschaften pflegerelevant. Lehrbuch für die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege. Bd. 7. Verlag Balingen, Selbstverlag Willig; 2005: 388 f.
[3] Bundesgesundheitsministerium. Betriebliche Gesundheitsförderung – Umsetzung. Im Internet: www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/betriebliche-gesundheitsfoerderung/umsetzung.html, Zugriff: 17.11.2021
[4] Herdt J. Achtsamkeitstraining als Prävention im Gesundheitswesen (23.01.2017). Stadt Zürich, Schulungszentrum Gesundheit. Im Internet: wissen-pflege-bildung.ch/2017/01/achtsamkeitstraining; Zugriff: 17.11.2021
[5] Kabat-Zinn J. Im Alltag Ruhe finden. Freiburg: Verlag Herder; 2006: 18
[6] Sauer S, Andert K, Kohls N et al. Mindful Leadership: Sind achtsame Führungskräfte leistungsfähigere Führungskräfte? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2011: 347