Ein Abzeichen, das Pflegenden Wertschätzung und Anerkennung vermittelt, erobert von Großbritannien aus die Welt. Wie das Projekt Rehab Legends startete und welche Ziele es verfolgt, beschreibt die Intensivpflegende Kate Tantam im Interview mit Dr. Peter Nydahl.
Frau Tantam, Rehab Legends ist eine tolle Aktion. Wie ist es dazu gekommen?
Auslöser war vor fünf Jahren ein Erlebnis auf der Intensivstation. Meine Kolleginnen und Kollegen versorgten damals eine 35-jährige Patientin, die schwanger auf die Intensivstation gekommen war und hier ihr Kind verloren hatte. Sie litt daraufhin unter einem Delir und einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Als sie schließlich die Intensivstation verließ, sagte sie, sie habe alles verloren. Sie konnte rückblickend nicht sagen, was Traum und was Realität war. Auch ihr Mann hatte infolge der Situation einen Zusammenbruch. Ich erfuhr von der Geschichte dieser jungen Frau nach Beendigung meines Elternurlaubs. Ich war wirklich schockiert, welche Erfahrungen sie machen musste.
Welche Schlüsse haben Sie aus diesem Erlebnis gezogen?
Vor fünf Jahren existierte noch kein Rehabilitationsteam auf der Intensivstation. Ich habe recherchiert und einen dringenden Rehabedarf für kritisch kranke Patientinnen und Patienten festgestellt. Ich habe aber auch bemerkt, dass die Pflegenden auf meiner Intensivstation Rehabilitation nicht als ihre Aufgabe ansahen. Also überlegte ich, wie ich meine Kolleginnen und Kollegen für das Thema begeistern kann. Und der beste Weg, um die Leute zu begeistern, ist, ihnen Feedback zu all den kleinen Dinge zu geben, die sie bereits jeden Tag tun. All diese kleinen Dinge, wie die von Pflegenden geführte Mobilisierung, sind von grundlegender Bedeutung für die Reha. Das Projekt wurde aus dem Wunsch entwickelt, genau diese hervorragende, alltägliche Arbeit der Pflegenden auf den Intensivstationen anzuerkennen. Heute haben wir zusätzliches Personal auf unserer Intensivstation: drei Physiotherapeuten und einen Psychologen. Wir sind eine der ersten Intensivstation in Großbritannien mit eigenem Rehapsychologen!
Wie haben Sie das Projekt gestartet?
Am Anfang habe ich 50 Abzeichen mit der Aufschrift „Rehab Legend“ erstellt und einen Leuchtkasten in einem lokalen Supermarkt gekauft. Und dann ging ich zu meinen Kolleginnen und Kollegen, überreichte ihnen die Abzeichen und sagte zu ihnen: „Ich bin stolz auf dich und hier ist zur Anerkennung ein Abzeichen! Deine Arbeit macht einen echten Unterschied für die Patienten!“ Die Kolleginnen und Kollegen fühlten sich dann wertgeschätzt und kurz darauf wollten alle ein Abzeichen. In meiner Abteilung ist es richtig gut angekommen. Dann beschlossen meine Kolleginnen und Kollegen, mich und die Idee auf Twitter vorzustellen. Der Weg, wie ich Menschen dazu bringen möchte, die Bedeutung der Frührehabilitation zu verstehen, geht über Patientengeschichten, Erfolgserlebnisse, Beispiele. Denn für mich ist die Geschichte der Patientinnen und Patienten der Schlüssel, warum ich überhaupt zur Arbeit komme und sie bei der Reha unterstütze. Ich dachte: Okay, lasst uns all unsere erstaunlichen Patientengeschichten teilen. Die Abzeichen sind für Mitarbeitende, Patientinnen und Patienten sowie Angehörige, denn Reha wird von jedem geleistet!
Wie ging es dann weiter?
Nachdem wir auf Twitter gestartet waren, überreichten wir Abzeichen an Patienten und Mitarbeitende in anderen Krankenhäusern. Ich habe immer mehr Abzeichen und auch Karten erstellt. Ich habe das Projekt auf Konferenzen vorgestellt. Auf unserem Twitter-Account sahen wir, dass lokale Physiotherapeuten, Pflegende und andere uns folgten und um Abzeichen baten. Wir haben mittlerweile weltweit mehr als 8.000 Abzeichen verteilt. Wir stellen jetzt weitere Hilfsmittel zur Verfügung: Rätsel für Patientinnen und Patienten, farbige Glühbirnen, Rentierhörner zum Spielen, einen Rehaadventskalender, Tagesziele, Urkunden für erreichte Rehaziele und Ballonvolleyball. Die Idee ist, den Spaß zurück in die Reha zu bringen und Rehaspaß zu vermitteln! Inzwischen können wir jede Woche rund vier verschiedene Patientengeschichten via Twitter teilen. Es ist ein bisschen verrückt, denn ich bin nur eine Pflegefachperson aus Plymouth, die ihr Abzeichen verteilt.
Wie wird das Projekt finanziert?
Am Anfang habe ich keine Finanzierung bekommen. Doch dann twitterte eine Kollegin auf einer Fachveranstaltung: „Kate zahlt für ihre Abzeichen selbst.“ Kurz darauf erhielt ich Geld von der British Association of Critical Care Nurses, den Intensive Care Unit Support Teams for Ex-Patients, kurz ICU-steps, und der Berufsorganisation der Physiotherapeuten. Insgesamt etwa 500 Pfund. Die Abzeichen sind günstig, die meisten Kosten entstehen durch den Versand per Post. Aber es macht Spaß.
- Rehab Legends
Informationen auf Websites:
- www.rehablegend.com
Informationen auf Twitter:
- #Rehablegend
Was empfehlen Sie für uns in Deutschland?
Sie können bei mir in Großbritannien Abzeichen bestellen. Ich kann Rehab-Legend-Abzeichen in jedes Krankenhaus weltweit schicken. Sie erhalten dann von mir 100 Abzeichen und eine Leuchtbox. Wir betreiben die Websites (Anm. d. Red.: Infos hierzu siehe Textkasten: Rehab Legends) und bieten eine Menge Hilfsmittel wie Rehahandbücher, Zertifizierungen als Rehachampion, Kalender und andere Dinge. Ich sammle Best-Practice-Beispiele, wie man Intensivtagebücher schreibt, einen Rehaplan macht und so weiter. Zu Weihnachten verteilen wir die wunderschönen ICU-Rehab-Adventskalender: eine spezielle Reha-Aufgabe für jeden Tag bis Weihnachten! Man kann all diese Dinge kostenlos nutzen, nichts davon ist urheberrechtlich geschützt. Das Einzige, was Sie tun müssen: Sie müssen die positiven Geschichten an Ihre Mitarbeitenden zurückmelden! Erstellen Sie mit der Zustimmung von Patientinnen und Patienten Fotos, Videos, schriftliche Geschichten und Ähnliches, die beschreiben, wie es ihnen jetzt und später geht. Die Rehab-Legends vervollständigen die Schleife. Sie leisten Frühreha, bitten um Feedback und geben das Feedback an das Team zurück. Damit das Team erkennt, dass es den Unterschied machen kann! Die Patientinnen und Patienten können Danke sagen. Und die Pflegenden erkennen, dass das, was sie mitten in der Nacht oder an einem bestimmten Tag geleistet haben, den Unterschied macht! All die kleinen Dinge, die wir jeden Tag tun, wie jemandem zu helfen, ein Eis zu essen, eine bequeme Position zum Schlafen zu finden, den Angehörigen eine Tasse Tee zu geben, wenn sie traurig sind. Wir denken oft, dass diese kleinen Dinge nicht wichtig sind, aber sie sind am wichtigsten, weil sie dazu führen, dass sich Patientinnen und Patienten umsorgt fühlen!
Interview: Dr. Peter Nydahl
- Kate Tantam, B. Sc.
ist Registered Nurse und Rehabilitation Specialist Senior Sister im Intensive Care Rehabilitation Team des
University Hospitals im englischen Plymouth.