• 10.05.2021
  • PflegenIntensiv

"Alle lieben unseren Therapiehund"

Kate Tantam setzt im University Hospital in Plymouth/England einen Therapiehund auf der Intensivstation ein.

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2021

Seite 69

Das University Hospital in Plymouth/England setzt einen Therapiehund auf der Intensivstation ein. Über die Arbeit mit diesem Tier befragte Dr. Peter Nydahl die Intensivfachpflegende Kate Tantam.

Frau Tantam, wie sieht die Arbeit mit einem Therapiehund auf der Intensivstation aus?

Unser Therapiehund heißt Hovis, ist eine Mischung aus Labrador und Pudel und trägt ein Hundegeschirr mit der Aufschrift „Reha-Hund“. Hovis kam immer zweimal pro Woche, aber während der Pandemie sind Tierbesuche nicht gestattet. Vor seinen Besuchen wusch und pflegte ihn sein Besitzer zu Hause. Außerdem sprühte und desinfizierte dieser seine Füße unmittelbar vor dem Betreten unseres Krankenhauses, bevor Hovis hereinkommt. Zuerst begrüßt Hovis das Team und die meisten von uns knuddeln und tätscheln ihn.

Wie sieht die Arbeit mit Hovis praktisch aus?

Unsere Pflegenden fragen ihre Patienten: „Möchten Sie Hovis sehen?“ Einige sagen ja, andere nein. Und dann gehen Hovis, der Besitzer und ich auf den Patienten zu. Wir positionieren Hovis vorsichtig im Bettbereich, wenn der Patient Thoraxdrainagen und viele Zu- und Ableitungen hat. Hovis sitzt in der Nähe des Bettes auf dem Boden. Wir senken dann das Bett und legen die Hand des Patienten auf den Kopfdes Hundes. Seine Pfoten berühren nie das Bett – die Regel lautet: „Pfoten auf den Boden!“ Einige Intensivstationen verwenden Bettwäsche, legen sie auf das Bett und den Hund darauf, aber wir tun das nicht. Hovis ist groß genug, um die Hände des Patienten auf den Hund zu legen, und das ist für die Infektionskontrolle besser. Und dann ermutigen wir nicht zu lecken, aber der Patient kann dem Hund kleine Leckereien wie Kekse geben und das machen Patienten auch gerne und Hovis mag das auch!

Wie können Hunde wie Hovis für die Frühreha eingesetzt werden?

Wir können die Arme eines Patienten trainieren, indem wir ihn bitten, für Hovis einen Ball zu werfen. Wenn Patienten zu müde für die Mobilisierung sind, ist das natürlich okay, aber meist bejahen sie meine Frage – und fangen tatsächlich an, sich zu bewegen! Mir selbst wollen sie in der Regel keinen Ball zuwerfen, aber gegenüber Hovis haben sie eine ganz andere Motivation. Patient und Hund spielen dann unter unserer Anleitung „Verstecken und suchen“: Hovis geht raus, der Patient wirft den Ball irgendwo in den Raum und Hovis kommt zurück in den Raum und muss den Ball finden. Eine andere Variante ist das Spiel „Fangen“: Der Patient wirft den Ball und Hovis fängt ihn im Flug. Hovis begleitet Patienten auch auf einem Spaziergang – manche unserer Patienten sitzen dabei im Rollstuhl, andere können gehen. Dann sitzt der Patient im Rollstuhl und führt Hovis zu einem Spaziergang, oder wenn die Patienten gehen können, gehen sie mit Hovis spazieren. Wenn es einen Garten auf der Intensivstation gibt, können Patienten und Hovis nach draußen gehen und den Ball im Garten werfen; dies erfordert viel mehr Anstrengungen, weil es ein größerer Wurf ist. Eine einfache Aufgabe ist es, Hovis sanft zu streicheln, denn dies ist eine gute Übung, um die Feinmotorik in den Armen und Händen zu trainieren.

Welche Auswirkungen hat die tiergestützte Therapie?

Meistens ist Hovis einfach da. Sein Spitzname ist „Glück auf vier Pfoten“. Als wir ihn zum ersten Mal auf unsere Intensivstation brachten, dachten wir, er wäre gut für die Patienten. Aber er ist vor allem gut für das Personal! Egal ob Arzt, Professor, Pförtner oder Pflegeperson: Jeder liebt Hovis! Jeder möchte ihn streicheln und mit ihm sprechen. Manchmal, wenn das Team traurig ist und wir Hovis hereinbringen, wird die Stimmung angehoben. Die andere Sache ist, wenn ich als ICU-Liaison Nurse unterwegs bin – ich bin verantwortlich für die Reha nach der Intensivstation und besuche unseren Intensivpatienten auf den Allgemeinstationen – und gehe mit Hovis auf die Stationen, sind die Patienten viel motivierter, aus dem Bett zu kommen.

Wie lange dauert jede Sitzung und wie viele Patienten treffen Hovis?

Hovis weiß genau, wann er aufhören muss. Es ist wirklich skurril. Um die Betten herum ist eine weiße Linie und die Vorhänge gehen über die weißen Linien. Es ist der Bereich des Patienten. Manchmal sitzt Hovis auf der weißen Linie, Pfoten auf dem Boden und wartet. Und wenn er das Gefühl hat, dass der Patient bereit ist, geht er über die Linie zum Patienten. Auch andersherum, wenn Hovis am Krankenbett ist, legen wir die Hand des Patienten auf den Kopf des Hundes und dann beginnen die Patienten, ihre Hand zu bewegen, die Augen zu öffnen, den Kopf zu drehen, wacher zu werden. Wenn der Patient den Hund fünf, zehn oder dreißig Minuten streichelt, zieht sich Hovis von sich aus zurück, sobald er merkt, dass der Patient schläfrig wird. Dann waschen wir allen die Hände und gehen zum nächsten Patienten. Manchmal sieht Hovis vier Patienten, manchmal sechs Patienten, das hängt von den Patienten ab. Oder zwei Patienten auf der Intensivstation und vier Patienten auf den allgemeinen Stationen. Und natürlich das Personal – alle Mitarbeitenden lieben ihn! Und jeder ist daran interessiert, mehr Therapiehunde auszubilden, damit wir in einer Woche mehr Hundetherapie haben können.

Setzen Sie nur Hunde ein oder haben Sie auch andere tierische Therapiehelfer?

Wir setzen nur Hunde ein. Katzen wären auch zum Spielen geeignet, haben aber Bakterien, die für Intensivpatienten schädlich sein können. Einige Pflegeheime verwenden Kaninchen, aber auch diese sind für Intensivpatienten zu infektiös. Einige Kinderkliniken setzen Shetland Ponys ein. Es gibt schöne Videos von diesen Besuchen – die Ponys tragen Hörner und sehen daher aus wie Einhörner. Die Kinder lieben sie.

Welche besonderen Anforderungen bringt die tiergestützte Therapie mit sich?

Als wir anfingen, fragten wir zuerst unsere Hygieneabteilung. Wir haben eine Richtlinie für Haustierbesuche, einschließlich Checklisten. Und es gibt jetzt zwei Empfehlungen unserer nationalen Intensivorganisationen, an denen ich auch mitgearbeitet habe. Unterschätzen Sie nicht den Hundehalter! Wenn diese Person es nicht gewohnt ist, kritisch kranke Patienten zu sehen, kann es sie und das Tier beunruhigen. Während des Besuchs gibt es eine Aufsicht für den Hund, aber auch für den Halter und natürlich den Patienten. Meine Aufgabe als Pflegende ist es, das Wohlergehen aller im Blick zu haben. Hilfreich ist pragmatischer Ansatz. Ich habe alle Checklisten in unserer nationalen Leitlinie geschrieben, um es den Kollegen leicht zu machen.

Haben Sie jemals erlebt, dass etwas schiefging?

Nein, niemals. Die schlimmste Situation ist, wenn ein Hund jemanden leckt. Lecken ist nicht erlaubt. Bevor wir Hovis auf die Intensivstation ließen, machten wir ein Simulationstraining mit ihm. Wir gingen zu einem Simulationstrainingszentrum mit einem meiner Kollegen, der sich ins Bett legte, mit angeklebten Thoraxdrainagen, Zu- und Ableitungen, Monitoring und so weiter. Wir hatten Monitoralarme und Piepen und alle möglichen Sachen, um zu testen, wie Hovis reagierte, und es ging ihm gut. Hovis hat einen Bruder, genannt Harvey, den wir auch trainiert haben. Harvey ist ein Cockerpudel, hypoallergisch und damit gut für Patienten. Beide konnten uns während der COVID-19-Krise nicht besuchen, und wahrscheinlich müssen wir sie erst einmal wieder trainieren, bevor sie die Patienten besuchen können.

Welche Empfehlungen haben sie für eine tiergestützte Therapie in Deutschland?

Nutzen Sie die Empfehlungen und Leitlinien, die wir in Großbritannien anbieten. Das Schwierigste ist, einen Freiwilligen zu finden, der seinen Hund für solche Patientenbesuche zur Verfügung stellt. Fragen Sie zunächst die Mitarbeitenden, die einen Hund besitzen. Für den Einsatz des Hundes brauchen die verantwortlichen Pflegefachpersonen eine spezielle Ausbildung. In Großbritannien ist zusätzlich eine Registrierung nötig. Das Schwierigste ist die Infektionskontrolle. Am Anfang werden alle „Nein“ sagen. Aber wenn Sie einen Außenbereich finden, in dem Patienten Therapiehunde treffen können, dann können Sie Reaktionen beobachten und all die positiven Patientenerfahrungen berichten. Und dann können Sie fragen: „Was ist, wenn wir den Hund hereinbringen?“

Interview: Dr. Peter Nydahl

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