• 15.11.2020
  • PflegenIntensiv
Pflegeentwicklung auf der Intensivstation

"Pflegevisite fest in Stationsablauf integriert"

Lars Krüger ist Pflegewissenschaftler (B. A.) und Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege. Der 35-Jährige ist zuständig für die Fort- und Weiterbildung in der Intensivpflege im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen.

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2020

Seite 42

Im Herz- und Diabeteszentrum NRW finden seit drei Jahren Pflegevisiten statt. Ziele sind, den Pflegenden eine Reflexion ihrer praktischen Arbeit zu ermöglichen, die Pflegeentwicklung voranzutreiben und – nicht zuletzt – den Patienten als individuelle Persönlichkeit in den Fokus zu rücken. Über die Details sprachen wir mit Projektinitiator Lars Krüger.

Herr Krüger, auf der Chirurgischen Intensivstation 3 des Herz- und Diabeteszentrums Nordrhein-West- falen (HDZ NRW) finden seit drei Jahren wöchentlich Pflegevisiten statt. Wie ist es dazu gekommen?

Es begann mit einem wissenschaftlichen Praxisprojekt Mitte 2017 im Rahmen meines pflegewissenschaft- lichen Studiums an der Hochschule Osnabrück. In diesem Projekt ging es darum, auf meiner Heimatstation – der Chirurgischen Intensivstation 3 – eine kollegial beratende Variante der Pflegevisite modellhaft einzuführen. Anstoß war die Auseinandersetzung mit dem Thema in meinem Studium. Ich fand es sehr interessant, dass es viele unterschiedliche Ansätze von Pflegevisiten gibt und dass dieses Instrument keineswegs einzig der Mitarbeiter- und Dokumentationskontrolle dient. Das ist ja eine häufige Annahme.

Deshalb nannten Sie Ihren Ansatz bewusst „kollegial beratend“. Was wollten Sie mit der Einführung einer regelmäßig stattfindenden Pflegevisite erreichen?

Meine Hauptintention war, den Kolleginnen und Kollegen meiner Station eine Hilfestellung für die praktische Versorgung zu bieten. Die Pflegevisite sollte ihnen die Möglichkeit bieten, ihr professionelles Handeln zu reflektieren und im Rahmen eines definierten Zeitraums – zum Beispiel einer halben Stunde – den Fokus auf die Patienten als individuelle Persönlichkeiten zu richten. Ich will damit nicht sagen, dass wir die menschliche Komponente bei der Patientenversorgung vorher nicht im Blick hatten – ganz im Gegenteil. Aber eine Intensivstation ist nun mal eine Maximalversorgungseinheit. Besonders in einer Universitätsklinik wie unserer sind Patienten häufig in große Maschinenparks eingebettet. Die komplexe Technik erschwert es uns Pflegenden, die individuellen Bedürfnisse der Patienten herauszufiltern und in die Versorgung einfließen zu lassen. Vor diesem Hintergrund sollten im Rahmen einer regelmäßigen kollegial beratenden Pflegevisite versorgungsrelevante Fragen diskutiert werden: Welche Probleme und Ressourcen hat der Patient? Was bedeuten diese für die pflegerische Versorgung? Erfordert die aktuelle Situation womöglich, von klinikinternen Standards abzuweichen? Genau diese Flexibilität bei gleichzeitig höchstmöglicher Handlungs- und Patientensicherheit ist insbesondere für Pflegende mit geringer Berufserfahrung – zum Beispiel Berufsanfänger und neue Mitarbeiter – eine große Herausforderung.

Die kollegial beratende Pflegevisite verstehen Sie also primär als Angebot für unerfahrene Pflegende?

Grundsätzlich soll die Pflegevisite ein Angebot für alle sein. Auch Kollegen, die bereits seit 20 Jahren oder länger auf einer Intensivstation tätig sind, profitieren davon, ihr Handeln zu reflektieren und sich beispielsweise für 30 Minuten gemeinsam mit der visierenden Person auf einen Patienten zu fokussieren. In der Tat soll das Instrument aber schwerpunktmäßig den jüngeren Kollegen Unterstützung bieten. Sie sollen sich gezielt fachlich weiterentwickeln können und vor allem gehört werden – mit den Themen und Fragen, die sie gerade beschäftigen. Darüber hinaus soll die Pflegevisite die Möglichkeit bieten, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Pflegepraxis zu integrieren.

Soll die Pflegevisite darüber hinaus auch der Mitarbeiter- und Dokumentationskontrolle dienen?

Wir schauen uns im Rahmen der Pflegevisite natürlich auch die Dokumentation an. Das Ziel ist wie gesagt, den Kollegen praktisch orientierte Hilfestellung zu bieten – und das betrifft auch die Dokumentation. Denn aufgrund der immer komplexeren Therapie entstehen häufig auch in diesem Bereich Unsicherheiten und Klärungsbedarf. Die Pflegevisite bietet die Möglichkeiten, Fragestellung jeglicher Art gemeinsam zu besprechen.

Können Sie bitte den Ablauf der kollegial beratenden Pflegevisite beschreiben?

Im Rahmen des studentischen Projekts fand die Pflegevisite immer mittwochs statt. Zwei Pflegende waren dafür freigestellt, was eine hervorragende Unterstützung seitens des Pflegemanagements darstellte. Das Ganze startete um 9.00 Uhr. Anhand der jeweiligen Stationsbelegung erfolgte eine Auswahl, welche Patienten visitiert werden sollten.

Die Auswahl erfolgte also nicht mitarbeiter-, sondern patientenbezogen?

Genau. Hierfür waren bestimmte Kriterien definiert. Erstens musste der Patient mindestens drei Tage auf der Station liegen, zweitens durfte er nicht am gleichen Tag verlegt werden und drittens sollte er sich nicht im präfinalen Zustand befinden, da hierzu eine Beratung im Sinne des Palliative Critical Care benötigt wird.

Steht die patientenbezogene Auswahl nicht im Widerspruch zu Ihrem Kernanliegen, insbesondere unerfahrene Kollegen zu unterstützen?

Nein, denn neben der patientenbezogenen Auswahl anhand von Kriterien bestand immer die Möglichkeit anlassbezogener Pflegevisiten – etwa wenn Pflegende den Wunsch äußerten, bei einem bestimmten Patienten visitiert zu werden.

Wie sah der zeitliche Ablauf der Pflegevisite aus, nachdem die Patientenauswahl getroffen war?

Das Konzept sah ein Vorgehen in drei Schritten vor. Im ersten Schritt, der Vorbereitung, sprachen wir mit den zuständigen Pflegenden ab, wann die Pflegevisite zeitlich stattfinden sollte. Diese Verständigung klappte im Projekt erfreulicherweise sehr gut – die Kollegen timten ihre Arbeitsabläufe tatsächlich so, dass sie zum verabredeten Zeitpunkt auch wirklich immer Zeit hatten. Für den zweiten Schritt, die Patientenversorgung am Bett, waren 30 Minuten eingeplant. Der dritte Schritt war die Nachbesprechung. Hierfür standen 15 Minuten zur Verfügung.

Wie sah der zweite Schritt, die praktische Versorgung, konkret aus?

Zunächst stellte die zuständige Pflegefachperson den jeweiligen Patienten vor. Darauf folgte die gemeinsame Entwicklung einer Lösungsstrategie: Im Rahmen eines eruierenden Gesprächs wurde im Dreierteam besprochen, welche Problemlagen sich aktuell beim Patienten ergaben und was pflegerisch getan werden konnte, um diese zu beheben. Es wurden also gemeinsam Probleme und Ressourcen, Maßnahmen und Ziele vereinbart.

In der darauffolgenden Nachbesprechung gaben Sie sich alle gegenseitig Feedback?

Ja, so kann man es sagen. Im Feedbackgespräch wollten zunächst wir als visitierende Pflegefachpersonen wissen, wie die Kollegen die Pflegevisite empfunden haben. Die Rückmeldungen waren erfreulicherweise durchweg positiv. Besonders gut kam an, dass tatsächlich die pflegerische Versorgung des Patienten im Fokus stand und nicht der Kontrollaspekt. Anschließend haben natürlich auch wir als die begleitenden Pflegefachpersonen ein Feedback zur Vorstellung des Patienten und zur praktischen Versorgung gegeben. Dies erfolgte aber immer auf einer respektvollen und wertschätzenden Grundlage. Wenn es Optimierungsbedarf gab, haben wir das aber auch angesprochen.

Zum Abschluss des Projekts haben Sie in einer Fragebogenerhebung untersucht, wie Ihre Stationskollegen das Instrument der Pflegevisite einschätzen. Was war das Ergebnis?

Die Kollegen äußerten sich insgesamt sehr positiv. Wie gesagt – viele Pflegende glauben, dass eine Pflegevisite der Kontrolle dient – als Vorwand also, um ihre Arbeit zu kontrollieren. Dass dies in den durchgeführten Pflegevisiten nicht im Vordergrund stand, sondern die Versorgung des Patienten, wurde von allen honoriert. Die Pflegevisite wurde somit als hilf-reiche Unterstützung der Berufspraxis erlebt. Viele Kollegen waren darüber hinaus der Ansicht, dass mit diesem Instrument die Pflegequalität gesteigert werden konnte.

Das Projekt liegt nun fast drei Jahre zurück. Finden auf der Station immer noch Pflegevisiten statt?

Weiterhin finden jeden Mittwoch Pflegevisiten statt. Das Pflegevisitenteam hat sich etwas vergrößert, sodass sich jetzt – mit mir – insgesamt vier Personen darin befinden. Um verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen, wechseln wir uns ab – jede Woche ist jemand anderes für die Pflegevisite zuständig. Es gibt unter uns eine kleine Übergabe mit Hinweisen, welche Patienten auf jeden Fall in der nächsten Woche noch mal in die Visite aufgenommen werden sollen. In dieser Re-Visite können wir dann prüfen, ob die vereinbarten Maßnahmen greifen. Leider ist es derzeit nicht möglich, an den Pflegevisitentagen zwei Pflegende freizustellen. Jedoch versuche ich – sofern es meine Ressourcen zulassen – als zweite Person punktuell mit dazuzukommen.

Inwiefern ist dies von Vorteil?

Die Erfahrung hat gezeigt, dass zwei Personen als Visitierende oft zu weiteren Lösungen für die individuelle Pflege der Patienten führen.

Gibt es Abwandlungen beim Ablauf?

Eigentlich nicht. Aber wir haben die Dokumentation der Pflegevisite digitalisiert, was sich als sehr praxisfreundlich erweist. Die identifizierten Probleme und Ressourcen, Ziele und Maßnahmen sind somit mit einem Klick in der digitalen Patientenakte abrufbar. Mittelfristig planen wir, das Vorgehen erneut schriftlich mittels Fragebogen zu evaluieren und die Ergebnisse mit denen von 2017 zu vergleichen.

Wie nehmen die Kollegen die Pflegevisite heute wahr?

Für die Pflegenden ist die Pflegevisite fest in den Stationsablauf integriert und sie wird von vielen auch aktiv eingefordert. Viele Kollegen empfinden es als positive Unterstützung, dass wir nicht einfach nur in den Patientenzimmern sind, sondern auch aktiv mitwirken. Wenn zum Beispiel der Patient einen Positionswechsel benötigt, sind wir mit am Bett und unterstützen. Dieser Prozess kann dann auch gut mit einer Hautinspektion verbunden werden und mit der Frage, ob gegebenenfalls eine Weichlagerungsmatratze eingebettet werden soll.

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