Zwei Mitarbeiter des Universitätsklinikums Bonn haben untersucht, wie häufig es auf Intensivstationen zu Alarmen von Monitoren und Medizingeräten kommt, wie die Pflegenden diese wahrnehmen und was die Auswirkungen sind. Die Ergebnisse sind überraschend – und zeigen Handlungsbedarf auf.
Herr Nositschka, Herr Zoller, gemeinsam haben Sie untersucht, wie Alarme auf der Intensivstation von Pflegenden wahrgenommen werden. Wie sind Sie bei Ihrer Untersuchung vorgegangen?
Richard Zoller: Mein Kollege Jan Nositschka hatte im Rahmen seiner Fachweiterbildung die Idee, die Alarmwahrnehmung der pflegerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genauer zu untersuchen. Als Koordinator Pflege der Stabsstelle Medizinisch-Wissenschaftliche Technologieentwicklung und -koordination unterstützte ich ihn bei seiner Erhebung.
Jan Nositschka: Die Untersuchung erfolgte auf drei operativen Intensivstationen des Universitätsklinikums Bonn. Die Analyse setzte sich aus zwei Teilen zusammen. Für den ersten Teil setzte ich mich an die Stützpunkte der Intensivstationen und zählte alle aufkommenden Alarme. Ich beobachtete, bei welchen Patienten diese ertönten und um welche Art von Alarmen es sich handelte. Im Anschluss befragte ich die Pflegefachpersonen der jeweiligen Schicht, ob, welche und wie viele Alarme bei ihren Patienten aufkamen. Im zweiten Teil der Erhebung verteilte ich unter den Pflegenden der drei Intensivstationen einen Fragebogen. Ich wollte erfahren, wie die Kolleginnen und Kollegen zu den Alarmen stehen. Erachten sie die Alarme als wichtig und hilfreich? Fühlen sie sich gestört von der Menge oder der Lautstärke der Alarme? Wenn ja: In welcher Art fühlen sie sich gestört? Oder empfinden die Pflegenden die Alarme nicht so störend bzw. nehmen sie als gegeben hin?
Was haben Sie herausgefunden?
Jan Nositschka: Die Ergebnisse waren durchaus überraschend. Die Pflegenden verschätzten sich beispielsweise massiv, was die Anzahl der Alarme betrifft. So gaben alle befragten Personen an, dass es bei ihren Patienten deutlich öfter alarmiert habe, als es tatsächlich der Fall war. Bei sechs von sieben Patienten gab es gar keine Alarme – trotzdem äußerten alle betreuenden Pflegenden, dass es bei den Patienten vier- bis sechs- mal alarmiert hätte. Alle Pflegenden gaben zudem an, dass es sich in dieser halben Stunde um Blutdruck- und Sättigungsalarme gehandelt habe. Dies legt den Schluss nahe, dass Pflegende auf der Intensivstation den Eindruck haben, dass es nahezu ständig alarmiert – auch bei den eigenen Patienten.
Nehmen Pflegende Alarme als hilfreich oder belastend wahr?
Jan Nositschka: Die befragten Personen halten Alarme von Monitoren und Medizingeräte für wichtig und sinnvoll. Den Angaben in den Fragebögen zufolge unterstützen Alarme die Arbeit auf der Intensivstation, deshalb werden sie als hilfreich angesehen. Auf der anderen Seite gaben viele Pflegenden an, dass die Alarme zu laut und zu häufig ertönen sowie dass sie die Konzentration stören. Das ist ein aus unserer Sicht bedenkliches Ergebnis, denn in einem so hoch spezialisierten Bereich wie einer Intensivstation ist Konzentration der Mitarbeitenden eine wichtige Voraussetzung, um die Patientensicherheit zu gewährleisten. Insofern ist diese Aussage der Pflegenden eine wichtige Information, die an die Hersteller der entsprechenden Medizingeräte zu richten ist.
Richard Zoller: Therapien auf der Intensivstation werden immer differenzierter, der Einsatz von vernetzter und spezialisierter Medizintechnik schreitet im heutigen Informationszeitalter stark voran. Dies zeigt sich beispielsweise in elektronischen Dokumentationssystemen. Die Datendichte, die aufgezeichnet wird, ist – verglichen mit der aus dem Papierzeitalter – explodiert. All dies stellt hohe Ansprüche an die Perzeption – also die Wahrnehmung. Wir brauchen in der Intensivpflege gute Konzepte, um Informationen zu managen. Dazu gehört auch – und gerade – der Umgang mit Alarmen von Medizingeräten.
Welche Empfehlungen für die Praxis lassen sich aus Ihrer Untersuchung ableiten?
Jan Nositschka: Es gibt keine einzelne einfache Lösung. Allein schon deshalb nicht, weil die Ursachen für Alarme vielseitig sind. Zur Beherrschung der Alarme von Medizingeräten ist aus unserer Sicht ein Ansatz aus drei Säulen zielführend: Team, Training, Technik. Aufgabe der Leitungen muss es sein, das Team ausreichend für das Thema zu sensibilisieren. Es ist grundsätzlich sicherzustellen, dass Alarme möglichst zügig quittiert und somit als Lärmquelle ausgeschaltet werden. Denn Alarme sind immer eine Unterbrechung der Arbeit und der Konzentration. Jeder Alarm macht quasi auf sich aufmerksam und verlangt eine Einschätzung, ob Handlungsbedarf besteht – oder nicht. Die meisten Alarme sind Fehlalarme. Gerade die Menge der Fehlalarme gilt es zu reduzieren. Das Einstellen und Adaptieren der Alarme an den Zustand des Patienten sollte sorgfältig erfolgen. Dies klingt einfach und nahezu selbstverständlich, doch dies ist nicht trivial und muss trainiert werden. Dies wäre dann die zweite Säule – das Training. Die Zeit zur Übergabe bietet sich dafür an.
Richard Zoller: Die technische Seite lässt sich vielleicht nur indirekt beeinflussen, denn dies ist nicht nur ein Auftrag an die Pflegefachperson vor Ort, sondern auch ein Appell an die Hersteller. Monitore müssen so entwickelt und konfigurierbar sein, dass das notwendige Maß an Sensitivität vorhanden und ein größtmögliches Maß an Spezifität erreichbar ist. Dadurch kann im Zusammenspiel von Mensch und Maschine eine hohe Gesamtsensitivität nur erreicht werden, wenn die Spezifität der Monitoranlagen einer Desensibilisierung der Anwender entgegenwirkt. Künftig können Applikationen hilfreich sein, etwa um Alarme auf mobilen Geräten zu empfangen.