Untersuchung Mitarbeiter von Intensivstationen sind häufig von
Burn-out betroffen, insbesondere Pflegende. Welche Belastungen
im Berufsalltag sind dafür verantwortlich und wo bestehen Ansätze
für eine wirksame Prävention? Diese Fragen standen im Fokus
einer Studie am Universitätsklinikum Heidelberg.
Burn-out ist ein psychologisches Syndrom, das sich meist dann entwickelt, wenn Betroffene über einen längeren Zeitraum beruflichem Stress ausgesetzt sind. Burn-out entsteht meist aus dem Zusammenspiel aus emotionalem berufsbezogenen Stress, extremem Engagement und bestimmten begünstigenden Charaktereigenschaften (1).
Burn-out erstmals 1970 beschrieben
Burn-out wurde erstmals 1970 vom deutsch-amerikanischen Psychologen und Psychoanalytiker Herbert Freudenberger (1926–1999) und der US-amerikanischen emeritierten Professorin für Psychologie, Christina Maslach, beschrieben. Bis heute existiert keine einheitliche Definition von Burn-out. Freudenberger beschreibt das Syndrom als die Unfähigkeit, mit emotionalem Stress am Arbeitsplatz umzugehen. Maslach definiert Burn-out als emotionales Erschöpfungssyndrom, das mit Zynismus verbunden ist. Laut Maslach tritt Burn-out am häufigsten unter Beschäftigten im Dienstleistungsbereich auf, etwa bei Pflegenden und Ärzten. Die Definitionen von Freudenberger und Maslach beinhalten beide das individuelle Gefühl emotionaler Erschöpfung, das Burn-out auslöst.
Burn-out ist nicht als Krankheit im „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder (DSM-5)“ anerkannt. In der „Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10)“ ist es dennoch unter Z73.0, „Problems related to life-management difficulty“, aufgeführt. Burn-out wird dort nicht als Krankheit beschrieben, sondern als ein psychologischer und physiologischer Zustand, der mit Problemen mit der Lebensführung zusammenhängt.
Derzeit existieren zwei Verfahren, um ein Burn-out zu diagnostizieren oder das Burn-out-Risiko zu bestimmen: den Maslach Burn-out Inventory (MBI) (2) und den Copenhagen Burnout Inventory (CBI) (3). Es handelt sich hierbei um Fragebögen, die von den Betroffen selbstständig ausgefüllt werden. Je nach Messverfahren gibt es unterschiedliche Burnout-Subskalen. Der Copenhagen Burn-out Inventory besteht beispielsweise aus drei Kategorien:
- personal burnout (persönlicher Burn-out),
- work related burnout (arbeitsbedingter Burn-out),
- patient related burnout (patientenbezogener Burn-out).
Die Symptome des Burn-out-Syndroms variieren häufig in ihrem Schweregrad und in ihrer Erscheinung. Zudem werden persönlichkeitsbedingte Unterschiede differenziert. Insbesondere die physiologischen Symptome sind häufig unspezifisch und entwickeln sich schrittweise.
Burn-out beginnt häufig mit psychosomatischen Symptomen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Fatigue und Essstörungen unterschiedlicher Schwere und Art. Außerdem können psychologische und verhaltensbezogene Probleme wie Aggressivität, emotionale Instabilität, Angstzustände, Gleichgültigkeit, Antriebsschwäche und eine allgemein getrübte Stimmung auftreten. Bevor Burn-out diagnostiziert werden kann, sollten organische Ursachen untersucht und ausgeschlossen werden (4).
Pflegende oft betroffen
Angehörige aller Gesundheitsberufe sind von Burn-out betroffen, am häufigsten jedoch Ärzte und Pflegende, die auf Intensivstationen tätig sind (1). Mehrere Studien haben sich in den vergangenen Jahren ausführlich mit dem Thema Burn-out im intensivmedizinischen Bereich befasst. Die Untersuchungen zeigen eindrucksvoll, dass das Burn-out-Risiko und die Arbeitsunzufriedenheit unter Fachkräften auf Intensivstationen in Europa und den USA drastisch gestiegen sind (7).
Eine Studie, in der die Arbeitsbedingungen in zwölf europäischen Ländern miteinander verglichen wurden, zeigte, dass in Deutschland 37 Prozent der Intensivpflegenden mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden sind. 30 Prozent der Pflegenden gaben in dieser Studie zudem an, von Burn-out betroffen zu sein, und 36 Prozent äußerten den Wunsch, den Beruf in den nächsten Jahren zu verlassen (8). Zum Vergleich: In Griechenland gaben 78 Prozent der befragten Intensivpflegekräfte an, vom Burn-out-Syndrom betroffen zu sein, und in Großbritannien äußerten dies 42 Prozent. Am wenigsten betroffen von Burn-out sind laut dieser Studie Intensivpflegende in Schweden (29 %), Norwegen (24 %) und Finnland (22 %).
Diese Zahlen und Fakten haben eine gravierende Bedeutung für Intensivstationen. Denn Burn-out führt zu zahlreichen negativen Auswirkungen:
- verminderte Pflegequalität,
- geringere Zufriedenheit von Patienten,
- steigende Kosten aufgrund von Arbeitsausfall, Arbeitsunzufriedenheit und einer hohen Fluktuationrate,
- negativer Einfluss auf die Teamarbeit,
- höheres Risiko von Konflikten unter Mitarbeitern und im Umgang mit Angehörigen.
Wie häufig sind Intensiv-pflegende betroffen?
Angesichts der zahlreichen negativen Auswirkungen von Burn-out ist es notwendig, Stressfaktoren auf einer Intensivstation zu identifizieren und zu eliminieren. Ziel muss es sein, die Gesundheit der Intensivpflegenden aktiv zu fördern.
Am Universitätsklinikum Heidelberg wurde die Burn-out-Rate unter den Intensivpflegenden gemessen und ermittelt, ob es einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Burn-out und dem Arbeitssystem der Intensivstation gibt. Die Untersuchung bestand aus einer Befragung mittels Online-Fragebogen und persönlichen Interviews mit vier ausgewählten Pflegenden.
Der Fragebogen bestand aus 34 Items. Der erste Teil befasste sich mit persönlichen Eigenschaften wie Beruf, Alter und Geschlecht; der zweite Teil bestand aus dem Copenhagen Burnout Inventory (CBI). Die Fragen des CBI werden mittels einer Fünf-Punkte-Skala beantwortet, wobei der Wert 1 für „immer“ und der Wert 5 für „nie“ oder „so gut wie nie“ steht. Eine Gesamtpunktzahl von über 50 legt nahe, dass die Person von Burn-out betroffen ist. Mit dem CBI lässt sich erheben, ob eine Person von persönlichen, arbeitsbezogenen, patientenbezogenen oder teambezogenen Burn-out betroffen ist. Es ist möglich, dass eine Person von mehr als einer Burn-out-Form betroffen ist.
Von 92 Pflegenden auf zwei Intensivstationen des Universitätsklinikums Heidelberg füllten 30 den Fragebogen aus. Die Erhebung zeigte, dass 18 der 30 befragten Pflegenden, also 60 Prozent, von einem persönlichen Burn-out, 18 Pflegende (60 %) von einem arbeitsbezogenen Burn-out, acht (26,7 %) Pflegende von einem patientenbezogenen Burn-out und neun (30 %) von einem teambezogenen Burn-out betroffen waren.
Alle Pflegenden wurden gebeten, sich für ein freiwilliges persönliches Interview mit der Erstautorin dieses Artikels zur Verfügung zu stellen. Vier Pflegende kamen dieser Bitte nach. Die Interviews sollten exemplarisch aufzeigen, welche Faktoren die Burn-outs bei Pflegenden auf der Intensivstation begünstigen.
Die Auswertung der Interviews zeigte, dass unzureichendes Teamwork, die konstant hohe Arbeitsbelastung mit einer hohen Zahl zu versorgender Patienten und die enorme Verantwortung, das das Personal trägt, von den Intensivpflegenden als besonders belastend empfunden werden. Die Arbeit auf der Intensivstation wird aufgrund des unnatürlichen Lichts, des kontinuierlichen Lärms und der generell „geschäftigen“ Atmosphäre als kraftraubend beschrieben.
Die Arbeitsbedingungen auf Intensivstationen erfordern eine höhere Qualifizierung und die Fähigkeit, effektiv als Team zu arbeiten. Die Qualität der Teamarbeit steht damit im Zusammenhang mit dem Druck, der auf dem Pflegeteam lastet, um den Anforderungen gerecht zu werden. Außerdem gibt es einen Zusammenhang zwischen der Arbeitszufriedenheit und einem effektiven Konfliktmanagement sowie der Teamdynamik.
Die Beziehungen zwischen Kollegen haben somit nicht nur einen Einfluss auf die Patientensicherheit, sondern auch auf die Arbeitszufriedenheit sowie die physische und psychische Gesundheit der Intensivpflegenden.
Die Analyse der Interviews ergab zudem, dass Intensivpflegende oft keine Zeit haben für Pausen. Dies ist bedenklich, da Zeitdruck und eine konstante hohe Arbeitsbelastung die Entstehung von Burn-out begünstigt. Außerdem gaben die Pflegenden an, dass sie außer der Kanzel, wo sich das Zentralmonitoring befindet, keinen Raum haben, um in Ruhe Pause zu machen. Zeitmangel für Pausen sowie zum Essen und Trinken steigert das Stresslevel und hat demnach einen negativen Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit der Intensivpflegenden. Dies trägt zur Entstehung eines Burn-outs bei.
Verschiedene Studien haben gezeigt, dass das Burn-out-Risiko in Lehrkrankenhäusern im Vergleich zu normalen Krankenhäusern höher ist. Eine mögliche Ursache: Lehrkrankenhäuser behandeln häufig schwerere Fälle mit geringeren Behandlungserfolgschancen. Außerdem weisen Universitätsklinika eine höhere Patientenfluktuation auf. Diese Umstände begünstigen die Entstehung von Burn-out.
Die Interviewanalyse ergab außerdem, dass ethische und moralische Konflikte, fehlende Selbstbestimmung und häufige Unterbrechungen bei der Durchführung pflegerischer Maßnahmen das Stresslevel erhöhen. Auch die hohe Sterblichkeitsrate von Intensivpatienten sowie die Art und Weise, wie die Betroffenen sterben, begünstigen zusätzlich die Entstehung von Burn-out.
In der Erhebung gaben die Pflegenden an, dass der Zeitdruck aufgrund hoher Arbeitsbelastung in fast jeder Schicht hoch sei. Die Pflegenden sind dann häufig nicht in der Lage, ihre Arbeit ordnungsgemäß durchzuführen. Dies kann zu ethischen Konflikten und negativem Stress führen.
Persönliche Charaktereigenschaften können ebenso einen Einfluss auf die Entstehung von Burn-out haben. In dieser Studie fiel zudem auf, dass eine höhere Zahl weiblicher Pflegender von Burn-out betroffen war als männliche.
Gute Arbeits- bedingungen schaffen
Die befragten Intensivpflegenden gaben an, dass bessere Arbeitsbedingungen arbeitsbedingten Stress reduzieren würden. Wichtig ist den Befragten der private Bereich, der zur Erholung genutzt wird und sich so positiv auf die physische und psychische Gesundheit auswirkt. Außerdem befürworten die Pflegenden Interventionen, die das Teamgefüge stärken und dazu beitragen, die Arbeitsatmosphäre zu verbessern. Daraus lässt sich ableiten, dass eine Umstrukturierung des Arbeitsumfelds und die Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit das Burn-out-Risiko von Intensivpflegenden senken können.
Die Berücksichtigung von Dienstplanwünschen und genügend freie Tage zwischen Diensten zur Erholung trägt ebenso zur Verbesserung des Wohlbefindens der Pflegenden bei. Mehr Personal reduziert arbeitsbedingten Stress und senkt somit das Burn-out-Risiko.
Die befragten Pflegenden gaben zudem an, dass positives Feedback, Respekt und Verständnis innerhalb des Teams sowie seitens des Managements und anderer Gesundheitsberufe sich positiv auf die physische und psychische Gesundheit auswirkt. Demzufolge sollte die Verbesserung des Arbeitsumfeldes und des Arbeitssystem der Intensivstation höchste Priorität sein um die Gesundheit der Intensivpflegekräfte zu schützen und zu fördern.
(1) Chuang C-H, Tseng P-C, Lin C-Y, Lin K-H, Chen Y-Y. Burnout in the intensive care unit professionals: A systematic review. Medicine (Baltimore). 2016;95(50):e5629.
(2) Maslach C, Jackson SE. The measurement of experienced burnout. J Organ Behav. 1981;2(2):99–113.
(3) Kristensen TS, Borritz M, Villadsen E, Christensen KB. The Copenhagen burnout inventory: a new tool for the assessment of burnout. Work Stress. 2005;19(3):192–207.
(4) Poncet MC, Toullic P, Papazian L, Kentish-Barnes N, Timsit J-F, Pochard F, et al. Burnout syndrome in critical care nursing staff. Am J Resp Crit Care Med [Internet]. 2007;175(7): 698–704. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17110646
(5) Rothschild JM, Landrigan CP, Cronin JW, Kaushal R, Lockley SW, Burdick E, et al. The Critical Care Safety Study: The incidence and nature of adverse events and serious medical errors in intensive care. Crit Care Med. 2005;33(8):1694–700.
(6) Bracco D, Favre JB, Bissonnette B, Wasserfallen JB, Revelly JP, Ravussin P, et al. Human errors in a multidisciplinary intensive care unit: A 1-year prospective study. Intensive Care Med. 2001;27(1):137–45
(7) Carod-Artal FJ, Vazquez-Cabrera C. Burn-out Syndrome in an International Setting. In: Burnout for Experts: Prevention in the context of living and working. Bährer-Koh. New York: Springer; 2013. p. 15–35
(8) Aiken LH, Sermeus W, Van Den Heede K, Sloane DM, Busse R, McKee M, et al. Patient safety, satisfaction, and quality of hospital care: Cross sectional surveys of nurses and patients in 12 countries in Europe and the United States. BMJ. 2012;344(7851):1–14
(9) Shoorideh FA, Ashktorab T, Yaghmaei F, Alavi Majd H. Relationship between ICU nurses’ moral distress with burnout and anticipated turnover. Nurs Ethics. 2015;22(1): 64–76