Diesen Sommer wurde das Zertifikat „Angehörigenfreundliche Intensivstation“ zum 250. Mal verliehen. Zeit für ein vorläufiges Resümee: Was hat die 2007 gestartete Zertifizierung bis heute bewirkt? Wie gehen Intensivstationen heute mit Angehörigen um?
Marina Ufelmann ist seit 2006 in der Intensivpflege tätig. An die Art und Weise, wie damals auf der Intensivstation mit den Verwandten der Patienten umgegangen wurde, denkt die 32-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin für Intensivpflege und Anästhesie heute nur ungern zurück. „Es gab feste Zeitkorridore von zwei bis drei Stunden pro Tag, in denen Angehörige auf die Station gelassen wurden“, sagt die weitergebildete Praxisanleiterin, die als zentrale Praxisanleiterin auf den Intensivstationen im Klinikum rechts der Isar in München tätig ist. „Patienten wurden dann, wenn möglich, für die Besuchszeit besonders schön hingelegt. Zudem wurden pflegerische Maßnahmen so organisiert, dass sie nicht zu dieser Zeit stattfanden. Ansonsten haben wir uns kaum Gedanken über Angehörige gemacht.“
Pflegeforschung bewirkte Umdenken
Nicht nur im Klinikum rechts der Isar, sondern in ganz Deutschland glichen Intensivstationen bis vor nicht allzu langer Zeit selbst für die Angehörigen der dort behandelten Patienten – überspitzt ausgedrückt – hermetisch geschlossenen Trutzburgen: Mit Hinweis auf Keime durften nur die allernächsten Verwandten, in Schutzkleidung verpackt, für eine halbe Stunde ans Krankenbett. Diese Besuche galten zudem als Stressbelastung für die Patienten.
Pflegewissenschaftliche Untersuchungen, die die gängigen Besuchszeiten auf Intensivstationen unter die Lupe nahmen, bewirkten im neuen Jahrtausend ein allmähliches Umdenken. Die Wittener Pflegewissenschaftlerin Sabine Metzing konnte beispielsweise in ihrer Masterarbeit zeigen, dass Angehörige für Intensivpatienten eine enorme Bedeutung haben: Sie motivieren den Patienten durchzuhalten und sind damit, so die Schlussfolgerung Metzings, für den schwerkranken Menschen überlebenswichtig.
Die damalige Professorin für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke (UWH), Angelika Zegelin, griff das Thema auf, initiierte ergänzende wissenschaftliche Untersuchungen und veranstaltete Fachtagungen zum Thema Angehörigenintegration. Die Intensivstation sollte um einiges menschlicher werden, so das Ziel der engagierten Forscherin.
Der Stein geriet mehr und mehr ins Rollen, als der Verein Pflege e.V., dessen Fachbeirat Pflege Zegelin leitet, im Jahr 2005 eine Expertentagung zum Thema veranstaltete. Daraus resultierte eine Studie, in der über 240 Weiterbildungsstätten und über 1 600 Weiterbildungsteilnehmer zum Thema Angehörigenintegration auf der Intensivstation befragt wurden. Das Ergebnis: 80 Prozent gaben feste Besuchszeiten für Angehörige an, wobei zahlreiche weitere Restriktionen bestanden, unter anderem beim Zeitpunkt des Besuchs und bei der Anzahl der Besucher pro Besuch. „Dass es so schlimm um den Umgang mit Angehörigen stand, erschütterte mich“, erinnert sich Zegelin. „Besonders bedenklich fand ich die Willkür: Ob Besucher auf die Intensivstation gelassen werden oder nicht, hing oft schlicht und ergreifend davon ab, welcher Mitarbeiter die Tür annahm und in welcher Stimmung er gerade war.“
Die wenig schmeichelhaften Studienergebnisse führten dazu, dass sich der Pflege e.V. Gedanken darüber machte, wie die Situation verbessert werden konnte. Es entstand die Idee einer Zertifizierung für „angehörigenfreundliche“ Intensivstationen. Die Intensivstation des Evangelischen Krankenhauses Hattingen war 2007 die erste, die das Zertifikat erhielt.
„Eine große Bewegung“
„Aus den zaghaften Anfängen entwickelte sich schnell eine große Bewegung“, so Zegelin. „Nach gut zehn Jahren und 250 ausgezeichneten Intensivstationen lässt sich von einem Paradigmenwechsel in der Intensivpflege sprechen, den auch die Zertifizierung mit sich gebracht hat: Es ist heute allgemein akzeptiert, dass die familiäre Unterstützung gerade für Intensivpatienten enorm wichtig ist. Dabei geht es nicht allein um Besuchszeiten, sondern um Informationen für die Familie, Aufenthaltsräume, um Telefonvereinbarungen, gemeinsame Besprechungen und vieles mehr.“
Die Intensivstation am Klinikum rechts der Isar, in der Marina Ufelmann arbeitet, ist seit 2013 zertifiziert und seit dem vergangenen Jahr rezertifiziert. Obwohl die engagierte Pflegende der Zertifizierung anfangs skeptisch gegenüberstand, ist sie heute vom Nutzen vollauf überzeugt. Seit 2015 leitet sie sogar die klinikeigene Arbeitsgruppe „Angehörigenfreundliche Intensivstation“.
„Früher glaubte ich, dass Patienten ihre Ruhe bräuchten und wir Pflegefachpersonen Zeit zum Arbeiten – insofern war ich eine Befürworterin eingeschränkter Besuchszeiten“, gibt Ufelmann zu. „Heute sehe ich das komplett anders: Die Familienmitglieder der Patienten sind keine Besucher. Sie sind häufig die wichtigsten Bezugspersonen, die die Patienten an ihrer Seite haben wollen. Bei ihnen fühlen sie sich wohl, und das unterstützt die Genesung.“
Ufelmann ist davon überzeugt, dass pflegende Angehörige als Teil des therapeutischen Teams betrachtet werden müssen. „Pflegende sollten sich freuen, wenn Angehörige oft auf der Station sind, und sie gezielt in die pflegerische Versorgung integrieren“, so Ufelmann.
Ein Aspekt, der dabei aus Sicht der engagierten Münchnerin bislang vernachlässigt wurde: „Wichtig ist, dass es den Angehörigen dabei auch gut geht. Insofern müssen wir ihre Bedürfnisse mit im Blick haben. Nur wenn sie gesund bleiben, können sie für unsere Patienten eine Hilfe sein.“
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