• 25.10.2018
  • PflegenIntensiv
Methode "One Minute Wonder"

Wartezeiten zur Fortbildung nutzen

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2018

Seite 38

Das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, ein Universitätsklinikum in Bad Oeynhausen, hat die Fortbildungs­methode der „One Minute Wonder“ im vergangenen Jahr auf allen Intensiv­stationen eingeführt. Eine Internet-Plattform soll das „Lernen innerhalb einer Minute“ nun als Netzwerk weiter verbreiten.

In Zeiten zunehmender Arbeitsverdichtung sind effektive und moderne Methoden der Wissensvermittlung in der Pflege von großem Interesse. Die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung hat gerade auf Intensivstationen aufgrund der komplizierten Therapien, komplexen Krankheitsbildern und verschiedensten Geräten eine hohe Bedeutung.

Fortbildung verursacht erhebliche Kosten für den Arbeitgeber, allein durch die Freistellung der Mitarbeiter. Andererseits bietet Fortbildung auch deutliche Vorteile im steigenden Wettbewerb um Fachkräfte. Zudem trägt Fortbildung zur Motivation und Bindung der Mitarbeiter bei (Ehrlich 2015). Neben den klassischen Fortbildungsmethoden, wie Präsenzveranstaltungen vor oder nach dem regulären Dienst, nimmt E-Learning in Krankenhäusern einen immer breiteren Raum ein (Ruf et al. 2008).

Theoretische Fortbildung alleine reicht nicht aus, um effektiv im Alltag einer Intensivstation bestehen zu können. Dies liegt unter anderem auch daran, dass Lernsituationen größtenteils in der pflegerischen Praxis stattfinden (Tewes 2014). Um diesem Aspekt gerecht zu werden, erhalten Pflegende eine strukturierte Einarbeitung in neue Arbeitsbereiche. Vor allem hochkomplexe Settings wie Intensivstationen erfordern ein hohes Maß an Fachwissen, das kontinuierlich aktualisiert werden muss. Dazu bieten sich neben dem E-Learning und Präsenzveranstaltungen auch Workshops an. Offen bleibt dennoch die Frage, wie Fortbildungen innerhalb der regulären Arbeitszeit in den Praxisalltag integriert werden können.

Lernen innerhalb einer Minute

Das aus England stammende Konzept der „One Minute Wonder“ (OMW) macht sich die während der Dienstzeit regelmäßig wiederkehrenden Wartezeiten zunutze (Rowlinson 2014). Praxisrelevante Themen werden dazu so zusammengefasst, dass sie innerhalb einer Minute aufgenommen werden können. Dabei findet eine komprimierte Darstellung auf zum Beispiel zwei bis drei DIN-A4-Seiten statt. Diese werden dann im Arbeitsbereich ausgehängt und in bestimmten Intervallen gewechselt. Der Aushang eines OMW sollte dort präsentiert werden, wo wiederkehrende Wartezeiten entstehen. Das kann beispielsweise im direkten Umfeld des Blutgasanalysegeräts sein.

OMW sind eine einfache, aber sehr wirkungsvolle Methode. Als ein Baustein innerbetrieblicher Fortbildung bietet die Methode der OMW zahlreiche Vorteile:

  • OMW stellen bei sehr geringen Kosten und einem geringem Aufwand eine hilfreiche Methode zur kontinuierlichen Wissenserweiterung innerhalb der regulären Arbeitszeit dar.
  • Inhaltlich kann mit OMW eine große Themenbandbreite abgedeckt werden.
  • Das Fachwissen und die Interessen aller Mitarbeiter können bei OMW einbezogen werden.
  • OMW bieten sich auch als Multiplikationsmedium für extern erworbenes Fachwissen an, zum Beispiel nach dem Besuch von Tagungen oder Symposien.
  • OMW bieten einen direkten Praxisbezug und sehr kurze Vorlaufzeiten, zum Beispiel bei neuen Verfahrensanweisungen. Sie können auch verwendet werden, um den Umgang mit neuen Medizingeräten zu schulen.
  • OMW sind niedrigschwellig und können von interessierten Pflegenden für die eigenen Kollegen erstellt werden. Mitarbeiter werden so direkt in den Fortbildungsprozess einbezogen, was motivationssteigernd wirken kann und Mitarbeiterkompetenzen erweitert (De Jong 1999).

Positives Feedback

Im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW) wurde die Methode der OMW nach einer erfolgreichen sechsmonatigen Projektphase auf zunächst einer Intensivstation eingeführt und anschließend evaluiert. Hierbei gab knapp die Hälfte der Befragten (44 %, n=43) an, dass sie sich in der Praxis an die Inhalte eines OMW erinnern konnten.

Dieselbe Zahl von Mitarbeitern bestätigte ebenfalls, dass ihnen die Inhalte in ihrem pflegerischen Handeln geholfen hätten. Etwas mehr als die Hälfte aller Befragten (51,1%) würde die Poster an zwei Orten innerhalb der Abteilung aushängen.

Im HDZ NRW werden die Inhalte eines OMW auf einer DIN- A4-Seite zusammengefasst. Die Erstellung dieser Poster findet dabei durch Pflegende statt. Die Befragten gaben mehrheitlich (51,1 %) an, einen 14-tägigen Wechsel der Poster zu bevorzugen. Die Autoren schlussfolgern aus diesem Ergebnis, dass Pflegende in Teilzeitbeschäftigung so stärker von den Aushängen profitieren. Im Rahmen des Projekts war zunächst ein wöchentlicher Wechsel der Poster vorgenommen worden.

Aufgrund des positiven Feedbacks in der Evaluation wurde von den Initiatoren zunächst ein hausinternes Netzwerk geplant und aufgebaut. Alle Intensivstationen des HDZ NRW mit insgesamt über 400 Pflegenden wurden in das onlinebasierte Netzwerk aufgenommen. Pro Abteilung gibt es ein bis zwei „OMW-Beauftragte“ – dies sind Pflegende, die als Ansprechpartner für die Fortbildungsmethode zuständig sind. Zu ihren Aufgaben gehören:

  • Wechsel der OMW alle 14 Tage,
  • Begleitung und Beratung der Pflegenden bei der Erstellung von OMW,
  • Teilnahme an halbjährlichen oder jährlichen OMW-Netzwerktreffen,
  • Beantragung von hausinternen Zertifikaten für erstellte OMW,
  • Ablage der OMW in einen hausinternen Netzwerkordner,
  • Ideensammlung zur weiteren Entwicklung der OMW und des OMW-Netzwerks.

Das klinikinterne Netzwerk wird von zwei Pflegenden abteilungsübergreifend geleitet. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem die Beratung und Schulung von Pflegenden und allen Beauftragten zum Thema OMW. Zusätzlich sind sie für die Betreuung des Netzwerkordners zuständig. Ähnlich wie in einem Peer-Review-Verfahren soll sichergestellt werden, dass die Inhalte der OMW korrekt sind. Dazu gehören auch die entsprechenden Literaturverweise und Bildrechte.

Netzwerk gegründet

Die Erfahrungen mit dem klinikinternen Netzwerk im HDZ NRW sind sehr gut. Daher wurde ein weiterer Schritt gegangen: die Planung eines nationalen Netzwerks. Ziel ist es, deutschlandweit mit interessierten Pflegenden hinsichtlich der Methode OMW in den Austausch zu gelangen. Seit März 2018 steht hierzu unter der URL omw.hdz-nrw.de eine Website zur Verfügung. Neben einer Vorstellung der Methode gibt es dort eine kostenlose Anleitung zur Erstellung von OMW.

Zusätzlich stellt das HDZ NRW seine bisher erstellten Ausarbeitungen auf der Website kostenlos zur Verfügung. Dazu ist eine Bestellung der gewünschten Poster im PDF-Format über das Kontaktformular erforderlich. Die bestellten Poster dürfen dann in der jeweiligen Klinik verwendet werden. Auf der Website wird zu Kliniken verlinkt, wie dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, die ebenfalls mit OMW arbeiten.

Eine Evaluation des klinik- internen OMW-Netzwerks soll mit einer deutlich größeren Datenmenge künftig weitere Erkenntnisse zu dieser Fortbildungsmethode liefern. Für die Befragung von über 400 Pflegenden finden derzeit die Vorbereitungen hierzu statt. Erste Ergebnisse sollen in diesem Winter vorliegen.

Darüber hinaus werden im HDZ NRW derzeit pflegerische Funktionsabteilungen und weiterbehandelnde Stationen in das OMW-Konzept miteingebunden.

De Jong, A. (1999): Wie kommt theoretisches Wissen in die Pflegepraxis? In: Koch, V. (Hrsg.) (1999): Bildung und Pflege. 2. Europäisches Osnabrücker Kolloquium. Bern: Huber, S. 69–78

Ehrlich, S. (2015). Mobiles Lernen spart Zeit. In: Häusliche Pflege. Jg. 24. Heft 6. S. 42–45

Ruf, D. et al. (2008): E-Learning – eine wich­tige Unterstützung in der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung? In: Bundesgesundheitsblatt. Gesundheitsforschung. Gesundheitsschutz. Jg. 51. Heft 9. S. 1061–1069

Tewes, R. (2014): Zukunft der Personalentwicklung in der Pflege. In: Tewes, R., Stockinger, A. (Hrsg.): Personalentwicklung in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen. Erfolgreiche Konzepte und Praxisbeispiele aus dem In- und Ausland. Berlin: Springer. S. 215–240

Rowlinson, J. (2014): The One Minute Wonder Network. In: The Clincal Teacher. Vol. 11. S. 332–335

   

Lars Krüger, B.A., ist Pflegewissenschaftler, Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie und Praxisanleiter. Er ist auf der Chirurgischen Intensivstation 3 im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen tätig.

Mail: lkrueger@hdz-nrw.de

 

Thomas Mannebach ist Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege, Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie und Praxisanleiter. Er ist auf der Chirurgischen Intensivstation 3 im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen tätig.

Mail: tmannebach@hdz-nrw.de

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