Konzept Silviahemmet Die Intensivstation des Malteserkrankenhauses St. Anna in Duisburg führt das schwedische Pflegekonzept Silviahemmet ein, um Patienten mit Demenz eine bedarfsgerechte Betreuung zu bieten.
Das Thema Demenz gewinnt nicht nur allgemein, sondern auch im Intensivbereich an Bedeutung. Patienten, die operiert und anschließend auf einer Intensivstation versorgt werden, werden immer älter. Menschen mit kognitiven Einschränkungen benötigen viel Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen. Im normalen Alltag einer Intensivstation, der von Hektik und Lärm gekennzeichnet ist, ist es kaum möglich, den besonderen Anforderungen demenzkranker Patienten gerecht zu werden. Es sind daher Strategien notwendig, um die Ressourcen des Erkrankten zu fördern und seine Autonomie zu fördern. Nicht der Demenzkranke hat sich an seine Umwelt anzupassen – dazu ist er krankheitsbedingt nicht in der Lage –, sondern es ist Aufgabe seiner Umwelt, sich an ihn anzupassen. Dies gilt insbesondere für das Fachpersonal auf Intensivstationen.
Ziel höchstmögliche Lebensqualität
Das in Schweden entwickelte und hierzulande noch recht unbekannte Konzept Silviahemmet (dt.: „das Silvia-Heim“) kann bei dieser immensen Herausforderung helfen. Silviahemmet wurde in den 1990er-Jahren auf Initiative der schwedischen Königin Silvia entwickelt. Es zielt auf eine optimale, personenzentrierte Begleitung und Versorgung von demenziell erkrankten Menschen ab. Weitere Ziele sind die Unterstützung und Entlastung von Angehörigen und Pflegenden.
Die Silviahemmet-Philosophie (Abb. 1) basiert auf den vier Säulen Symptomkontrolle, Teamarbeit, Angehörigenunterstützung sowie Kommunikation und Begegnung. Diese vier Säulen bauen auf den eigenen Werten und ethischen Vorstellungen einer Pflegeperson auf. Ziel ist es, durch die Beachtung dieser vier Säulen in der täglichen Arbeit die Lebensqualität von Patienten und Angehörigen zu erhöhen. Die Silviahemmet-Philosophie bietet zwar nicht für jede Situation eine Ideallösung, gibt aber verschiedene Werkzeuge an die Hand, um Lösungswege situationsgerecht zu erarbeiten.
Die Malteserkrankenhäuser in Deutschland haben früh erkannt, welches Potenzial das Konzept Silviahemmet bietet. So bildet die Malteser Fachstelle Demenz bereits seit 2009 sogenannte Silviahemmet-Trainer aus. Deren Aufgabe ist es, die Philosophie von Silviahemmet an den verschiedenen Standorten deutschlandweit zu multiplizieren.
In den ambulanten Malteser-Tagespflegeeinrichtungen für Menschen mit einer beginnenden Demenz wird schon seit Jahren erfolgreich mit dem Konzept ge- arbeitet, beispielsweise in Bottrop, Augsburg, Stuttgart, Hamm und München. Auch im Klinikbereich hat Silviahemmet Einzug gehalten. So gibt es in den Malte-serkrankenhäusern in Köln und Flensburg je eine Special Care Unit ausschließlich für akut erkrankte Patienten mit der Nebendiagnose Demenz. In den Malteserkrankenhäusern in Duisburg und Bonn existieren integrative Geriatrien, die nach der Silviahemmet-Philosophie arbeiten.
Deutliche Vorteile für Intensivstationen
Das Konzept wird nun erstmals im Funktionsbereich eingeführt: auf der Intensivstation des Malteserkrankenhauses St. Anna in Duisburg. Geplant sind zunächst umfangreiche Schulungen des gesamten Personals. Denn die Mitarbeiter müssen sich mit den besonderen Bedürfnissen und Anforderungen dieser vulnerablen Patientengruppe bestens auskennen, um eine personenzentrierte Betreuung anbieten zu können.
Auf einer Intensivstation, die nach dem Silviahemmet-Konzept arbeitet, werden individuelle Lösungsansätze im interdisziplinären Team erarbeitet. Die Angehörigen werden hierbei eng eingebunden. Alle Bemühungen zielen im Kern darauf ab, zum einen die notwendige Therapie zu gewährleisten und zum anderen den Patienten in seiner Freiheit so wenig wie möglich einzuschränken. Der Aufenthalt auf der Intensivstation soll für ihn so erträglich gemacht werden wie möglich.
Die Betrachtung des Patienten anhand der vier Säulen des Silviahemmet-Konzepts erleichtert es, die demenzspezifischen Symptome zu erkennen und professionell darauf zu reagieren. Diese pflegerische Vorgehensweise unterstützt letztlich die effektive Durchführung der intensivmedizinischen Therapie, da demenztypische Verhaltensweisen wie Unruhe und Aggressivität reduziert werden. Diese können sonst leicht zum vorzeitigen Abbruch oder zur Unterbrechung therapeutischer Interventionen führen.
Silviahemmet zielt auf eine optimale Interaktion zwischen dem Pflegepersonal und den Bezugspersonen des Patienten ab. Enge Absprachen mit dem Ehepartner oder andere dem Patienten nahe stehenden Personen fördert den zwischenmenschlichen Kontakt. Davon profitiert auch der Patient. Es vermittelt ihm ein Stück Normalität und Sicherheit sowie gibt ihm Halt und Struktur.
Das professionelle Zusammenspiel zwischen primärer Pflegeperson und Angehörigen, unter Einbeziehung der Ärzte und Physiotherapeuten, dient auch dem frühzeitigen Erkennen demenz-typischer Symptome. Entsprechende Interventionen, zu denen das Silviahemmet-Konzept zahlreiche Anregungen gibt, können so zeitnah in die Wege geleitet werden.
Sicherheit und Geborgenheit vermitteln
Menschen mit Demenz erkennen in der Regel sehr schnell, wie andere Personen sich ihnen gegenüber verhalten und auf welche Weise mit ihnen kommuniziert wird. Tugenden, die der Mensch in jungen Jahren erlernt hat, bleiben trotz zunehmend abnehmender kognitiver Fähigkeiten lange erhalten.
Vor diesem Hintergrund ist der ruhige und vertrauensvolle Umgang der Grundstein für eine gute Pflege. Es gibt dem Patienten ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Zum respektvollen Umgang gehört auch, den erkrankten Menschen über anstehende Tätigkeiten auf eine empathische Art und Weise aufzuklären. Maßnahmen sollten nie gegen den Willen des Patienten durchgeführt werden. Sonst werden Pflegende und Ärzte schnell zu „Sündenböcke“, gegen die „angekämpft“ wird. Demenztypische Verhaltensweisen können dann die Folge sein.
Wichtig zu wissen ist, dass pflegerische und therapeutische Maßnahmen nur dann greifen können, wenn es gelingt, eine Nähe zum Erkrankten aufzubauen, die ihm Sicherheit vermittelt.
Bauliche Maßnahmen ergänzen Konzept
Neben der Implementierung des Silviahemmet-Konzepts ist für die künftige Versorgung von Patienten mit Demenz vorteilhaft, dass die Intensivstation des Malteserkrankenhauses St. Anna derzeit komplett neu gebaut wird. Geplant ist ein kompletter Neubau, um die Patientenversorgung nachhaltig zu verbessern. Die Fertigstellung ist für März 2019 geplant.
Das Team der Intensivstation wünscht sich, dass der Neubau dazu beiträgt, den anstrengenden und belastenden, aber notwendigen Aufenthalt auf der Intensivstation für die Patienten so angenehm wie möglich zu gestalten.
Vorgesehen ist auch, künftig großen Wert darauf zu legen, Patienten mit Demenz so bald wie möglich auf periphere Stationen oder nach Hause zu entlassen. Dafür ist notwendig, von alten Strukturen abzuweichen, neue Wege zu probieren, im Team zu evaluieren und konsequent umzusetzen.
Demenzpatienten leiden in der Regel unter zeitlichen Orientierungsstörungen. Ziel der neuen Intensivstation ist es deshalb, den Betroffenen eine feste Tagesstruktur zu bieten. Hierzu zählt ein klarer Tag-Nacht-Rhythmus. Auf der neuen Station wird es spezielle Lampen und Lichteffekte geben, um Tageslicht simulieren zu können.
Auch die Orientierung in Ort und Raum ist für Menschen mit einer Demenz eine Herausforderung. Im fortgeschrittenen Alter wird es für das menschliche Auge schwieriger, Kontraste zu erkennen. Dieses Phänomen wird durch die demenziell bedingten Symptome noch verstärkt. Farbliche Akzente sollen deshalb die Orientierung im Zimmer unterstützen. Rot ist eine Farbe, die bis ins hohe Lebensalter als Kontrastgeber gut wahrgenommen wird. Deshalb sollen zum Beispiel Uhren und Kalender rot umrandet werden und dadurch dem Patienten Sicherheit geben.
Farbliche Akzente können außerdem bei Getränken genutzt werden – etwa indem die Becherfarbe durchgehend rot und nicht durchsichtig ist. Alternativ kann das Wasser mit Lebensmittelfarbe gefärbt werden. Ziel ist es, durch einfache Mittel den Patienten in seinen vorhandenen Ressourcen zu fördern.
Durch bauliche Maßnahmen wird auf der neuen Station versucht, das akustische Alarmmanagement auf ein Minimum zu reduzieren. Am zentralen Pflegedienstplatz wird es einen Monitor geben, der alle Alarme auflistet und meldet, sodass nicht wie bisher jeder Perfusor und jede Infusion alarmiert. Das ständige und kontinuierliche Ertönen von Alarmen erinnert viele Patienten an ein Telefon oder das Läuten einer Tür, was dazu führt, dass gerade nachts ein kontinuierlicher Schlaf fast unmöglich wird. Für Menschen mit Demenz kommt hinzu, dass diese ständige unbekannte Geräuschkulisse Irritationen, Unruhe und sogar ein Delir auslösen kann.
Durch moderne Türen sollen möglichst viele Geräusche des Arbeitsalltags vom Patientenzimmer ferngehalten werden, um für eine ruhige Atmosphäre zu sorgen. Zudem ist die Installation eines Dezibel-Messgeräts geplant, das ab einer gewissen Dezibelzahl ein optisches Signal abgibt.
Das Team erhofft sich, durch das stufenweise Einführen verschiedener Methoden, den Bedürfnissen des Patienten besser gerecht zu werden. Hierzu werden alle vier Säulen von Silviahemmet eingeführt werden. Ob es wirklich hilft, bleibt abzuwarten. Doch die Erfahrung der anderen Stationen und Einrichtungen der Malteser zeigt, dass die Implementierung von Silviahemmet durchaus hilft, damit Menschen mit Demenz den Krankenhausalltag unbeschadet überstehen. Das Intensivteam erhofft sich einen ähnlichen Erfolg.