• 14.02.2018
  • PflegenIntensiv
Das SBAR-Konzept

Strukturiert Informationen tauschen

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2018

Seite 24

Übergaben finden häufig unter Zeitdruck und ohne klare Struktur statt.

Wenn Informationen nicht gezielt übermittelt werden, geht so manches schnell verloren. Dadurch wird die Sicherheit des Patienten gefährdet. Eine empfohlene Möglichkeit zur Strukturierung bietet das SBAR-Konzept.

Die Dienstübergabe, oder schlichtweg Übergabe genannt, ist ein Informationsinstrument. Sie erfolgt zwischen verschiedenen Arbeitsbereichen wie dem Rettungsdienst, OP, Aufwachraum, Schockraum, Notaufnahme oder Station und innerhalb der Abteilungen zwischen den Arbeitsschichten.

Die direkte Patientenübergabe gehört zu den bedeutendsten organisatorischen Aufgaben von Pflegenden im Krankenhaus. Hier müssen alle wichtigen Informationen bezüglich der Erkrankung, der Therapie, der Pflegeprobleme und des psychosozialen Zustandes weitergegeben werden. Weitere Bestandteile einer Schichtübergabe sind organisationsbezogene Inhalte wie zum Beispiel eine Information über defekte Geräte oder geplante Neuaufnahmen und mitarbeiterbezogene Inhalte, zum Beispiel bei Krankheitsausfällen. Neben der Information sollen mit der Schichtübergabe auch Geborgenheit und eine Kontinuität in der Pflege und Therapie sichergestellt werden. Ziel jeder Übergabe ist die korrekte Informationsweitergabe, um die Patientensicherheit und den Stationsablauf zu gewährleisten. (1,2,3)

Teamarbeit und Informationsweitergabe auf einer Intensivstation, im Aufwachraum und Operationssaal erfordern eine gezielte, klare, eindeutige, logische und konsistente Kommunikation. 65 Prozent der Fehler im Krankenhaus sind auf eine ungenügende Kommunikation durch Ablenkungen und Arbeitsunterbrechungen, vor allem bei Belastungsspitzen, zurückzuführen. Dies zeigen Studien aus den USA. Am OP-Tag erfolgen bei einem Patienten mindestens vier bis sechs Übergaben. Wie bei einem „Stille Post“-Spiel können dabei wichtige Informationen verloren gehen. Oft findet die Patientenübergabe bei Neuaufnahme im Intensivbereich zeitgleich mit dem Anschließen an das Monitoring und an die Therapiegeräte statt. Darüber hinaus gibt es bei Übergaben auf Intensivstationen viele Störfaktoren, die die Informationsvermittlung beeinträchtigen und so die Patientensicherheit gefährden können. Dazu gehören:

  • fehlender Übergabestandard, fehlende Schulung des Teams,
  • fehlende Übergabestruktur,
  • Zeitdruck, Belastungsspitzen, Überforderung,
  • Übernahmen während der Schichtübergabe, Übernahme oder Verlegung mehrerer Patienten innerhalb kurzer Zeit, Notfälle,
  • Patientenversorgung während der Übergabe,
  • Störungen, Kommunikationsunterbrechungen oder Arbeitsunterbrechungen, zum Beispiel durch Telefon, Patienten oder Ärzte. Zu viele Anwesende können ebenfalls den Informationsfluss behindern.
  • hohe Geräuschkulisse, mangelnde Konzentration, Unaufmerksamkeit, Privatgespräche,
  • mangelnder Blickkontakt, sprachliche Barrieren, fehlendes Wissen über Fachbegriffe und Abkürzungen,
  • unzureichende Einarbeitung, Unsicherheit,
  • hierarchische Unterschiede, Angst vorm freien Sprechen,
  • zu viele unsachliche, unwesentliche Informationen.

Übergabe möglichst am Bett

In vielen Kliniken findet die Patientenübergabe, nach einer Kurzübergabe für das übernehmende Team, außerhalb des Patientenzimmers statt. Das geschieht bei kleineren Intensivstationen oft für alle Übernehmenden der nächsten Schicht. Übergaben außerhalb des Zimmers haben große Nachteile. Die Wahrnehmung der übergebenden Pflegenden ist oft subjektiv, der momentane Zustand des Patienten wird nicht persönlich erlebt.

Eine weitere Möglichkeit der Übergabe ist die „stumme Übergabe“. Dabei holt sich die übernehmende Pflegekraft anhand der Papier- oder PC-basierten Dokumentation Informationen und stellt nur noch Reflexionsfragen an die übergebenden Kollegen. Durch diese spezielle Übergabetechnik verbessert sich meist die Dokumentation, weil jeder im Team ausschließlich darauf angewiesen ist. (1) Ein Vorteil patientenferner Übergaben ist, dass der Patient nicht in seiner Ruhe gestört und so nicht regelmäßig mit seiner Erkrankung und seinen Pflegeproblemen konfrontiert wird.

Übergaben von intensivpflichtigen Patienten sollten aber möglichst am Bettplatz erfolgen. Von großem Vorteil für die übernehmenden Pflegenden ist die Möglichkeit, den Patienten direkt kennenzulernen. Durch die persönliche Kontaktaufnahme kann sich die Pflegekraft ein objektives Bild vom Patientenzustand verschaffen. (1)

Im Vorfeld ist zu bedenken, welche individuellen Dinge und Problematiken außerhalb des Patientenzimmers erörtert werden. Falls Mitpatienten im Zimmer liegen, muss die Schweigepflicht beachtet und die Intimsphäre gewahrt werden. Der Patient sollte über den Sinn und Zweck einer Übergabe informiert sein. Die Wortwahl sollte emphatisch und verständlich sein. Viele Patienten einer Intensivstation empfinden ihre Situation existenziell bedrohlich. Dies sollten Pflegende im Hinterkopf behalten. Der Informationsfluss an die Pflegenden erfolgt kurz und sachlich. Der Patient wird über erfolgte und geplante Pflegetätigkeiten und medizinische Maßnahmen informiert. Er soll zur Mitarbeit ermutigt und sein Pflege- und Heilungsprozess aktiviert werden. Dazu muss er alles verstehen und die Übergabe darf ihn weder verwirren noch verunsichern.

Durch das Vieraugenprinzip können Fehler minimiert oder verhindert werden. Ebenfalls besteht die Möglichkeit, gemeinsam den kompletten Bettplatzcheck durchzuführen. Pflegeüberleitungen in andere Abteilungen oder Einrichtungen sollten grundsätzlich verbal und zusätzlich anhand von einem Pflegeüberleitungsbogen schriftlich erfolgen, um den korrekten Informationsfluss zu gewährleisten. So werden Risiken minimiert und damit die Patientensicherheit gewährleistet sowie zur Qualitätssicherung beigetragen.

SBAR-Konzept bringt Struktur

Die Übergabe sollte grundsätzlich von allen Beteiligten des Teams in einer verbindlichen Struktur mit vorgegebenen relevanten Inhalten erfolgen. Ziel ist eine kurze, effektive, konsistente und strukturierte Informationsweitergabe. Um Informationsverluste zu minimieren, sollten Übergaben in Hochsicherheitsbereichen wie Anästhesie und Intensivstation nach Verfahrensanweisungen oder einer „Standard Operating Procedure“ (SOP) durchgeführt werden. Dies erfordert Schulungen, Training und konsequentes Umsetzen in die Praxis. (4,5)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2007) und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI, 2016) empfehlen, die Übergabe nach dem SBAR-Konzept zu strukturieren (siehe Abb. 1). Die Abkürzung SBAR steht für:

  • S „Situation“
  • B „Background“
  • A „Assessment”
  • R „Recommendation“.

Mehrere Studien belegen, dass durch das SBAR-Konzept Behandlungsfehler und sogar unerwartete Todesfälle verhindert werden können. Denn eine klar strukturierte, eindeutige Kommunikation erleichtert die Aufnahme von lebenswichtigen Informationen auch unter stressigen Bedingungen. Eine relevante, gezielte, checklistenartige Informationsweitergabe ist dabei fehlerfreier, effizienter und schneller als eine unstrukturierte Übergabe. (2,5)

Mit dem Konzept können die spezifischen, relevanten Inhalte flexibel nach den Bedürfnissen der Abteilung beziehungsweise der Klinik festgelegt werden. Je nach Informationsstand der übernehmenden Person, sollen bekannte Inhalte ausgelassen werden. Für die Übergabe kurzzeitiger Überwachungspatienten müssen nur wichtige, relevante Teile des SBAR-Konzeptes weitergegeben werden. Ziele jeder Übergabe liegen in der Kürze, der Eindeutigkeit und der Relevanz der Informationsweitergabe. (2,5) Um dieses Ziel zu erreichen, werden folgende Grundregeln für eine strukturierte Übergabe empfohlen:

  • Zunächst erfolgt eine grobe, kurze Übergabe an alle Teammitglieder. An der Zentrale findet die Informationsweitergabe zu den Patienten mit Kurzdiagnose, die Patientenzuteilung und die Aufgabenverteilung statt.
  • Hilfreich ist eine Patientenübersicht an einem Wandboard oder in Papierform für alle Teammitglieder.
  • Nur betreuende Teammitglieder sind bei der Patientenübergabe anwesend.
  • Die Dauer der Übergabe von unbekannten schwer erkrankten Intensivpatienten sollte zehn bis 15 Minuten nicht überschreiten.
  • Bei bekannten Patienten ausschließlich neue Informationsinhalte vermitteln.
  • Eine ruhige störungsfreie Atmosphäre schaffen.
  • Ausschließlich patientenspezifische Kommunikation, keine Privatgespräche.
  • Der Patient wird zuerst begrüßt und über den Schichtwechsel, die neue zuständige Pflegekraft und über Verhaltensregeln während der Übergabe informiert.
  • Die Teilnehmer stehen nach Möglichkeit dem Patienten zugewandt, der Patient in Oberkörperhochlage.
  • Zuerst erfolgt eine vollständige Übergabe durch die übergebende Pflegekraft; Verständnis sicherstellen durch Blickkontakt oder nachfragen.
  • Keine Unterbrechungen durch Fragen der ablösenden Pflegenden, diese werden im Anschluss erörtert.
  • Gegebenenfalls die Gesprächsdisziplin von Kollegen und Patient einfordern.
  • Es wird nach Möglichkeit im Anschluss mit dem Patienten zusammen sein momentanes Befinden erörtert. Er kann seine aktuellen Ängste, Fragen, Bedürfnisse und Wünsche äußern.
  • Gemeinsam werden neue oder veränderte Pflegeprobleme besprochen, Ziele und Pflegemaßnahmen geplant beziehungsweise evaluiert.
  • Die laufende Infusionstherapie, Bewusstseinslage, Verbände, Lagerung und Monitoring können im Anschluss gemeinsam überprüft werden.

Bei der Übernahme von Notfällen und Patienten aus dem OP ist darüber hinaus folgende Reihenfolge wichtig und sinnvoll. Diese sollte auch eingefordert werden: Vor jeder Übernahme des Patienten den Bettplatz vorbereiten. Der Patient sollte an Überwachungs- und Therapiegeräte angeschlossen sein und erst danach darf eine strukturierte Übergabe für alle an der Patientenbehandlung Beteiligten erfolgen. (2)

Übergaben müssen ohne Störfaktoren und klar strukturiert, kurz und eindeutig sein. Nur dann wird eine korrekte und relevante Informationsweitergabe gewährleistet. Durch die festgelegte Struktur des SBAR-Konzepts wird nachweislich eine Risikominimierung erreicht. Die Einführung zur Übergabe trägt somit zu einer höheren Patientensicherheit bei.

(1) Josuks, H. (2016): Gute Dienstübergaben gestalten. CNE Fortbildung cne.thieme.de/cne-webapp/r/training/learningunits/details/10.1055_s-0033–1349905, Abruf: 19.02.2017

(2) Dossov, V.; Zwissler, B. (2016): Strukturierte Patientenübergabe in der perioperativen Phase – Das SBAR-Konzept. Anästh Intensivmed 57 (2), 88–90

(3) Josuks H. Kommunikationskultur in der Pflege. CNE Fortbildung 2016 cne.thieme.de/cne-webapp/r/training/learningunits/details/10.1055_s-0033–1349907, Abruf: 19.02.2017

(4) Ullrich, L.; Stolecki, D.(2015): Thiemes Intensivpflege und Anästhesie, 3 Auflage, Stuttgart: Georg Thieme Verlag

(5) Josten, S. (2017): Kurz, klar, komplett. CNE Magazin (1), 11–13