• 01.11.2017
  • PflegenIntensiv
Forschung

"Sepsis ist eine unterschätzte Gefahr"

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2017

Seite 54

Eine Sepsis stellt eine schwere Komplikation dar, die nicht selten mit dem Tod endet. Eine Studie hat erstmals weltweit das Auftreten von Sepsis-Krankheits- und Todesfällen in Krankenhäusern untersucht. Wir sprachen mit Dr. Carolin Fleischmann über die Ergebnisse.

Frau Dr. Fleischmann, wie verbreitet sind Sepsisfälle weltweit?

Als schwerste Komplikation von Infektionserkrankungen ist Sepsis weltweit sehr häufig und mit einer hohen Sterblichkeit verbunden. Wir gehen davon aus, dass rund 31 Millionen Erwachsene jährlich weltweit an einer Sepsis erkranken. 19 Millionen entwickeln eine schwere Sepsis mit Organversagen. Aufgrund dieser hohen Krankheitslast hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Mai die Sepsis zu einer der zentralen Prioritäten in den Gesundheitssystemen aller Länder erklärt.

Gibt es länderspezifische Unterschiede beim Auftreten von Sepsis?

Ja, die gibt es. Die Sepsishäufigkeit wird durch unterschiedlichste Einflussfaktoren bestimmt. Letztlich ist aber noch unklar, welche Faktoren welchen Anteil haben und wie diese zusammenwirken. In westlichen Ländern wird besonders der demografische Wandel für eine zunehmende Sepsishäufigkeit verantwortlich gemacht, genauso wie zunehmende operative oder immunmodulierende Therapien. In anderen Ländern spielt das höhere Auftreten von Infektionserkrankungen wahrscheinlich eine wesentliche Rolle.

Um welche Länder handelt es sich dabei konkret?

Zum Beispiel erkranken und versterben in Asien oder Afrika sehr viele Menschen an Infekten der Atemwege, Malaria oder Durchfallerkrankungen. Die gemeinsame Endstrecke, die zum Tod führt, ist oft eine Sepsis, sodass die Sepsishäufigkeit dort wahrscheinlich höher ist als bei uns. Belastbare Zahlen dazu fehlen allerdings.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Ein direkter Vergleich ist nur eingeschränkt möglich, weil die Studienarten und -zeitpunkte unterschiedlich sind. Die Zahl der auftretenden Sepsisfälle ist aber ähnlich hoch wie in anderen Ländern und nimmt genauso kontinuierlich zu, während die Sterblichkeit nur gering zurückgeht. Das spricht gegen die Vermutung, dass sich der Anstieg nur daraus erklärt, dass durch eine bessere Aufmerksamkeit und Ausbildung mehr Fälle als Sepsis erkannt und kodiert werden. Genau geklärt sind die Ursachen dieser zeitlichen Veränderungen aber noch nicht.

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Die frühzeitige Diagnose und Therapie der Sepsis können noch deutlich verbessert werden. Verschiedene Qualitätsinitiativen versuchen das bereits umzusetzen, zum Beispiel das Deutsche Qualitätsbündnis Sepsis (ICOSMOS), zu dem sich über 70 Kliniken zusammengeschlossen haben.

Wie sind Sie an die Daten für die Studie gekommen und welche Definition lag zugrunde?

Die Daten wurden mittels strukturierter Literaturrecherche in internationalen Datenbanken gesammelt. Der Recherche lag eine klinische Sepsisdiagnose zugrunde, das heißt, es musste eine Infektion und Zeichen der systemischen Entzündungsreaktion, gegebenenfalls mit Zeichen des Organversagens, vorhanden sein. Studien, die nur Fälle von im Blut nachweisbaren Erregern beobachtet haben, wurden ausgeschlossen.

Haben Sie weltweit oder europaweit verglichen?

In die Erhebung gingen Studien aus aller Welt ein. Diese unterschieden sich in Art und Durchführung aber sehr voneinander – genauso wie die Ergebnisse. Das erschwert die Vergleichbarkeit. Trotzdem war es uns wichtig, erstmalig eine Schätzung über die weltweite Zahl von Sepsisfällen vorzunehmen und zu zeigen, aus wie vielen Ländern Daten zur Sepsishäufigkeit fehlen.

Wie viele Menschen sterben jährlich an einer Sepsis?

Unsere Analyse ergab, dass jährlich weltweit mehr als fünf Millionen Menschen an oder mit einer Sepsis versterben. Diese Zahl schließt nicht Todesfälle im Kindesalter ein und scheint noch deutlich unterschätzt.

Warum?

Weil aus Afrika, Südamerika oder Asien keine Studien in die Analyse einflossen. Gerade hier erkranken aber, wie oben erläutert, wahrscheinlich mehr Menschen an einer Sepsis. Auch betrachten die eingeschlossenen Studien nur Fälle von im Krankenhaus behandelter Sepsis. Analysen von Sterberegistern zeigen aber, dass viele Fälle auch außerhalb des Krankenhauses auftreten, zum Beispiel in Pflegeheimen.

Wie ist die Zahl verglichen mit Volkskrankheiten, zum Beispiel einem Herzinfarkt?

Sepsis ist eine der häufigsten und kostenintensivsten Erkrankungen in Deutschland. Verglichen zum Herzinfarkt liegt die Fallzahl der Sepsispatienten sogar noch höher. Es ist deshalb wichtig, Sepsis ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken, damit auch Patienten wissen, was die Zeichen der Sepsis sind und dass dringend medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden muss.

Gibt es auch bei der Mortalität länderspezifische Unterschiede?

Davon ist auszugehen, ja, aber das wurde nicht analysiert und hängt von vielen Faktoren ab, beispielsweise von der Altersstruktur des Landes oder Vorerkrankungen.

Was ist das Fazit Ihrer Untersuchung?

Die Ergebnisse unterstreichen, dass Sepsis moderne Gesundheitssysteme überall auf der Welt herausfordert und dass verstärkt Anstrengungen notwendig sind, um die Krankheitslast zu verringern und die Sterblichkeit zu senken. Außerdem muss die Datenerhebung in allen Ländern verbessert werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Fleischmann.

 

 

 

 

 

 

 

 

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