Intensivpatienten mit Demenz Die Behandlung auf einer Intensivstation ist für alle Patienten belastend – doch für Patienten mit Demenz umso mehr. Sie benötigen Zuwendung und Akzeptanz, um in der für sie unverständlichen Situation Halt und Geborgenheit zu finden. Aufgabe der Pflegenden ist es, Zeichen der Erkrankten zu erkennen und sensibel darauf zu antworten.
Der Aufenthalt auf einer Intensivstation ist bereits für nicht-dementiell veränderte Personen überaus herausfordernd. Sie erleben eine technische Welt, die keinen Hinweis auf Bekanntes gibt. Intensivpatienten sind vielfach konfrontiert mit schmerzhaften Maßnahmen wie dem Legen von Zugängen oder dem Ertragen von Beatmungsschläuchen. Aufgrund von Beatmung oder eines Tracheostomas haben sie oftmals keine Möglichkeit für einen sprachlichen Ausdruck. Hinzu kommen eine beachtliche Geräuschkulisse durch Stimmen und Alarme, häufig auch ein unaufhörlicher Lichteinfall. Schnelle, routinierte und nicht nachvollziehbare Handlungen von Pflegenden erschrecken Intensivpatienten mit Demenz zusätzlich. Für die Betroffenen sind diese Gegebenheiten unverständlich, ein Widerspruch zu ihrer bisherigen Wirklichkeit.
Suche nach Bekanntem
Intensivpatienten mit Demenz suchen nach Bekanntem. Dieser Logik entsprechend versuchen sie häufig, die für sie ungewohnte und als bedrohlich empfundene Situation auf der Intensivstation zu verlassen. Sie möchten beispielsweise Bettgitter überwinden, nach vertrauten Personen rufen und Katheter entfernen. Die beschriebenen Verhaltensweisen sind ein Ausdruck von Angst, denn Intensivpatienten mit Demenz erleben – bedingt durch die Erkrankung und die fremde Umgebung – einen Verlust an Orientierung. Sie wissen nicht, wo sie sich befinden und verstehen nicht, was um sie herum passiert, mit wem sie es zu tun haben – oft auch nicht, was gerade geschehen ist und was sein wird. Die Erkrankung führt zu einem Verlust der Vergangenheit und der Zukunft. Aber Menschen mit Demenz haben einen Zugang zu ihren aktuellen Empfindungen. Diese sind Grundlage ihres Verhaltens (1). Daher demonstrieren sie gerade ihre Angst durch Verhaltensweisen, die das therapeutische Team nicht als situationsangemessen bewertet.
Aufgrund der empfundenen existentiellen Ängste streben an Demenz Erkrankte danach, Sicherheit zu erleben und Vertrauen aufzubauen. Dies wird für die Betroffenen zu einem zentralen Lebensthema. Wiederkehrende Maßnahmen, gleiches Vorgehen auch bei schmerzhaften Verrichtungen, das Halten von Körperkontakt bei der pflegerischen Versorgung und die Umsetzung der Bezugspflege lassen einen Menschen mit Demenz verstehen, was ihn erwartet. Sind diese Handlungen mit einer beruhigenden, interessierten und empathischen Sprache verbunden, ermöglicht dies dem Betroffenen, Vertrauen zu den Pflegenden aufzubauen. Ebenso gehört dazu, die Zeichen des Erkrankten wahrzunehmen und sein Stöhnen, Rufen und Schwitzen auf Augenhöhe und mit Zuwendung zu beantworten (2). Doch wie kann dies gelingen?
Biografische Informationen sammeln: Intensivpatienten, die eine individuelle, an biografische Informationen orientierte pflegerische Versorgung erfahren, können sehr viel schneller Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen. Zu den wesentlichen Informationen gehören Vorlieben und Abneigungen in Bezug auf Körperpflege und Nahrungsaufnahme, Einschlafrituale, Gewohnheiten bezüglich der täglichen Tagesstruktur, Schlafgewohnheiten und Lieblingsliegepositionen. Es ist zielführend, die Betroffenen und Angehörigen entsprechend zu befragen. Sinnvoll ist es zudem, für alle Intensivpatienten mit Veränderungen der Wahrnehmung einen biografischen Anamnesebogen zu erstellen. Darin sollten Fragen wie „Was hilft Ihnen bei Angst?“ oder „Wie können wir Sie motivieren?“ nicht fehlen (3). Darüber hinaus ist eine sorgfältige Krankenbeobachtung unumgänglich: Wann zeigt der Patient herausfordernde Verhaltensweisen? Wann wird er unruhig?
Geeignete Maßnahmen planen: Grundsätzlich sollten sich Menschen mit Demenz so kurz wie möglich auf einer Intensivstation aufhalten. Während des Aufenthalts können ungewöhnliche Maßnahmen erforderlich sein, um die Situation bedarfsgerecht zu gestalten. Dazu kann unter anderem gehören, Alarme im Zimmer abzustellen, Türen in Ruhezeiten zu schließen und Maßnahmen zur Überwachung nachts maximal zu reduzieren, um den Tag-Nacht-Rhythmus nicht zu gefährden. Es kann auch bedeuten, dass unruhige Menschen mit Demenz bei entsprechenden körperlichen Ressourcen auf der Intensivstation herumwandern können oder in einem Pflegestuhl in der Nähe des Stützpunktes untergebracht werden. Sie benötigen Zuwendung und Akzeptanz, um in der für sie unverständlichen Situation Halt und Geborgenheit zu finden (4).
Aufmerksam berühren: Berührung hat in der pflegerischen Versorgung von Intensivpatienten mit Demenz einen besonders hohen Stellenwert. Das Wahrnehmungs- und Begegnungskonzept der Basalen Stimulation® zeigt viele Möglichkeiten auf, wie Pflegende einen Patienten mit Demenz unterstützen können. Die körperbezogenen Dialoge zwischen Patient und Pflegeperson sind in der Basalen Stimulation® genau definiert. Flächige Berührungen mit der ganzen Hand sowie deutlich beginnende und endende Berührungen werden von Menschen mit Demenz als nachvollziehbar verstanden (5). Pflegende sollten Berührungen achtsam gestalten und hierzu auch die Mimik, Gestik und Atmung des Betroffenen beobachten oder aber den Muskeltonus spüren. Jede Berührung sollte von Pflegenden bewusst als Beziehungsaufnahme gestaltet werden (6). Erleichtert wird die Kontaktaufnahme durch eine Initialberührung, die zur Begrüßung dem Intensivpatienten angeboten wird. Dabei kann zum Beispiel die Schulter mit ganzer Hand berührt werden. Dann sollte abgewartet werden, bis eine Zuwendung des Patienten erfolgt – wenn es ihm möglich ist. Erst dann wird mit der Pflegemaßnahme begonnen. Pflegende sollten den Patienten aktiv einbeziehen. Bei einem sich erhöhenden Muskeltonus oder einer schneller werdenden Atemfrequenz sollte abgewartet und erst dann fortgefahren werden, wenn sich die Zeichen normalisiert haben.
Dieses nachvollziehbare Vorgehen ist insbesondere bei unangenehmen Pflegemaßnahmen wie dem Entfernen von Kathetern und Verbandwechseln zu empfehlen. Intensivpatienten mit Demenz erleben dadurch Sicherheit und können auf Maßnahmen Einfluss nehmen. Während einer Pflegemaßnahme sollte Körperkontakt zwischen Pflegeperson und Patient gehalten werden – insbesondere, wenn der Mensch mit Demenz mit geschlossenen Augen daliegt oder abwesend erscheint. Eine Pflegemaßnahme wird erneut mit einer Initialberührung beendet.
Menschen mit Demenz benötigen bewusste Erfahrungsangebote. Alle Sinne sollten dabei angesprochen werden. Biografische Vorlieben sind zu berücksichtigen. Abbildung 1 bietet eine Übersicht der an den Sinnen ausgerichteten pflegerischen Angebote für Menschen mit Demenz.
Maßnahmen evaluieren: Menschen mit Demenz reagieren sehr prompt auf Situationen und verdeutlichen ihre Bedürfnisse nach Nähe, Zugehörigkeit und Akzeptanz mit demenztypischen Verhaltensweisen (7). Um Vertrautheit zu fördern, bedarf es einer empathischen Haltung. Ist diese echt und werden die Bedürfnisse des Menschen mit Demenz erkannt, können sich Unruhe und Angst reduzieren. Der Betroffene erlebt auf diese Weise Sicherheit und kann Vertrauen aufbauen. Sie benötigen dabei Unterstützung, insbesondere durch Angehörige. Angehörigen sollten ausgedehnte Besuchszeiten auf der Intensivstation ermöglicht werden und sie sollten in pflegerische Handlungen integriert werden. Pflegende sollten sich nicht davor scheuen, Angehörige zum Bleiben zu verleiten, weil dadurch die Chance steigt, dass ein Mensch mit Demenz ohne jegliche Fixierung, etwa über sedierende Medikation, auskommt.
Menschen mit Demenz können sich krankheitsbedingt nicht auf eine technische Welt einlassen. Daraus resultiert die Notwendigkeit, dass Intensivstationen ihre Strukturen ändern und an den Bedürfnissen demenzkranker Patienten ausrichten. Nur so ist eine bedarfsorientierte pflegerische Versorgung möglich.
(1) Wojnar, J. (2007): Die Welt der Demenzkranken. Hannover: Vincentz
(2) Bienstein, C.; Fröhlich, A. (2012): Basale Stimulation in der Pflege – Die Grundlagen. 7. Auflage. Bern: Huber
(3) Nydahl, P.: Biografische Anamnese. www.nydahl.de/Nydahl/Skripte_files/Anamnese.pdf, Zugriff: 4.3.2017
(4) Alzheimer Forum (Hrsg.): www.alzheimerforum.de/2/8/wdakude_k5.html, Zugriff: 4.3.2017
(5) Nydahl, P.; Bartoszek, G. (2012): Basale Stimulation. 6. Auflage. München: Urban & Fischer
(6) Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Freiburg (ZGGF) am Universitätsklinikum Freiburg: Leitliniengestützte Informationen zum Thema Demenz für Pflegende. www.demenz-leitlinie.de/pflegende.html, Zugriff: 4.3.2017
(7) Kitwood,T. (2008): Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. 5. Auflage. Bern: Huber