Die Anlage einer Ernährungssonde ist eine delegierbare ärztliche Tätigkeit. Wenn sie von Pflegenden ausgeführt wird, sind sie für die korrekte Durchführung verantwortlich. Um unerwünschte Ereignisse zu vermeiden, sind das Risiko- assessment und die Lagekontrolle wichtige Voraussetzungen.
Ernährungssonden erfüllen verschiedene therapeutische Zwecke (Panknin 2011). Pflegende stehen bei der Anlage einer Ernährungssonde in einem Zwiespalt. Denn einerseits müssen sie die adäquate Ernährung des Intensivpatienten gewährleisten, andererseits wissen sie um die Risiken, die bei der Anlage bestehen. Zudem kann sie bei Patienten Unwohlsein auslösen (Taylor 2013).
Indikation hinterfragen
In manchen Situationen ist es unklar, ob eine Sonde sofort gelegt werden muss oder ob damit noch gewartet werden kann. Hierbei ist wichtig zu wissen, dass die stundenweise Unterbrechung einer enteralen Ernährung nicht mit erheblichen Nachteilen verbunden ist. In einer aktuellen Metaanalyse (Marik et al. 2015) konnte bezüglich der Infektionsrate, Beatmungsdauer, Verweildauer und Mortalität kein signifikanter Unterschied festgestellt werden. 2 500 Patienten sind bei dieser Studie entweder normokalorisch – das entspricht 75 bis 80 Prozent des tatsächlichen Bedarfs – oder hypokalorisch – 16 bis 59 Prozent des tatsächlichen Bedarfs – ernährt worden.
Eine kurzfristige Unterbrechung über Stunden ist also tolerabel, auch wenn eine Mangelernährung natürlich grundsätzlich vermieden werden sollte. Diese Information ist auch vor dem Hintergrund, dass die Anlage einer Ernährungssonde im Nachtdienst eher zu Komplikationen führen kann (Taylor 2013), wichtig. Die Verzögerung der Gabe von Medikamenten, die über eine Ernährungssonde appliziert werden, muss hingegen im Einzelfall entschieden werden.
Bestehende Schluckstörungen, im Fachjargon Dysphagie genannt, sind ein Aspekt, der bei der Frage, ob eine Ernährungssonde behalten oder wiederholt angelegt werden soll, bedacht werden muss. Hier konkurrieren der Wunsch, die Bedürfnisse der Patienten zu erfüllen und ihnen eine orale Nahrungszufuhr zu ermöglichen, und gegensätzliche Sicherheitsbedenken. Bis zu 83 Prozent der frisch extubierten Patienten weisen Schluckstörungen auf (Macht et al. 2011). Sie sind mit einer erhöhten Pneumonierate, Reintubationen und Mortalität assoziiert, sodass Patienten vor dem Entfernen einer Ernährungssonde auf Schluckstörungen untersucht werden sollten, bevor sie sicher oral belastet werden können.
Risiken beachten
Die Anlage einer Ernährungssonde ist für Intensivpflegende häufig eine Routinetätigkeit. Ernährungssonden sind schnell gelegt, allerdings ist vor allem bei unzureichendem Personalschlüssel für ein ausführliches Risikoassessment keine Zeit. Durchschnittlich tritt bei jeder zehnten Anlage eine Komplikation auf (Stayner et al. 2012). In der Übersichtsarbeit von Prabhakaran et al. (2012) werden folgende unerwünschte Ereignisse angegeben, die bei der Anlage einer Ernährungssonde auftreten können:
- Übelkeit,
- Nasenbluten (1,8–4,7 %),
- Laryngospasmus (5 % bei bronchialer ES-Anlage),
- Insertion in den Thorax (1,3–8 %), dann eher der rechte Bronchus mit folgender Pneumonie, Atelektase, Abszess, bronchiale Perforation, pleurale Penetration,
- Pneumothorax (60 % der iatrogenen Pneumothoraxe durch ES-Anlage),
- Magenulcera (selten),
- Ösophagusperforation (extrem selten),
- intrakraniale Insertion (extrem selten).
Die Folgen einer intrathorakalen Anlage sind entsprechend pulmonale Blutungen, pleurale Penetration, Pneumothorax mit Empyem und Sepsis. Ein erhöhtes Risiko für Fehlanalgen treten bei Patienten mit endotrachealem Tubus, Bewusstseinsstörung, verminderten Schutzreflexen und bei wiederholten Fehlanlagen auf, vor allem im Nachtdienst und bei geringer Erfahrung der Anwender (Braun et al. 2011). Ösophagusperforationen und craniale Insertionen (Abb. 1) sind selten bis extrem selten (Freij et al. 1997, Hanna et al. 2012).
Lage kontrollieren
Um solche unerwünschten Ereignisse zu vermeiden, kommt der Überprüfung der korrekten Anlage eine besondere Bedeutung zu. In der Praxis werden folgende Verfahren zur Lagekontrolle verwendet:- Ausschluss von Fehllage durch Husten, Abfall der pulsoxymetrisch gemessenen Sauerstoffsättigung (sPO2) während der Anlage,
- Inspektion der Mundhöhle,
- Auskultation mit Stethoskop und 30 bis 50 Milliliter Luftinsertion,
- Beurteilung des Aspirats,
- pH-Wert-Kontrolle des Aspirats,
- Sonografie oder Fluoroskopie,
- Röntgenkontrolle und Beurteilung der Aufnahme,
- Kapnometrie (CO2-Messung),
- Sonstiges (elektromagnetische Kontrolle, Cuff-Manometer).
pH-Wert-Kontrolle ist am sichersten
Als sicherstes Verfahren gilt also die pH-Wert-Kontrolle. Bei unsicheren Ergebnissen sollte zusätzlich eine Röntgenaufnahme gemacht werden (NIH 2009, ENA 2010, Taylor 2013). Taylor (2013) empfiehlt:- Bei wachen, spontan atmenden Patienten ohne vorherige Fehlanlagen einer Ernährungssonde sollte eine pH-Wert-Messung nach Anlage erfolgen. Ein pH von 5 oder weniger erfasst eine gastrale Anlage in 77 bis 90 Prozent der Fälle. Liegt der pH-Wert über 5, kann dies auf eine pulmonale, ösophageale oder intestinale Anlage hinweisen. Bei Zweifel sollte ein elektromagnetisches Verfahren oder eine Röntgenaufnahme durchgeführt werden.
- Bei beatmeten, bewusstseinsgetrübten Patienten oder bei wiederholten Fehlanlagen sollte entweder a) eine Kapnometrie während der Anlage und eine pH-Wert-Kontrolle oder b) ein elektromagnetisches Verfahren durchgeführt werden. Der pH-Wert sollte bei 5 oder darunter liegen. Bei Zweifel sollte ein elektromagnetisches Verfahren oder eine Röntgenaufnahme durchgeführt werden.
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