Das Krankenhaus Waldfriede in Berlin verfolgt ein besonderes Betreuungskonzept. Ein interdisziplinäres Team aus Seelsorgern, Psychologen, Pflegenden und Ärzten begleitet Patienten individuell und empathisch, um ihnen Ängste und Sorgen zu nehmen. Dafür nimmt der Geschäftsführer der Klinik sogar deutlich höhere Personalkosten in Kauf.
U-Bahnhof Krumme Lanke, Endstation der U3, Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Hier im Südwesten Berlins steht ein Krankenhaus, das einen ganz besonderen Umgang mit seinen Patienten pflegt. Ziel ist ein „angstfreies Krankenhaus“, wie Vorstand Bernd Quoß erklärt. Seine Einrichtung, das Krankenhaus Waldfriede in Trägerschaft der evangelischen Freikirche der Sieben-Tages-Adventisten, hat dafür im vergangenen Jahr den Sonderpreis des Berliner Gesundheitspreises erhalten, eines bundesweiten Ideenwettbewerbs von AOK-Bundesverband, Ärztekammer Berlin und AOK Nordost. „Sobald die Entscheidung für eine Operation fällt, setzen sich Psychologen und Seelsorger mit den Patienten in Verbindung und versuchen, Ängsten zu begegnen“, erklärt Quoß. Eine Folge: „Unsere Anästhesie-Ärzte berichten, dass Narkosemittel besser wirken, also eine sanftere und weniger starke Narkose möglich wird.“
Patienten umfassend betreuen
Der Geschäftsführer nimmt dafür in Kauf, dass die Personalkosten höher liegen als in vergleichbaren Häusern und dass in seiner Klinik eine schwarze Null nur schwer zu erreichen ist, vor allem in Zeiten, in denen auch investiert werden muss. Doch der Träger stützt seinen Kurs. Das Krankenhaus Waldfriede beschäftigt extra zwei Seelsorger, die aus dem Gesamt-Personaltopf finanziert werden müssen. Einer von ihnen ist Dr. Gerhard Menn, Theologe und Pastor der Freikirche sowie ausgebildeter Krankenpfleger, wie er erzählt.
„Unsere Kirche wünscht, dass wir die Patienten seelsorgerlich begleiten, was im säkularen Berlin zugegeben auf viele Patienten, aber auch neue Mitarbeiter zunächst fremd wirkt“, sagt er. Doch da er dabei nicht versuche, zu missionieren, werde das Angebot gut angenommen. Er berichtet von einem bis zwei Dutzend Patientenkontakten pro Tag. Neben Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie Bildung gehöre die medizinische Hilfe zum religiösen Kern der Adventisten.
Menn arbeitet seit vier Jahren in dem 170-BettenHaus, war in den 1990er-Jahren in der Anästhesie der Uniklinik Köln tätig und zuletzt Gemeindepastor in Lübeck und Ostholstein. Er betreut nicht nur Patienten, sondern hilft in einem interdisziplinären Team mit, eine ganzheitliche Patientenbetreuung zu verankern. „Die Idee für ein Krankenhaus, in dem die Patienten nicht nur mechanisch behandelt, sondern umfassend betreut werden, entstand bereits in den 1970er-Jahren“, erklärt er. Aber 2011 sei der Ansatz dann organisatorisch verankert worden – in Form eines Arbeitskreises, der aus den verschiedenen Professionen unter Leitung des Oberarztes der Chirurgie besteht. Gemeinsam sorgt dieses Team für Schulungen.
Gute Zusammenarbeit mit Pflege
Menn betont die gute Zusammenarbeit mit der Pflege: „Unsere Pflegefachkräfte haben den engsten Kontakt zu den Patienten, sie nehmen als Erste wahr, wenn diese seelisch oder psychisch belastet sind und ziehen uns dann dazu.“
Manchmal werde auch schon beim Aufnahmegespräch deutlich, dass ein Patient Ängste mitbringe. Oft seien sie zurückzuführen auf die Schwere der Erkrankung oder verbunden mit einem generellen Unwohlsein im Krankenhaus. „Wir decken das komplette Spektrum ab, bis hin zu echten Angststörungen“, erklärt er.
Die Therapie obliege dabei den Psychotherapeuten, mit denen er sich eng abstimme, die aber wiederum in vielen Fällen die Patienten gut aufgehoben sähen bei den Seelsorgern. „Ich rate Patienten etwa, sich vor einer OP zu Hause zu überlegen, an welchen Orten sie sich sicher und geborgen fühlen“, erklärt Menn. „Viele fangen dann an über positive Erfahrungen zu schreiben und kommen so mit einer positiven Stimmung oder gar heiter zum OP-Termin.“ Er bleibe dann bei diesen Patienten, bis die Narkose ihre volle Wirkung entfalte. Auch den Aufwachprozess gelte es zu begleiten.
„Bei schweren Krankheiten geht es oft darum, dass der Patient auch wirklich zur Operation erscheint. Das ist etwa in der Krebstherapie oft schwierig“, berichtet der Seelsorger. Menn erzählt von einer Patienten, die am Morgen ihrer Operation 45 Minuten zu spät kam, weil sie zu Hause Panikschübe hatte. „Solche Situationen stellen eine Herausforderung für das OP-Management dar, aber für uns gehört es dann dazu, dass wir diese Patienten trotzdem noch aufnehmen und operieren, selbst wenn das den OP-Zeitplan zunichtemacht.“
Alle gemeinsam
Damit das Krankenhaus wirklich angstfrei und patientenzugewandt arbeite, müssten eben alle Professionen zusammenwirken. Das betreffe auch die Ansprache. Das Team schult Ärzte und Pflegende. „Bei uns spricht niemand von der Galle auf Zimmer XY, die noch operiert werden müsse, sondern nennt die betroffenen Menschen immer mit Namen“, sagt Menn. Das gelte auch während der Operation. Letztlich geht es um Sensibilität im stressigen Klinikalltag. „Wenn ein Patient vor einer Operation Angst hat, dann gehört es dazu, dass er in einen ruhigen OP-Saal gefahren wird.“ Lautes Klappern von OP-Besteck und Pfannen störe dann. „Hier gilt es, sensibel zu sein und mit der weiteren Vorbereitung auch mal zu warten, bis der Patient eingeschlafen ist.“