Geboren in Albanien, aufgewachsen in Griechenland, heute Pflegefachmann in Deutschland: Kadri Hasanaj hat einen langen Weg zurückgelegt. In diesem Erfahrungsbericht schildert er, wie ihn die Migration seiner Familie, die Wirtschaftskrise in Griechenland, die Arbeit in der Pflege, das Anerkennungsverfahren und das Erlernen der deutschen Sprache geprägt haben. Er berichtet von Rückschlägen, Unterstützung durch Familie und Arbeitgeber sowie von seinen Erfahrungen als internationale Pflegekraft zwischen zwei Gesundheitssystemen.
Mein Name ist Kadri Hasanaj, ich bin 33 Jahre alt und lebe seit Oktober 2021 in Deutschland. Heute wohne ich in Brandenburg an der Havel und arbeite nach erfolgreichem Anerkennungsverfahren als Pflegefachmann am Universitätsklinikum Brandenburg in der Dialyse.
Geboren wurde ich in Kukës in Albanien. Meine Eltern wanderten jedoch nach Griechenland aus, als ich noch jung war. Deshalb habe ich den größten Teil meines Lebens dort verbracht. Griechenland hat mich als Mensch und als Pflegekraft geprägt.
Meine berufliche Laufbahn begann 2015 mit einer Ausbildung zum Pflegehelfer. Danach entschied ich mich, weiterzulernen und Pflegefachkraft zu werden. An der Universität Westattika in Athen studierte ich Pflege und arbeitete gleichzeitig weiter in der Praxis.
Während meines Studiums lernte ich verschiedene Bereiche kennen. Besonders die Dialyse weckte mein Interesse. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals dachte: "Das ist etwas, das ich gerne machen möchte."
Später bekam ich die Möglichkeit, in einer Dialyseabteilung zu arbeiten. Anfangs war das eine große Herausforderung. Gleichzeitig konnte ich dort sehr viel lernen. Mit der Zeit merkte ich, dass mir diese Arbeit wirklich Freude macht. Insgesamt habe ich in Griechenland rund fünf Jahre Berufserfahrung gesammelt, davon etwa zwei Jahre in der Dialyse.
Warum ich Pflegefachkraft geworden bin
Meine Mutter war Hebamme und versuchte zunächst, mich davon abzuhalten, selbst in die Pflege zu gehen. Sie sagte mir, dass dieser Beruf viele Arbeitsstunden mit sich bringe und man häufig wenig Zeit für das Privatleben habe.
Damals habe ich ihre Worte nicht vollständig verstanden. Heute verstehe ich sehr gut, was sie meinte.
Für mich bedeutet Pflege weit mehr als medizinische Aufgaben. Es geht um Fürsorge, Unterstützung, Respekt und Menschlichkeit. Wir arbeiten mit Menschen, ihren Ängsten, Hoffnungen, Schmerzen und Gefühlen. Deshalb braucht dieser Beruf Geduld, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, professionell zu handeln und trotzdem menschlich zu bleiben.
Der Pflegeberuf ist nicht einfach. Man muss lernen, Belastungen professionell zu verarbeiten und gleichzeitig die Freude an der Arbeit mit Menschen zu bewahren.
Leben und Arbeiten in Griechenland
Die Wirtschaftskrise hat Griechenland stark verändert. Viele Menschen verloren ihre Arbeit, Gehälter sanken und die Arbeitsbedingungen wurden schwieriger. Während meines Studiums musste ich gleichzeitig arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Zeitweise hatte ich mehrere Jobs parallel und besuchte zusätzlich die Universität. Diese Zeit war sehr anstrengend, hat mich aber geprägt. Nach meinem Studienabschluss lag mein Einkommen zunächst bei etwa 500 bis 600 Euro im Monat. Auch erfahrene Pflegekräfte verdienten oft nur wenig mehr.
Trotz aller Schwierigkeiten bin ich Griechenland dankbar. Das Land hat mir die Möglichkeit gegeben, zu studieren, meinen Beruf zu erlernen und meinen beruflichen Weg zu beginnen. Dort habe ich gelernt, auch in schwierigen Situationen weiterzumachen.
Die Bedeutung meiner Familie
Meine Eltern haben sehr hart gearbeitet, um meinem Bruder und mir bessere Chancen zu ermöglichen. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich stolz auf das, was sie für unsere Familie geleistet haben.
Eine besonders wichtige Rolle spielt mein Bruder. Er lebte bereits in Deutschland und war einer der Gründe, weshalb ich überhaupt über einen Umzug nachgedacht habe. Ebenso wichtig war und ist meine Frau. Viele der großen Entscheidungen in meinem Leben haben wir gemeinsam getroffen.
Ohne die Unterstützung meiner Familie wäre mein Weg deutlich schwieriger gewesen.
Warum ich nach Deutschland gekommen bin
Eigentlich hatte ich zunächst nicht geplant, nach Deutschland zu gehen. Mein Bruder erzählte mir jedoch von den beruflichen Möglichkeiten für Pflegekräfte und dem hohen Bedarf an Fachpersonal. Gemeinsam mit meiner Frau traf ich schließlich die Entscheidung, einen Neuanfang zu wagen. Im Oktober 2021 kamen wir nach Deutschland.
Der Anfang war nicht einfach. Arbeit und Wohnung zu finden, war eine große Herausforderung. Gleichzeitig mussten wir uns in einer neuen Sprache, einer neuen Kultur und einem neuen Alltag zurechtfinden. Mit Geduld und Ausdauer gelang es uns Schritt für Schritt, ein neues Leben aufzubauen.
Meine ersten Schritte in Deutschland
Nach etwa einem Jahr begann ich, mich selbstständig bei Pflegeeinrichtungen zu bewerben. Mir war bewusst, wie wichtig die deutsche Sprache für meinen beruflichen Weg sein würde. Deshalb wollte ich möglichst viel Kontakt mit deutschen Kolleginnen und Kollegen haben. Die ersten Gespräche auf Deutsch waren schwierig. Anfangs konnte ich mich nur eingeschränkt ausdrücken. Doch jeden Tag lernte ich etwas Neues.
Nach rund zwei Jahren im Pflegeheim wollte ich wieder in die Dialyse zurückkehren. Deshalb bewarb ich mich 2024 bei Vivantes im Klinikum Friedrichshain in Berlin. Dieses Krankenhaus war für mich besonders wichtig, weil es mir als erstes die Tür geöffnet hat, wieder in meinem Wunschbereich zu arbeiten.
Ich begann dort zunächst als Pflegehelfer und gleichzeitig als Pflegekraft im Anerkennungsverfahren zur Anerkennung als Pflegefachmann in Deutschland. Zu dieser Zeit sprach ich Deutsch ungefähr auf B1-Niveau. Trotzdem bekam ich die Chance, in der Dialyse zu arbeiten und mich beruflich weiterzuentwickeln. Ich habe dort sehr viel gelernt und jeden Tag neue Erfahrungen gesammelt.
Leider wurde es mit der Zeit schwierig, die Arbeitszeiten in Berlin mit dem notwendigen Unterricht und der Vorbereitung auf meine Anerkennung zu verbinden. Deshalb musste ich eine Entscheidung treffen, die mir nicht leichtfiel: Ich kündigte.
Das war emotional schwierig, weil ich das Gefühl hatte, dass mir dort Menschen eine wichtige Tür geöffnet hatten. Ich sprach offen mit meiner Vorgesetzten über meine Situation und bedankte mich für die Unterstützung und das Verständnis des Teams.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Satz, den ich damals hörte: Die Tür stehe für mich jederzeit offen. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich in den sechs Monaten offenbar zeigen konnte, wie ernst ich diese Chance genommen hatte und wie sehr ich mich bemühte, meinen Weg zu gehen.
Anerkennungsverfahren und Sprache als größte Herausforderungen
Am Universitätsklinikum Brandenburg erhielt ich die Möglichkeit, in der Dialyse zu arbeiten und gleichzeitig einen berufsbegleitenden B2-Deutschkurs zu besuchen. Diese Unterstützung war für mich sehr wertvoll.
Die Kombination aus Arbeit und Sprachkurs war jedoch anspruchsvoll. Mehrere Stunden Unterricht und anschließend mehrere Stunden Arbeit bedeuteten über Monate hinweg eine enorme Belastung.
Die B2-Prüfung habe ich zunächst knapp nicht bestanden. Das war enttäuschend. Trotzdem wollte ich nicht aufgeben. Ich fuhr immer wieder nach Berlin, lernte weiter und legte die Prüfung erneut ab. Irgendwann gab es den Moment, in dem ich wusste: Jetzt muss ich es schaffen. Schließlich bestand ich die Prüfung.
Vor wenigen Monaten erhielt ich meine Anerkennung als Pflegefachkraft in Deutschland. Dieser Moment war für mich etwas ganz Besonderes. Die Anerkennung war für mich nicht einfach ein Dokument. Sie war das Ergebnis eines langen Weges voller Arbeit, Geduld und Ausdauer.
Leben zwischen Griechenland und Deutschland
Die Sprache war nicht die einzige Herausforderung. Ich musste mich an das Wetter gewöhnen, an andere Lebensgewohnheiten und an einen neuen Alltag. Auch neue Freundschaften entstehen nicht von heute auf morgen, besonders wenn man die Sprache noch nicht sicher beherrscht. Mit der Zeit wurde vieles leichter.
Berlin erinnert mich in vieler Hinsicht an Athen. Beide Städte sind vielfältig, international und voller Möglichkeiten. Brandenburg dagegen bietet mehr Ruhe und Stabilität im Alltag.
Was die Menschen betrifft, hatte ich anfangs den Eindruck, dass sie etwas zurückhaltender sind als in Griechenland. Wenn man sie jedoch näher kennenlernt, erlebt man viele als freundlich, hilfsbereit und respektvoll.
Pflegefachkraft in Griechenland und Deutschland: Meine Erfahrungen
Aus meiner Sicht stehen beide Länder vor ähnlichen Herausforderungen, insbesondere beim Personalmangel.
Große Unterschiede sehe ich bei der Organisation und Digitalisierung. In Deutschland sind viele Abläufe digital unterstützt. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Probleme im Arbeitsalltag häufig offen angesprochen werden und gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.
In Griechenland war ich im Pflegeheim zeitweise für 33 bis 35 Bewohner verantwortlich. Das war körperlich und psychisch sehr anspruchsvoll.
Diese Erfahrungen haben mich belastbar gemacht. Gleichzeitig führen sie dazu, dass ich viele Dinge in Deutschland besonders schätze: geregelte Pausen, strukturierte Abläufe, Dokumentation und eine angemessene Vergütung.
Sehr positiv empfinde ich außerdem die Zusammenarbeit zwischen Pflege und Ärzteschaft. Eine gute Kommunikation zwischen den Berufsgruppen ist für mich ein wichtiger Bestandteil einer guten Patientenversorgung.
Meine Zukunftspläne
Beruflich möchte ich mich in der Dialyse weiterentwickeln und meine Deutschkenntnisse bis zum Niveau C1 ausbauen.
Langfristig interessiert mich eine Weiterbildung im Bereich Dialyse. Perspektivisch könnte ich mir sogar einen beruflichen Schritt in die Schweiz vorstellen. Derzeit konzentriere ich mich jedoch darauf, Erfahrungen zu sammeln und mich fachlich weiterzuentwickeln.
Neben meinen beruflichen Zielen habe ich einen persönlichen Wunsch: Gemeinsam mit meiner Frau möchte ich eine Familie gründen und ein stabiles, glückliches Leben aufbauen.
Was ich aus meinem Weg gelernt habe
Wenn ich heute auf meinen bisherigen Weg zurückblicke, sehe ich viele Herausforderungen, aber auch viele Menschen, die mich unterstützt haben.
Meine Eltern haben mir gezeigt, was harte Arbeit bedeutet. Griechenland hat mir die Möglichkeit gegeben, meinen Beruf zu erlernen. Deutschland hat mir die Chance gegeben, mich weiterzuentwickeln und meine Qualifikation anerkennen zu lassen.
Ich bin dankbar für meine Familie, meine Frau, meinen Bruder, meine Kolleginnen und Kollegen, meine Vorgesetzten und alle Menschen, die mir geholfen haben.
Mein Weg war nicht einfach. Aber ich habe gelernt, dass man mit Wille, Geduld, Ausdauer und Liebe zum Beruf sehr viel erreichen kann. Die Anerkennung als Pflegefachmann in Deutschland war für mich deshalb weit mehr als ein Dokument. Sie zeigt mir, dass sich Beharrlichkeit und harte Arbeit auszahlen können.
Wenn ich Menschen, die vor einem ähnlichen Schritt stehen, einen Rat geben dürfte, würde ich sagen: Gebt nicht auf. Glaubt an euch selbst. Manche Ziele brauchen mehrere Anläufe. Entscheidend ist, weiterzumachen.
Heute bin ich sowohl Griechenland als auch Deutschland dankbar. Beide Länder haben mich geprägt. Und ich hoffe, dass meine Geschichte anderen Menschen Mut macht, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.