Eine weltweit häufige, aber wenig beachtete Folge von Inkontinenz ist die Inkontinenz-assoziierte Dermatitis (IAD). Nach einer aktuellen Metaanalyse des Instituts für Klinische Pflegewissenschaft an der Charité – Universitätsmedizin Berlin ist rund jeder siebte Erwachsene mit Inkontinenz davon betroffen. Die Autorengruppe spricht von einer erheblichen Belastung durch eine Erkrankung, die grundsätzlich weitgehend vermeidbar wäre.
Inkontinenz-assoziierte Dermatitis betrifft jeden siebten Erwachsenen
Für die im "Journal of Advanced Nursing" veröffentlichte Untersuchung wertete das Forschungsteam 28 Studien mit insgesamt 270.719 Erwachsenen aus. Berücksichtigt wurden Daten aus Krankenhäusern, Pflegeheimen und dem häuslichen Setting in verschiedenen Ländern und Kontinenten. Ziel war es, die weltweite Häufigkeit der Erkrankung möglichst verlässlich zu bestimmen.
Die Forschungsgruppe konzentrierte sich dabei besonders auf Studien mit niedrigem Verzerrungsrisiko ("Risk of Bias"; Fehler bei der Planung, Durchführung oder Auswertung einer Studie, die dazu führen, dass das Ergebnis von der Realität abweicht). Bei diesen Studien lag die Prävalenz der IAD bei 14,2 Prozent. Werden hingegen sämtliche verfügbaren Studien einbezogen, steigt die geschätzte Häufigkeit auf 22,7 Prozent. Die Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass Untersuchungen mit höherem Bias-Risiko die tatsächliche Verbreitung überschätzen können.
Prävalenz steigt bei Einbeziehung aller Studien deutlich an
IAD entsteht durch den wiederholten Kontakt von Haut mit Urin und/oder Stuhl. Die entzündliche Hautschädigung äußert sich etwa durch Rötungen, Schwellungen und oberflächliche Hautdefekte. Für Betroffene kann sie mit Schmerzen verbunden sein. Zudem erhöht sie das Risiko für Dekubitus und wird mit längeren Krankenhausaufenthalten in Verbindung gebracht.
Besonders häufig tritt die Erkrankung bei Menschen mit Stuhlinkontinenz auf. Hier ermittelten die Autoren eine Prävalenz von 26,1 Prozent. Bei Harninkontinenz lag die Rate bei 15,6 Prozent, bei Doppelinkontinenz bei 18,6 Prozent. Nach Einschätzung der Forscher unterstreichen die Ergebnisse die wichtige Rolle von Stuhlbestandteilen bei der Schädigung der Hautbarriere.
Höhere Erkrankungsraten in Krankenhaus und häuslicher Pflege
Auch zwischen den Versorgungsbereichen zeigten sich Unterschiede. Die höchsten Prävalenzen fanden sich in Krankenhäusern und im ambulanten beziehungsweise häuslichen Bereich mit jeweils rund einem Viertel der Betroffenen. In Pflegeheimen lag die geschätzte Prävalenz bei sieben Prozent. Als mögliche Erklärung nennen die Autoren etablierte Hautschutz- und Kontinenzkonzepte in der stationären Langzeitpflege.
Besorgniserregend sind die Inzidenzdaten aus Intensivstationen. Dort entwickelte etwa ein Drittel der Patienten mit Inkontinenz während des Beobachtungszeitraums eine Inkontinenz-assoziierte Dermatitis. Die gepoolte Inzidenz lag bei 33,1 Prozent.
Pflegepraxis: Frühzeitige Prävention und Hautschutz gefordert
Für die Pflegepraxis leitet das Forschungsteam einen klaren Handlungsauftrag ab. Angesichts der hohen Verbreitung einer grundsätzlich vermeidbaren Erkrankung seien systematische Risikobewertungen, standardisierte Hautpflegekonzepte und eine frühzeitige Behandlung erforderlich. Die Studie liefere damit die bislang umfassendste internationale Bestandsaufnahme zur Epidemiologie der IAD bei Erwachsenen mit Inkontinenz.