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Pflege in einem Altenheim während Corona

"Hatte immer das Gefühl, nicht genug für die Bewohner tun zu können"

Anonymer Erfahrungsbericht einer Pflegehelferin, die ihre Arbeit während der zweiten Corona-Welle schildert.

Anonymer Erfahrungsbericht einer Pflegehelferin, die ihre Arbeit während der zweiten Corona-Welle schildert.

Ich bin 52 Jahre alt und arbeite seit 25 Jahren als Pflegehelferin in einem Alten- und Pflegeheim ausschließlich im Nachtdienst. Die Einrichtung hat 100 Heimplätze. Unter den Mitarbeitenden herrschte überwiegend ein durchwachsenes Arbeitsklima. Durch die erste Corona-Welle im Frühjahr 2020 sind wir problemlos durchgekommen.

Anfang Dezember 2020 hatten wir, wie in sehr vielen Pflegeheimen zu der Zeit, einen Corona-Virus- Ausbruch. Dieser fing eigentlich sehr harmlos an mit anfänglich nur 2 infizierten Heimbewohnern und 2 Mitarbeitenden.

"Nach einer Woche hatte sich die Zahl der Infizierten verzehnfacht."

Es wurden alle möglichen Maßnahmen ergriffen, um das Virus einzudämmen. Wöchentlich wurden alle Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitenden durch das Gesundheitsamt getestet. Nach einer Woche hatte sich die Zahl der Infizierten verzehnfacht.

Das Gesundheitsamt ordnete eine Isolierstation an, dessen Einrichtung sehr schnell passieren musste. Nichtinfizierte Heimbewohnerinnen und -bewohner mussten ihre Zimmer verlassen und mit infizierten Bewohnerinnen und Bewohnern tauschen. Diese Situation war sehr belastend für alle. Überall standen nun Kisten mit Kleidung in den Zimmern, viel mehr konnten die Bewohnerinnen und Bewohner nicht mitnehmen.

"Diese Situation war sehr belastend für alle."

Schnell war klar, dass das Virus uns immer voraus war. Beim nächsten Reihentest waren bereits zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner sowie ein Großteil der Mitarbeitenden aus allen Bereichen der Einrichtung infiziert.

Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass es für alle ein sehr trauriges Weihnachtsfest werden würde.

Die Kapazität der Isolierstation war erschöpft. Deshalb wurde nun die gesamte Einrichtung unter Quarantäne gestellt. Alle Bewohnerinnen und Bewohner mussten in ihren Zimmern bleiben. Über die Weihnachtsfeiertage waren so viele Mitarbeitende in Quarantäne, dass wir Unterstützung durch Freiberufler und die Bundeswehr bekamen.

Für mich war es sehr belastend, die vielen schwer kranken Bewohnerinnen und Bewohner zu sehen. Ich hatte immer das Gefühl, nicht genug für sie tun zu können.

"Der gewohnte Ablauf war auf den Kopf gestellt und teilweise begann das Chaos."

Dann waren plötzlich fremde Pflegefachpersonen vor Ort. Damit mussten nicht nur wir übrigen Pflegenden, sondern auch die Bewohnerinnen und Bewohner erst einmal klarkommen. Der gewohnte Ablauf war auf den Kopf gestellt und teilweise begann das Chaos.

Namen wurden verwechselt und damit auch Medikamente. Schmerzmittel, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, wurden tagelang überhaupt nicht verabreicht. Eine korrekte Übergabe an den Nachtdienst erfolgte nicht. Für mich waren es kriegsähnliche Zustände. Das war schon schwer zu ertragen.

"Namen wurden verwechselt und damit auch Medikamente."

Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich bereits krank. Beim nächsten Reihentest nach Weihnachten wurde ich dann auch mit 2 weiteren Nachtschwestern positiv auf das Corona-Virus getestet. Wir waren 14 Tage in Quarantäne.

Wir 3 waren 2 Wochen lang richtig krank mit allen möglichen Symptomen.

Meinen Ehemann hatte ich leider auch mit dem Corona-Virus angesteckt. Wir benötigten Unterstützung zu Hause. Unsere Nachbarn gingen mehrmals täglich mit unserem Hund Gassi. Unsere Schwägerin übernahm den Einkauf und versorgte uns mit den Dingen des täglichen Bedarfs. Sogar unsere Bürgermeisterin stellte uns einen Obstkorb vor die Tür. Wir sind jetzt noch allen sehr dankbar für die Unterstützung.

"Wir sprachen uns Mut und Zuversicht zu."

In dieser für uns schwierigen Zeit fühlten wir uns von staatlicher Seite, also vom Gesundheitsamt, allein gelassen. Wir Nachtschwestern unterstützten uns gegenseitig durch regelmäßige Telefonate oder WhatsApp-Nachrichten und erkundigten uns nach dem jeweiligen Gesundheitszustand. Wir sprachen uns Mut und Zuversicht zu.

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Mitte Januar war ich wieder zurück am Arbeitsplatz. Die Lage hatte sich etwas entspannt. Es gab nur noch wenige infizierte Bewohnerinnen und Bewohner. Die allgemeine Quarantäne war zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht aufgehoben, sodass die Bewohnerinnen und Bewohner immer noch in ihren Zimmern bleiben mussten. Es kostete mich sehr viel Kraft und Energie, den älteren Menschen Mut und Zuversicht zu geben, dass bald wieder alles gut sein würde. Ich wurde jeden Abend mit Fragen konfrontiert, die ich selbst nicht beantworten konnte, weil wir Mitarbeitenden keinerlei Informationen bekamen.

"Der Zusammenhalt im Kollegium blieb nicht bestehen."

Seit Anfang Februar war die Einrichtung dann endlich Corona-frei und die Quarantäne wurde aufgehoben. Die Bewohnerinnen und Bewohner konnten nach und nach wieder in ihre Zimmer ziehen. Das war eine große Erleichterung für alle.

Obwohl jetzt nach und nach die Normalität wieder eintrat, waren die Gedanken auch immer bei jenen, die das Corona-Virus nicht überlebt haben. Diese Erfahrung sitzt tief.

Große Hoffnung hatte ich, dass der Zusammenhalt im Kollegium, der während der Corona-Zeit in unserer Einrichtung herrschte, weiterhin bestehen bleibt. Leider habe ich mich getäuscht. Auch dieser Umstand belastet mich sehr.

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