Ein multidisziplinäres Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Vertreterinnen der Pflegepraxis haben im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) eine umfassende systematische Übersicht erstellt, um die Frage nach der Wirksamkeit von Kinästhetik zu klären. Sie kamen zum Ergebnis, dass beweiskräftige Studien zum Nutzen fehlen. Christel Bienstein – eine überzeugte Anwenderin von Kinästhetik, die als eine der ersten deutschen Pflegefachpersonen bereits in den 1970er-Jahren in der Schweiz Kinästhetikfortbildungen teilnahm – kommentiert die Studie.
Ich stimme den drei Autor:innen zu: Es fehlen beweiskräftige Studien, die nachweisen, dass kinästhetische Bewegungen pflegebedürftigen Menschen helfen. Doch dieser Mangel betrifft nicht nur die Kinästhetik, sondern mehr als 90 Prozent unserer beruflichen Aufgaben und Handlungen. Das gilt ebenso für andere etablierte Konzepte wie Bobath, Feldenkrais, Orofaziale Regulationstherapie oder nahezu alle physio‑, logo‑ und ergotherapeutischen Verfahren.
Weltweit sind maximal ein Prozent der pflegerischen Aufgaben, Handlungen und Tätigkeiten evidenzbasiert. Doch kein Grund zur Aufregung: Auch in der Medizin sind nur etwa 15 bis 19 Prozent der Handlungen evidenzbasiert – und die waren deutlich früher an den Universitäten als wir.
Trotzdem kann dieser Umstand nicht zur Annahme führen, dass kinästhetische Unterstützungsbewegungen nicht hilfreich oder sinnvoll seien. Die befragten Teilnehmer:innen bestätigen vielmehr die besondere Qualität der Unterstützung, die pflegerischen Grundwerten entspricht: Sicherheit vermitteln, Zeit nehmen, Schmerzen vermeiden, spürbare Fortschritte ermöglichen. Und genau das ist es, was wir als Pflegefachpersonen erreichen wollen.
Die Autor:innen weisen in ihren Schlussfolgerungen selbst darauf hin, dass es an ausreichenden Studien fehlt und diese dringend notwendig sind.
Überall zeigen sich große Wissenslücken
Im Jahr 2026 liegt der Anteil wissenschaftlich qualifizierter Pflegender in Deutschland bei nur etwa zwei Prozent. Und selbst diese sind nicht alle in der Forschung tätig. Die wenigen Pflegenden an Hochschulen oder Universitäten haben oft kaum noch Kontakt zur Pflegepraxis und formulieren daher nicht immer praxisrelevante Fragestellungen. Es ist daher kein Wunder, dass wir so wenige evidenzbasierte Kenntnisse besitzen, etwa zur Mundpflege bei Chemotherapiepatient:innen, zur Vermeidung von Koprostase oder zur Pneumonieprophylaxe. Überall zeigen sich große Wissenslücken.
Theorien aus anderen Bereichen, wie der Rautegriff oder Lastenbewegungskonzepte aus dem Baugewerbe, haben uns und unseren pflegebedürftigen Menschen nicht geholfen – das bestätigt auch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Wir bewegen schließlich keine Lasten, sondern Menschen.
Dann kommen zwei äußerst begabte Menschen – Frank Hatch und Lenny Maietta (1950-2018) –, nicht einmal aus der Pflege, und zeigen uns mit dem Kinästhetikkonzept, wie sich Menschen tatsächlich bewegen und wie wir sie dabei unterstützen können, ihre Bewegungsmöglichkeiten wiederzuerlangen und zu nutzen.
Ich bin überzeugt: Alle, die mit kinästhetischen Prinzipien arbeiten, erleben deren Wirksamkeit – selbst Kolleg:innen von Feuerwehr und Rettungsdienst.
Wir müssen darauf drängen, dass direkte Pflege wissenschaftlich fundiert wird und gemeinsam mit unseren wissenschaftlich qualifizierten Kolleg:innen entsprechende Projekte entwickeln.
Kinästhetische Projekte jetzt nicht mehr zu fördern, ist ein klarer Rückschritt. Es führt zu mehr Schmerzen und nimmt Menschen die Chance, Eigenbewegungen zu entwickeln. Einrichtungen mit kinästhetisch geschulten Kolleg:innen sind eindeutig besser aufgestellt.
Es braucht langfristige, methodisch vielfältige Studien
Es ist bedauerlich, dass das Forschungsteam den Auftrag des IQWiG, eine umfassende systematische Übersicht zum Nutzen von Kinästhetik zu erstellen, überhaupt angenommen haben. Aus meiner Sicht haben sie der Pflege damit keinen Gefallen getan. Denn es war von vornherein ersichtlich, dass es zur Forschungsfrage keine ausreichenden Studien gibt. Eindimensionale Forschungsmethoden wie randomisiert kontrollierte Studien können komplexe Interventionen nicht angemessen abbilden. Hierfür braucht es langfristige, methodisch vielfältige Studien.
Ich sage auch aus eigener Erfahrung mit Patient:innen – sowohl mit sterbenden Menschen als auch mit Menschen im Wachkoma: Kinästhetik ist wirksam. Pflegende sollten sich daher nicht entmutigen lassen, sondern Kolleg:innen unterstützen, die sich wissenschaftlich weiterqualifizieren wollen. Wir brauchen sie dringend, damit sich unser pflegerisches Wissen weiterentwickelt.
Mein Fazit: Wir müssen alle gemeinsam deutlich mehr für unsere wissenschaftliche Entwicklung tun. Gefühlt ist Kinästhetik schon jetzt überzeugend – und ich bin sicher, dass wissenschaftliche Untersuchungen dies bestätigen werden.