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Intensivpflege und Corona

"Noch ist die Spitze nicht erreicht"

Wenn in den nächsten Tagen und Wochen die Corona-Situation eskaliert, wird eine hochqualifizierte Pflegefachperson bis zu 6 Intensivpatientinnen und -patienten versorgen müssen. Davon ist der 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF), Lothar Ullrich, überzeugt.

Herr Ullrich, wie sieht es im Moment auf deutschen Intensivstationen aus?

Noch ist die Situation relativ ruhig, aber es sind große regionale Unterschiede zu beobachten. Manche Intensivstationen in Universitätskliniken sind bereits jetzt, Ende März, voll belegt, während andere noch gute Kapazitäten haben. An der Uniklinik Münster wurden zum Beispiel gerade 2 Corona-Patienten aus den Niederlanden übernommen, in Bonn 2 aus dem Elsass. Im Moment sind die Kliniken zwar gut aufgestellt, aber eine Prognose, wie es weitergeht, ist schwierig. Noch haben wir die Spitze nicht erreicht.

Was passiert, wenn in den Kliniken viele beatmete Corona-Patienten gleichzeitig aufgenommen werden müssen?

Das Ziel muss sein, solange wie möglich ein hohes Niveau an intensivpflegerischer Versorgung aufrechtzuerhalten. Wenn wir von einer Verdoppelung der Beatmungsplätze ausgehen, wie derzeit angestrebt, haben wir nicht ausreichend Personal, um diese intensivpflichtigen Patientinnen und Patienten zu versorgen. Eine Intensivpflegeperson müsste dann 4 bis 6 Patientinnen und Patienten übernehmen. Die Versorgung wird aber nur funktionieren, wenn wir mit einer Art Stufenstrategie zusätzliches Personal akquirieren. Da sind die meisten Kliniken im Moment auch dran.

Wie kann so eine Stufenstrategie aussehen?

Das läuft in der Regel in drei Stufen ab: 1. Es wird sämtliches hochqualifiziertes Personal rekrutiert, das derzeit in Teilzeit oder in anderen Arbeitsfeldern wie der Anästhesie tätig ist. 2. Es werden Pflegende mit weniger Intensiverfahrung rekrutiert und diese in Crashkursen auf den Einsatz vorbereitet. 3. Es werden ehemalige Pflegefachpersonen eingesetzt, die beruflich nicht mehr in der Pflege tätig sind. Die Pflegekammern, aber auch einige Kliniken haben dazu bereits Aufrufe gestartet. Diese Personen können aber nur als Assistenzkräfte eingesetzt werden, sie können keine beatmeten Patientinnen und Patienten übernehmen.

Die Bereitschaft zu helfen, ist unter ehemaligen Pflegekräften und auch Medizinstudierenden sehr groß. Wie beurteilen Sie einen Einsatz unerfahrener Kräfte in der Intensivpflege?

In einer Notsituation ist es richtig, das zu tun. Es muss aber definiert sein, wer was macht und wer was darf. Wenn die Situation eskaliert, wie zurzeit in Italien und Spanien, wird eine hochqualifizierte Pflegefachperson 4 bis 6 Patientinnen und Patienten versorgen müssen. Hierbei ist sie auf Unterstützung angewiesen. Je besser die "Assistenten" vorbereitet sind, desto effizienter lassen sie sich – unter der Leitung und Gesamtverantwortung der zuständigen Pflegenden – einsetzen. Medizinstudierende können allerdings tatsächlich nur reine Assistenzaufgaben übernehmen, z. B. Spritzen aufziehen oder bei der Umlagerung mit unterstützen. Gerade Intensivpatienten mit Corona sind extrem pflege- und betreuungsintensiv.

Inwiefern?

Menschen mit einem schweren Fall von Corona entwickeln in der Regel ein akutes Lungenversagen, also ein ARDS, das mit Beatmung, Bauchlagerung und Multiorganversagen einhergeht. Allein die regelmäßige Umlagerung bei Bauchlagerung ist sehr personal- und zeitintensiv. Zudem ist bei Bauchlagerung fast immer eine Analgosedierung und Katecholamintherapie erforderlich – auch das geht mit einer besonderen Überwachung und Pflege einher. Die hochqualifizierten Pflegenden nehmen deshalb eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Corona-Krise ein. Sie müssen – je nach Eskalationsstufe – mehrere Patientinnen und Patienten übernehmen, die geringer Qualifizierten und Assistenten einweisen und überwachen und die Gesamtverantwortung tragen. Je mehr hochqualifizierte Pflegende da sind, desto sicherer ist die Situation. 

Wären wir auf eine Krise wie Corona besser vorbereitet, wenn wir mehr Fachpflegende hätten? Oder kann man sich auf eine Situation, wie wir sie derzeit haben, gar nicht vorbereiten?

Es ist schwer zu sagen, ob man sich auf eine Situation wie Corona vorbereiten kann. Man wird in der Regel nie Betten vorhalten, die nicht genutzt werden. Aber: Natürlich wären wir mit mehr Fachkräften besser für eine solche Situation gewappnet. Die intensivpflegerische Versorgung ist in den vergangenen Jahren immer am Limit gefahren. Das fällt uns jetzt vor die Füße. Gerade in der Intensivpflege ist es besonders gefährlich, wenn keinerlei Puffer für Unvorhergesehenes mehr da ist. 

Wie ist die personelle Situation im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

Im Vergleich zu unseren Nachbarländern Österreich und der Schweiz stehen wir personell auf jeden Fall schlechter da, wie die Intensivpflegebefragung 2017 von Professor Michael Isfort zeigt. Prekär ist die Personalsituation auf deutschen Intensivstationen vor allem nachts: Im Nachtdienst beträgt die Betreuungsrelation mehrheitlich eins-zu-drei, das heißt zu 46,3 %. Zu mehr als 40 % werden nachts sogar vier oder mehr Intensivpatienten betreut. Auch die eingeführten Untergrenzen in der Intensivpflege haben die Situation nicht wesentlich verbessert. Von vielen werden die Untergrenzen als Obergrenze gesehen – das ist fatal!

Was passiert, wenn Intensivpflegende selbst erkranken? Aus Italien und Spanien wird berichtet, dass bereits 9 bzw. 12 % des Gesundheitsfachpersonals mit Corona infiziert sind.

Es ist extrem wichtig, dass alle Mitarbeiter, die in die Patientenversorgung eingebunden sind, in die hygienischen Standards eingewiesen werden und ausreichend Schutzmaterialien erhalten. Es kann nicht sein, dass Gesundheitsfachpersonal mit selbstgebastelten Masken arbeitet! Ich habe sogar schon den Vorschlag gehört, dass Intensivpflegende, die die Corona-Erkrankung selbst durchgemacht haben, doch ohne Schutzausrüstung eingesetzt werden könnten. Das geht natürlich auf keinen Fall – jede Corona-Patientin und jeder Corona-Patient kann zusätzlich eine Hepatitis oder andere Infektionskrankheiten haben. In der Intensivpflege muss man immer mit Schutzkleidung arbeiten!

Wie schätzen Sie die Situation für die nächsten Wochen ein?

Ich gehe davon aus, dass wir in den kommenden Tagen und Wochen mit einer stark steigenden Zahl von intensiv- und beatmungspflichtigen Patientinnen und Patienten auf unseren Intensivstationen rechnen müssen und denke, dass wir – mit dem nötigen Respekt – auch verantwortungsvoll aufgestellt sind. Wir alle wünschen uns inständig, dass aufgrund mangelnder personeller und materieller Ressourcen keine therapiebegrenzenden Entscheidungen, wie aus Italien übermittelt, bei uns nötig sein werden. 

Gibt es etwas, das wir aus der derzeitigen Situation lernen können?

Aktuell ist es aus unserer Sicht der falsche Moment, um Schuldzuweisungen zu machen und Verantwortlichkeiten und Fehlentwicklungen aus der Vergangenheit zu kritisieren. Das ist ein klares Zeichen unserer Professionalität! Gleichwohl wird die Zeit kommen, da eine vollständige Analyse der Corona-Pandemie und ihrer Bewältigungsversuche in Deutschland durchgeführt werden muss, an der wir uns als Fachgesellschaft DGF aktiv und mit aller Entschlossenheit beteiligen werden. Und dann sind wir, als aktuell endlich wahrgenommene "systemrelevante Berufsgruppe" gefragt, darauf zu verweisen, dass die DGF seit vielen Jahren auf die Überlastung der Fachpflege auf Intensivstationen, in der ambulanten Intensivpflege, in der Anästhesie und weiteren Funktionsabteilungen hingewiesen bzw. diese kritisiert hat.

Was möchten Sie den Intensivpflegenden im Moment mitgeben?

Bei allen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie sollten wir nicht die Zuversicht verlieren, dass wir die Situation bewältigen werden! Nie wurde unserer täglichen Arbeit in der öffentlichen Wahrnehmung mehr Respekt gezollt und mehr Bedeutung zugemessen als in dieser Zeit. Die gesellschaftliche Relevanz unseres Berufes wird nun auch denen deutlich, die sich bisher nie mit diesen Themen auseinandersetzen mussten. Darin liegt die große Chance, nach Corona und Covid-19 die Wichtigkeit unserer systemrelevanten Berufsgruppe dauerhaft zu manifestieren – fachlich, ökonomisch und monetär.

     

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