• Praxis
Digitalisierung in der Pflege

"Digitale Technologien können einen großen Mehrwert in der Pflege bringen"

Richtig angegangen, verspricht eine digitalisierte Pflege verbesserte Arbeitsbedingungen und öffnet den Beruf auch für neue Zielgruppen. Dafür bedarf es viel Überzeugungsarbeit – auch und vor allem an der Basis, sagt die Vize-Präsidentin der Gesellschaft für Informatik, Christine Regitz. 
Frau Regitz, wie ist es um die digitalen Kompetenzen von Pflegenden hierzulande bestellt?
Heute gibt es in Deutschland knapp drei Millionen Pflegebedürftige, die von etwa 1,1 Millionen Beschäftigten in der stationären und ambulanten Pflege versorgt werden. Über deren digitale Kompetenzen gibt es so gut wie keine empirischen Erhebungen. Das war bisher auch nicht notwendig, da der Pflegebereich – von der Dokumentation einmal abgesehen – in der Vergangenheit von der Digitalisierung nur am Rande betroffen war. Doch das wird sich in den kommenden Jahren stark ändern. 
Inwiefern?
Technische Innovationen im Pflege- und Gesundheitssektor wie neue Dokumentations- und Kommunikationsmedien, Assistenzsysteme, innovative Robotertechnik oder Mobilitätslösungen werden die Versorgung und Betreuung in erheblichem Umfang entlasten. Dafür müssen die Erfahrungen, Bedürfnisse, Kultur und Lernmöglichkeiten von Pflegebedürftigen, Pflegenden und Angehörigen frühzeitig einbezogen werden. Zudem bedarf es eines Erwerbs digitaler Kompetenzen bei den Beschäftigten und den Führungskräften in der Pflege, um die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können.
Im Juni haben Sie Handlungsempfehlungen für die Entwicklung und den Erwerb digitaler Kompetenzen in der Pflege entwickelt. Warum war das gerade jetzt nötig?
Was den Zeitpunkt betrifft, gibt es sicher kein falsch oder richtig. Wichtig ist, dass dieses Thema adressiert wird. Denn eines ist klar: Die Digitalisierung erfasst alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels sowie im Hinblick auf die Selbstbestimmung und Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen, können digitale Technologien einen großen Mehrwert in der Pflege bringen. Denn sie fungieren als technische Haushaltshilfe und unterstützen den Menschen bei der täglichen Hausarbeit. Neue Kommunikationsmittel und Mobilitätslösungen eröffnen Möglichkeiten der sozialen und kulturellen Teilhabe bis ins hohe Alter. Sensorsysteme helfen, Notsituationen frühzeitig zu erkennen oder gar zu vermeiden und retten Leben. Technische Assistenzsysteme, Roboter, Transpondersysteme oder komplexe Automatisierungskonzepte können den Pflegealltag erleichtern und Pflegende entlasten. Um die Möglichkeiten der Digitalisierung in der Pflege nutzen zu können, bedarf es neuer Kompetenzen beim Pflegepersonal – sowohl im Umgang mit diesen Technologien als auch mit den zu pflegenden Personen. 
Sie fokussieren sich auf fünf Handlungsempfehlungen. Welche sind das?
Die Empfehlungen beziehen sich auf notwendige Rahmenbedingungen sowie Anpassungen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, im Datenschutz und in der Zusammenarbeit. Diese vier Punkte sollen letztlich helfen, Punkt fünf – eine verbesserte Attraktivität des Pflegeberufs – zu erreichen.
Was heißt das konkret?
Zunächst einmal müssen die Anforderungen an die Rahmenbedingungen definiert werden. Dabei geht es unter anderem darum, die Eigen- und Mitverantwortung zu stärken, denn durch die Digitalisierung muss „Führung“ neu gedacht werden. Dann muss die Aus-, Fort- und Weiterbildung gestärkt werden. Die Ausbildung muss eine allgemeine informationstechnische Grundbildung sowie spezifische Medienkompetenzen umfassen. Spezifische Kompetenzprofile müssen sich eng an der Versorgungspraxis orientieren. Zudem müssen mit der zunehmenden Digitalisierung Fragen der Ethik und des Datenschutzes adressiert werden. So sind rechtliche Rahmenbedingungen, IT-Sicherheit und der Schutz der im Rahmen der Pflege erhobenen elektronischen Daten zentrale Themen einer Weiterbildung für Pflegende.
Was ist Voraussetzung, damit die Maßnahmen auch im Pflegealltag ankommen?  
Die Partizipation aller Beteiligten ist der Schlüssel für eine nachhaltige und erfolgreiche Einführung digitaler Systeme in den Gesundheitsberufen. Die Digitalisierung ermöglicht gleichzeitig neue Formen der Zusammenarbeit. Dieses zusammenarbeiten muss aber zunächst erlernt werden. Richtig angegangen, verspricht eine digitalisierte Pflege verbesserte Arbeitsbedingungen und öffnet den Beruf auch für neue Zielgruppen. Dafür bedarf es viel Überzeugungsarbeit – auch und vor allem an der Basis.
Warum sind es gerade diese Punkte?
Bei der Entwicklung der Leitlinien ging es nicht darum, Handlungsempfehlungen für einzelne Individuen in der Pflege zu geben. Vielmehr richten sich die Handlungsfelder an Politik, Wissenschaft und Wirtschaft und sollen zeigen, wo künftig die Herausforderungen in den Pflegeberufen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der voranschreitenden Digitalisierung liegen. Diese Leitlinien stellen einen Beitrag dar in der Diskussion um künftig notwendige digitale Kompetenzen. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sind aus Sicht der Experten, die daran mitgewirkt haben, aber die derzeit wichtigsten Handlungsfelder.
Sie sprechen von Experten. Wer war an der Entwicklung der Handlungsempfehlungen beteiligt?
Ausgangspunkt für die Entwicklung der Leitlinien war ein Fachsymposium der Gesellschaft für Informatik, das unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie stattfand. Dort wurden die Auswirkungen der Digitalisierung auf Pflegeberufe diskutiert. Insgesamt haben daran 16 Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Pflegewirtschaft mitgewirkt. Es wird aber sicherlich noch weitere Überarbeitungen und Ergänzungen des Papiers geben.
Wie wollen Sie gewährleisten, dass diese Empfehlungen auch tatsächlich Einzug in die pflegerische Praxis halten?
Einerseits bauen wir hier auf die Wirksamkeit guter Argumente. Andererseits gibt es an verschiedensten Stellen Aktivitäten und Initiativen, die ebenfalls die Entwicklung digitaler Kompetenzen in der Pflege vorantreiben wollen. So arbeitet die Gesellschaft für Informatik und die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie gemeinsam unter dem Dach des Fachausschusses Medizinische Informatik zusammen. Diesem Fachausschuss ist die seit mehr als zwei Jahrzehnten bestehende Arbeitsgruppe „Informationsverarbeitung in der Pflege“ zugeordnet, die jüngst auch Empfehlungen für Kernkompetenzgebiete in der Pflege formuliert hat.
Was können Pflegende konkret jetzt schon tun, um Up-to-date zu bleiben in Sachen digitale Kompetenzen?
Eine Möglichkeit ist der Erwerb des europäischen Computerführerscheins. Diese modular aufgebauten IT-Kurse vermitteln digitale Kompetenzen - vom grundlegenden Umgang mit Computern, Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation bis hin zu Fragen des Datenschutzes und der IT-Sicherheit. Ein spezielles E-Health-Modul beinhaltet die wesentlichen Kenntnisse, die für einen sicheren Umgang mit Patientendaten bei der Wahrnehmung von Dokumentations-, Auskunfts- und Verschwiegenheitspflichten grundlegend sind.
Vielen Dank für das Gespräch Frau Regitz.

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