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  • 26.08.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Erfahrungsbericht

Ich kann mich überhaupt nicht beklagen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2019

Seite 14

Der Syrer Abdulrahim Sakkal absolviert am Universitätsklinikum Essen zurzeit die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. In einem 18-monatigen Integrationsprojekt für Flüchtlinge wurde der 26-Jährige auf die Ausbildung gezielt vorbereitet.

„Ich habe mich für die Gesundheits- und Krankenpflege entschieden, weil ich mir eine krisensichere Arbeit mit einer guten Zukunftsperspektive wünschte“, begründet Abdulrahim Sakkal seine Berufswahl. „Zudem war es mir wichtig, im medizinischen Bereich tätig zu sein. Denn in Syrien habe ich vier Semester eines Studiengangs absolviert, der zu einer Qualifikation als Anästhesie-Assistent führt. Auf die bereits erworbenen Kenntnisse wollte ich aufbauen.“

Sakkal ist 26 Jahre alt und stammt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Mit 18 legte er das Abitur ab und nahm ein Studium an der hiesigen Universität auf. Bis zu diesem Zeitpunkt war Sakkals Leben in geregelten Bahnen verlaufen; der zielstrebige junge Mann hatte allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Doch dann kam es im März 2011 zu Aufständen gegen die Regierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, woraus sich innerhalb weniger Monate ein blutiger Bürgerkrieg entwickelte.

„Ich hatte mich mit einigen meiner Freunde an den anfänglichen Protesten beteiligt“, berichtet Sakkal. „Denn wir wollten frei sein und nicht in einer Diktatur leben. Also gingen wir auf die Straße.“

Dies hatte verhängnisvolle Konsequenzen: Ende 2012 erfuhr Sakkal – er war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt –, dass die regierungstreue Geheimpolizei seine Teilnahme an den Protesten registriert hatte und ihm Inhaftierung drohte. Die Warnung kam von einem Bekannten seines Vaters, der für die Regierung arbeitete. „Gefängnis ist in Syrien ein echter Albtraum“, so Sakkal. „Wer einmal drin ist, kommt selten lebend wieder heraus.“

So blieb nur die Flucht. Zunächst ging es in das südliche Nachbarland Libanon. Dort kam Sakkal bei einem Verwandten unter. Weil die libanesische Regierung mit der syrischen zusammenarbeitete, konnte er dort jedoch nicht lange bleiben. Es drohte die Auslieferung.

So floh Sakkal weiter nach Ägypten. In der Hauptstadt Kairo schlug er sich zunächst auf der Straße durch. Schließlich fand er eine Wohnung und einen Job; zunächst als Kellner – eine Arbeit, die ihm nicht zusagte –, später als Schneider, was ihm besser gefiel. Zweieinhalb Jahre lebte Sakkal in der 20-Millionen-Metropole am rechten Nilufer. Der junge Mann lebte gerne in der quirligen Mega-city – er fühlte sich in dieser Zeit „richtig wohl“.

Doch dann destabilisierte sich auch in Ägypten die politische Lage. Aufgrund fehlender Papiere drohte Sakkal erneut Gefängnis – oder in sein vom Bürgerkrieg erschüttertes Land zurückgeschickt zu werden. Um beidem zu entgehen, entschied er sich für die Flucht nach Italien. Die notwendigen Kontakte waren schnell hergestellt – „in der Community weiß man, wen man anrufen muss“.

Die Fahrt über das Mittelmeer dauerte acht Tage. Auf dem kleinen Schiff befanden sich 600 Personen – dicht aneinander gedrängt. Sakkal erinnert sich: „Wir hatten die gesamte Zeit weder etwas zu essen noch zu trinken, konnten weder die Füße ausstrecken noch uns die Zähne putzen. Doch es war klar: Wir hatten keine Wahl. Ich dachte nur: Entweder ich überlebe – oder halt nicht.“

Auf hoher See kam es immer wieder zu Problemen, heftige Unwetter zum Beispiel. Die Todesgefahr sei allgegenwärtig gewesen – er habe mit ansehen müssen, dass nicht alle Mitreisenden die Überfahrt überlebten. Nach einigen Tagen sei plötzlich der Motor ausgefallen, doch es sei gelungen, Kontakt mit der italienischen Küstenwache aufzunehmen. Die Bootsinsassen wurden gerettet und zum Festland gebracht.

Sakkals Ziel war, es bis nach Dänemark zu schaffen – dort hatte er Verwandte, dort wollte er sich ein neues Leben aufbauen. Über Umwege kam er jedoch zunächst nach Thüringen – erst nach Erfurt, dann nach Sondershausen im Kyffhäuserkreis. In der Flüchtlingseinrichtung, in der er untergebracht war, habe er wochenlang „nur rumsitzen, sich langweilen und auf die Papiere warten“ können. „Es war reine Zeitverschwendung.“ Zumindest habe er sich schon einmal mit der deutschen Sprache vertraut machen können.

Heute lebt Sakkal in der Ruhrgebietsmetropole Essen. An der dortigen Uniklinik begann er im April 2018 eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Möglich machte dies ein 18-monatiger Integrationskurs für Flüchtlinge, den das Universitätsklinikum Essen (UKE) mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dem Jobcenter Essen und der Diakonie Essen anbot. Der Kurs bereitet v. a. durch eine intensive sprachliche Schulung auf die Ausbildung vor.

Sakkal erfuhr über das Jobcenter von der Möglichkeit, an dem Integrationskurs teilnehmen zu können. „Natürlich sagte ich sofort zu“, so Sakkal, „da es eine tolle Chance war, auf eine fundierte Ausbildung im Gesundheitswesen vorbereitet zu werden. Außerdem fand ich es sehr reizvoll, in einer großen Klinik wie dem UKE zu arbeiten. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich den Integrationskurs absolvieren durfte.“

Neben dem Erwerb der deutschen Sprache zielte der Kurs auf interkulturelles und soziales Lernen sowie die Stärkung der psychischen Stabilität ab. „Vieles im Kurs war sehr hilfreich“, sagt der angehende Gesundheits- und Krankenpfleger. „Wir konnten unsere Vergangenheit und das, was vor uns liegt, reflektieren und uns austauschen. Professionelle Menschen, die den Kurs leiteten, haben uns alles in Ruhe erklärt.“

Teil des Kurses war auch eine Praxishospitation am UKE. Sakkal absolvierte diese auf der Intensivstation. „Das war mein Wunsch, denn ich habe ein Faible für diesen hoch spezialisierten Bereich“, berichtet Sakkal. „Das Praktikum war zwar schon eine große Herausforderung für mich – zum Beispiel sprachlich mitzuhalten und die Kollegen gut bei ihrer Arbeit zu unterstützen –, aber insgesamt eine tolle Erfahrung. Das Team, die Patienten und Angehörigen waren sehr nett zu mir. Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht.“

Von den ursprünglich 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben neben Sakkal vier weitere die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege begonnen. Die halbe Ausbildungszeit liegt mittlerweile hinter ihm – und bislang läuft es „sehr gut“, wie er versichert. „Ich bin zwar der einzige Flüchtling in der Klasse, aber meine Mitschüler und die Dozenten sind sehr nett. Auch die Praxiseinsätze sind bislang gut verlaufen. Ich kann mich überhaupt nicht beklagen.“

Wer sich mit Sakkal unterhält, dem fallen seine guten Deutschkenntnisse auf. Wie ist ihm das in der relativ kurzen Zeit gelungen? „Ich bin sehr viel mit Deutschen zusammen, insofern kam das von ganz alleine. Außerdem schaue ich bewusst nur deutsches Fernsehen und gucke mir Filme immer auf Deutsch an.“ Das ist auch der Rat, den Sakkal anderen Geflüchteten gibt: „Lernt die Sprache, knüpft Kontakte mit Deutschen, seid offen und schottet euch nicht ab. Sonst könnt ihr nichts erreichen.“

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