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  • 26.09.2018
  • Die Schwester Der Pfleger

Akquise ausländischer Fachkräfte

Ein Gewinn für alle Seiten

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2018

Seite 76

Pflegende aus dem Ausland anzuwerben, ist ethisch umstritten. Entsprechende Initiativen sind zudem oft genug und aus den verschiedensten Gründen gescheitert. Mit dem Projekt Triple Win verfolgt das Universitätsklinikum Heidelberg einen für alle Beteiligten fairen, transparenten und erfolgversprechenden Ansatz.

Deutschlandweit verschärft sich der Fachkräftemangel in den Pflegeberufen. Qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen, ist aktuell eine der größten Herausforderungen für Arbeitgeber im Gesundheitswesen. Nicht zuletzt das Eckpunktepapier und strategische Sofortprogramm Kranken- und Altenpflege der Bundesregierung zeigt die derzeit dramatische Personalentwicklung in deutschen Pflegeeinrichtungen und den Wunsch der Regierung, dieser Entwicklung finanziell und strukturell entgegenzuwirken.

Auch das Universitätsklinikum Heidelberg, eines der bedeutendsten medizinischen Zentren in Deutschland, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Herausforderung der Personalgewinnung in der Pflege. Der Pflege- und Funktionsdienst als größte Berufsgruppe umfasst insgesamt ungefähr 2.500 Vollkräfte, bei einer Teilzeitquote von 51 Prozent und einem Anteil an weiblichen Mitarbeitern von 83 Prozent. Neben vielen anderen strategischen Projekten und Programmen zur Rekrutierung von Pflegenden hat sich das Universitätsklinikum Heidelberg im Jahr 2016 entschieden, auch ausländische Pflegende zur Arbeit am Klinikum zu gewinnen. Das Projekt Triple Win ist hierzu der wichtigste Eckpfeiler zur Unterstützung der bestehenden Pflegeteams geworden.

Die Interessen aller wahren

Triple Win ist ein Programm der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit (BA) und der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Es vermittelt – fair und transparent – Pflegekräfte aus dem Ausland an deutsche Arbeitgeber.

Wichtiges Ziel des Projekts ist es, die Interessen aller Beteiligten zu wahren, sodass am Ende alle profitieren. So werden Pflegefachkräfte ausschließlich in Staaten angeworben, in denen es einen Überschuss an gut ausgebildeten Pflegenden gibt. Die Arbeitsmärkte der Herkunftsländer werden mit dieser Strategie entlastet. Die angeworbenen Fachkräfte profitieren von einer neuen beruflichen Perspektive und tragen zur Deckung des wachsenden Bedarfs an qualifiziertem Pflegepersonal in Deutschland bei. Dies ist Gewinn für alle Seiten (1).

Um mit einem solchen Projekt erfolgreich sein zu können, war zuvor eine fundierte Auseinandersetzung mit den bestehenden Rahmenbedingungen in den Heimatländern der potenziell zu gewinnenden Pflegekräfte notwendig. Zusätzlich wurde am Klinikum ein Projektteam aus vier Personen gebildet, die sich eine Struktur und einen Aufbau überlegten – neben ihren Tätigkeiten als stellvertretende Leiter des Pflegedienstes und Krankenschwestern in der Basisversorgung.

Wichtig: Zwei der Teammitglieder stammen ursprünglich aus den gleichen Herkunftsländern wie die zu rekrutierenden Fachkräfte – Serbien und Bosnien-Herzegowina. Da die beiden Mitarbeiterinnen vor vielen Jahren denselben Schritt gewagt haben wie die Triple-Win-Kollegen heute, sind sie der wertvollste Teil des Teams, und unterstützen das Projekt somit sprachlich, persönlich und emotional.

Persönliche Unterstützung von Anfang an

Bis zur Mitte des Jahres 2019 sollen insgesamt 150 neue Mitarbeiter mithilfe von Triple Win gewonnen werden. Um dies realisieren zu können, ist eine Vielzahl von Schritten notwendig, die durch das Projektteam begleitet werden.

Gemeinsam mit den Ansprechpartnern von BA und GIZ werden die Einreiseformalitäten erledigt und die ersten Tage in dem neuen Land organisiert. Zum Einstieg am Klinikum erhalten die Pflegekräfte eine durch das Projektteam erstellte Willkommensbroschüre (2), in der alle ersten Schritte und Grundlagen zum Start in Heidelberg anschaulich erklärt werden. Am Einreisetag organisiert das Projektteam die Abholung und begrüßt die potenziellen neuen Mitarbeiter persönlich.

In den Wohnheimen des Arbeitgebers stehen Wohngemeinschaften aus Zwei- oder Dreizimmerwohnungen zur Verfügung, um die Ankunft und das Einleben in neuen und fremden Gefilden zu erleichtern. Bei den dann folgenden notwendigen Formalitäten, zum Beispiel der Unterzeichnung des Arbeitsvertrages, beim Gang zum Einwohnermeldeamt sowie bei Bankterminen zur Eröffnung eines Gehaltskontos, findet eine persönliche Betreuung und Begleitung statt. So entwickelt sich eine frühe Bindung und eine notwendige Unterstützung ist gewährleistet.

Unterricht: Die darauffolgende Phase der Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpfleger/in wird mit jedem der Kandidaten individuell geplant. Pflegepädagogen der hauseigenen Akademie für Gesundheitsberufe organisieren theoretischen Unterricht. Die Praxisanleiter der Einsatzbereiche bereiten die neuen Kollegen in fachlich-praktischen Belangen auf die anstehende Kenntnisprüfung vor. Und genau das ist sicher der wichtigste Punkt für den erfolgreichen Start des Projektes: Ohne die tägliche Unterstützung der pflegerischen Mitarbeiter auf den Stationen und die hohe Arbeits- und Integrationsbereitschaft ist ein solches Projekt nicht durchzuführen. Hier kann man den Pflegekräften am Klinikum nicht genug danken und muss fortwährend in allen Fragen Unterstützung und Mithilfe anbieten.

Sprache: Damit die Neuankömmlinge in Deutschland anerkannt werden und so dem Universitätsklinikum Heidelberg als Mitarbeiter langfristig erhalten bleiben, müssen sie neben der theoretischen und praktischen Vorbereitung das B2-Sprachniveau erreichen. Aus diesem Grund stehen in den ersten drei Monaten täglich drei Stunden Deutsch-Unterricht auf dem Tagesplan, der an einer anerkannten Sprachschule, zum größten Teil während der Arbeitszeit, stattfindet und durch den Arbeitgeber finanziert wird. 

B2-Sprachniveau

Nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen gliedert sich das Sprachniveau in sechs Stufen von A1 (Anfänger) bis C2 (Experten).

Sprachniveau B2 bedeutet:

  • Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen werden verstanden.
  • Im eigenen Spezialgebiet können Fachdiskussionen geführt werden.
  • Man kann sich spontan und fließend verständigen, sodass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist.
  • Es ist möglich, sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert auszudrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage zu erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten anzugeben.

Unbefristete Stellen für langfristige Perspektiven

Sobald die Hürde der Anerkennung bewältigt wurde und die Anerkennungsurkunde vorliegt, bekommen die Fachkräfte ein unbefristetes Arbeitsverhältnis in ihrem Wunschbereich am Klinikum angeboten. Das Projektteam unterstützt dann jedoch weiterhin bei der Wohnungssuche und bei allen Fragen, die den Familiennachzug betreffen. Denn dies ist vielleicht der entscheidendste Faktor, den die Kollegen aus Serbien und Bosnien-Herzegowina als Grund für die Teilnahme am Triple-Win-Programm anführen: Die Chance, das eigene Leben zu verändern und eine Perspektive für den Partner und die Kinder zu bekommen.

Sicher ist es keine leichte Entscheidung, das Heimatland zu verlassen: Die Teilnehmenden sehen die Familie für lange Zeit nicht und brechen mit nur einem oder zwei Koffern in eine neue und ungewisse Zukunft auf. Diese Entscheidung ist jedoch verständlich, wenn man die Bedingungen vor Ort betrachtet. So berichtet eine der Kandidatinnen (3): „In meiner Heimat haben ich und meine Familie wenig Möglichkeiten, ein gutes Leben aufzubauen und meinen Kindern eine beruhigende Perspektive zu ermöglichen. Als Krankenschwester verdiene ich zwischen 300 und 350 Euro im Monat. Zudem muss ich großes Glück haben, einen Arbeitsplatz zu finden, denn in meinem Land gibt es nahezu 5 000 arbeitslose Pflegekräfte. Über das Triple-Win-Programm und das Universitätsklinikum Heidelberg habe ich eine einmalige Chance erhalten, mein Leben nachhaltig zu verändern und meiner Familie eine hervorragende Zukunft zu bieten. Hierfür bin ich unendlich dankbar.“

Eine Win-win-Situation

Gerade diese Dankbarkeit, die die neuen Mitarbeiter ihre Kollegen immer wieder spüren lassen, zeigt, dass ein solches Projekt nicht nur eine Personalgewinnungsmaßnahme ist, sondern eben auch die Möglichkeit, Menschen mit geringeren Perspektiven eine Aussicht auf ein vielleicht besseres Leben zu bieten – und dabei die Attraktivität des Universitätsklinikums Heidelberg als Arbeitgeber zu erhöhen. Eine Win-win-Situation.

 

(1) Programm Triple Win.http://www.triple-win-pflegekraefte.de/ (Zugriff: 08.07.2018)

(2) Fick C (2018): Herzlich willkommen in Heidelberg. Pressestelle UK Heidelberg

(3) Ozegovic-Orman S. (Triple-Win-Kandidatin). Krankenschwester in Anerkennung am UKHD (Interview im April 2018)