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  • 28.05.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Konzept "Magnetkrankenhaus"

"Mein Rat an deutsche Kliniken: Macht es einfach!"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2019

Seite 36

Krankenhäuser und Pflegeheime mit guten Arbeitsbedingungen für Pflegende und einer hervorragenden Patientenversorgung können sich im internationalen „Magnet Recognition Program®“ anerkennen lassen. Weltweit tragen rund 500 Einrichtungen das renommierte Qualitätssiegel. Nur eines davon befindet sich in Europa – das Universitätsklinikum Antwerpen. Was macht dieses belgische Krankenhaus zum Vorreiter? Ein Gespräch mit Pflegedirektor Paul Van Aken.

Herr Van Aken, das Universitätsklinikum Antwerpen (Universitair Ziekenhuis Antwerpen, UZA) erhielt im November 2017 das Qualitätssiegel „Magnet Recognition Program®“. Was motivierte Sie dazu, sich als erstes Krankenhaus in Europa um die Anerkennung zu bemühen?

Als ich 2006 Pflegedirektor am UZA wurde, waren 45 Vollzeitstellen in der Pflege nicht besetzt. Dies war ein eklatanter Personalmangel, der die Entwicklung der gesamten Organisation hemmte. Besorgniserregend war zudem der überproportional hohe Anteil von Pflegenden älter als 60 Jahre. Es lag auf der Hand, dass wir uns strategisch komplett neu aufstellen mussten, um wieder als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Schon zu diesem Zeitpunkt erschien uns das international sehr bekannte „Magnet Recognition Program®“ als eine mögliche Handlungsoption, um unsere Organisation gezielt in die richtige Richtung zu entwickeln. Also unternahmen wir eine Studienreise in die USA und hospitierten in 7 Krankenhäusern, die die Anerkennung im Rahmen des Magnet®-Programms bereits erhalten hatten.

Wie war Ihr Eindruck?

In Magnet®-Krankenhäusern herrscht ein völlig anderer Geist. Hoch motivierte Pflegende arbeiten auf Augenhöhe mit allen Akteuren des Klinikums gemeinsam an einem Ziel: der bestmöglichen Versorgungsqualität. Dabei agieren sie mit einer hohen Professionalität.

Wie haben Sie die Vision vorangetrieben, Europas erstes Magnet®-Krankenhaus zu werden? Schließlich nimmt die Anerkennung im „Magnet Recognition Program®“ erhebliche Ressourcen in Anspruch und es gab keine Kliniken, auf deren Erfahrungen Sie hätten zurückgreifen können.

Zunächst galt es, den Geschäftsführer des UZA von den Chancen zu überzeugen, die eine Anerkennung bot. Dies gelang mir sehr schnell. Denn es gab keine Zeit zu verlieren – wir mussten uns neu aufstellen, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. So gesehen war unsere Motivation zum einen wirtschaftlicher Natur; wir wollten das Personalproblem nachhaltig in den Griff bekommen und uns als Krankenhaus mit einer Patientenversorgung auf Weltniveau neu positionieren. Zum anderen kristallisierte sich in jener Zeit die Bedeutung des Themas Patientensicherheit für die Zukunftsfähigkeit eines Krankenhauses heraus. Patientensicherheit steht und fällt mit der Qualität des Pflegepersonals. Insofern versprachen wir uns auch hier von der Magnet®-Anerkennung erhebliche strategische Vorteile. Das „Go“ des Vorstands erhielten wir schließlich im Jahr 2014.

Wie ging es dann weiter?

Der Prozess der Anerkennung erfordert nachweisbare Verbesserungen in 3 Bereichen: erstens bei den pflegerelevanten Patientenergebnissen – hierzu zählen die Häufigkeit von im Krankenhaus erworbenen Dekubitus, von Stürzen und von nosokomialen Infektionen –, zweitens bei der pflegebezogenen Patientenzufriedenheit und drittens bei der Zufriedenheit des Pflegepersonals.

Welche Maßnahmen haben Sie eingeleitet?

Es galt, die Stellung der Pflege strukturell zu stärken – und zwar grundlegend. So führten wir das britische Managementsystem „Productive Ward: Releasing Time to Care“ ein. Dieses Bottom-up-Konzept beruht auf der Annahme, dass ausreichend Zeit, Autonomie und Professionalität von Pflegenden Voraussetzungen für eine hohe Versorgungsqualität sind. Genau dies setzten wir um: Die Stationsabläufe wurden optimiert, die gewonnenen Zeitressourcen flossen in die Pflege am Patientenbett ein. Grundlage dieser Umverteilung war eine genaue Erfassung, wann welche Handlungen von Pflegenden innerhalb einer Schicht erfolgen. Hierfür nutzten wir ein spezielles Instrument, die „Nurse Work Environment Scale“.

Der Anerkennungsprozess nimmt Jahre in Anspruch. Was war rückblickend die größte Schwierigkeit?

Nachdem wir das genannte Managementtool eingeführt hatten, war die strukturelle Stärkung der Pflege, das Empowerment der Belegschaft, fast ein Selbstläufer. Als Hindernis erwies sich allerdings die Entscheidung der Regierung Flanderns, dass Krankenhäuser zur Steigerung der Versorgungsqualität Qualitätssiegel entweder von der US-amerikanischen „Joint Commission International (JCI)“ oder von der niederländischen NIAZ – kurz für „Nederlands Instituut voor Accreditatie in de Zorg“ – erwerben müssen.

„MAGNET RECOGNITION PROGRAM®“: HINTERGRÜNDE UND HISTORISCHE FAKTEN

Anfang der 1980er-Jahre wurde in den USA das Phänomen beobachtet, dass es manche Krankenhäuser trotz eines generellen Pflegepersonalmangels schafften, neue pflegerische Mitarbeiter/-innen zu finden und das bestehende Personal zu halten.

1983 ging die American Academy of Nursing (AAN), eine nationale Organisation zur Generierung und Verbreitung pflegerischen Wissens, der Frage nach, was diese Kliniken von den anderen unterschied. Das Ergebnis: 41 der untersuchten 163 Krankenhäuser verfügten über bestimmte Eigenschaften, wodurch sie für Pflegende als Arbeitgeber deutlich attraktiver waren. Diese Häuser wiesen zudem eine bessere Versorgungsqualität auf.

Auf Grundlage dieser Studie wurden 14 Kriterien entwickelt, die für dieses Phänomen verantwortlich waren. Diese gelten bis heute als die sog. Magnetkräfte („Forces of Magnetism“), die bei der Anerkennung als Magnet®-Einrichtung maßgeblich sind.

Im Juni 1990 wurde die Zertifizierungsstelle American Nurses Credentialing Center (ANCC) gegründet. Im Dezember 1990 genehmigte diese das „Magnet Hospital Recognition Program for Excellence in Nursing Services“ (dt.: Programm zur Zertifizierung von Magnet-Krankenhäusern zur Erreichung überragender Pflegequalität). 1994 durchlief das University of Washington Medical Center in Seattle im US-Bundesstaat Washington als erste Klinik erfolgreich den Anerkennungsprozess.

1996 wurde die offizielle Bezeichnung umbenannt in „Magnet Nursing Services Recognition Program“. 1998 konnten sich erstmals auch Einrichtungen der stationären Langzeit- pflege für das Magnet®-Qualitätssiegel bewerben. Seit 2000 können sich Kliniken weltweit anerkennen lassen. Inzwischen lautet die offizielle Bezeichnung der Anerkennung „Magnet Recognition Program®“. Aktuell tragen weltweit knapp 500 Einrichtungen das „Magnet Recognition Program®“-Qualitätssiegel.

Welche Auswirkungen hatte dies auf das laufende Verfahren?

Wir waren plötzlich mit der Herausforderung konfrontiert, zusätzlich eine weitere Akkreditierung bewältigen zu müssen. Da es sich um ein Gesetz handelte, mussten wir dieser sogar Priorität einräumen. Die Pflegenden waren irritiert: „Magnet“, „Productive Ward“, „JCI“ – was machen wir jetzt eigentlich? Allerdings kristallisierte sich heraus: Im Kern ging es nicht um ein Qualitätssiegel oder eine Akkreditierung, sondern darum, die Pflege zu stärken und zu professionalisieren – mit dem Ziel einer Patientenversorgung auf Topniveau. Über eine enge Zusammenarbeit der Pflegedirektion, dem mittleren Pflegemanagement und den Pflegenden auf den Stationen gelang es uns, die vielfältigen Aufgaben zu meistern.

Welche Rolle spielten die Pflegenden bei der Anerkennung?

Pflegende hatten eine Schlüsselfunktion. Bei Magnet® dreht sich vieles um Eigenverantwortung, Mitspracherecht und Professionalität von Pflege. Um hier Fortschritte zu erzielen, führten wir das Führungsprinzip „Shared Governance“ ein. Entscheidungen in der Pflege sollten künftig gemeinsam auf der Grundlage von Partnerschaft, Gleichberechtigung, Beteiligung und Verantwortlichkeit getroffen werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt war, die interprofessionelle Zusammenarbeit zu stärken. Dies gelang über die Definition gemeinsamer Ziele, z. B. die Prävention nosokomialer Infektionen, und die Erarbeitung entsprechender Handlungsstrategien. Dieser Ansatz hat gut geklappt, denn einen Patienten oder eine Patientin mit Infektionen möchte niemand – weder Mediziner noch Pflegende.

Magnet®-anerkannte Einrichtungen benötigen eine starke pflegerische Führung, einen sog. „Chief Nursing Officer (CNO)“. Diese Rolle hatten Sie inne. Was waren Ihre konkreten Aufgaben während des Anerkennungsprozesses?

Als CNO war ich dafür verantwortlich, für reibungslose Abläufe zu sorgen, inklusive des zeitlichen Rahmens und der damit verbundenen Kosten. Ich war das Bindeglied über alle hierarchischen Ebenen des UZA hinweg, vom Vorstand bis hin zu den Pflegenden. Mein Fokus lag ganz klar darauf, das mittlere Pflegemanagement und die Stationen eng zu begleiten.

Das Magnet®-Qualitätssiegel wird auf der Grundlage nachweislich besserer Patientenergebnisse verliehen. Anhand welcher Kriterien wird dies gemessen?

Dies sind bei uns 5 Qualitätskriterien: Während des Krankenhausaufenthalts aufgetretene Dekubitus, Stürze, Harnwegskatheter-assoziierte Infektionen, Venenkatheter-assoziierte Infektionen und die Clostridium-difficile-Prävalenz. Zudem muss eine hervorragende pflegebezogene Patientenzufriedenheit nachgewiesen werden. Dies geschieht über eine vergleichende Analyse von Ergebnissen anderer Krankenhäuser in der Region. Hier kam das Benchmarking-Instrument „National Database of Nurse Quality Indicators (NDNQI)“ zum Einsatz. Um als Magnet®-Einrichtung anerkannt zu werden, ist eine deutlich höhere Patientensicherheit nachzuweisen als in anderen Häusern.

Sie sind nun seit eineinhalb Jahren eine Magnet®-anerkannte Klinik. Der Prozess ist seit etwa 5 Jahren im Gang. Erzielen Sie heute tatsächlich bessere Patientenergebnisse?

Definitiv. Das zeigt sich u. a. an unserer Dekubitusrate. Sie lag im vergangenen Jahr bei 2,8 %. Das ist im nationalen Vergleich extrem niedrig. Der belgische Durchschnittswert beträgt 5,7 %.

Wie ist Ihnen dies gelungen?

Zur Dekubitusprävention haben wir 4 wichtige Maßnahmen umgesetzt. Erstens: In sog. „Improvement Boards“ werden die dekubitusbezogenen Daten der Patientinnen und Patienten ständig im Blick behalten und über ein Benchmarking mit anderen Kliniken ver- glichen. Sobald die Zahl der Dekubitusfälle steigt, werden Maßnahmen festgelegt, um die Rate zu senken. Zweitens: Alle Pflegenden des UZA haben Fortbildungen in Haut-Assessment und Dekubitusprävention absolviert. Drittens: Wir haben spezielle Antidekubitusmatratzen, sog. „Low Airloss“-Systeme, angeschafft. Und viertens: Wir haben eine evidenzbasierte Leitlinie zur Dekubitusprävention eingeführt.

Wie hoch ist die Sturzrate im UZA?

Sie lag 2018 bei 1,24 pro 1.000 Tage Klinikaufenthalt. Auch das ist ein sehr niedriger Wert. Der Durchschnitt in Belgien liegt bei 2,85.

Was tun Sie, um Stürze zu vermeiden?

Ungefähr dasselbe wie bei der Dekubitusprävention. Alles dreht sich um das Monitoring der Zahlen und Fakten. Diese sind im Rahmen eines Benchmarkings zu analysieren und evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen sind einzuleiten.

Welche Maßnahmen haben Sie darüber hinaus umgesetzt, um Patientenergebnisse zu verbessern?

Wir haben z. B. ein System von Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten eingeführt: Auf jeder Station gibt es einen sog. „Champion“ für ein bestimmtes Fachgebiet wie Patientensicherheit, Infektionsprävention, Wundversorgung und Schmerzmanagement. Die Expertinnen und Experten werten Daten aus, führen evidenzbasierte Methoden ein und fungieren für ihre Kolleginnen und Kollegen als Mentoren. Wir haben zudem ein Peer-Review-Verfahren etabliert, wonach sich unsere Pflegenden gegenseitig Feedback geben. Natürlich immer fachbezogen und konstruktiv. Alle Qualitätsmaßnahmen – und das ist mir besonders wichtig – basieren auf der Grundannahme, dass hervorragende Pflegequalität nur dann geleistet werden kann, wenn jeder Einzelne seinen Beitrag leistet. Deswegen holen wir grundsätzlich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ins Boot. Wir sind ein großes Team, jeder ist verantwortlich – anders funktioniert es nicht.

Das Magnet®-Konzept entstand vor dem Hintergrund, dass es einige Kliniken aufgrund guter Arbeitsbedingungen schafften, qualifizierte Pflegende zu finden und zu halten. Wie schaffen Sie das?

Wir fokussieren stark auf den Pflegenachwuchs. Pflegestudierende und -auszubildende werden eng in die Teams eingebunden und fachlich gefördert. Alle 4 Wochen organisieren wir gesellige Abendveranstaltungen mit Fingerfood, sogenannte „Walking Dinners“. Damit wollen wir den Kontakt zwischen dem Nachwuchs und dem Pflegemanagement sicherstellen. Neue Mitarbeiter durchlaufen ein hervorragendes Einarbeitungsprogramm und es existieren zahlreiche Initiativen, um die Leistung von Pflegenden anzuerkennen und zu fördern. Wir tun wirklich viel für unsere Pflegenden, und das Engagement lohnt sich: Das UZA ist das einzige Klinikum in der Region, das seinen Personalbedarf deckt. Auf Personalagenturen sind wir nicht angewiesen.

Dennoch: Die Magnet®-Anerkennung bindet erhebliche Ressourcen und nimmt Jahre in Anspruch. Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht den Nutzen im Verhältnis zum Aufwand ein?

Das ist leicht zu beantworten: Die Magnet®-Anerkennung war die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe.

Was raten Sie Kliniken in Deutschland, die sich für das Magnet®-Programm interessieren?

Simpel: Macht es einfach! Insbesondere für Krankenhäuser, die in puncto Qualität bereits gut aufgestellt sind, bietet das Magnet®- Programm die Möglichkeit, sich gezielt weiterzuentwickeln und sich als medizinische Einrichtung auf Weltniveau zu positionieren. Nebenbei bemerkt: Aus meiner Sicht ist es alternativ lohnenswert, über das Programm „Pathway to Excellence®“ des American Nurse Credentialing Center, das auch das Magnet®-Siegel verleiht, nachzudenken. Mit diesem Programm können Elemente, die Magnet® ausmachen, näher an die Organisation herangeführt werden. Es gilt als eine Vorstufe zur Magnet®-Anerkennung. Wichtig ist aber eines: Sich auf den Weg zu begeben, macht nur dann Sinn, wenn die höchste Hierarchiestufe des Krankenhauses, also des Klinikvorstands, von der Sinnhaftigkeit des Vorhabens überzeugt ist.