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  • 23.05.2017

Biografischer Artikel

Reformerin, Visionärin,Weltbürgerin

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2017

Seite 13

Überanstrengung, bescheidene Gehälter, keine einheitlich geregelte Ausbildung, fehlende soziale Absicherung – zahlreiche Missstände kennzeichneten die Pflege am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Rotkreuzschwester Agnes Karll wollte daran etwas ändern. Sie gründete eine Berufsorganisation für Krankenpflegerinnen und verfolgte vehement ihr großes Ziel, die Pflege zu einem professionellen Beruf weiterzuentwickeln. Zum 90. Todestag zeichnen wir Agnes Karlls Leben und Wirken, das den Pflegeberuf in Deutschland bis heute prägt, nach.

Jubelnder Applaus durchdrang schlagartig den vorher geräuschlosen Saal. Begeistert nahm die Menge die Ernennung Agnes Karlls zur Ehrenpräsidentin des International Council of Nurses (ICN) auf. Es war Montag, der 5. August 1912 – der zweite Tag des großen ICN-Kongresses in Köln, der von Agnes Karll ausgerichtet worden war. Fast 1.000 Krankenpflegerinnen aus aller Welt waren angereist, in den Zeitungen wurde ausführlich über das Ereignis berichtet.

Ein internationaler Pflegekongress auf deutschem Boden, an dem die Öffentlichkeit regen Anteil nahm – dies konnte Agnes Karll, zu diesem Zeitpunkt 44 Jahre alt, als großen Erfolg für sich verbuchen. Die ehemalige Rotkreuzschwester, Privatpflegerin und Versicherungsangestellte hatte in den zurückliegenden Jahren viel erreicht: Die von ihr gegründete „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ zählte mittlerweile rund 2.500 Mitglieder, war national wie international hervorragend vernetzt und nahm zunehmend auch politisch Einfluss.

Trotz aller Erfolge blieb noch viel zu tun – diese Tatsache legte der Kölner Kongress schonungslos offen: So deckte der Regierungs- und Medizinalrat Dr. Hermann Hecker die unverhältnismäßig hohe Belastung der Pflegenden auf. Die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit betrüge 14 Stunden – häufig aber bis zu 18 Stunden, zitierte der Fachmann die Statistik. „Außer der täglich bereits übermäßig hohen Arbeitszeit sind meist noch Nachtwachen zu leisten. Über 1.000 Pflegerinnen haben keinerlei Ruhezeit nach Ausübung des Nachtdienstes, selbst nicht, wenn dieser zwölf Stunden dauert. So kommt nicht selten eine Beschäftigung von länger als 24 Stunden vor.“

Die ständige Überlastung führe oft, so Hecker, in „erschütternder Weise“ zu vorzeitiger Arbeitsunfähigkeit, in besonders schweren Fällen zu einem frühen Tod. Während in anderen Berufen längst eine gesetzlich festgelegte Maximalarbeitszeit geölte, blieben Krankenpflegerinnen, die „Stiefkinder der Sozialpolitik“, meist sich selbst überlassen.

Dann wendete sich Hecker direkt an Agnes Karll: „Frau Ehrenpräsidentin, ihr Einsatz für eine geschulte Krankenpflege steht dem Wirken der Florence Nightingale in nichts nach. Ihre Erkenntnis, die Missstände in dem Krankenpflegeberuf öffentlich darzustellen und alle Verbände zu gemeinsamen Änderungsvorschlägen aufzurufen, ist der einzig gangbare Weg zur Abhilfe. Ich lobe ihren totalen Einsatz.“ Tosender Beifall erfüllte erneut die Festhalle des altehrwürdigen Kölner Gürzenich.

Berufswunsch Ärztin

Agnes Karll stammt aus der Lüneburger Heide. Die Familie lebte auf einer 150 Hektar großen Hofanlage in Embsen, einem idyllischen Dorf mit strohgedeckten Häusern, einer kleinen Kirche und einem hölzernen Glockenturm. Agnes Karlls Kindheit war alles andere als einfach. Finanzielle Nöte plagten die Familie, ein schwerer Schicksalsschlag war der Tod des jüngsten Kindes, des drei Jahre alten Pauls. Er starb innerhalb weniger Tage an Diphtherie.

Agnes Karll und ihre Schwestern besuchten die einklassige Volksschule von Embsen. Das Mädchen fiel durch überdurchschnittlich gute Leistungen auf. Ihr Berufswunsch war Ärztin, doch ein Medizinstudium war für Frauen aus bescheidenen Verhältnissen geradezu utopisch.

Nach ihrer Konfirmation zog Agnes Karll – die Eltern hatten sich kurz vorher getrennt, und die Kinder waren zwischen der Mutter und dem Vater aufgeteilt worden – in die mecklenburgische Landeshauptstadt Schwerin, um dort eine Lehrerinnen- und Erzieherinnenausbildung zu absolvieren. Die Schule wurde von der gebildeten und in der Frauenbildungsbewegung erfahrenen Johanna Willborn geleitet. Diese erkannte die besonderen Fähigkeiten der jugendlichen Agnes Karll und beriet sie über Karrieremöglichkeiten. Über Willborn erhielt die 15-Jährige unter anderem den für ihr späteres Wirken entscheidenden Impuls, dass die Selbsthilfe von Frauen über die Gründung eines Vereins zu erreichen war.

Es folgte eine kurze Tätigkeit als Privatlehrerin in bessergestellten Familien. Der mittlerweile 16-Jährigen wurden von ihren privaten Arbeitgebern „treuer Fleiß, größte Gewissenhaftigkeit und guter Erfolg“ bescheinigt. Doch Agnes Karll spürte, dass sie den falschen Beruf ergriffen hatte. Auslöser dieser Erkenntnis waren mündliche Berichte einer Krankenschwester, die auf dem Land Diphtherie-Kranke betreute. Kurz zuvor war ihre jüngste Schwester an Diphtherie gestorben – ähnlich wie einst ihr kleiner Bruder. Agnes Karll fasste den Entschluss, Krankenschwester zu werden.

"Unhaltbare Zustände"

Der Weg in die Pflege führte über ein Mutterhaus, eine damals übliche Form des Zusammenlebens von Krankenschwestern. Pflege war in jener Zeit kaum reglementiert. Es existierten keine einheitliche Ausbildung, keine geregelten Arbeitszeiten, keine staatliche Anerkennung.

Agnes Karll entschied sich für das Clementinenstift, ein neugebautes Rotkreuzmutterhaus in Hannover mit gutem Ruf. Ihrer Mutter schrieb sie: „Das Clementinenhaus ist ein sehr stattliches Gebäude aus gelben und roten Steinen, innen geräumig und behaglich eingerichtet. Eine der älteren Schwestern empfing mich am Tor und führte mich zur Oberin. Sie empfing mich mit Umarmung und Kuss, schickte mich dann in mein Zimmer im zweiten Stock, um abzulegen.“

Dann ging es zum Ankleiden: „Die Tracht besteht aus weißen Hauben mit hochstehender Tolle. Das Kleid zur Arbeit blau mit weißen Pünktchen, krauser Rock und Taille aneinander, dazu ein runder Kragen vom selben Stoff. Für Sonntag dasselbe in Schwarz. Bei der Arbeit blaugestreifte Schürze, zu den Mahlzeiten weiße. Die Haube ist natürlich zu Anfang etwas lästig.“

Die Probeschwester, wie es hieß, wurde gleich in die Stationsarbeit eingebunden: Pflege der Kranken, Betten beziehen, Reinigungsarbeiten, Nachtwachen. „Ich habe mir keine Illusionen gemacht, folglich kann ich nicht über Enttäuschung klagen“, so Agnes Karll in einem Brief an ihre Mutter, zu der sie zeitlebens eine enge Bindung hatte. „Ich fühle mich sehr befriedigt durch meinen schönen Beruf. Ich hoffe, ihm geistig und körperlich gewachsen zu sein.“

Kaum Freizeit, wenig Schlaf, kein Kontakt mit der Familie im ersten Jahr – die Schattenseiten des auf Pflichterfüllung und Selbstlosigkeit ausgerichteten Mutterhaussystems machten der jungen Agnes Karll schnell zu schaffen. Zudem litt sie unter der herrischen Strenge der Oberin. Agnes Karll schrieb: „Die hiesigen Verhältnisse sind einfach unhaltbar, weil Frau Oberin durch ihre grenzenlose Heftigkeit, Strenge und Hochmut es dazu bringen wird, dass auch nicht eine Schwester im Haus bleibt. Es gibt täglich Szene auf Szene ohne Grund.“

Müde, abgehetzt, gereizt

Diesen Belastungen würde sie dauerhaft nicht standhalten können, das war Agnes Karll klar. Ein attraktives Arbeitsangebot einer Lübecker Privatklinik kam daher wie gerufen. Sie liebäugelte damit, in das nicht-konfessionelle Haus zu wechseln – obwohl sie dann die Bezeichnung „Schwester“, an der sie zeitlebens hing, hätte aufgeben und auf eine, wenn auch bescheidene, Alterspension des Mutterhauses hätte verzichten müssen.

Doch erst einmal wurde sie auf Wunsch des Clementinenstifts nach Göttingen entsendet, um eine Vertretungsstelle in den Universitätskliniken anzunehmen. Die kluge junge Frau lebte sich dort schnell ein. Doch wieder litt sie unter der völligen Inanspruchnahme der Schwestern, die ihr wie „Schnecken im Häuschen“ vorkamen.

Schon im ersten Berufsjahr kamen Agnes Karll Gedanken darüber, ob sich Krankenpflege nicht als ein von der Religion losgelöster, staatlich anerkannter Beruf gestalten ließe.

Kurze Zeit später nahm sie ihre Tätigkeit in der Lübecker Privatklinik auf. Dies entpuppte sich als ein kurzes Intermezzo, da das Unternehmen pleiteging. So musste sich Agnes Karll beruflich neu orientieren. Schon häufiger hatte sie von den vielfältigen Möglichkeiten für Krankenpflegerinnen in Berlin gehört. Als Privatpflegerin in dieser aufstrebenden Metropole zu arbeiten, erschien ihr als äußerst attraktiv. Verlockend war auch die Aussicht, mehr Geld zu verdienen und damit auch ihre Familie finanziell unterstützen zu können. Doch um vorerst weiter Berufserfahrung zu sammeln, kehrte sie zum Mutterhaus der Clementinen zurück, das sie aufgrund eines akuten Schwesternmangels erneut nach Göttingen entsendete.

Die dort übliche völlige Vereinnahmung der Schwestern machte Agnes Karll erneut zu schaffen. Am 29. Juni 1890 schrieb die 22-Jährige, die mittlerweile ihre Probezeit abgeschlossen und sich als Clementine für drei Jahre verpflichtet hatte: „Die letzten Wochen brachten viel Arbeit, so wird es wohl bis in den August bleiben. Ich bin ganz gesund, aber abgehetzt und müde, schlafe schlecht, und die Folge ist natürlich Verstimmung und Gereiztheit.“

Agnes Karlls Entschluss, in Berlin ein neues berufliches Kapitel aufzuschlagen, stand fest – doch ihre Familie sorgte sich. Ihrer Schwester Dorette schrieb sie: „Warum du es für besser hältst, dass ich in einem Mutterhaus bleibe, ist mir nicht klar. Denkst du denn immer noch, weil ich die Jüngste bin, ich müsste in irgendeinem mutterähnlichen Schutz bleiben? Alle die verschiedenen Schutzvorrichtungen haben mich wenig genug geschützt. Mir ist kein Blick in die Abgründe und Grausamkeiten des Lebens erspart geblieben. Daher fürchte ich mich vor der Selbstständigkeit und dem Alleinsein nicht.“

Die Pflege weiterentwickeln

Am Mittag des 21. November 1891 erreichte Agnes Karll den Stettiner Bahnhof in Berlin. Gleich nach ihrer Ankunft begab sie sich in die Motzstraße im Stadtteil Schöneberg, wo sie ein möbliertes Zimmer in einem Schwesternheim bezog.

Ihre erste „Kundin“ war eine wohlhabende ältere Dame, die in der Nähe des Schwesternheims wohnte und sich beim Verlassen der Pferdestraßenbahn den Schenkelhals gebrochen hatte. „Die Pflege dauert mindestens vier Wochen, ist aber eine sehr leichte“, schrieb Agnes Karll ihrer Mutter. „Jedenfalls sind es liebenswürdige Menschen, ein sehr elegantes Haus. Ihr seht, ich habe wirklich Glück.“

Agnes Karll lebte sich als Privatpflegerin in der Großstadt schnell ein: Die behandelnden Ärzte gaben ihr Anerkennung, die Auftraggeberin und deren Familie waren zufrieden mit ihr, im Schwesternheim fühlte sie sich wohl.

In Agnes Karll reifte der Gedanke, einen Schwesternverein zu gründen. Die Berichte ihrer Mitschwestern über „ungute Verhältnisse“ im Beruf bestärkten sie in ihrem Vorhaben. Die Tochter ihrer Patientin, mit der sie sich gut verstand, unterstützte sie und erkundigte sich über Möglichkeiten einer Vereinsgründung. Doch der Traum platzte: „Unser Verein wird wohl ungegründet bleiben, da es zu viel Kosten an Steuern und so weiter mit sich bringt“, so Agnes Karll in einem Brief an ihre Mutter.

Im Frühjahr 1894 begleitete Agnes Karll eine unheilbar nervenkranke Amerikanerin, die in Berlin nach Heilung gesucht hatte, für mehrere Monate in die USA. In der Ferne machte die junge Frau wertvolle Erfahrungen – etwa, dass amerikanischen Pflegerinnen nicht annähernd so viel abverlangt wurde wie in Deutschland, dass deren Verdienst doppelt so hoch war und dass Mädchen generell zu selbstständigen Menschen erzogen wurden und nicht zu „zurechtgestutzten Kunstprodukten“ wie in Deutschland.

Zurück in Berlin fühlte sich Agnes Karll in ihrem Vorhaben bestärkt, die Pflege als Beruf weiterzuentwickeln. Dazu gehörten für sie vor allem eine geregelte Ausbildung und der Schutz der Berufsangehörigen vor Gesundheitsschäden. Zu oft hatte sie am eigenen Leib erfahren, dass sich ständige Überanstrengung nachteilig auf die Gesundheit auswirkte. Sie musste sich über einen längeren Zeitraum wegen Gesundheitsproblemen wie Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit in ärztliche Behandlung begeben.

Die Gründung eines Schwesternvereins zog sich über Jahre hin. Immer wieder waren Rückschläge zu verzeichnen, doch Agnes Karll verfolgte beharrlich ihr Ziel. Ihr war klar, dass sich ihre Bestrebungen nur „sehr langsam“ umsetzen ließen.

Besonders bedeutsam erschien ihr, dass ein Verband für Krankenschwestern ihren Mitgliedern Versicherungsleistungen bei Krankheit und im Alter bieten muss. Zu diesem Thema bemerkte Agnes Karll: „Sowohl meine Geschlechtsgenossinnen als auch die meisten erwerbstätigen Frauen sind so kurzsichtig, nicht zu begreifen, wie wichtig diese Neuerung ist und dass sie auf diesem Wege sich selbst gegen Not schützen könnten.“ Für ihr Lebenswerk wichtige Erfahrungen sammelte Agnes Karll ab 1901, als sie nach zehnjähriger Tätigkeit als Privatpflegerin zum Deutschen Anker, einer Berliner Versicherungsgesellschaft, wechselte. Sie arbeitete dort als Versicherungsangestellte. Die 33-Jährige fühlte sich ab diesem Zeitpunkt im „rechten Fahrwasser“ und „zu nützen, so viel in meinen Kräften steht“.

Eine große Aufgabe

Der Beginn des neuen Jahrhunderts hatte ein bislang unbekanntes öffentliches Interesse für das Thema Krankenpflege mit sich gebracht. Davon zeugten unter anderem Verhandlungen im Deutschen Reichstag zur Lage von Krankenpflegepersonen. Agnes Karll nutzte diese neue Stimmung für ihre Zwecke. Auf der Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine 1902 in Wiesbaden brachten Agnes Karll und eine Handvoll Mitstreiterinnen Vorschläge zur Ordnung der Krankenpflege ein. Ziel war es, die Akteurinnen der Frauenbewegung von den Reformgedanken zu überzeugen. Mit großem Erfolg: Die Vertreterinnen von 80 000 organisierten Frauen verabschiedeten eine Petition, in der die Regierung aufgefordert wurde, unter anderem eine dreijährige Krankenpflege-Ausbildung zu beschließen und die Berufsangehörigen vor Überlastung zu schützen. Agnes Karll war zufrieden: „Dass Menschen verschiedenster Richtungen mir ohne weiteres zustimmen, ist doch wohl ein Beweis, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

Am 11. Januar 1903 erfüllte sich das große Ziel von Agnes Karll: Nach langer Vorarbeit wurde die „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ (BO) in Berlin gegründet. Von 37 anwesenden Schwestern nahmen 28 die Satzung an, Agnes Karll wurde zur ersten Vorsitzenden gewählt. Zweck des Vereins war „die Förderung aller Interessen der Krankenpflegerinnen Deutschlands“, zu den Zielen gehörten die „Erziehung der Schwestern zur Selbstständigkeit“ und die „Befähigung der Mitglieder für eine Mitbestimmung und Mitverantwortung“.

Schwester oder Pflegerin?

In der ersten öffentlichen Versammlung wurde das Ziel unterstrichen, die Pflege als Frauenberuf ohne Bindung an ein Mutterhaus weiterzuentwickeln. Doch es entstand eine Diskussion darüber, ob man sich dann nicht auch vom christlichen Begriff der Schwester verabschieden und stattdessen von der Pflegerin sprechen müsse. Doch Agnes Karll, sozialisiert durch das Clementinenhaus, hing an der Schwesternbezeichnung und erklärte, dass auch die berufliche Pflege daran gut täte, „an diesem so durchaus ins Volksbewusstsein übergegangenen Begriff festzuhalten“. So findet sich in den Vereinssatzungen folgender Passus: „Alle in der Krankenpflege tätigen Mitglieder werden ‚Schwestern‘ genannt.“ Zudem wurde festgelegt, dass Mitglieder im Dienst eine Tracht und mit dieser „unbedingt sichtbar“ das Abzeichen mit dem roten Lazaruskreuz tragen mussten. Das Lazaruskreuz war das Symbol eines Pflegeordens aus dem Mittel­alter, der sich besonders in der Versorgung von Aussätzigen verdient gemacht hatte.

Am 1. April, fast drei Monate nach Gründung der BO, wurde das Vereinsbüro in Berlin eröffnet. Der Verband hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 105 Mitglieder. Obligatorisch war der Abschluss einer Versicherung. Über Agnes Karlls gute Kontakte zum Deutschen Anker ließ sich erreichen, dass dieser den BO-Schwestern deutlich günstigere Konditionen gewährte. Viel Engagement legte Agnes Karll zudem in statische Erhebungen unter den Mitgliedern, um diese später als Argumentationsgrundlage nutzen zu können. Ihre mathematische Begabung kam ihr hier zugute. Neben den vielfältigen organisatorischen Aufgaben investierte Agnes Karll viel Energie in Öffentlichkeitsarbeit; sie publizierte zahlreiche Artikel und baute Kontakte zu Personen auf, die ihr bei ihrem Ziel einer zukunftsorientierten Krankenpflege nützlich erschienen.

Erste Erfolge zeigten sich schnell: Am 22. März 1906 beschloss der Bundesrat den „Entwurf von Vorschriften über die staatliche Prüfung von Krankenpflegepersonen“ – die deutschen Länder waren nun aufgefordert, die Bestimmungen umzusetzen. 1907 trat in Preußen die staatliche Prüfungsverordnung in Kraft, weitere Länder folgten.

Fortschritte erzielte Agnes Karll auch über internationale Kontakte. Im Rahmen des Frauenweltkongresses 1904 in Berlin schloss sich Agnes Karlls Organisation mit den Pflegeverbänden der USA und Großbritanniens zum International Council of Nurses (ICN) zusammen. Als Ziel galten gute Bedingungen für den Pflegeberuf weltweit. Die beteiligten Frauen zeigten mit ihren Aktivitäten eine für den damaligen, eher nationalbewussten Zeitgeist eine bemerkenswerte Weitsicht.

"Unterm Lazaruskreuz"

Am 1. Januar 1906 erschien die erste Ausgabe des Vereinsblatts „Unterm Lazaruskreuz – Mitteilungen der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“. Agnes Karll erinnerte darin an die Gründung des Vereins und bemerkte: „Hätte uns damals jemand vorausgesagt, dass wir nach kaum drei Jahren über 900 Mitglieder (...) zählten, dass wir nach so kurzer Zeit schon eine eigene Vereinszeitung herausgeben müssten, so hätte wohl niemand so kühnen Vermutungen geglaubt!“ In der zweiten Ausgabe resümierte Agnes Karll die Vereinsziele und hob dabei die Forderung einer geregelten Ausbildung, des Schutzes vor Überanstrengung und der sozialen Absicherung hervor. „Seit drei Jahren streben wir diesen Zielen nach und haben alle Ursache, hoffnungsfreudig in die Zukunft zu schauen.“

Während sich der Verband in den Folgejahren weiter gut entwickelte, hatte Agnes Karll immer wieder mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Auch wenn sie zeitweise zu Ruhezeiten gezwungen war und sich immer wieder in ärztliche Behandlung begeben musste, setzte sie sich weiterhin engagiert für die Weiterentwicklung der Pflege ein. 1909, im Alter von 40 Jahren, zog sich Agnes Karll aus dem Tagesgeschäft der BO weitgehend zurück und übertrug die Vorstandspflichten einer anderen Person. Ab dieser Zeit lebte sie für eine längere Zeit mit der Schweizerin Emmy Oser, mit der sie eine innige Beziehung hatte, in Zürich. Viel Energie legte Agnes Karll in die Übersetzung eines englischsprachigen Werks über die Geschichte der Krankenpflege.

Während des Ersten Weltkriegs war die Mehrheit der BO-Schwestern in Österreich-Ungarn im Einsatz, etwa in der Seuchenprävention. Agnes Karll besuchte als Generaloberin der BO mehrfach jährlich die in diversen Lagern tätigen Schwestern. Nach Ende des Weltkriegs und der folgenden wirtschaftlichen Not in Deutschland vermittelte Agnes Karll ihren Schwestern Erholungsreisen nach Skandinavien, wobei ihr die ICN-Kontakte zugutekamen.

Kurz nachdem Agnes Karlls Mutter 1923 im Alter von 87 Jahren starb, wurde bei ihr Brustkrebs festgestellt. Sie starb am 12. Februar 1927 im Alter von 58 Jahren in Berlin. Kurz vor ihrem Tod schrieb sie: „Wir alle müssen jetzt weit zurückbleiben hinter dem, was wir einst gehofft, und dankbar sein für das, was wir schaffen durften. Ich glaube nicht, dass Arbeit, die in dem Sinn geleistet wird, wie wir es tun, im Sand verrinnen kann, wenn es im Augenblick auch so scheinen mag. Die Saat wird doch einmal aufgehen, vielleicht lange hinter uns.“

 

Die zitierten Briefe Agnes Karlls sind dem Buch von A. Sticker (s.u.) entnommen. Dieser Artikel basiert auf Recherchen im Archiv des DBfK-Bundesverbands und in der Hist. Sondersammlung der UAS Frankfurt.
Sticker, A. (1984): Agnes Karll – Die Reformerin der deutschen Krankenpflege. 3. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer
Lungershausen, M. (1964): Agnes Karll – Ihr Leben, Werk und Erbe. Hannover: Staude
Elster, R. (2013): Der Agnes Karll-Verband. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Mabuse