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  • 30.07.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Pflegeausbildung

Der generalistische Weg ist der bessere

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2019

Seite 10

Ein Curriculum für die Pflegeausbildung zu erstellen, ist kein Hexenwerk, sagt der Vorsitzende des Bundesverbandes für Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS), Carsten Drude. Aber Pflegeschulen müssten nun einige Herausforderungen meistern. Im Interview gibt er Empfehlungen, wie sich die Ausbildungseinrichtungen schon jetzt auf die generalistische Ausbildung vorbereiten können.

Herr Drude, alle Pflegeschulen sind aufgerufen, Curricula für die neue generalistische Pflegeausbildung zu entwickeln. Welche Hürden müssen sie dabei überwinden?

Auf der einen Seite gibt es organisatorische, logistische Hürden. Ein Curriculum lässt sich nicht nebenbei entwickeln. Dafür zuständiges Personal muss in einem angemessenen Rahmen von Unterrichtsverpflichtungen freigestellt werden. Auf der anderen Seite sind inhaltliche Hindernisse zu überwinden: Die neue Pflegeausbildung ist etwas Neues, die Schulen können nicht einfach ihre alten Unterrichtsordner umetikettieren und so weitermachen wie bisher. Sie müssen sich tatsächlich neu auf den Weg machen. Man muss sozusagen bei allen Lehrenden den Resetknopf drücken.

Wie ist der Kenntnisstand der Ausbildenden? Wie werden diese geschult?

Der Kenntnisstand der Ausbildenden ist höchst unterschiedlich. Lehrende müssen laut Regelvorgabe ein Hochschulstudium absolviert haben. Es gibt daneben beispielsweise auch viele Lehrer mit einer Pädagogikweiterbildung. An diesen unterschiedlichen Vorkenntnissen orientiert sich auch der Schulungsbedarf. Geschult werden müssen sicherlich alle. Wer frisch von der Universität oder Fachhochschule kommt, hat hier vielleicht einen Vorteil.

An welchen Leitlinien muss sich die Erstellung eines Curriculums orientieren?

Erste Informationen liefern die Anlagen der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe (PflAPrV). Die Pflegeschulen sollten sich schon jetzt um die dort beschriebenen Kompetenzen kümmern, um Kompetenzstrukturen, die einzuhalten sind. In den Anlagen sind schon sehr deutliche Aussagen enthalten, wie die Curricula auszusehen haben. Im Übrigen geben auch die Begründungen zur PflAPrV eine Orientierungshilfe.

Ein Rahmenlehrplan aber lässt noch auf sich warten …

Den gibt es tatsächlich noch nicht. Der Gesetzgeber hat im Pflegeberufegesetz festgelegt, eine Fachkommission einzusetzen. Diese Fachkommission hat inzwischen die Arbeit aufgenommen und wird ihre Ergebnisse bis Mitte 2019 liefern. Sobald der Lehrplan steht, müssen sich alle Schulen daran orientieren. Ich gehe aber davon aus, dass der Rahmenlehrplan einen empfehlenden, keinen bindenden Charakter hat.

Wenn der Rahmenlehrplan erst im Sommer vorliegt, ist der Start der generalistischen Ausbildung zum 1. Januar 2020 aber sehr ambitoniert …

Ja, die Zeitplanung ist sehr ambitioniert. Die Politik hat viel Zeit vertrödelt. Was uns richtig zurückgeworfen und fast ein Jahr gekostet hat, war die unsägliche Nichtregierungsbildung nach der jüngsten Bundestagswahl. Die Krux dabei: Die alte Regierung hat das Pflegeberufegesetz erlassen, die neue die Prüfungsverordnung. Das alles hat ein gutes Jahr gedauert – verschenkte Zeit. Das holt uns jetzt ein, aber ein Curriculum ist durchaus innerhalb von 2 Monaten zu schreiben. Das ist kein Hexenwerk.

Wer hat die Expertise, die Curricula zu überprüfen?

Die Behörden können natürlich nur formell schauen, ob die Schule genügend Lehrende vorhält und ob diese auch die geforderte Qualifikation vorweisen können. Inhaltlich werden sich die Prüfstellen auf die Expertise der Hochschulen stützen.

Kann eine Schule die Ausbildungszulassung ggf. verlieren, wenn die Inhalte eines Curriculums nicht den Vorgaben entsprechen?

Letztendlich ja. Sanktionen sind Sache der Länder. Zwar ist in jedem Bundesland die Aufsicht der Schulen unterschiedlich geregelt, aber letztendlich muss jede Schule beweisen, dass sie die staatliche Anerkennung behalten darf. Wenn die Einrichtungen mit generalistischen Ausbildungskursen starten wollen, müssen sie natürlich etwas in der Hand haben. Ich glaube aber, dass die Länder recht großzügige Übergangsfristen vorsehen. Sie würden politisch auch ein falsches Signal senden, wenn sie den Schulen die Wege unnötig erschwerten. Ich rechne nicht damit, dass zu Beginn 2020 eine Schule schließen muss, wenn sie ihr Curriculum nicht vollständig für alle 3 Ausbildungsjahre fertiggestellt hat. Allein schon deshalb, weil es bis 2021 – bei Teilzeitausbildung bis 2024 – Ausbildungskurse nach altem Muster gibt.

Also muss eine Pflegeschule ihr Curriculum nicht zwingend bis 2020 fertiggestellt haben?

Die Frage ist, ob die kompletten 3 Jahre stehen müssen. Ich halte es für pädagogisch sinnvoll, dass die Schulen alle 3 Jahre durchdenken. Sie müssen vermutlich nicht schon Anfang 2020 den Unterricht für das dritte Ausbildungsjahr bis ins Detail ausgearbeitet haben. Das Grundgerüst sollte bis 2020 auf jeden Fall stehen. Und Anpassungen der Lehrpläne sind ohnehin Tagesgeschäft.

Wenn es Ausbildungskurse nach der alten Ausbildungsverordnung bis 2024 geben wird, müssen diese bestehenden Kurse nach altem Muster zwischenzeitig auf die generalistische Ausbildung umsteigen?

Nein, die laufen parallel. Der im Herbst dieses Jahres startende Ausbildungsjahrgang darf allerdings 2020 umsteigen, das hat das Bundesgesundheitsministerium deutlich gemacht.

Hatten bestehende Curricula von Schulen, die bereits modellhaft generalistisch ausbilden, z. B. die Wannsee-Schule, Einfluss auf die PflAPrV?

Die Erfahrungswerte dieser Schulen haben sicherlich einen gewissen Einfluss auf die Prüfungsverordnung gehabt. So war es auch im Zuge des Modellversuchs „Pflegeausbildung in Bewegung“ vor 11 Jahren. Damals haben 8 Schulen aus verschiedenen Bundesländern die Zusammenführung der Ausbildungen der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege erprobt. Die daraus gewonnenen Erfahrungswerte sind als Empfehlungen für die künftige Pflegeausbildung in die Entwicklung der Prüfungsverordnung eingeflossen – auch wenn die Fachexpertise selbst von den Hochschulen kam. Ich halte es auch für sinnvoll, die Expertise dort zu holen.

Warum hat die Politik nicht einfach eines der bekannten Modelle – Wannsee, Lebach etc. – kopiert?

Das frage ich mich allerdings auch, das wäre ggf. einfacher gewesen. Viel Einfluss auf die Erstellung des Pflegeberufegesetzes und der PflAPrV hatten bestimmte Lobbyisten und deren Verbände. Da gab es durchaus Interessen, die nicht immer konform sind mit den Interessen für eine gute Bildung. Es gab starke Verbände, die interveniert haben und in vielen Bereichen keinerlei Veränderung wollten.

Aber diese Schulen mit quasi vor-generalis-tischen Ausbildungskursen haben doch sicherlich gewisse Vorteile gegenüber anderen Schulen …

Ja, diese Schulen haben schon den wichtigen Schritt gemacht, sich auf Null zu setzen und nicht mehr in Altersstufen von Pflegeempfängern zu denken. Das ist ein Riesenvorteil und macht ihnen die Umstellung sicherlich leichter. Ein Pflegeberuf muss gut ausbilden für Pflege in allen Settings und für alle Altersstufen.

Nimmt der Wettbewerb unter den Schulen im Zuge der Generalistik zu? Was raten Sie diesbezüglich den Schulen?

Der Wettbewerb wird zunehmen, davon gehe ich aus. Allerdings nicht im Sinne von schneller, höher, weiter, sondern in der Verpflichtung, Kooperationen einzugehen. Das ist eine logische Konsequenz aus dem Gesetz. Kleine Kranken- oder Altenpflegeschulen haben nicht die Expertise in allen Segmenten. Die Schulen müssen sich also entsprechende Kooperationspartner suchen. Die Altenpflegeschule xy sollte also unbedingt auf die Krankenpflegeschule im Nachbarort zugehen. Und genauso umgekehrt. Die Expertise ist gegenseitig erforderlich. Außerdem bieten solche Kooperationen auch eine Chance, sich regional gut aufzustellen.

Welche Möglichkeiten sollten Pflegeschulen noch in Erwägung ziehen, um sich besser nach außen darstellen zu können?

Die Schulen sind aufgefordert, selbst aktiv zu werden. Und das ist abhängig von den Regionen, in denen sie ihren Sitz haben. Tendenziell ist es im ländlichen Raum schwieriger, genügend Bewerberzahlen zu generieren. Schulträger müssen sich also überlegen, ob sie ihre Schüler/-innen auch aus größerer Entfernung an die Schule locken und binden können. Ich denke da einen Service wie Shuttlebusse, die die Schüler/-innen abholen. Oder die Schulen mieten beispielsweise Wohnheime an. Denn die Wohnortnähe ist ein nicht unwichtiger Faktor.

Werden generalistisch ausgebildete Pflegende künftig Vorteile haben gegenüber examinierten Pflegenden alter Couleur?

Die alten Ausbildungen sind auch nach neuem Gesetz anerkannt. Der Gesundheits- und Krankenpfleger/-in-Beruf ist in Zukunft gleich zu behandeln wie ein Pflegefachmann und eine Pflegefachfrau. Das ist in der Übergangsregelung fest verankert. Im Grunde muss keine Pflegekraft, die nach altem System ausgebildet wurde, Sorge haben, sie könnte eine schlechtere Ausbildung genossen haben. Die neue Ausbildung ist anders – nicht schlechter, nicht besser. Die neue Ausbildungsform ist aus meiner Sicht aber besser geeignet, den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen, weil der Beruf eben nicht mehr nur auf einzelne Altersgruppen beschränkt ist. Ich glaube, der generalistische Weg ist der bessere. Die künftige Pflegeausbildung ist keine Spezialausbildung mehr, sondern eine breit aufgestellte Grundausbildung. Pflegende haben somit künftig die Möglichkeit, in jedem Pflegesegment zu arbeiten.

Spezialisierungen sind aber dennoch gewünscht – auch in Zukunft. Werden die Pflegeschulen künftig zusätzliche Qualifizierungsangebote vorhalten?

Der Weiterbildungsmarkt wird sich massiv verändern. Selbstverständlich müssen sich Pflegefachmänner und -frauen nach ihrer 3-jährigen Ausbildung in den Stationen oder Bereichen, in denen sie dann arbeiten, auch Fach- und Routinewissen aneignen müssen. Das ist eine Chance für Weiterbildungen. Der Pflegebildungsmarkt wird sich diesbezüglich sicher deutlich erweitern.

Ein Blick auf die Auszubildenden in der Altenpflege: Wird für sie die generalistische Ausbildung eine besondere Herausforderung?

Schüler aus dem Segment Langzeitpflege erleben erstmals diese Rotation in der Praxis, also die Pflichteinsätze in den verschiedenen Bereichen im Rahmen der künftigen Ausbildung. Auch für die Altenpflegeeinrichtungen wird das eine Umstellung werden, ein Paradigmenwechsel, denn sie sind es nicht gewohnt, dass ihre Auszubildenden einen größeren Zeitkorridor aus dem Haus sind, etwa für einen Pflichteinsatz in der Pädiatrie. Umgekehrt erhalten diese Einrichtungen dann wiederum die Schüler aus den Krankenhäusern – gemäß Kooperationsvereinbarung.

Glauben Sie, dass eine generalistische Ausbildung mehr junge Menschen für den Pflegeberuf begeistern kann?

Das ist die Hoffnung, die dahintersteckt. Wenn sich junge Menschen nicht gleich festlegen müssen auf ein Pflegesegment, ist das vermutlich attraktiver. Pflegeschüler/ -innen durchlaufen in den 3 Jahren verschiedene Einrichtungen und Bereiche und haben nachher quasi die freie Auswahl, also mehr berufliche Chancen nach Absolvierung der Ausbildung. Es gilt aber auch, den im Gesetz verankerten Hochschulanteil mitzudenken. Wir müssen auch für die Fachabiturienten und die Abiturienten attraktiver werden. Hier gibt es aktuell noch viel zu wenig Angebote. Wir schließen diese Gruppe momentan immer noch so ein bisschen aus.

Was sehen Sie als besonders kritisch an der Ausgestaltung der PflAPrV?

Ein großer Kritikpunkt ist aus meiner Sicht die Anlage 4 der Prüfungsverordnung, die zu erwerbenden Kompetenzen für die staatliche Prüfung zum/r Altenpfleger/-in. Zum Hintergrund: Es gibt 5 Anlagen zur Prüfungsverordnung für die verschiedenen Ausbildungsformen und -abschnitte. Anlage 1 beschreibt, welche Kompetenzen die Auszubildenden bis zur Zwischenprüfung erwerben müssen, Anlage 2 beschreibt die Kompetenzen für den generalistischen Weg, Anlage 3 jene für die Kinderkrankenpflege, Anlage 4 die für die Altenpflege und Anlage 5 die für die Hochschule. Die Interessenverbände aus der Altenpflege haben massive Lobbyarbeit betrieben und dafür gesorgt, dass das Niveau der Kompetenzen der Anlage 4 abgesenkt wurde, weil für Altenpflegeschüler/-innen die Ausbildung andernfalls nicht erfolgreich abzuschließen sei. Das ist aus meiner Sicht eine Katastrophe: Das Pflegeberufegesetz gibt nunmehr unterschiedliche Kompetenzniveaus nach 3 Jahren vor. Das ist eine untragbare Abwertung der Altenpflege.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Ich würde die Zwischenprüfung, die jeder Auszubildende nach 2 Jahren absolvieren muss, aus der Prüfungsverordnung streichen. Diese Prüfung ist komplett konsequenzlos. Die Schüler/-innen müssen sie nicht bestehen, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Der Gesetzgeber hat den Ländern die Möglichkeit eingeräumt, bestandene Zwischenprüfungen per Verordnung für eine Helfer- oder Assistenzausbildung anzurechnen. Es gibt bereits ein beste­hendes Curriculum für die einjährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer. Hier ist die Auszubildenden-Zielgruppe eine ganz andere. Ich halte es für falsch, Schüler/ -innen nach bestandener Zwischenprüfung automatisch in den Status eines Krankenpflegehelfers zu heben.

Was raten Sie den Pflegeschulen, wie sie sich schon jetzt auf das zu erstellende Curriculum vorbereiten können?

Die Pflegeschulen können nicht bis 2020 warten, um sich dann mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wichtig wäre ein Projektplan, bis wann sie was umgesetzt haben wollen. Sie sollten sich Generalistik-Expertise aneignen – über Fortbildungen und Schulungen. Das machen wir an unserer Schule in Dortmund nicht anders. Wir haben eine Curriculum-Arbeitsgemeinschaft eingerichtet, die u. a. am neuen Kompetenzniveau arbeitet. Die Pflegeschulen können schon vieles vorbereiten. Dazu gehört auch, sich die entsprechenden Kooperationspartner für die Ausbildung zu suchen. Bei unserem Bundesverband für Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS) gehen immer wieder Anfragen nach einem möglichen Leitfaden ein. Ich empfehle dann, die Kompetenzanforderungen in den Anlagen durchzuarbeiten. Allerdings sollte man auch nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen: Auch für unsere Schule in Dortmund habe ich noch kein Curriculum. Ich werde abwarten, was der Rahmenlehrplan aussagt.

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