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  • 01.04.2016
  • Praxis

Sexuelle Übergriffe und Belästigungen

„Stopp! Ich möchte das nicht!"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2016

Unerwünschte Annäherungsversuche sind in der Pflege häufig. Sie können zu Scham, Angst und Depressionen führen. Aber: Wie verhalte ich mich richtig, wenn ein Patient oder eine Patientin sich mir in unangemessener Form nähert? Und welche Rolle spielt das Team?


Zwischenmenschliche Begegnungen in der Pflege gehen den Beteiligten häufig emotional, aber auch körperlich sehr nahe. Sowohl die Patienten als auch die Pflegekräfte selbst fühlen sich dadurch manchmal überfordert. Dabei sind viele Momente schon aufgrund der gegebenen Umstände in einem Krankenhaus oder einer Senioreneinrichtung äußerst intim, wie das Waschen oder der Toilettengang.

Was aber, wenn plötzlich sexuelle Signale ausgesendet werden oder es sogar zu Anspielungen, Belästigungen oder Übergriffen kommt? Es gibt Patienten, die beispielsweise immer wieder unter einem Vorwand versuchen, die Pflegenden zu Berührungen im Intimbereich zu motivieren. Aufforderungen, noch genauer zu untersuchen oder anderweitig pflegerisch aktiv zu werden, enthüllen den latenten Wunsch nach sexueller Befriedigung. Diese maskierten Strategien werden von Pflegenden als missbräuchliche Inanspruchnahme von Pflege beschrieben (Schilling 2008):

„Während einer Intimpflege bei einem alten Mann hat er kontinuierlich anzügliche Bemerkungen über die Situation gemacht. Dazu kam, dass er eine Druckstelle am Hoden hatte, die laut Verordnung mit einer Creme eingecremt werden musste. Beim Eincremen hat er meine Hand an seinen Penis gedrückt und gesagt „Mach mal, das ist doch schön für uns beide! Keine Angst, meine Kleine!" – ich empfand die Situation als so abstoßend und ekelig, dass ich noch Wochen danach eine Wut ihm gegenüber spürte …" (Depauli Plaute 2016)

Besonders jüngere und weniger erfahrene Pflegekräfte geraten aufgrund mangelnder Vorbereitung und Unterstützung leicht unter Druck. Je nach Persönlichkeit reagieren sie in diesen Fällen sehr unterschiedlich. Dabei kann es zu starken Emotionen, manchmal sogar mit langfristigen negativen Folgen kommen. Der Umgang mit diesen Emotionen wird während der Ausbildung zu wenig vermittelt. Hier gilt das Interesse meist verstärkt dem Schutz, dem Befinden und der Würde der Patienten.

Sexualität wird in der Pflege nach wie vor tabuisiert oder mit Zynismus kommentiert – auch wenn es sich dabei um eine so gut wie allen Pflegenden bekannte, alltägliche Wirklichkeit handelt. Die wiederholte Beschäftigung mit den Genitalien fast fremder Menschen kann einen nicht immer völlig unberührt lassen.

„Während meiner Ausbildung musste ich einen Patienten duschen, der sich dann währenddessen mit unsittlichen Bemerkungen mir gegenüber befriedigte. Ich fand dies sehr peinlich und wusste nicht damit umzugehen damals. Ich bekam auch Wut und teilweise aggressive Gedanken dabei, die mich auch noch heute beschäftigen, da diese Situation irgendwie im Kopf hängen geblieben ist …" (Depauli Plaute 2016).

Zwei Drittel der Pflegenden von Belästigungen betroffen

Für Berufseinsteiger ist häufig bereits die Durchführung der Grundpflege und Ganzkörperwaschung eine Herausforderung. Wenn die Situationen sich zudem aus dem erwarteten Rahmen entwickeln und es zu Belästigungen oder gar Übergriffen kommt, sind Verunsicherung und Überforderung ungleich größer.

Diese sexuellen Annäherungsversuche vonseiten der Patienten sind leider sehr häufig. Zwei Drittel der Pflegekräfte werden mindestens einmal pro Jahr im Rahmen von intimer Pflege belästigt. Dabei werden – besonders junge – Frauen signifikant häufiger zum Opfer als ihre männlichen Kollegen. 71,2 Prozent der weiblichen Pflegenden ist ein Übergriff bereits widerfahren gegenüber 46,9 Prozent der männlichen Kollegen.

Pflegende sind insgesamt mehr Gewalt ausgesetzt als andere Berufsgruppen. Dies führt zu weniger Berufszufriedenheit, mehr emotionaler Erschöpfung, mehr Zynismus und einem niedrigeren Level von psychischem Wohlbefinden (Waschgler 2013).

Zumeist gelingt es gerade in Extremsituationen nicht, angemessen zu handeln. Anstatt aktiv zu agieren, kommt es zu einer reflexartigen, bisweilen wenig professionellen Reaktion. Die persönliche Geschichte, der eigene Charakter und das eigene Wertesystem nehmen Einfluss auf die Art und Weise dieser Reaktion. Jeder Mensch hat individuelle Grenzen und Bedürfnisse im Zusammenhang mit Sexualität. Außerdem zeigen sich auch die Belästigungssituationen in äußerst unterschiedlicher Form. Dies macht es nahezu unmöglich, ein einziges passendes Modell zur Abhilfe zu entwickeln. Dennoch ist es nötig, dass für besonders typische Situationen Standardlösungen gefunden werden, die betroffenen Pflegekräften im Akutfall eines sexuellen Übergriffes praktisch und effektiv helfen.

Auszubildende und Berufseinsteiger reagieren in solchen Momenten oft sehr zurückhaltend. Meist ist es nicht einfach, Grenzverletzungen eindeutig als solche zu identifizieren. Die unerwünschten Annäherungen spielen sich in einem schwer zu definierenden und daher nicht greifbaren Graubereich ab. Dadurch wird adäquates Handeln zusätzlich erschwert.

Schlussendlich wird eine klare Konfrontation mit dem Grenzverletzer gemieden, obwohl gerade die aktive Auseinandersetzung mit dem Belästiger am ehesten zum Nachlassen der Übergriffe führen würde (Stemmer 2001). Es hilft also zunächst, sexuelle Belästigung eindeutig als solche zu erkennen.
 


Abb. 1: Häufigkeit von sexuellen Belästigungen durch Patienten
 

Wann liegt eine sexuelle Belästigung vor?

Eine sexuelle Belästigung liegt dann vor, wenn ein der sexuellen Sphäre zugehöriges Verhalten gesetzt wird, das die Würde einer Person beeinträchtigt, für die betroffene Person unerwünscht, unangebracht, entwürdigend, beleidigend oder anstößig ist und eine einschüchternde, feindselige oder demütigende Arbeitsumwelt für die betroffene Person schafft (aus dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz [AGG]: § 3 Abs. 3, 4, 2014). Dazu gehören:

  • nonverbal zum Beispiel das Zeigen und sichtbare Anbringen von durch Betroffene abgelehnte pornografischen Darstellungen, taxierende Blicke, sexistisches Anstarren, sexuell herabwürdigende Gesten, anzügliche Mimik, unerwünschte Geschenke,
  • verbal zum Beispiel Aufforderungen zu sexuellen Handlungen, doppeldeutige Bemerkungen sexuellen Inhalts, unerwünschte Einladungen mit eindeutiger Absicht, anzügliches Reden über körperliche Merkmale, Aussehen oder Sexualleben,
  • körperlich zum Beispiel sexuell konnotierte oder scheinbar zufällige körperliche Berührungen, Betatschen, Herstellen unerwünschter Nähe, sexuelle Bedrängung und Nötigung, Verfolgung, Erzwingen von sexuellen Handlungen sowie Vergewaltigung.

Die Folgen sexueller Belästigungen können für Betroffene schwerwiegend sein, besonders wenn es sich um wiederkehrende oder sehr intensiv erlebte Traumata handelt. Starke Emotionen wie Angst, Misstrauen, Aggressivität, Scham oder Ekel können die Freude am Beruf reduzieren und in Depressionen, Stress, herabgesetzten Selbstwert oder sexuelle Unlust münden.

Wichtig: Offen mit dem Thema umgehen

Eine angemessene und professionelle Haltung in schwierigen Situationen erfordert eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität sowie persönlichen Gewohnheiten, Normen, Werten und Einstellungen. Eigene Grenzen und Bedürfnisse müssen bekannt sein.

Auch die Reflexion der Sexualität der Patienten, mit dem Anspruch offen und verständnisvoll und bis zu einem bewusst definierten Grad tolerant zu sein, ist zwingend nötig. Nur so können Grenzüberschreitungen klar erkannt werden und zeitnah angemessene Handlungsschritte folgen. Ein umfassendes Beschäftigen mit dem Themen-komplex der Sexualität muss demzufolge am besten schon von Beginn der Ausbildung an – noch vor dem ersten Kontakt mit Patienten im Krankenzimmer – stattfinden.

Zum Schutz von Grenzen eignen sich eine klare Rollendefinition sowie eine sehr bewusste und überdachte professionelle Haltung. Diese helfen, sich zu orientieren und eine angemessene Distanz zu Patienten aufrecht zu erhalten. Die berufliche Rolle und deren Attribute – zum Beispiel Berufskleidung, förmliche Anrede – geben Sicherheit, Selbstbewusstsein und Schutz.

Die Pflegenden und auch die Gepflegten sind sich darüber hinaus im Grunde einig, dass gleichgeschlechtliches Versorgen der Patienten vorzuziehen ist, wo immer sich diese Möglichkeit ergibt. Nicht nur für die pflegebedürftigen Menschen selbst bringt dies eine Entlastung, sondern auch für die Fachkräfte. Das jeweils eigene Geschlecht ist vertrauter und verursacht weniger Verunsicherung und Scham – selbst homosexuelle Pflegende empfinden dies so (Depauli & Plaute 2014).

Mögliche Ursachen für Übergriffe

Belästigungen haben nicht nur mit Sexualität, sondern oft auch mit der Verteilung von Macht zu tun. Es gibt Patienten, die sich unterlegen oder ausgeliefert fühlen, wenn sie auf Hilfe angewiesen sind. Um einen Machtausgleich zu erreichen, wird ein sexueller Übergriff eingesetzt, um den Gegenüber herabzusetzen. Zur Prävention von Belästigung im Vorfeld eignet sich also der Vorsatz, Patienten nicht zu „entmachten", sondern ihnen so viele Mit- und Selbstbestimmungsrechte wie möglich zu erhalten.

Ein weiterer Auslöser von Übergriffen ist nicht selten der Mangel an Gelegenheiten, die eigene Sexualität zu leben, besonders in der Langzeitpflege. Hier könnte es unangenehmen Begegnungen mit unerwünschter Sexualität effektiv vorbeugen, wenn den Patienten auch im Krankenhaus ausreichend Privatsphäre zum selbstständigen Umgehen mit Lust und Befriedigung zugestanden würde.

Kranke Menschen sind sich unter Umständen ihrer Handlungen nicht zu jedem Zeitpunkt völlig bewusst. Besonders von Patienten mit Demenzerkrankungen wird wiederholt berichtet, dass diese sexuell enthemmtes Verhalten zeigen und Pflegekräfte belästigen. Aber auch bei derlei eingeschränkter Verantwortungsfähigkeit dürfen und sollen eindeutige Grenzen kommuniziert werden.

Wie kann ich mich konkret schützen?

Im Ernstfall eines sexuellen Übergriffes ist es wichtig, sich selbst keine Schuld an dem Vorfall zu geben. Man sollte seine eigenen Gefühle und Wahrnehmungen unbedingt ernst nehmen und unerwünschtes Patientenverhalten deutlich deklarieren.

Ein bis zwei kurze, prägnante Sätze sollten die Situation zunächst stoppen. Ein „Aufhören!" oder „Lassen Sie das!" kann bereits genügen. Anschließend ist es ratsam, den Raum kurz zu verlassen und sich zu sammeln. Danach kann man gestärkt zurückkehren und die Situation auflösen. An dieser Stelle sollte unerwünschtes Verhalten noch einmal konkret benannt und es sollten Anweisungen für zukünftige Begegnungen gegeben werden, zum Beispiel: „Ich möchte nicht, dass Sie meine Brust anfassen! In Zukunft können Sie sich an meinem Arm oder dem Bett abstützen und festhalten."

Ein Ignorieren oder Überspielen der Situation eignet sich nicht, um das Verhalten des Täters zu ändern. Dabei wird nur die eigene Bewegungsfreiheit eingeschränkt, und die Belästiger könnten dies noch fälschlicherweise als weitere Zustimmung werten (Gatterer 2008).

Im Rahmen der Pflegeausbildung empfiehlt sich daher eine sehr praktische Herangehensweise in Bezug auf die Vermeidung und Abwehr von Übergriffen. Wiederholtes Üben – zum Beispiel in Rollenspielen, begleitet von anschließenden gemeinsamen Analysen – hilft dabei, die gelernten Inhalte zu verinnerlichen.

Ein problemlösendes, selbstschützendes Verhalten kann am besten durch intensives Training gefördert werden. Es gelingt in der Folge, auch mit widersprüchlichen Anforderungen – zum Beispiel eigene Emotionen versus Arbeitsvorgaben – umzugehen und schwierige Entscheidungen zu treffen.

Berufsanfänger sollten, wann immer dies umsetzbar ist, nicht alleine, sondern in Zweierteams die intime Pflege durchführen dürfen. Dies sollte besonders dann gewährleistet sein, wenn es bereits zu Grenzüberschreitungen gekommen ist. In diesem Falle sollte man sich auch von einer anderen Pflegekraft begleiten lassen, wenn man ins Krankenzimmer zurückkehrt. Dies hilft, sich stark zu positionieren und für das klärende Gespräch gestärkt zu fühlen. Anschließend ist ein konkretes Ereignis eines Übergriffes genau zu dokumentieren. Der betroffenen Pflegeperson sollte zudem eine Supervision oder ein ähnliches klärendes Gespräch angeboten werden.

Da Pflegende im Laufe der Jahre nachweislich routinierter im Umgang mit intimen Situationen werden, müssen sich die allgemeinen Handlungsstandards am schwächsten Mitglied des Teams orientieren. Ist ein Vorkommnis auch nur für einen Kollegen mutmaßlich problematisch und erfordert Maßnahmen, so setzen auch routinierte Mitarbeiter diese um und handeln entsprechend – selbst wenn sie selbst nicht unter Druck geraten sind.

Rückendeckung vom Team und Vorgesetzten

Unerlässlich für das Vertreten der eigenen Grenzen ist ein starkes Netz an Unterstützung. Die Betroffenen benötigen Rückendeckung sowohl vom Team als auch vom Vorgesetzten. Ein offener Austausch in wertschätzender Atmosphäre über problematische Pflegevorfälle stärkt fachlich als auch im konkreten Folgehandeln. Eine vertrauensvolle Basis bildet die Grundlage hierfür. Fehlt diese, wird geschwiegen und verdrängt. Dabei sollte gerade in schwierigen Situationen vom Team Zusammenhalt und Einheit signalisiert werden. Durch eine klar transportierte und eindeutige Haltung können Belästigungen von vorneherein vermieden oder zumindest ein Ende der Belästigungen erreicht werden.

Es bietet sich daher an, Sexualität in regelmäßigen Teamsitzungen und Gesprächen immer wieder zum Thema zu machen, sich auf Handlungsstandards festzulegen und Vorgehensweisen zum Schutz der Grenzen zu diskutieren.

Ein an allen Krankenbetten obligat aufliegender Informationsfolder mit einer „Hausordnung" für Patienten könnte darüber hinaus bereits präventiv wirken.

Supervision wiederum dient der Reflexion, bereits Geschehenes emotional gut zu verarbeiten und für zukünftige Ereignisse gewappnet zu sein. Gelingt die Problemlösung innerhalb des Teams nicht, kann es sinnvoll sein, externe professionelle Beratung, Intervention oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist unabdingbar, sich auszutauschen und zu besprechen. Nur so können Unsicherheiten abgebaut und Kompetenzen erweitert werden. Wenn man sich vom Team aufgefangen fühlt, kann das die negativen Folgen durch sexuelle Belästigungen und Übergriffe effektiv entgegenwirken.

 

In diesem Artikel wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschließlich die männliche Schreibweise genutzt. Es gelten aber immer beide Geschlechter. Auch Übergriffe durch weibliche Patientinnen und Bewohnerinnen kommen vor.

 

 

Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) (2014): § 3, Abschnitt 3, 4. Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 11018 Berlin, 8. Auflage

Depauli, C.; Plaute, W. (2016): Sexualität und Pflegeberuf. Dissertationsschrift in Vorbereitung zur Publikation. Paris-Lodron Universität Salzburg

Gatterer, G. (2008): Sexualität in der Pflege. Österreichische Pflegezeitschrift, 11 (08): 13–17

Schilling, Th. (2008): Zum Verhältnis von professionsbezogenen Leitbildern in der Pflege, den subjektiven Orientierungen der Pflegenden in der ambulanten Pflege und den individuellen Handlungsstrategien im pflegerischen Berufsalltag. Dissertation, Martin-Luther-Universität Halle – Wittenberg

Stemmer, R. (2001): Grenzkonflikte in der Pflege. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag

Waschgler, K. et al. (2013): Patients‘ aggressive behaviours towards nurses: Development and psychometric properties of the hospital aggressive behaviour scale-users. In: Journal of Advanced Nursing 69 (6): 1418–1428

 

 

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