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  • 01.03.2016
  • Praxis

Klinische Krisenintervention

Gut, dass jemand da ist!

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2016

Notfälle sind für Patienten und Angehörige krisenhafte Ereignisse, in denen sie sich hilflos und ohnmächtig fühlen. Damit sie in diesen Situationen bestmöglich begleitet werden, wurde am Universitätsklinikum Bonn ein Klinisches Kriseninterventionsteam etabliert. In Notsituationen ist es innerhalb von 30 Minuten vor Ort.

 

Carinas Mutter kann sich noch gut erinnern. Ihre 16-jährige Tochter war wie gewohnt zum Joggen gegangen. Doch dann war plötzlich alles anders. Eine Nachbarin hatte Carina nach ihrer Laufrunde bewusstlos vor dem Haus gefunden. Der sofort herbeigerufene Notarzt konnte sie noch stabilisieren, dann ging es so schnell wie möglich mit dem Krankenwagen in die Uniklinik. Die Eltern und die jüngere Schwester folgten. Im Notfallzentrum kämpfte das Team mehrere Stunden um Carinas Leben. Sie verstarb noch am selben Tag an den Folgen einer Hirnblutung auf der Intensivstation. Carinas Eltern und ihre Schwester waren von ihrer Einlieferung bis zu ihrem Tod anwesend. Für alle brach eine Welt zusammen.

Situationen wie diese treffen die Betroffenen unerwartet und absolut unvorbereitet. Das Erleben einer solchen potenziell traumatischen Notfallsituation kann krisenhafte Ausmaße einnehmen und die Betroffenen stark erschüttern. Sie erleben sich oft in einem Zustand höchster Ohnmacht und Hilflosigkeit, die bis zur völligen Handlungsunfähigkeit führen kann (1). Die Betroffenen selbst beschreiben ihre Situation als akuten Verlust ihres seelischen Gleichgewichts (2). Aggression, Verzweiflung, sinnlose Überaktivität oder unkontrollierte Trauer können auftreten, aber auch körperliche Belastungszeichen wie Herzklopfen, Schweißausbrüche oder Tremor. Diese Symptome können Angst machen und das Gefühl des Kontrollverlusts verstärken. Sie klingen in der Regel innerhalb weniger Tage ab und sind zunächst einmal nicht als pathologisch zu betrachten (3).

Um eine gesunde Bewältigung der Situation zu begünstigen, empfehlen Fachgesellschaften (4) sowie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (5), Menschen nach traumatischen Ereignissen gut zu betreuen. Hierbei gelten psychische erste Hilfe und psychosoziale Akuthilfen in den ersten Stunden bis Tagen nach dem Ereignis als wichtige Bestandteile, um einer Traumafolgestörung vorzubeugen.

„Nebenbei"-Betreuung ist für Pflegende belastend

Krankenhäuser und viele Institutionen des Gesundheitswesens sind im Erleben der Patienten und Angehörigen mit Schmerz und Leiderfahrungen verbunden. Wichtig ist deshalb, über die medizinische Versorgung hinaus auch die psychische Not der Betroffenen im Blick zu haben und adäquat zu begleiten.

In der alltäglichen Praxis wird dieser Herausforderung oftmals quasi „nebenbei" Rechnung getragen. Die betroffenen Angehörigen werden in Notfallsituationen meist von den zuständigen Pflegefachpersonen mit betreut. Zum einen sehen Pflegende diese wichtige Arbeit als wertvollen Teil ihrer originären Aufgabe. Oftmals erfolgt diese Zuständigkeit aber auch aus der einfachen Notwendigkeit heraus, dass sich für die psychische Not der Angehörigen sonst niemand verantwortlich sieht und schlichtweg keine andere Person da ist. Diese Situation kann für das pflegerische Personal eine erhebliche Belastung darstellen.

In akuten Notfallsituationen steht die medizinische Versorgung des Patienten im Vordergrund. Dennoch wissen die Pflegenden, dass die Angehörigen ebenfalls der Unterstützung bedürfen. Pflegende erleben sich hier in einem Dilemma der Verantwortlichkeiten zwischen dem Wissen um die Not der Angehörigen und der schlichten Unmöglichkeit, darauf adäquat reagieren zu können. Dies kann als enormer Druck wahrgenommen werden. Eine kontinuierliche Betreuung der Angehörigen ist in diesem Setting kaum zu gewährleisten.

In der Regel kommt es zu kurzen, fragmentierten Kontakten durch verschiedene Personen der Gesundheitsinstitution, bevor erneute Verpflichtungen des Personals dazu führen, dass die Angehörigen wieder alleingelassen werden. In der Summe bleibt es oftmals nicht aus, dass Angehörige als zusätzliche Belastung erlebt werden (6). Vielfach ist es auch dem Zufall überlassen, ob Betroffene auf Mitarbeiter treffen, die sich einer bewussten psychosozialen Unterstützung annehmen und sich diese Aufgabe auch zutrauen.

Klinische Krisenintervention am Uniklinikum Bonn

Universitätskliniken stehen als Maximalversorger für Spitzenversorgung in Forschung, Lehre und Patientenversorgung. Außergewöhnliche Erkrankungen, Notfälle und krisenhafte Ereignisse sind hier besonders häufig. Gerade Pflegende sorgen durch ihre unmittelbare Nähe und Kontinuität zu Patienten und Angehörigen für Sicherheit und persönliche Zuwendung – vor allem in besonders belastenden und existenzbedrohenden Situationen (7). Trotzdem bleiben Fälle, wie der Tod der jungen Carina, für alle Beteiligten nicht nur kommunikativ, sondern auch emotional belastend. Das Universitätsklinikum Bonn hat diese Herausforderungen erkannt und zur Unterstützung der Ärzte und Pflegenden ein klinisches Kriseninterventionsteam etabliert. Dies ergänzt die existierenden Angebote wie die Klinikseelsorge (8).

Das Team entstand im Rahmen einer gemeinsamen Projektidee, ausgehend von Pflegedirektor Alexander Pröbstl, der Klinikseelsorge und den ärztlichen und pflegerischen Vertretern des Interdisziplinären Notfallzentrums am Universitätsklinikum Bonn. Es besteht derzeit aus zehn freiwilligen Beschäftigten, die ihre Tätigkeit in der Klinischen Krisenintervention neben ihrer regulären Arbeit leisten. Die Freiwilligen sind somit weder konfessionelle Seelsorger noch Therapeuten, sondern bieten eine professionelle, niederschwellige, kollegiale Hilfe zur Selbsthilfe an. Gemeinsam mit der Klinikseelsorge kann das Universitätsklinikum Bonn durch dieses Angebot die psychosoziale Begleitung von Patienten, Angehörigen und Begleitpersonen in akuten Krisensituationen nahezu lückenlos gewährleisten.

In dem Kriseninterventionsteam arbeiten Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Dazu gehören Pflegende, Ergotherapeuten, Case Manager, medizinische Fachangestellte, eine Sekretärin und andere Berufsgruppen. Grundsätzlich wird die Arbeit im Kriseninterventionsteam über die reguläre Arbeit hinaus geleistet. Die Mitarbeiter erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung und Rufdienstpauschale. Durchschnittlich haben die Mitarbeiter pro Monat zwei bis vier Rufdienste. Ob während dieser Zeit ein Einsatz erforderlich wird, weiß niemand im Voraus. Die Rufdienste erfolgen überwiegend im Frei der Mitarbeiter. Diese müssen gewährleisten können, dass sie in jedem Fall innerhalb von 15 bis 30 Minuten am Klinikum sein können.

Die Alarmierung des Teams erfolgt über die Beschäftigten des Klinikums, hier hauptsächlich Pflegende und Ärzte. Das Notfallzentrum und die allgemeine Telefonzentrale dienen als koordinierende Kontaktstellen. Hier sind die Rufdienstzeiten und Kontaktdaten des Kriseninterventionsteams hinterlegt. Das Team kann von jedem Beschäftigten des Universitätsklinikums Bonn, der einen entsprechenden Bedarf wahrnimmt, angefordert werden.

Von der Alarmierung bis zum Eintreffen am Einsatzort vergehen in der Regel zirka 15 bis 30 Minuten. Jeder Einsatz beginnt zunächst mit einem kurzen Austausch mit der Person, die für die Alarmierung verantwortlich ist, oder einem Mitarbeiter, der den betroffenen Patienten betreut. Erst danach wird der erste Kontakt zum Betroffenen selbst aufgebaut.

Die Situation gemeinsam aushalten

Das Team begleitet die Betroffenen nach dem Grundsatz, alle Reaktionen zunächst als „normale Reaktionen auf ein außergewöhnliches Ereignis" zu betrachten. Das Ziel ist, die Stressbelastung zu verringern und die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren beziehungsweise wieder zu gewinnen. Als Grundlage hierfür dient das 2002 von Everly und Mitchell entwickelte SAFER-Modell (Abb. 1).

Aufbauend auf der wertvollen Ressource „Zeit" können die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams sich im Unterschied zu den medizinischen und pflegerischen Kollegen ganz auf die Betroffenen konzentrieren, zuhören und mögliche Ressourcen erschließen. Sie helfen bei der Bewältigung der Eindrücke und manchmal auch ganz praktisch bei der Orientierung im fremden Klinikumfeld. Im Vordergrund der Begleitung steht das gemeinsame Aushalten der Situation mit dem Ziel, den akuten krisenhaften Moment gemeinsam so gut wie möglich zu gestalten, den Weg zurück in die Handlungsfähigkeit zu ermöglichen und eine zukünftige gesunde Verarbeitung der Situation bestmöglich zu unterstützen.

Abhängig von der Anzahl der zu betreuenden Personen und der Umstände der Situation kann die Dauer der Einsätze der Klinischen Krisenintervention stark variieren. Oft beginnen die Notfallsituationen schon vor dem Eintreffen im Klinikum und ziehen sich zum Beispiel durch eine laufende Reanimation oder unklare medizinische Verläufe bis zu mehreren Stunden hin, bis eine erste medizinische Einschätzung der Situation vorliegt.

Diese Zeit ist für betroffene Angehörige von höchster Unsicherheit und Hilflosigkeit geprägt sowie von der ganz konkreten Angst um das Überleben eines nahe stehenden Menschen. Das Team begleitet die Betroffenen in diesen Fällen so lange, bis sich die Situation stabilisiert, die Beteiligten durch ihr soziales Netzwerk aufgefangen werden oder die Betroffenen selbst äußern, dass eine weitere Anwesenheit nicht mehr notwendig ist. Oftmals nimmt auch das Ermöglichen des würdevollen Abschiednehmens vom Verstorbenen einen zentralen Teil der Betreuung ein.

Als Grundlage für die Arbeit des Teams haben alle Beteiligten eine fundierte Ausbildung in der Klinischen Krisenintervention abgeschlossen und arbeiten nach gemeinsamen Standards in der Gesprächsführung. Dazu kommen regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen.

Die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Pflegenden der Stationen verläuft – und dies ist unerlässlich für eine gute Betreuungssituation – sehr vertrauensvoll. Sie sind es nicht nur, die den Bedarf einer Krisenintervention erkennen müssen, sondern sie sind der wichtigste Partner im gesamten Verlauf einer gelungenen Betreuung. Wenn das Kriseninterventionsteam eintrifft, geht zwar ein großer Teil der Verantwortung für die Betreuung der Angehörigen in die Hände des Teams über. Dennoch sind regelmäßige und einfühlsame Informationen bezüglich des Gesundheitszustandes durch das medizinische Personal unabdingbar. Es kann für das Behandlungsteam eine große Unterstützung sein, bei dieser Aufgabe nicht alleine zu sein, sich austauschen zu können und die Reaktionen der Betroffenen aufgefangen zu wissen.

Angebot sichert kontinuierliche Unterstützung

Es darf nicht dem Zufall überlassen sein, ob Angehörige in Krisensituationen eine angemessene Unterstützung erfahren. Ein Team der Klinischen Krisenintervention, wie es am Universitätsklinikum Bonn etabliert wurde, bietet ein fundiertes, kontinuierliches Unterstützungsangebot und verhindert damit eine drohende Versorgungslücke.

Vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Fachkräftemangels im Gesundheitswesen und der Gefahr, Pflegende durch Überlastungen zu verlieren (9, 10), ist dies Thema auch aus Sicht des Managements relevant und trägt letztlich zur Mitarbeiterbindung bei.

 

(1) Hausmann, C., Bogyi, G. (2011): Krisenintervention im Krankenhaus. Klinische Psychologie im Krankenhaus. Wien: Springer

(2) Brauchle, M., Brauchle, G. (2014): Krisenintervention auf Intensivstationen. Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin, 109, 604–608, Berlin Heidelberg: Springer

(3) Angenendt, J. (2014): Psychische Folgen von Unfällen und deren Versorgung. Bundesgesundheitsblatt, 57, 666–672, Berlin Heidelberg: Springer

(4) Flatten, G. et al. (2011): S2 – Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung. Trauma Gewalt, 3, 214–221, Stuttgart: Klett-Cotta

(5) Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2012): Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien Teil I und II. In: Praxis im Bevölkerungsschutz, Band 7

(6) Schnell, M.; Seidlein, A.-H. (2014): Ethik in der Intensivpflege – Nach bestem Wissen und Gewissen, Die Schwester Der Pfleger 10/14

(7) Kocks, A.; Feuchtinger, J.; Hebestreit, N. et al.: Netzwerk Pflegeforschung des Verbandes der Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren der Uniklinika In Deutschland VPU e.V. (2014). Pflege an Universitätskliniken. www.vpu-online.de/de/pdf/presse/VPU_--_Pflege_an_Universitaetskliniken.pdf Retrieved from www.vpu-online.de/de/pdf/presse/VPU_--_Pflege_an_Universitaets kliniken.pdf

(8) Kaschull, K., Müller, B., Sticker M. (2015): Gemeinsam durch die Krise. JuKiP 2015, 4, 191–195, Stuttgart: Thieme

(9) Li, J., Galatsch, M., Siegrist, J., Muller, B. H., Hasselhorn, H. M., European Next Study group. (2011): Reward frustration at work and intention to leave the nursing profession – prospective results from the European longitudinal NEXT study. Int J Nurs Stud, 48 (5), 628–635. doi:10.1016/j.ijnurstu.2010.09.011

(10) Zander, B., Busse, R. (2014): Wann stößt die Pflege an ihre Grenzen? RN4Cast. CNE PFLEGEMANAGEMENT, 4, 18–19

(11) Lasogga, F., Gasch, B. (2011): Notfallpsychologie, Heidelberg: Springer

(12) Hausmann, C. (2005): Handbuch Notfallpsychologie und Traumabewältigung, Wien: Facultas

Die Autorengruppe: Karoline Kaschull; Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler (BScN, MScN) im Stab der Pflegedirektion am Universitätsklinikum Bonn; Petra Seinsch, Lehrerin für Pflegeberufe, Counselor grad. (DGfB, BVPPT), Koordinatorin des Klinischen Kriseninterventionsteams; Alexander Pröbstl, Vorstand für Pflege und Patientenservice am Universitätsklinikum Bonn

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