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  • 21.08.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Assessment

Schmerzerfassung im Akutkrankenhaus

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2019

Seite 40

Im Fall einer akuten Erkrankung können chronische Schmerzen instabil werden. Die Autoren zeigen beispielhaft auf, wie die Einschätzung chronischer Schmerzen in einer Akutklinik – ausgehend von theoretischen Überlegungen und der Entwicklung praktischer Strategien – gelingen kann.

Die Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach gehören mit 17 Fachabteilungen und 766 Betten zu den größten Kliniken der Region. Der Anteil der Schmerzpatienten ist aufgrund spezieller Fachabteilungen, zum Beispiel dem Tumorzentrum, hoch. Aus diesem Grund hat das Krankenhaus 2011 den Expertenstandard zum akuten Schmerz und 2015 den Expertenstandard zum „Schmerzmanagement bei chronischen Schmerzen“ eingeführt.

Interdisziplinäres Team definiert Schmerz

Die Umsetzung des Expertenstandards ,,Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen“ (DNQP 2015) erfolgte interdisziplinär. In den Prozess einbezogen waren die Pflegeexpertin (Pain Nurse), die Mitarbeiter des Pflegemanagements, Stationsleitungen und Mitglieder des ärztlichen Teams. In der ersten Phase setzte sich das interdisziplinäre Team inhaltlich mit der Bedeutung des chronischen Schmerzes auseinander und definierte Unterschiede zum akuten Schmerz (unter Berücksichtigung des Expertenstandards):

Akuter Schmerz ist ein Warnsignal und ein Symptom. Er zeigt an, dass der Körper geschädigt oder verletzt wurde. Darum ist er in der Regel auf den Ort der Schädigung begrenzt. Bei einem gebrochenen Bein schmerzt ausschließlich das Bein. Die Intensität des Schmerzes hängt meist vom Ausmaß der Verletzung ab. Ein Bruch schmerzt stärker als eine leichte Prellung. Entscheidend ist: Akuter Schmerz, der Warner und Schützer, verschwindet wieder, sobald die Ursache geheilt ist.

Chronischer Schmerz kann ebenfalls die Folge einer Gewebeschädigung sein, etwa bei chronischen Erkrankungen oder Entzündungen (zum Beispiel Rheuma oder Krebs). Von chronischem Schmerz sprechen Fachleute dann, wenn der Schmerz seit mindestens drei bis sechs Monaten besteht und den betroffenen Patienten physisch (unter anderem durch Mobilitätsverlust und Funktionseinschränkung), psychisch-kognitiv (durch beispielsweise Befindlichkeiten, Stimmungen und Denken) oder sozial beeinträchtigt.

Anschließend diskutierte das interdisziplinären Team, wann chronische Schmerzen beginnen. Bei den meisten Schmerzarten tritt eine Chronifizierung nach drei Monaten ein. Allerdings gibt es Schmerzarten, die erst nach sechs Monaten als chronisch gewertet werden: zum Beispiel die Fibromyalgie oder Unterbauchschmerzen bei Frauen. Das Team erarbeitete eine klinikinterne Einigung, dass Schmerzen als chronisch gelten, wenn sie seit mindestens drei Monate bestehen, wobei dieser Zeitraum im Einzelfall anzupassen ist.

Assessment des chronischen Schmerzes

Nach der inhaltlichen und zeitlichen Definition folgte in einer nächsten Phase die Schmerzeinschätzung. Der nationale Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen“ (DNQP 2015) empfiehlt unterschiedliche Assessmentinstrumente. Diese hat das interdisziplinäre Team auf die praktische Umsetzbarkeit im Stationsalltag hin diskutiert. Es zeigte sich, dass die im Expertenstandard empfohlenen Instrumente sehr umfangreich sind und deren Praktikabilität kritisch zu hinterfragen ist. So diskutierte das Team unter anderem, dass Patienten in instabilen Schmerzsituationen und in akuten Erkrankungsphasen nicht in der Lage sind, umfangreiche Instrumente auszufüllen. Daher entwickelte das Team ein passendes Assessment, das die Empfehlungen des Expertenstandards aufnimmt und die Mitarbeiter der Fachabteilungen anspricht. Ziel war es, einen aussagekräftigen Überblick zur Schmerzsituation des Patienten zu erhalten, ein Assessmentinstrument, das auch unter knappen Zeitressourcen einzusetzen ist.

Aus zentralen Aspekten für die Erfassung des chro­nischen Schmerzes, die den Pflegenden zugleich Handlungsansätze aufzeigen, kristallisierten sich folgende Fragestellungen heraus:

1.  Seit wann besteht der Schmerz? Welche Medikamente wurden bereits (vor dem Krankenhausaufenthalt) eingenommen?

2.  Wo (Kennzeichnung im Körperschema) befinden sich die schmerzenden Stellen?

3.  Wie fühlt sich der Schmerz an?

4.  Welche Bedeutung hat der Schmerz, welche Rolle nimmt er ein?

5.  Wie stark ist der Schmerz in Ruhe und Bewegung laut Numerischer Rating Skala sowie Visueller Analog Skala, und wo liegt der für den Patienten akzeptable Wert?

6.  Erfassung der Schmerzform:

  • Ist der Schmerz dauerhaft gleich?
  • Existieren schmerzfreie Intervalle?
  • Gibt es Schmerzspitzen im dauerhaften Schmerz?
  • Liegen im dauerhafter Schmerz Schwankungen vor?
  • Darüber hinaus soll der Patient angeben, ob er sich in einer stabilen (für ihn erträglichen) oder in einer instabilen (für ihn nicht erträglichen) Schmerzsituation befindet.

7.  Beeinflussen die Schmerzen den Alltag? Erfasst werden die den Schmerz begleitenden Symptome und die daraus resultierenden Auswirkungen.

8.  Welche Faktoren verstärken den Schmerz?

9.  Welche Faktoren verringern den Schmerz?

Die Pflegenden geben das Assessmentinstrument auf Station aus. Dazu erhalten sie regelmäßige Schulungen von einer Pflegeexpertin. Das Assessment selbst füllt der Patient eigenständig oder mit Unterstützung der Pflegekraft aus. Die gesammelten Informationen stehen allen Mitgliedern des Stationsteams zur Verfügung. Daraus lassen sich pflegerische Maßnahmen ableiten und umsetzen.

Pflegeexpertin entwickelt Therapiestrategie

Bleibt der Zustand trotz aller Bemühungen der Pflegekräfte auf der Station weiterhin unverändert oder kommt es gar zu einer Verschlechterung der Situation, wird die Pflegeexpertin (Pain Nurse) hinzugezogen. Mithilfe evidenzbasierten Wissens und den erweiterten zeitlichen Ressourcen kann sie umfassende Therapieansätze anbieten. Zu den zentralen Aufgaben der Pflegeexpertin gehören:

  • die Beratung und Anleitung der Patienten und Angehörigen
  • die Umsetzung spezifischer Maßnahmen zur Schmerzlinderung (zum Beispiel Wärme, Kälte, spezifische Lagerungstechniken)
  • die Anleitung zum Umgang mit Schmerz (zum Beispiel Anwendung von Ablenkungstechniken oder gezielte Bewegungsübungen)

Die Zusammenarbeit mit dem interdisziplinären Team sichert eine umfassende Versorgung des Patienten, um zum Beispiel Wechselwirkungen von Medikamenten frühzeitig zu erkennen.

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2015): Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen. Hochschule Osnabrück

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2011): Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen. Hochschule Osnabrück

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