• 29.06.2026
  • Bildung
Ausbildung

Ambulante Pflege: Warum Azubis gehen

Trotz positiver Erfahrungen entscheiden sich viele Auszubildende gegen die ambulante Pflege. Eine Studie zeigt Ursachen und Reformbedarf.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2026

Seite 28

Eine aktuelle Studie zeigt: Auszubildende sammeln überwiegend positive Erfahrungen – entscheiden sich aber dennoch selten für die ambulante Pflege.
 

Wer in der ambulanten Pflege arbeitet, weiß, dass kein Einsatz dem anderen gleicht. Der Lern- und Arbeitsort Häuslichkeit stellt besondere Anforderungen und unterscheidet sich grundlegend von der stationären Versorgung. Aktuelle Projektergebnisse des im Auftrag des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) durchgeführten Forschungsvorhabens „Lern- und Arbeitsort Häuslichkeit in der Pflege“ [1, 2] zeigen, dass Auszubildende mehrheitlich positive Praxiserfahrungen machen, sich jedoch nur wenige für einen langfristigen Verbleib in der ambulanten Pflege entscheiden. Strukturelle Defizite, ein spezi­fisches Kompetenzprofil und ein oft unterschätzter „Praxisschock“ beim Berufseinstieg sind zentrale Problemlagen. Doch was macht dieses Setting so besonders und was muss sich für Pflegefachpersonen konkret verbessern?

Alleinarbeit, Eigenverantwortung und Ressourcenknappheit

Was die ambulante Pflege von anderen Versorgungsbereichen unterscheidet, ist ihre grundlegende Organisationslogik. Pflegefachpersonen agieren dezentral, weitgehend auf sich allein gestellt und im privaten Lebensraum ihrer Klient:innen. Ihr Tätigkeitsspektrum reicht von der Durchführung medizinisch-pflegerischer Maßnahmen über Beratung und Koordination bis hin zur psychosozialen Begleitung. Die besondere Herausforderung liegt dabei in der Kombination aus hoher Eigenverantwortung, wechselnden Einsatzorten und dem weitgehenden Fehlen unmittelbarer kollegialer Unterstützung [3].

Eine der grundlegenden Besonderheiten der ambulanten Pflege ist die Tatsache, dass Pflegefachpersonen in einem privaten Lebensraum tätig sind. Sie sind Gast in der Häuslichkeit und nicht „Gastgeber“. Daraus kann ein Rollenkonflikt entstehen. Die Unterschiede zwischen den Zielen der pflegebedürftigen Menschen, den möglicherweise anders definierten Zielen der An- und Zugehörigen und den Zielen, die sich aus der pflegerischen Expertise ergeben, prägen den Alltag [4]. Hinzu kommt die Notwendigkeit, die Klient:innen in ihrer eigenen Lebenswelt wahrzunehmen und zu respektieren, auch wenn das bedeutet, Entscheidungen zu akzeptieren, die man selbst anders treffen würde. Dies schließt auch den Umgang mit Spannungen zwischen Fürsorge und Autonomie ein [4]. Auszubildende berichten in diesem Zusammenhang von herausfordernden Situationen wie der Versorgung schwerer und/oder verwahrloster Klient:innen, herausfordernden Wohnungszuständen und Hygienebedingungen sowie der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und suizidalen Äußerungen [2].

Das selbstständige Durchführen von Touren, das Alleinsein vor Ort und die Rolle als einzige Ansprechperson werden von Auszubildenden als besonders herausfordernd erlebt [2]. Für erfahrene Pflegefachpersonen ist es beruflicher Alltag, aber auch für sie bleibt es eine Belastung. Sie treffen täglich eigenverantwortlich Entscheidungen, ohne ein Team direkt vor Ort zu haben, ohne schnell eine Ärztin oder einen Arzt oder weitere an der Versorgung beteiligte Akteure erreichen zu können.

Verstärkt wird diese Situation durch strukturelle Ressourcenknappheit. Der Umgang mit fehlenden Ressourcen – etwa bei der Wundversorgung oder mit Hilfsmitteln – sowie der Umgang mit Zeitdruck gehören zu den am häufigsten genannten herausfordernden Erfahrungen im Praxiseinsatz der hochschulischen sowie beruflichen Ausbildung [2].

Auch die physischen Rahmenbedingungen stellen eine Herausforderung dar, zum Beispiel rückenschonendes Arbeiten trotz wechselhafter Arbeitsbedingungen in der Häuslichkeit [4]. Hinzu kommt die Notwendigkeit, eigenständig zwischen den Einsatzorten mobil zu sein, insbesondere im ländlichen Raum [4].

Die Komplexität des Settings spiegelt sich in einem Kompetenzprofil wider, das sich von dem anderer Versorgungsbereiche unterscheidet. Flexibilität, Improvisation, Kommunika-tion, Selbstorganisation und Zeitmanagement werden aufgrund der einzigartigen Herausforderungen und der Dynamik der Arbeit in der häuslichen Pflege als wesentlich angesehen [2]. Die überwiegende Eins-zu-eins-Pflege unter Berücksichtigung der Zusammenarbeit mit An- und Zugehörigen wird ebenfalls als charakteristisches Merkmal des häuslichen Pflegeumfelds identifiziert. Von den Pflegefachpersonen erfordert das eine hohe Fachlichkeit, starke zwischenmenschliche Kompetenzen und die vertiefte Fähigkeit zur eigenorganisierten Pflege, auch unter Einbeziehung des formellen und informellen Netzwerks [2].

Auszubildende schätzen vor allem Flexi-bilität, Improvisation, Kommunikation und Selbstorganisation als besonders gut erlernbar ein. Praxisanleitende und Lehrende betonen darüber hinaus den Umgang mit eingeschränkten Ressourcen sowie Selbstmanagementkompetenzen als besonders relevant für dieses Setting.

Wenn die Realität die Erwartungen überholt

Ein zentrales Problem ist die noch teilweise unzureichende Vorbereitung auf die Besonderheiten des Settings. Auszubildende erleben häufig einen „Praxisschock“ aufgrund der Unterschiede zur stationären Versorgung [4]. Dies ist einer der Hauptgründe, warum viele Pflegefachpersonen den Beruf bereits im ersten Berufsjahr wieder verlassen [5]. Eine vertiefte Vorbereitung und Sensibilisierung zu den Besonderheiten der wechselnden Settings in der Pflegeausbildung könnten sich vorteilhaft auf den Effekt des Praxisschocks auswirken.

Hinzu kommen strukturelle Hürden. Es fehlt an Praxisanleitenden, die Planung und Koordinierung der Einsätze ist aufwendig, und praktische Prüfungsformate sind zum Teil nicht auf die Anforderungen des ambulanten Settings zugeschnitten [2]. Auch landesrechtliche Unterschiede beispielsweise hinsichtlich der Frage, ob und in welchem Umfang Auszubildenden gestattet ist, eigenständig Einsätze zu übernehmen, können die Ausbildungssituation erschweren [4].

Trotz mehrheitlich positiver Praxiserfahrungen sehen viele Auszubildende keine langfristige berufliche Perspektive in der ambulanten Pflege. Ursächlich hierfür sind vor allem strukturelle Faktoren wie hohe Arbeitsbelastung, mangelnde Wertschätzung und unzureichende Vergütung. Problemlagen, die sich bereits während der Ausbildung abzeichnen und im späteren Berufsalltag verfestigen [2]. Zeitdruck und Bürokratie überlagern dabei protektive Teameffekte systematisch [5]. Die zentralen Austritts- und Belastungsgründe im Überblick zeigt Abbildung 1. Darüber hinaus ist das Medienbild der Arbeit in der ambulanten Pflege teilweise durch Themen wie Stress und Zeitdruck negativ geprägt. Dadurch halten sich Imageprobleme am Lern- und Arbeitsort Häuslichkeit hartnäckig [2].

Was sich ändern muss

Trotz der beschriebenen Problemlagen bewerten Pflegefachpersonen in der ambulanten Versorgung ihren Arbeitsort als attraktiv. Die drei häufigsten Gründe für die Wahl dieses Tätigkeitsorts sind: die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexiblere Einsatzzeiten sowie die gute Teamatmosphäre. Für den langfristigen Verbleib sind vor allem die gute Teamatmosphäre, die wertschätzende Unternehmenskultur sowie Transparenz und viel-fältige Weiterentwicklungsmöglichkeiten ausschlaggebend [2].

Bemerkenswert ist dabei, dass ausgerechnet die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Arbeitszeiten, zwei der meistgenannten Attraktivitätsgründe berufstätiger Pflegefachpersonen, von Auszubildenden gleichzeitig als zentrale Abwanderungsgründe genannt werden. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man zwischen Erwartung und Erleben unterscheidet. Was das Setting strukturell verspricht, wird im tatsächlichen Praxiseinsatz häufig (noch) nicht ein­gelöst.

Positive Erwartungen werden durch die erlebten Ausbildungsbedingungen systematisch enttäuscht. Hinzu kommt eine natürliche Verzerrung, denn Berufstätige in der ambulanten Pflege haben sich aktiv für dieses Setting entschieden, weil Arbeitszeiten und Vereinbarkeit zu ihrer Lebenssituation passen. Wer das anders erlebt hat, ist längst nicht mehr in diesem Bereich tätig. Auszubildende hingegen haben diese Entscheidung noch nicht getroffen und bewerten entsprechend anders.

Wer sich für die ambulante Pflege entscheidet, bringt besondere Stärken mit. Darunter gelten Organisationskompetenzen, soziale Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten als besonders förderliche Eigenschaften für die Tätigkeit in der ambulanten Langzeitversorgung [2]. Aus diesen Befunden lassen sich klare Handlungsbedarfe ableiten: Lehr- und Lernmaterialien bilden eine zentrale Grund-lage für die Vorbereitung Auszubildender auf den Praxiseinsatz in der Häuslichkeit. Eine systematische Recherche zeigt jedoch, dass die Besonderheiten der ambulanten Pflege bislang unzureichend thematisiert werden und die bestehenden Materialien die verschiedenen Nutzergruppen nicht umfassend erreichen [4]. Der überwiegende Anteil der Befragten bestätigt einen Bedarf für die Entwicklung weiterer Lernmaterialien, um Auszubildende optimal auf den ersten Praxiseinsatz vorzubereiten [2]. Das praktische Setting der häuslichen Pflege bietet spezifische Lernanlässe, die in den gegenwärtigen Lehr- und Lernsituationen noch nicht umfassend genug dargestellt oder nur schwer identifiziert werden oder erst gar nicht frei zugänglich sind.

Eine stärkere Vernetzung zwischen Ausbildungseinrichtungen und Praxispartnern ist erforderlich, um den Theorie-Praxis-Transfer zu verbessern. Empfohlen werden Austauschformate, Ausbildungsverbünde sowie gemeinsame Fallbesprechungen insbesondere mit Bezug auf das ambulante Setting [2, 4]. Zudem wurde ein hoher Fort- und Weiterbildungs-bedarf für alle an der Ausbildung beteiligten Institutionen identifiziert. Die ambulante Pflege stellt besondere Anforderungen beispielsweise an die Anleitungssituationen, da die Praxisanleitenden Lernende oft in Einzelbetreuung begleiten [2]. Thematische Schwerpunkte liegen auf den Besonderheiten der Häuslichkeit, Methoden der Wissensvermittlung sowie dem Einsatz digitaler Arbeitsmittel und KI-Anwendungen [2].

Die Erhöhung der Attraktivität des Lern- und Arbeitsorts Häuslichkeit erfordert daher ein Bündel aus strukturellen Verbesserungen, Bildungsinvestitionen und gezielter Öffentlichkeitsarbeit. Die im Rahmen des Projektes entwickelten Lehr- und Lernmaterialien, die voraussichtlich ab August 2026 frei zugänglich bereitgestellt werden, sind ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

[1] Hahnel E, Engelmann F, Mast F. Projekt Lern- und Arbeitsort Häuslichkeit in der Pflege; 2024. www.bibb.de/dokumente/pdf/IGES_Projektvorstellung_Lern_und_Arbeitsort_amb_Pflege_final.pdf (Zugriff: 01.06.2026)

[2] Hahnel E, Engelmann F, Oehse I et al. Attraktivität, Anforderungen und Bedarfe des Lern- und Arbeitsorts Häuslichkeit; 2025. res.bibb.de/vet-repository_783386

[3] Hahnel E, Pörschmann-Schreiber U, Braeseke G et al. Verbesserte Koordinierung in der ambulanten Pflege; 2021. www.iges.com/kunden/gesundheit/forschungsergebnisse/2022/effiziente-ambulante-pflege/index_ger.html (Zugriff: 01.06.2026)

[4] Engelmann F, Hahnel E, Fahrenwald M. Lehr- und Lernmöglichkeiten in der ambulanten Pflege; 2024. datapool-bibb.bibb.de/pdfs/Engelmann_et-al_Lehr-und_Lernmoeglichkeiten_ambulante_Pflege.pdf

[5] Hahnel E, Oehse I, Engelmann F et al. Competencies and tasks of nursing staff in home and outpatient primary care: a scoping review. HBScience 2026; 17 (1): 25–43

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