• 24.07.2026
  • Praxis
Pflegepraxis

Pflegende erkennen Hörprobleme oft zu spät

Hörgeschädigte Patienten bleiben im Pflegealltag oft unterversorgt. Mechthild Decker-Maruska fordert mehr Wissen, Schulungen und einen eigenen Expertenstandard.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2026

Seite 8

In den 1980er-Jahren baute sie in einer Rehaklinik eine Abteilung speziell für hörbehinderte Menschen mit auf. Seitdem setzt sich Mechthild Decker-Maruska insbesondere für schwerhörige, ertaubte und gehörlose Patienten ein, die, wie sie im Interview sagt, im klinischen Pflegealltag immer noch zu wenig Beachtung finden.
 

Frau Decker-Maruska, Sie haben bereits 2008 als Autorin in unserer Zeitschrift auf die Problematik für hörgeschädigte Menschen als Patienten in Krankenhäusern aufmerksam gemacht. Wie hat sich das Bewusstsein in der Pflegepraxis für die Schwierigkeiten dieser Patienten geändert?

Ich würde gerne sagen können: Es hat sich alles zum Besseren gewendet und das Thema Menschen mit Hörschädigungen ist im Pflegealltag inkludiert. Leider ist dies nicht so. Es gibt zwar das eine oder andere Projekt, aber flächendeckend bleibt es schwierig. In der Langzeitpflege ist das Thema mehr ins Bewusstsein gerückt, im Akutkrankenhaus leider nicht. Es ist dort wie ein Sechser im Lotto, wenn man auf eine Pflegefachperson trifft, die sich mit den Problemen von Menschen mit Hörschädigung auskennt. Die weiß, wie man kommuniziert, die weiß, wie man ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat behandelt, die eine Batterie wechseln kann und so weiter.

Was verhindert es, dass die Pflege von Menschen mit Hörschädigung nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient?

Sicher trägt der viel zitierte Pflegenotstand dazu bei, dass das Thema kaum Beachtung findet. Zudem beschreiben Pflegefachpersonen selbst nach der Reform der Pflegeausbildung diese in Bezug auf die Pflege hörgeschädigter Menschen als zu wenig differenziert, es sei denn, die unterrichtende Pflegepädagogin oder der Pflegepädagoge ist selbst betroffen. So geraten auch heute noch Berufskolleginnen und -kollegen vor allem in der Kommunikation mit betroffenen Patientinnen und Patienten sowie bei der Handhabung von Hörsystemen immer wieder an die Grenzen ihrer fachlichen Kompetenz. Ein weiterer Grund ist, dass hörschädigungsbedingte Kommunikationsprobleme im Pflegealltag nur selten als pflegerelevant wahrgenommen werden.

Gibt es spezielle Schulungen für Pflegefachpersonen?

Ja, im Gegensatz zu 2008 hat sich hier einiges getan. Fortbildungen zum Thema bieten unter anderem der Deutsche Schwerhörigenbund, der Deutsche Gehörlosenbund, das Kom­petenzzentrum Hörschädigung im Alter sowie das Blindeninstitut Würzburg im Rahmen des Präventionsprogramms „Hören und Kommunikation in Pflegeeinrichtungen“ an.

Vor Kurzem ist Ihr Buch „Hörschädigung im Pflegealltag“ erschienen. Was war die Intention, sich noch einmal so umfangreich dem Thema zu widmen?

Das Fachbuch ist ein Ergebnis meines langjährigen Engagements, die erforderlichen Kenntnisse in Bezug auf eine bedarfsgerechte und bedürfnisorientierte Pflege zu vermitteln. Es beruht auf der Idee, meine Expertise und gesammelten Erfahrungen einem breiteren Fachpublikum zugänglich zu machen.

Worauf gründet Ihre Erfahrung? Sind Sie selbst betroffen?

Die Frage, ob ich selbst hörgeschädigt bin, wird mir oft gestellt (lacht) – aber nein, ich bin nicht selbst betroffen, habe aber jede Menge hörbeeinträchtigter Bekannte und Freunde. Nach meiner Ausbildung, die ich 1978 als Krankenschwester abgeschlossen habe, wechselte ich 1987 in eine Rehaklinik nach Bad Berleburg. In der Klinik wurde damals eine neue Abteilung speziell für hörbehinderte Menschen mit psychischen Störungen gegründet. Diese habe ich mit aufgebaut und war in der praktischen Umsetzung für den Bereich Pflege verantwortlich. Als ich 1992 in den klinischen Pflegealltag zurückkehrte, war ich um unzählige Erfahrungen und ein umfangreiches Wissen in Sachen bedürfnisorientierte Pflege schwerhöriger, ertaubter und gehörloser Menschen reicher. Hier stellte ich fest, dass das, was mir in Bad Berleburg an negativen Krankenhauserfahrungen berichtet wurde, der Realität entsprach. Also fing ich an, mein Wissen und meine Erfahrungen in Schulungen, Vorträgen usw. an Berufskollegen weiterzugeben.

Sie kommen aus der Pflege und setzen sich seit mehr als 30 Jahren für die bedarfsgerechte und bedürfnisorientierte Pflege hörgeschädigter Menschen ein. Was ist nach Ihrer Erfahrung noch immer die größte Hürde für hörgeschädigte Patienten?

Das größte Problem hörbehinderter Menschen ist nach wie vor die Kommunikation und die größte Hürde ist die Unwissenheit der beruflich Pflegenden. So ist beispielsweise zu wenig über Kompensationsstrategien bekannt.

Was können denn solche Kompensationsstrategien sein, an die Sie denken?

Hier denke ich beispielsweise ans Aufschreiben. Jedoch gibt es dabei einiges zu beachten, wie etwa gut leserlich zu schreiben, ganze Sätze zu formulieren und dem Gegenüber genügend Zeit zum Lesen einzuräumen. Bestenfalls nutzt man ein Tablet. Eine weitere Möglichkeit, ist die Umwandlung von Lautsprache in Schriftsprache mittels einer Transkriptions-App. Verschriftlichen von Informationen ist gut geeignet bei Verständigungsproblemen mit schwerhörigen oder ertaubten Patientinnen und Patienten, die mittels Lautsprache kommunizieren. Allerdings ist dies nur bedingt geeignet für gehörlose und ertaubte Menschen, die in Deutscher Gebärdensprache kommunizieren. Diese haben nicht selten Schwierigkeiten, insbesondere längere Texte inhaltlich richtig zu verstehen, da sich die Grammatik der Gebärdensprache grundlegend von der, der Laut- und Schriftsprache unterscheidet.

Häufig unterliegen die Mitmenschen der Annahme, dass der Hörgeschädigte gut im „Lippen lesen“ ist. Warum trifft das insbesondere in einer Krankenhaus­situation nicht zu?

Diese Annahme ist insoweit richtig, dass hörgeschädigte Menschen deutlich besser von den „Lippen lesen“ können als Hörende. Allerdings wird diese Fähigkeit zumeist überschätzt, denn Worte lassen sich nicht von „den Lippen ablesen“ wie aus einem Buch. Sehr vereinfacht gesagt versuchen beim „Mund­absehen“ – so der Fachbegriff – betroffene Menschen anhand der Mundbewegungen des Gesprächspartners typische Mundbilder bestimmter Sprachlaute und Worte zu erkennen, um sich Gesagtes auf visuellem Weg zu erschließen. Selbst bei idealen Bedingungen, dazu zählen gute Beleuchtung, deutliche Aussprache sowie eine direkte Sicht auf den unverdeckten Mund des Gesprächspartners, kann nur etwa ein Drittel des Gesagten erkannt werden. Ohne Frage ist das Absehen vom Mund im Krankenhaus zum Teil gar nicht möglich, etwa wenn die Pflegefachperson einen undurchsichtigen Mund-Nasen-Schutz trägt oder beim Hinausgehen aus dem Zimmer eine Information undeutlich vor sich her murmelt. Damit auch die Verständigung mit schwerhörigen, ertaubten und gehörlosen Patientinnen und Patienten bestmöglich funktioniert, sollten Pflegefachpersonen immer die im Infokasten aufgezeigten Verhaltensregeln einhalten. Das gilt auch bei hörbeeinträchtigten Menschen, die ein Hörsystem tragen.

Sie gehen im ersten Teil Ihres Buchs nicht nur auf die Anatomie der am Hören beteiligten Organe ein, sondern widmen sich auch den Themen Lautstärke und Frequenzen. Und Sie führen die unterschiedlichen Arten von Hörschädigungen an und deren Ausprägungen. Warum ist es so relevant, dass ich im Umgang mit einem Patienten dieses Hintergrundwissen habe?

Dieses Wissen ist grundlegende Voraussetzung für eine bedürfnisorientierte Pflege hörgeschädigter Patientinnen und Patienten, da sich die Bedürfnisse schwerhöriger, ertaubter und gehörloser Menschen beispielsweise in Bezug auf die Kommunikation erheblich unterscheiden. So ist das Hörvermögen schwerhöriger Menschen zwar beeinträchtigt, aber sie können noch mittels gesprochener Sprache kommunizieren. Allerdings wird das Gesagte oft nicht nur leiser, sondern auch bruchstückhaft und verzerrt gehört. Dadurch missver­stehen sie, was beispielsweise eine Pflegefachperson gerade von ihnen möchte, reagieren oder antworten unpassend oder gar nicht. Deutsche Gebärdensprache hilft wenig, da die meisten schwerhörigen Menschen diese nicht beherrschen. Gehörlose Menschen haben ihr Hörvermögen vollständig verloren und kommunizieren in ihrer Muttersprache, der Gebärdensprache. Bei ertaubten Menschen, die ebenfalls ihr Hörvermögen komplett verloren haben, muss man unterscheiden zwischen gebärdensprachlich orientierten und lautsprachlich orientierten Menschen.

Auch dem Thema Tinnitus widmen Sie ein ganzes Kapitel. Wo liegen dabei die größten Herausforderungen?

Tinnitus findet im Pflegealltag noch weit weniger Beachtung als Hörschädigungen. Hier eine Veränderung herbeizuführen bedeutet, Pflegefachpersonen zumindest ein Basiswissen in Bezug auf die unterschiedlichen Formen sowie Schweregrade von Tinnitus und deren teils gravierenden, sich auch im Pflegealltag widerspiegeln könnenden Auswirkungen an die Hand zu geben.

Hörschädigung im Pflegealltag

Pflegepraxis bei Schwerhörigkeit, Ertaubung und Co. Von Mechthild Decker-Maruska. Springer 2025, 177 Seiten, 39,99 Euro (Softcover)/29,99 Euro (E-Book)

Explizit gehen Sie auf die Ototoxizität, also die das Gehör schädigende Wirkung von bestimmten Arzneimitteln ein. Da fällt das schon fast gängige Aspirin ins Auge ...

Das Kapitel war mir wichtig, denn als Pflegefachpersonen gehört es zu unseren Aufgaben, Wirkung und Nebenwirkungen von ärztlich verordneten Medikamenten zu beobachten. Und das auch in Bezug auf Anzeichen einer ototoxischen Nebenwirkung, die sich in Hörminderung oder Tinnitus äußern können. Was Aspirin betrifft – hier muss man sagen, dass die tägliche Einnahme von 100 mg Acetylsalicylsäure, wie etwa nach Stentimplantationen üblich, keine ototoxische Auswirkung hat. Erst bei Tagesdosen von zwei bis drei Gramm kann Tinnitus oder eine Beeinträchtigung des Hörvermögens auftreten, die nach Absetzen der Medikation vorübergeht. Im Gegensatz dazu, und wissenschaftlich belegt, ist eine irreversible, beidseitig auftretende Hörschädigung durch das Chemotherapeutikum Cisplatin.

Ein weiteres Problem für beide Seiten ist die Tatsache, dass Hörprobleme selten dokumentiert werden.

Richtig – ein Patient formulierte es einmal so: „Da sagt man der einen Schwester, dass man schwerhörig ist und Hörgeräte hat, und die nächste weiß dann schon wieder nichts davon.“ Wenn überhaupt, werden die Art der Hörschädigung sowie die Art eines vorhandenen Hörsystems und dessen seitliche Zuordnung irgendwie notiert. Etablierte Abkürzungen schaffen hier Abhilfe, sind jedoch selten bekannt. Hierfür sollte es einen festgelegten Platz in der Patientenakte geben.

Soll ich als Pflegeperson nachfragen, wenn ich den Verdacht habe, dass eine Schwerhörigkeit vorliegt? Was kann darauf hindeuten, dass mein Gegenüber schlecht hört?

Schwerhörigkeit zeigt sich unter anderem im Verhalten von Patientinnen und Patienten. Typisch ist beispielsweise, dass schwerhörige Menschen eine Hand hinter die Ohrmuschel legen, um sie aufzurichten. Oder sie wenden dem Gesprächspartner ein Ohr zu, indem sie den Kopf seitlich drehen. Auffällig ist häufiges Miss- oder Nichtverstehen von Gesagtem und häufiges Nachfragen. Auch eine verringerte Aufmerksamkeit, leichte Ablenkbarkeit durch Nebengeräusche sowie der konstante Blick in das Gesicht des Gegenübers können auf Schwerhörigkeit hindeuten. Neben Beobachten kann sich auch aktives Zuhören bezahlt machen.

Wie spreche ich einen Verdacht am besten an?

Was das Nachfragen betrifft, bitte nicht mit der Tür ins Haus fallen. Sätze wie „Sind Sie schwerhörig?“ oder „Haben Sie ein Hörproblem?“ sind beim ersten Aufeinandertreffen kontraproduktiv, da sich insbesondere schwerhörige ältere Menschen oftmals schämen, ihr Hörproblem zuzugeben. Auch ein getragenes Hörgerät, der sicherste Hinweis auf eine Schwerhörigkeit, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Erfahrungsgemäß ist es zielführender, Fragen nach dem Hörvermögen am Ende eines Gesprächs, als Ich-Botschaft und empathisch formuliert zu stellen. Wichtig ist mir noch, auf die erfahrungsgemäß nicht selten vorkommende Verwechslung von Schwerhörigkeit mit einer Demenz hinzuweisen, da das Verhalten schwerhöriger Menschen dem von Menschen mit Demenz nahezu gleicht und beruflich Pflegende dieses eher einer demenziellen Erkrankung als einer Schwerhörigkeit zuordnen.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was wäre das?

Noch lange fit genug zu bleiben, um mein Engagement in Sachen bedarfsgerechte und bedürfnisorientierte Pflege hörgeschädigter Menschen fortzuführen. Und ich wünsche mir einen Expertenstandard zur Pflege von Menschen mit Hörbeeinträchtigung nebst dessen flächendeckender Umsetzung in der Pflegepraxis.

Die wichtigsten Verhaltensregeln im Umgang mit hörgeschädigten Patientinnen und Patienten

  • Vor einem Gespräch Blickkontakt herstellen und den Blickkontakt während des Gesprächs beibehalten
  • In angemessener Lautstärke sprechen und nicht schreien (Schreien kann für schwerhörige Menschen als schmerzhaft empfunden werden und erschwert das Mundabsehen)
  • Langsam und deutlich sprechen
  • Nicht überartikulieren, das erschwert das Mundabsehen
  • Gesagtes durch Gestik und Mimik unter­stützen
  • Gesprächsthema zu Beginn benennen, Themenwechsel und Abwenden aus einer Gesprächssituation ankündigen
  • Auf gute Lichtverhältnisse achten – im Dunkeln ist Mundabsehen nicht möglich
  • Störgeräusche abstellen, da sie die Ablenkbarkeit bei schwerhörigen Patientinnen und Patienten erhöhen und deren Konzentration verringern, also Radio/Fernsehen ausschalten, offene Fenster und Türen schließen
  • Eine möglich Sehbeeinträchtigung berücksichtigen
  • Wichtige Informationen wie Termine, Namen, Adressen aufschreiben
  • Geduld und Verständnis für die besondere Kommunikationssituation hörgeschädigter Patientinnen und Patienten aufbringen und einen höheren Zeitaufwand für ein Gespräch oder eine Intervention einplanen

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