• 30.03.2022
  • Management
Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

"Es gilt, Vertrauen aufzubauen"

Sebastian Tensing ist seit September 2021 Vorstandsmitglied der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. Der 40-jährige Pflegefachmann ist Personalrat und Fachbereichsleiter für Praxisanleitung und Ausbildung in der Stabsstelle OP-Management sowie Mitglied der Verdi-Tarif- und -Verhandlungskommission an der Universitätsmedizin Mainz.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2022

Seite 54

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) gilt als erbitterter Gegner von Pflegekammern. Was also motiviert einen Verdi-Vertreter, sich im Vorstand einer Pflegekammer zu engagieren? Darüber sprachen wir mit Sebastian Tensing, Geschäftsführer der „Verdi-Fraktion“ innerhalb der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.

Herr Tensing, in der zweiten Vertreterversammlung der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz bilden die beiden Listen „Verdi am Mittelrhein“ und „Verdi an Mosel und Pfalz“ eine Fraktion, die in dieser Legislatur die meisten Vertreterinnen und Vertreter stellt und deren Geschäftsführer Sie sind. Wie stehen Sie zur berufsständischen Selbstverwaltung in Form einer Pflegekammer?

Ich bin bei diesem Thema recht emotionslos, denn wesentlich ist ausschließlich die Entscheidung des Gesetzgebers. Insofern ist aus meiner Sicht gleichermaßen anzuerkennen, dass sich die Abgeordneten in Rheinland-Pfalz für eine Kammer entschieden haben, um die berufliche Pflege zu stärken, während man in Bayern eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit freiwilliger Mitgliedschaft implementiert hat.

Wie aktuell erneut in Nordrhein-Westfalen zu beobachten ist, bekämpft Verdi Pflegekammern vehement. Warum eigentlich?

Ich halte solch polemisch zugespitzte Formulierungen nicht für zielführend. Zutreffend ist: Wie vom Verdi-Bundeskongress zuletzt 2015 bestätigt, gilt der Beschluss einer kritischen Haltung hinsichtlich der Implementierung von Pflegekammern. Wenn der Verdi-Landesverband in Nordrhein-Westfalen Protestaktionen gegen die Kammer organisiert, vertritt die Gewerkschaft konsequent die Haltung ihrer abhängig beschäftigten Mitglieder – nicht nur in Tarifauseinandersetzungen, sondern eben auch in der Berufspolitik. Dennoch gibt es auch einige Verdi-Mitglieder, die sich durch Pflegekammern eine höhere Wertschätzung und bessere Einflussnahme erhoffen. Insofern wird der Diskurs innerhalb der Gewerkschaft fortwährend geführt und eine veränderte Beschlusslage ist durch einen entsprechenden Mehrheitsentscheid jederzeit möglich.

Stört Sie das Gebaren des Verdi-Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen nicht, wenn für Sie, wie eben geäußert, die Entscheidungen des Gesetzgebers maßgeblich sind?

Wie gesagt, die Entscheidung der Legislative ist entscheidend. Mir geht es vielmehr um den offenen Diskurs innerhalb der Berufsgruppe. „Kammer und nichts anderes“ war stets die Devise der Kammerbefürworter. Erst in der jüngeren Vergangenheit nehme ich ein zartes Umdenken wahr, nachdem die Kammern im Norden gescheitert sind. Scheinbar hielt niemand für möglich, dass die Politik dort diese kostspielige Rolle rückwärts wagt – während in Bayern ruhige Sacharbeit bei vergleichbarer struktureller Verortung geleistet wird. Auch die Bundespolitik scheint den Pfad der Kammern zu verlassen, wenn man sich den Koalitionsvertrag genau ansieht. Dort ist nur noch abstrakt von Selbstverwaltung die Rede. Auch die Stärkung des Deutschen Pflegerats innerhalb des Gemeinsamen Bundesausschusses deutet in diese Richtung. Meine Meinung: Ohne eine Mitgliedschaft, die sich überhaupt als solche begreift und sich zu den Zielen und Aufgaben bekennt, erreicht keine Organisa- tion der Welt etwas Substanzielles. Politik bewegt sich nur aufgrund von Machtverhältnissen. Wenn wir als Berufsgruppe politisch auftreten möchten, müssen wir die Notwendigkeit von Aushandlungsprozessen und letztlich Kompromissen anerkennen.

Um die Interessen der Pflegefachpersonen besser vertreten zu können, möchte Kammerpräsident Markus Mai einen sogenannten Vierklang – bestehend aus Pflegeberufsverbänden, Pflegekammern, Gewerkschaften und Graswurzelbewegung – auf die Beine stellen. Begrüßen Sie diese Absicht?

Ja. Und diese Erkenntnis hätte ich mir schon viel früher gewünscht. Erwachsene Menschen sollten sich gegenseitig ernst nehmen – ganz gleich, unter welchem Etikett sie firmieren. Nicht wenige Kolleginnen und Kollegen wünschen sich aus unterschiedlichsten Gründen – zunächst – keine feste Bindung an eine Organisation. Bei allem Bedauern darüber ist festzustellen: Wir brauchen einander und können uns Abgrenzung aufgrund der prekären Lage im Gesundheitswesen nicht leisten. Ohne wertschätzenden Dialog und Bündelung der Ressourcen aller Aktiven wird es nicht gelingen, die Interessen und Belange unseres Berufsstands adäquat zu vertreten.

Welche berufspolitischen Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Engagement im Kammervorstand?

Beruflich Pflegende sind eine sehr heterogene Gruppe, die eine Kammer – zumindest in Rheinland-Pfalz – formell zusammenführt. Diese Diversität und letztlich Meinungspluralität gilt es, konstruktiv zu nutzen – und nicht abgrenzend, wie es bislang häufig der Fall war. Ich stehe daher für konsequentes Bottom-up, denn eine Kammer ist ohne das aktive Wirken des einzelnen Mitglieds nur ein leerer gesetz-licher Bezugsrahmen. Für mich persönlich gilt der Grundsatz: Wann immer man gestalterisch wirken kann, sollte man dies auch tun. Deswegen nehme ich die Verantwortung an und bringe meine Fachkompetenz zum Nutzen für den Pflegeberuf ein.

Die Kammer in Rheinland-Pfalz besteht nun seit gut sechs Jahren. Wie bewerten Sie das bisher Erreichte?

Anzuerkennen sind zweifelsohne die insbesondere im pädagogischen Bereich intensiv genutzten Gestaltungsmöglichkeiten einer Selbstverwaltung – Stichwort Weiterbildungsordnung. Auch die Erarbeitung und Verabschiedung der ersten Berufsordnung für Pflegefachpersonen in Rheinland-Pfalz ist ein anzuerkennendes Novum, obwohl es zu deren Inhalt und den konkreten Auswirkungen noch vielfachen Gesprächsbedarf gibt. Versäumt hat die Kammer bisher allerdings ganz klar die Interaktion mit den Mitgliedern. Das Ergebnis der zurückliegenden Kammerwahl und die hohe Zahl zahlungsunwilliger Mitglieder sind Indikatoren einer möglicherweise tiefen Entfremdung. Insbesondere die niedrige Wahlbeteiligung wirft grundsätzliche Fragen auf, die es aufzuarbeiten gilt, um eine höhere Mitgliederorientierung zu erreichen.

Was können Sie als Kammervorstand tun, um die Mitglieder zu mehr Aktivität zu bewegen?

Wir müssen die Kolleginnen und Kollegen befähigen, sich spürbar in die unterschiedlichen berufspolitischen Debatten einzubringen. Hierzu müssen wir Informationen verfügbar und Prozesse transparent machen. Es gilt, Vertrauen aufzubauen. Das Wecken falscher Erwartungen produziert das Gegenteil – nämlich Frustration, Skepsis und Ablehnung. Notwendig sind also ein ehrlicher Umgang damit, was eine Kammer bewirken kann, konsequente Offenheit der Gremien und das Ernstnehmen von Eingaben der Mitglieder.

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