• 01.04.2015
  • Praxis
Patientenmorde

"Wir müssen sehr wachsam sein"

"Wir müssen sehr wachsam sein"
Professor Karl H. Beine
Ausgabe 4/2015

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2015

Es ist ein Fall, der deutschlandweit für Aufsehen sorgte: Der Krankenpfleger Niels H. hat gestanden, mehr als 90 Patienten eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt zu haben. Mehr als 30 sollen daran gestorben sein. Ende Februar ist er wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuches und gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Wie konnte so etwas passieren? Warum wurde diese Tötungsserie nicht früher gestoppt? Wie können wir so etwas verhindern? Wir sprachen mit Professor Karl H. Beine, Experte für Serientötungen durch Pflegekräfte.

Herr Professor Beine, Sie beschäftigen sich schon seit 25 Jahren mit Serientötungen durch Pflegekräfte. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Das hat auch einen persönlichen Hintergrund. Ich habe viele Jahre in der Psychiatrie in Gütersloh gearbeitet, mein Lehrer war Professor Klaus Dörner. Mit dem Thema Krankentötungen in der Psychiatrie während der Zeit des Nationalsozialismus haben wir uns ausführlich beschäftigt. Im Jahr 1990 – ich hatte gerade in eine andere Stadt gewechselt – kam es dann in genau dieser Klinik in Gütersloh zu einer Serientötung durch einen Krankenpfleger, den ich kannte, der Patienten ermordete, die ich ebenfalls kannte.

Hätten Sie das bei diesem Krankenpfleger jemals für möglich gehalten?

Nein, überhaupt nicht. Der Pfleger war aktives Personalratsmitglied der Klinik, niemand hätte ihm das zugetraut. Heute ist er längst wieder auf freiem Fuß.

Was war sein Motiv?

Das ist nie geklärt worden, dazu hat er die Aussage verweigert. Er hat sich hin und wieder öffentlich geäußert, hat das Mitleidsmotiv für sich in Anspruch genommen, wegen der unwürdigen Behandlung sterbender Menschen.

Ende Februar ist das Urteil gegen den Krankenpfleger Niels H. gefallen. Gab es in Deutschland schon mal einen Fall, in dem eine Pflegekraft so viele Menschen getötet hat?

Nein, wenn das Geständnis so zutrifft, dann hat es das noch nicht gegeben. Zugegeben hat er, 90 Menschen das Medikament Gilurytmal® gespritzt zu haben, das ist ein Medikament, das in Überdosierung lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen verursacht. Anschließend hat er versucht, diese Menschen zu reanimieren. 30 Patienten sind laut seiner Aussage trotz Reanimation verstorben. Es ist aber zu vermuten, dass es mehr sind, da die Todesrate in dem Zeitraum, in dem Niels H. im Klinikum Delmenhorst auf der Intensivstation gearbeitet hat, etwa doppelt so hoch war wie in den Jahren zuvor. Der Verbrauch des Medikaments Gilurytmal® schnellte von 50 Packungen im Jahre 2002 auf 225 Packungen im Jahr 2003 und 380 Packungen im Jahr 2004 auf den siebenfachen Wert.
 


Chronik

Niels H. hat mehr als zehn Jahre als Pfleger in verschiedenen Kliniken gearbeitet. Eine Chronik:
1994–1997: Ausbildung zum Krankenpfleger am St. Willehad-Hospital in Wilhelmshaven.
1997–1999: Übernahme als Pfleger auf der gefäßchirurgischen Station am St. Willehad-Hospital.
1999–2002: Wechsel ins Klinikum Oldenburg, zunächst arbeitet Niels H. in der Herzchirurgie, im Dezember 2001 wechselt er innerhalb des Hauses in die Anästhesieabteilung. Niels H. ist auffällig oft bei Reanimationen dabei. Ende 2002 legt ihm das Klinikum eine Kündigung nahe und stellt ihm ein gutes Arbeitszeugnis aus. Todesfälle hat es nach Aussage von Niels H. in Oldenburg keine gegeben.
2003–2005: Wechsel auf die Intensivstation am Klinikum Delmenhorst. Die Todesrate in der Abteilung verdoppelt sich in diesem Zeitraum. Der Pfleger wird im Juni 2005 auf frischer Tat ertappt.


Niels H. hat als Motive angegeben: Langeweile und den Wunsch, sein Können vor Kollegen zu beweisen. Ist das ein ungewöhnliches Motiv im Vergleich zu anderen Patiententötungen?

Nein, es gab schon ähnliche Fälle, zum Beispiel in England oder Tschechien. Was alle Täter gemeinsam haben, ist, dass ihnen die Fähigkeit fehlt, Zustände zu ertragen, die mit Patientenleid einhergehen. In der permanenten Konfrontation mit einem schwer leidenden Patienten, der nicht mehr aussichtsreich zu behandeln und zu pflegen ist, reagieren die Täter mit dem Rettungs- oder Mitleidsmotiv. Das heißt, die Täter töten die Leidenden ungefragt oder setzen sie einem lebensgefährlichen Risiko aus. In keinem Fall lassen sie den unabänderlichen Verlauf zu.

Niels H. hat mehr als zwei Jahre auf der Intensivstation in dieser Klinik gearbeitet. In den Medien wird diskutiert, ob diese Tötungsserie nicht hätte früher auffallen müssen, gerade im Hinblick auf die erhöhte Sterberate und den hohen Gilurytmal®-Verbrauch. Was denken Sie?

Ja, sie hätte früher auffallen müssen. Sie ist aber nicht aufgefallen. Bezüglich des Gilurytmal®-Verbrauchs ist noch zu sagen, dass es sich bei diesem Medikament um ein kostengünstiges handelt. Wäre das ein teures Medikament, wäre der sprunghafte Verbrauch sicherlich früher aufgefallen.

Viele pflegerische und ärztliche Kollegen waren misstrauisch und berichten im Nachhinein, sie hätten ein „ungutes Gefühl" gehabt, wenn Niels H. Dienst hatte. Warum ist trotzdem nichts passiert?

Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Die Tat ist nicht aufgefallen, weil es unterschiedliche Aufdeckungsbarrieren gibt, innere und äußere. Versuchen Sie sich in die Lage einer Pflegenden hineinzuversetzen, die ihren Kollegen oder ihre Kollegin beobachtet und Auffälligkeiten entdeckt. Wie lange brauchen Sie, um den Gedanken zu fassen, dass es sich um Patiententötungen handelt?

Ich würde es wahrscheinlich für unmöglich halten.

Genau. Erstmal halten Sie es für unmöglich. Jetzt geht es weiter. Sie beobachten weiter und halten es nicht mehr für unmöglich. Sie fassen den Entschluss, zu Ihrer Vorgesetzten zu gehen. Die hält es aber auch für unmöglich. Dann geht es weiter: Für jede Einrichtung wäre es der GAU überhaupt, wenn so etwas passieren würde. Alle haben die Einstellung: So etwas kommt zwar vor, aber nicht bei uns. Kommt es zu Auffälligkeiten, wird schnell dafür gesorgt, dass der Betreffende gehen muss.

So war es ja auch bei Niels H., der bereits in Oldenburg aufgefallen war und dem nahe gelegt wurde zu kündigen. Danach wurde ihm ein gutes Zeugnis ausgestellt, und er wechselte nach Delmenhorst.

Die Aufdeckungsbarriere geht aber noch weiter. Die Teams verhalten sich merkwürdig oder auch auffällig. Niels H. hat ausgesagt, dass er sich zunächst bemüht habe, das Medikament Gilurytmal® ohne Zeugen aufzuziehen – immerhin benötigte er jedes Mal vier Ampullen des Medikaments. Später wurde er nachlässiger, zog es auch im Beisein seiner Kollegen auf und entsorgte die leeren Ampullen ganz normal im Mülleimer.

Es heißt, eine Krankenschwester hätte nach einer Reanimation leere Gilurytmal®-Ampullen in dem Patientenzimmer gefunden und diese direkt ihrem Vorgesetzten übergeben. Daraufhin sei nichts passiert.

Das ist typisch. Einzelne Pflegepersonen reagieren, und es wird eine Meldekette in Gang gesetzt, die aber ohne Konsequenzen bleibt. Das ist ein weiterer Teil der Aufdeckungsbarriere, die sich anhand der untersuchten Tötungsserien bestätigen lässt. Hinzu kommen merkwürdige Reaktionen von Kollegen, die darauf schließen lassen, dass sie eine Ahnung hatten, etwas wussten oder sogar Aufträge erteilt hatten.

Aufträge erteilt hatten? Wie meinen Sie das?

Andere Kollegen haben teilweise Tötungsaufträge gegeben. Sie haben zum Beispiel gesagt: „Geh mit, dann geht es schneller." Oder sie äußerten gegenüber dem Täter: „Den Patienten will ich morgen nicht mehr sehen."

Das ist eine schreckliche Vorstellung. Wie ist so etwas zu erklären?

So etwas kann sich entwickeln, wenn eine Arbeitsatmosphäre langfristig gekennzeichnet ist durch hohen Druck, Gleichgültigkeit, Beliebigkeit. Einer Atmosphäre, in der angemessene Reaktionen von Kollegen und Vorgesetzten fehlen, in der erste Anzeichen von Verrohung geduldet werden. Dann entsteht ein permissiver Raum, in dem sich Gewalt einnisten kann. Das ist meist ein schleichender Prozess über Jahre hinweg, in dem bestehende Regeln und Werte aufgeweicht werden. In einer Arbeitsatmosphäre wie dieser können Taten wie die von Niels H. entstehen. Wenn solche eindeutigen Anzeichen, wie hier beschrieben, nicht mehr gesehen werden, dann wird es richtig gefährlich.

Was sind erste Warnzeichen?

Ganz typisch sind sprachliche Entgleisungen – eine sprachliche Verrohung, die die menschliche Verrohung symbolisiert. Es wird dann von „Abkratzen" gesprochen, von „menschlichen Hüllen". So etwas ist das sicherste Indiz, dass etwas nicht in Ordnung ist. Charakteristisch ist auch, dass alle Täter Spitznamen hatten. Sie hießen beispielsweise „Vollstrecker", „Todesengel" oder „Killer-Joe". Niels H. wurde beispielsweise „Rettungs-Rambo" genannt.

Diese Aufklärungsbarrieren und die Arbeitsatmosphäre, die Sie beschreiben, hören sich nach einer Negativ-Spirale an, die kaum zu durchbrechen scheint.

Ja, es ist sehr schwierig, da herauszukommen. Da geht es uns wie dem Frosch im warmen Wasser. Wird das Wasser langsam immer wärmer, verlieren wir das Empfinden für die Hitze, bis wir verkocht sind. In einer Arbeitsatmosphäre, wie der beschriebenen, verlieren wir langsam das Bewusstsein für Richtig und Falsch, es gibt kein Unrechtsbewusstsein mehr.

Was kann in so einer Situation getan werden?

Das ist die Aufgabe der Vorgesetzten. Die stehen im Fall von Niels H. selbst im Fokus der Ermittlungen. Ich weiß, dass Ermittlungsverfahren gegen leitende Klinikmitarbeiter laufen. Das wäre in der Geschichte der Patiententötungen erstmalig, dass auch Vorgesetzte zur Verantwortung gezogen würden. Ich hoffe, dass es so kommen wird.

Im Klinikum Oldenburg wurde Niels H. ja nahegelegt zu kündigen, und er wechselte dann – mit einem guten Arbeitszeugnis – nach Delmenhorst. Vor Gericht äußerte die Pflegedienstleitung, dass sie dem Mitarbeiter doch kein schlechtes Zeugnis hätte ausstellen können.

Das ist tatsächlich schwierig. Es gibt den Fall einer Hebamme, die eine deutlich erhöhte Komplikationsrate unter ihren Gebärenden hatte. Es gab den Verdacht, dass sie ihnen Heparin gespritzt hatte. Der Arbeitgeber entließ die Hebamme daraufhin – und musste ein „wohlwollendes Zeugnis" verfassen. Die Hebamme wechselte nach München. Dort gab sie gebärenden Frauen Heparin und wurde ertappt. Das mit dem realistischen Arbeitszeugnis ist also tatsächlich sehr schwierig.

Zurück zur Gewaltspirale, die Sie beschrieben haben. Was können Vorgesetzte tun, um diese zu durchbrechen oder besser gar nicht erst entstehen zu lassen?

Das steht und fällt mit der Umsicht und der Courage der Vorgesetzten. Sie müssen wachsam und aufmerksam sein und eine Atmosphäre schaffen, in der angstfrei auch über negative Emotionen gesprochen werden kann. Eine Atmosphäre, in der auch Dinge thematisiert werden können, die nicht der „glatten Fassade" entsprechen. Dazu gehört, dass es möglich ist, verdächtiges Verhalten anzusprechen, ohne gleich als Denunziant zu gelten. Vorgesetzte müssen Regelverstöße auf jeden Fall ansprechen. Es darf nicht sein, dass Mitarbeiter sich abfällig über Patienten äußern. Damit äußern sie sich ebenso abfällig über ihre Profession, wie auch über sich selbst. Es müssen Werte existieren, die über Kollegen und Vorgesetzte vermittelt werden, und Mitarbeiter und Patienten müssen Wertschätzung erfahren.

Können anonyme Meldesysteme helfen, Gewalttaten früher zu erkennen, wenn Vorgesetzte nicht reagieren?

Ja, als begleitende Maßnahme halte ich anonyme Meldesysteme für sinnvoll. Ich glaube aber nicht, dass sie eine kollegiale Achtsamkeit ersetzen können. Bedenken Sie, dass beim Meldesystem CIRS die schmuddelige Stationsecke in gleicher Weise behandelt wird wie ein Tötungsverdacht.

Sie haben insgesamt rund 40 Patiententötungen untersucht. Gibt es etwas, das wir speziell aus diesem Fall lernen können?

Ja, wir können viel daraus lernen. Der Fall lehrt uns, dass wir sehr wachsam sein müssen, um Gewalt und Verrohung frühzeitig zu erkennen und einzugreifen. Er lehrt uns auch, dass wir sehr genau hinschauen müssen, wen wir einstellen und wen nicht. Lieber sehr genau hinschauen beim Arbeitszeugnis und im Zweifel nachfragen. Wir sollten genau die Motivation prüfen, warum Menschen einen Gesundheitsberuf ergreifen möchten. Wenn zu erkennen ist, dass sie über ein unterdurchschnittliches Selbstbewusstsein verfügen und sich selbst über die Pflege aufwerten möchten, sollte man vorsichtig sein.

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Professor Beine.

  Prof. Dr. Karl H. Beine ist Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Privaten Universität Witten/Herdecke, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Neurologie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. Er leitet die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am St. Marien-Hospital Hamm.
Prof. Dr. Karl H. Beine beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Serientötungen durch Pflegekräfte. Sein Buch „Krankentötungen in Kliniken und Heimen" gilt als Standardwerk zum Thema. In diesem sind alle weltweit bekannt gewordenen Serientötungen durch Pflegekräfte gesammelt. Bis 2011 waren es 35, mittlerweile sind es mehr als 40.
Kontakt: karl-h.beine@marienhospital-hamm.de

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